Akademische Viertelstunde 2019 – College Football vor dem Championship Weekend

Rivalry-Weekend hat nicht enttäuscht.

Iron Bowl 2019

Um den wichtigsten Punkt gleich vorneweg abzuhaken: Die Iron Bowl 2019 hat mal wieder abgeliefert. #15 Auburn besiegt nach einem wilden Spielverlauf die #5 Alabama mit 48-45 und kickt Bama damit aus der Playoff-Konversation.

Es bringt nix, den Spielverlauf dieser wilden Partie nachzuerzählen. Die Big-Plays waren ganz einfach zu viele – zwei Pick-Sixes, darunter einer für 100 Yards, Puntreturn-Touchdown, 4 TDs für Jaylen Waddle, wilde Bo-Nix Drives, DOINK-Fieldgoal in der Crunch-Time oder 12 Bama-Men in der Defense: Alles dabei!

So empfehle ich einfach, sich die Viertelstunde Zeit zu nehmen und sich diese zahllosen Highlights einer verrückten Partie zu geben – sie sind es wert:

Zu den knuddeligen Facetten eines solchen Spiels – und einer solchen Enttäuschung für den Favoriten – gehören die sofort nach dem Spiel aufkommenden Rufe nach einer Ablösung von Nick Saban. Ich glaube nicht, dass sie ernst gemeint oder sogar von einer Mehrheit gekommen sind – aber sie waren da.

Sie sind ziemlich unfassbar. Alabama ist die dominanteste Dynastie ever und es brauchte eine Verletzung des größten Stars des College-Football (Tua Tagovailoa), der halben Front-Seven sowie einen Haufen Freak-Plays um Bama in der sechsten Saison und nach fünf National-Titles erstmals aus dem College Football Playoff zu halten.

Auch die Iron Bowl war eigentlich Bama-dominiert:

  • Höhere Success-Rate (Bama mit über 45%, Auburn 33%)
  • Deutlich mehr Yards und Yards/Play (über 150 Yards mehr, fast 1.5 Yards/Play mehr)
  • Gleich 4 Touchdowns für WR Jaylen Waddle, davon ein langer Kickreturn
  • 94% „Post-Game“ Siegwahrscheinlichkeit für Alabama nach SP+

Aber Auburn hatte die Big-Plays – was in Kombination mit den Bama-Eigenfehlern reichte.

QB Mac Jones war eigentlich besser als sein Freshman-Counterpart Bo Nix auf Auburn-Seite. Doch Jones warf zwei Pick-Sixes, Alabama verschoss mal wieder ein entscheidendes Fieldgoal – und dann schenkt die Defense Auburn den Sieg mit 12 Mann am Feld im entscheidenden 4th&4.

Alabama fällt in den neuen Playoff-Rankings runter auf #12, was sich wie ein viel zu drastischer Move anfühlt (Vergleich: Auburn mit einer Niederlage mehr #11, Florida mit 10-2 auf #9). Doch das Playoff-Ranking ist außerhalb der Big-4 sowieso uninteressant, und dass Alabama dafür nicht mehr infrage kommen würde, war eh klar.

Und während andernorts Clemson, Georgia & Ohio State Juggernauts bauen sowie LSU zum allerersten Mal seit Äonen eine Offense aufs Feld schickt die ihren Namen verdient, schaut man in Tuscaloosa erst einmal darauf, ob und wie der mittlerweile 68-jährige Saban noch einmal die Wende schaffen wird.

Die anderen Spitzenteams

#1 Ohio State mit einer total dominanten Vorstellung bei #13 Michigan: 56-27 Sieg. Ohio State wird damit die #1 bleiben.

Der Gegner Michigan interessiert mich für dieses eine Mal mehr. Jim Harbaugh scheint vielerorts unbeliebt zu sein und ich habe den Eindruck, dass etliche Leute im College-Umfeld nur darauf gewartet haben, jetzt wieder auf Harbaugh zu prügeln, aber das scheint mir alles sehr kurz gedacht zu sein.

Harbaugh hat Michigan seit seiner Ankunft 2015 wieder zu einem veritablen Top-10 Team gemacht. Er hat natürlich fünfmal gegen den Erzfeind Ohio State verloren, was seine Amtszeit in Ann Arbor bislang total überschattet. Aber das darf ganz einfach nicht darüber hinwegtäuschen, dass Harbaugh dieses zuvor so lange brutal strauchelnde Programm wieder zu einem nationalen Player gemacht hat. 2016 und 2018 war Michigan absoluter Playoff-Kandidat. Bis man gegen Ohio State verlor.

