Wildcard-Weekend 2019/20 am Sonntag – Vorschau

Auf den Samstag folgt der Sonntag. Hier die Vorschau.

New Orleans Saints – Minnesota Vikings

19h05 – Fox | „Minnesota Miracle“ und so…

Für viele ist das Duell zwischen den Saints (13-3) und den Vikings (10-6) die Angelegenheit mit den klarsten Voraussetzungen an diesem Wochenende: Die Saints sind in den Wettbüros mit 8 und mehr Punkten favorisiert – nicht nur, weil sie Heimvorteil im berüchtigten Superdome genießen, sondern auch, weil sie sich nicht wie das klassische Team anfühlen, das am Wildcard-Wochenende antreten muss.

Sicher: Die rohen EPA/Play-Statistiken der Saints sind diese Saison sehr gut, aber nicht völlig überragend:

  • Offense: #4 Overall, #4 Passing, #12 Rushing
  • Defense: #12 Overall, #16 Passing, #2 Rushing

Doch diese Statistiken berücksichtigen auch den Fakt, dass New Orleans diese Saison mehrere Wochen lang ohne den Superstar-QB Drew Brees antreten musste. Die Saints gewannen zwar jedes einzelne der Spiele, das Backup Teddy Bridgewater durchspielte, was für den exzellenten Trainerstab um Sean Payton spricht, aber sie sind mit Brees noch eine ganze Ecke effizienter:

  • Passing-Offense mit Teddy: 0.11 EPA/Dropback (#16)
  • Passing-Offense mit Brees: 0.30 EPA/Dropback (#2)

Saints und Vikings sind auch deswegen interessante Gegner, weil beide Offenses natürlich die Stärken ihrer Quarterbacks maximieren – aber auf völlig unterschiedliche Weise: Minnesota setzt auf hartes Laufspiel und viel Downfield-Play-Action, weil das den eigentlich limitierten bzw. eher mittelmäßigen QB Kirk Cousins an guten Tagen zu einem der effizientesten Passer der NFL machen kann.

Bei den Saints dagegen ist Brees das System – er erlaubt Payton ein brutal vielseitiges Playbook zu spielen.

Wenn die Saints den Ball haben

Brees zeigt auch mit 40 Lenzen kaum Anzeichen von Altersschwäche und spielte in der zweiten Saisonhälfte einige seiner besten Spiele seiner Karriere. Brees‘ Anspielstation #1 ist mit dem physischen Bolzen Michael Thomas der Mann, der vor wenigen Tagen den Rekord für die meisten Catches in einer einzelnen Saison (145 Stück) aufgestellt hat – und der selbst an durchschnittlichen Tagen locker 10 Targets und mehr sieht.

RB Alvin Kamara ist nicht der typische I-Formation Back, der 27x pro Spiel in eine Mauer geschickt wird, sondern vielmehr eine vielseitig einsetzbare Schachfigur, die in allen Profijahren um die 100 Targets als Passempfänger sah und dabei jeweils 81 Catches pro Saison machte.

Und dann ist da noch TE Jared Cook, ein Hüne von Mann und mit seiner Präsenz in der Spielfeldmitte ein Element, das in New Orleans seit dem Abgang von Jimmy Graham vor ein paar Jahren definitiv gefehlt hat. Und ein Haufen #3 und #4 Receiver, die alle durch die Präsenz der Big-3 ihre Räume bekommen – oder selbst schaffen wie der diese Saison oft versteckte deep threat Ted Ginn, der immer dann ausgepackt wird, wenn man nicht mehr mit ihm rechnet.

Im Kern ist es natürlich eine Kurzpass-Offense mit vielen quick-Releases und Yards after Catch, aber im Detail ist da so viel mehr – Thomas allein kann jede Route laufen, Cook in der Mitte, dazu Trick-Plays mit Backup-QB Taysom Hill.

Minnesota stellt dem eine gute, aber nicht mehr fehlerlose Defense entgegen. Die Vikings als #8 Defense nach EPA/Play overall und #8 Defense gegen den Pass natürlich kein total einfach zu bespielender Gegner – aber es gab diese Saison einige Coverage-Probleme in Minnesota: Gleich alle der vielen ehemaligen 1st-Round Cornerbacks spielen harzige Saisons: Trae Waynes ist bei PFF der am höchsten gerankte Vikes-Cornerback, und er ist nicht in den Top-60 zu finden. CB Xavier Rhodes, lange Jahre eine stabile #1, gibt heuer fast 80% Completions auf – und Mike Hughes riecht ziemlich „busty“ – Hughes wurde aber eh auf IR gesetzt.

Weil die Vikings vorne dank der Super-Individualisten DE Danielle Hunter und DE Everson Griffen guten Passrush und dank LB Eric Kendricks und SS Harrison Smith exzellente Präsenzen in der Spielfeldmitte sowie in Mackensie Alexander einen brauchbaren Slot-Cornerback (Update: Alexander fällt aus) haben, hat die Defense überlebt – aber außen in der Secondary ist die Sollbruchstelle…

…und das macht den Gameplan der Saints in diesem Spiel so interessant: Für gewöhnlich ist WR Thomas häufig im Slot zu finden – doch die klaren Schwachstellen der Vikings sind auf Outside-CB. Wird man Thomas verstärkt nach draußen schieben um ihn gegen einen überforderten CB Rhodes auszuschlachten? Oder bleibt er viel im Slot, weil TE Cook heute noch nicht ganz fit ist und gegen Minnesotas Linebacker/Safety-Personal eh kein gutes Matchup ist?

Ich würde unabhängig von den möglichen Matchups erwarten, dass die Saints-Offense das hier dominiert – und das hat zuzüglich zur Schwäche der Vikings auf Cornerback drei Gründe:

  1. Die Saints-Offense Line ist mit einem großartigen Tackle-Duo Armstead/Ramczyk bestens gerüstet um den Vikings-Passrush weitgehend zu neutralisieren.
  2. Selbst wenn der Pass-Rush individuell hervorragend arbeitet: Brees kann den Ball ultraschnell rausbringen und stellt notfalls auf eine Offense mit Release innerhalb von 2 Sekunden um.
  3. Heimspiel für die Saints – im Superdome scheint Brees immer noch eine Schippe drauflegen zu können.

Zur Tragik der Vikings-Defense gehört, dass sie bei aller personellen Klasse ziemlich genau die Art von Defense ist, die Brees am besten zerlegen kann: Viele schnelle Pässe zu beiden Seiten, viel Raum für seine Ballfänger, gelegentlich eingestreute tiefe Würfe (die Brees noch kann!) entlang der Seitenlinie mit Ginn.

Wenn die Vikings den Ball haben

Weil man von gut und gerne 30 Punkten der Saints ausgehen kann, sind QB Cousins und die Vikes-Offense gefragt nachzulegen. Die Offense hatte diese Saison eine eindeutige Identität:

  1. Viel hartes Laufspiel in den Early-Downs über die Runningbacks
  2. Hohe Play-Action Quote für QB Cousins
  3. WR Stefon Diggs als Schlüsselspieler, der die Matchups diktiert – weil WR Thielen über weite Strecken verletzt war.

In den „