Ich lese immer wieder, dass Harbaugh gefeuert werden sollte – und vielleicht wird genau das passieren. Aber ich fände es einen Treppenwitz. Harbaughs große anstehende Aufgabe ist es natürlich, das Monster Ohio State irgendwann zu zähmen – und so wie die Buckeyes heuer spielen, wird das eine Herkulesaufgabe. Doch auch die Saison 2019 nicht der totale Flop, zu dem sie vielerorts gemacht wird.

Michigan ist ein Top-15 Team nach SP+. Michigan ist 9-3 in einer Saison, in der man Probleme hatte, auf eine modernere Offense umzustellen. Bis auf den ersetzbaren QB Shea Patterson und Offensive Line verliert man wenig Talent fürs nächste Jahr. Michigan wird ein Player bleiben – und sich eher verbessern als verschlechtern.

#2 LSU ohne sich auch nur die Finger schmutzig zu machen mit einem 50-7 Sieg gegen Texas A&M. LSU hat damit sein Playoff-Ticket so gut wie gelöst.

#3 Clemson mit einem lockeren 38-3 gegen South Carolina. Noch wichtiger: Clemson weiß seit Freitag, gegen wen es das ACC-Finale bestreiten muss. Es sind die Virginia Cavaliers, die den Lokalrivalen Virginia Tech in einem sehenswerten Spiel 39-30 putzten.

#4 Georgia gewann locker im „Clean Old-Fashioned Hate“ Derby gegen Georgia Tech: 52-7.

#6 Utah sehr souverän 45-15 gegen Colorado. Die Utes haben mittlerweile auch bockstarke Advanced-Stats und wären ein valides Playoffteam.

#7 Oklahoma ohne Probleme 34-16 im Bedlam bei #21 Oklahoma State.

#8 Minnesota verliert das „Play-in“ Game um das Big-Ten Championship Game klar 17-38 gegen #12 Wisconsin. Damit dürfen sich die Badgers am Wochenende von Ohio State abschlachten lassen.

#9 Baylor mit einem 61-6 bei Kansas. Sehr fett von Baylor, auch wenn Kansas nicht der Wahnsinnsgegner vor dem Herrn ist.

#10 Penn State 27-6 gegen Rutgers. Nur 27-6. Für Rutgers war das Wochenende wohl trotzdem ein Erfolg: Sie haben nun doch Greg Schiano als Headcoach zurückgeholt. Schiano, verhasst bei vielen, war bis vor acht Jahren schonmal Rutgers-Trainer, und er war mit Abstand am erfolgreichsten dort.

Playoffs?

Das neue Playoff-Ranking sieht wie folgt aus:

#1 Ohio State (12-0)
#2 LSU (12-0)
#3 Clemson (12-0)
#4 Georgia (11-1)
#5 Utah (11-1)
#6 Oklahoma (11-1)
#7 Baylor (11.1)
#8 Wisconsin (10-2)
#9 Florida (10-2)
#10 Penn State (10-2)
#11 Auburn (9-3)
#12 Alabama (10-2)
#13 Oregon (10-2)
#14 Michigan (9-3)
#15 Notre Dame (10-2)

Die wesentlichste Auswirkung von letzter Woche: Alabama ist draußen – ein Novum seit der Einführung der Playoffs vor fünf Jahren!

Dafür sollte #2 LSU sein Playoff-Ticket schon gelöst haben. Mit 12-0 Bilanz, Qualifikation für das Conference-Finale und Siegen über Alabama, Auburn, Florida und Texas gibt es selbst bei einer Finalniederlage der Tigers im SEC-Endspiel gegen #4 Georgia kein richtiges Argument, die Tigers unter den der aktuellen Grundvoraussetzungen draußen zu lassen.

LSU ist im SOR (Strength of Record) von ESPN meilenweit vorn…

…aber bei ESPN im Playoff-Predictor mit „nur“ 92% Playoffwahrscheinlichkeit nur das dritt-wahrscheinlichste Halbfinal-Team.

Dort sind #1 Ohio State (im Big Ten Finale vs. Wisconsin) und #3 Clemson (im ACC-Finale vs. Virginia) vorn. Beide sind haushohe Favoriten in ihren Conference-Finals und noch ohne Niederlage. Ohio State könnte sich für mein Ermessen sogar eine knappe Niederlage erlauben, schließlich haben die Buckeyes mit Penn State und Michigan zwei Topteams überzeugend geschlagen.

Der vierte Platz bleibt in der Verlosung. #4 Georgia ist mit einem (durchaus möglichen) Sieg im SEC-Finale gegen LSU der aussichtsreichste Kandidat. Die Wettquoten vor dem SEC-Finale sind durchaus faszinierend: LSU hat in vielen Wettbüros mit ca. 5.5 Punkten Favoristenstatus eröffnet, aber SP+ sieht nur einen 2.5 Punkt Favorit.

Sollte Georgia gegen LSU verlieren, gibt es drei nachfolgende Teams, die schwierig zu ranken sind:

  • #5 Utah (11-1 / Pac-12 Finale vs. Oregon)
  • #6 Oklahoma (11-1 / Big 12 Finale vs. Baylor)
  • #7 Baylor (11-1 / Big 12 Finale vs. Oklahoma)

Ich bin mir ehrlicherweise nicht sicher, wie das Playoff-Komitee im Ranking vorgehen würde, wenn Utah gewinnt und Georgia verliert.

Theoretisch hat das Komitee schon letzte Woche die Grundlage geliefert um Oklahoma mit einem Conference-Sieg auch an einem 12-1 Utah vorbeizuschieben, als man Baylor (als möglichen „Qualitätsgegner“) sehr deutlich an Utahs Endspielgegner Oregon vorbeischaufelte.

Doch könnte das Komitee so ein Vorgehen auch dann rechtfertigen, wenn Utah haushoch gewinnt und Oklahoma erneut nur knapp gegen Baylor besteht? Noch krasser: Wie sähe es aus, wenn das kleine Baylor gewinnt – möglicherweise sogar überzeugend gewinnt?

Aktuell würde ich folgendes Vorgehen erwarten:

12-1 Oklahoma > 12-1 Utah

12-1 Utah > 12-1 Baylor

Aber weder ein 12-1 Oklahoma noch ein 12-1 Utah noch ein 12-1 Baylor über ein 12-1 LSU. SEC-Bias hin, Conference-Championship her: Ich glaube nicht, dass man rechtfertigen kann, dass eine dieser Mannschaften über LSU gesetzt werden kann.

Wenn wir für Chaos rooten, dann sollten wir also auf einen LSU-Finalsieg gegen Georgia hoffen, oder darauf, dass Baylor das Big-12 Finale gewinnt. Ich schreibe das, weil ich Niederlagen von Ohio State und Clemson für so gut wie unmöglich halte.

Hier die Ansetzungen:

  • Big 12: #6 Oklahoma – #7 Baylor (Sa 18h)
  • SEC: #2 LSU – #4 Georgia (Sa 22h)
  • ACC: #3 Clemson – Virginia (Sa 01h30)
  • Big Ten: #1 Ohio State – #8 Wisconsin (Sa/So 02h)
  • Pac-12: #5 Utah – #13 Oregon (Fr/Sa 02h)

SP+1 sieht folgende Favoritenstellungen: LSU mit 2.5 Punkten, Clemson mit 21 Punkten, Ohio State mit 14 Punkten, Oklahoma mit 6.5 Punkten und Utah mit 7 Punkten.

Mid-Majors

Die Endspiele der Mid-Majors schauen wie folgt aus:

  • Sun Belt: Louisiana – #21 Appalachian State (Sa 18h)
  • MAC: Miami/Ohio – Central Michigan (Sa 18h)
  • C-USA: UAB – FAU (Sa 19h30)
  • The American: #17 Memphis – #20 Cincinnati (Sa 21h30)
  • MWC: #19 Boise State – Hawaii (Sa 22h)

In diesen Spielen geht es noch darum, wer sich den New Year’s Six Bowl-Platz holt. Aussichtsreichster Kandidat bleibt Memphis, das mit einem Sieg gegen ein geranktes Cincinnati fast sicher vor Boise State bleiben sollte. Boise könnte aber auch bei einem eigenen Sieg und einer Memphis-Niederlage dumm aus der Wäsche schauen, weil dann eventuell #20 Cincinnati wegen eines Finalsiegs gegen ein geranktes Memphis an Boise vorbeispringt.

Dass #21 Appalachian State noch eine Chance hat, an allen anderen Mid-Majors vorbeizuspringen, glaube ich nicht.

Am Nachmittag werde ich wahrscheinlich noch einen kurzen Blick auf das Trainerkarussell im College Football werfen. In der NFL ist es bekanntlich auch schon in Schwung gekommen: Gestern Abend wurde Ron Rivera in Carolina entlassen – ich habe schon kurz darüber geschrieben.

8 Kommentare zu “Akademische Viertelstunde 2019 – College Football vor dem Championship Weekend

  1. Die Frage lautet: Welcher der 4 möglichen Kandidaten aus Georgia – Oklahoma – Utah – Baylor
    auf einen PO Platz bringt das Potenzial mit um gegen
    LSU – Ohio – Clemson zu bestehen?

  2. Gebe dir Recht, was Michigan und Harbaugh anbelangt, viel mehr kann man einfach kaum erwarten, wenn man sich ansieht, wo die Wolverines in den acht Jahren vor seinem Amtsantritt standen. Es wäre denke ich ziemlich dumm, wenn man Harbaugh jetzt rauswirft.

    Allerdings muss ich widersprechen, was den Drop von Bama bis auf #12 ansieht. Die Crimson Tide haben OOC Duke, New Mexico State, Southern Miss und Western Carolina gespielt, sie haben 0(!) gerankte Siege, die beiden starken Gegner auf ihrem Spielplan konnten sie nicht schlagen. Ihr bester Sieg ist Texas A&M. Da ist es in Ordnung, ein Auburn, das immerhin Oregon geschlagen und auch gegen Georgia gespielt hat, vor Alabama zu ranken, wenn es den direkten Vergleich gewinnt. Auburns Niederlagen sind gegen drei Top10-Teams (UGA, LSU, UF) und sie haben mit Oregon sowie Alabama halt zwei um Welten bessere Siege als Sabans Truppe.

    Florida hat genau so viele Niederlagen wie Alabama, hat im Gegensatz zu den Crimson Tide jedock Auburn geschlagen und mit LSU und Georgia zwei Niederlagen, die kaum „besser“ (bzw wohl eher weniger tragisch) sein könnten.

  3. Ich verstehe deinen Punkt.

    Aber Alabama war vor der Freakniederlage an #5 und fällt dann 7 Plätze?

    Das sieht merkwürdig aus, wenn man sieht, dass andere Topteams vorher mit klareren Pleiten in den Top 10 geblieben sind.

  4. Pingback: Ein Blick auf das Trainerkarussell im College Football 2019/20 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Alabama war für mich eher zuvor leicht zu hoch gerankt. Was zugegebenermaßen für sie spricht, sind viele deutliche Siege und zwei knappe Niederlagen (wovon die zweite wirklich sehr unglücklich war). Aber wenn du eben am Ende einen weniger starken Schedule spielst als die Konkurrenz und es nicht schaffst, auch nur einen wirklich guten Gegner zu schlagen, muss sich das in den Rankings niederschlagen, finde ich. Nach SOR ist Alabama ja zB die 10, Florida ist die 5 und Auburn sogar mit drei Niederlagen die 6. (Demnach ist jedoch wiederum fraglich, weshalb Wisconsin, nach SOR die 11, vier Plätze besser postiert wurde als Alabama).

    Ist am Ende eben wieder die Frage: Wie stark wird mit einbezogen, WIE die Siege und Niederlagen zustande kamen bzw wie dominant oder eben nicht ein Team in den Spielen ausgesehen hat. (Oder andersrum, ob es knapp verloren hat oder aus dem Stadion geballert wurde).

  6. Das ist wieder toll herausgearbeitet alles. Vielen Dank! Es ist irgendwie ein Lieblingswochenende von mir, denn man kann alle Für und Wider abwägen und sich versuchen ins Komitee hineinzuversetzen. Aber es ist, wie Thomas schreibt, dieses Jahr schon ziemlich gesetzt. Um überhaupt eine unklare Situation zu haben, müssten LSU UND Utah (hoch) gewinnen, in allen anderen Fällen gäbe es nicht viel zu diskutieren, denke ich. Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass Ohio State und/oder Clemson verlieren, sind sie imho drinnen und ihre Gegner oder andere 12-1 Teams nicht. Georgia hat es selbst in der Hand und als nächstes hat dann OU die Schlüssel, egal was Utah macht (aber man könnte schön diskutieren bei einem Sieg der Utes)… der Name + Jalen Hurts (für ein bisschen Alabama-Feeling ;)) machen den Unterschied.

    So ist mein langweiliger Tipp: Ohio State, LSU, Clemson & Oklahoma. 😉

    Danke nochmals für die tollen Artikel ganz generell, ich genieße sie sehr!

  7. Pingback: Samstagsvorschauer – College Football Championship Weekend 2019 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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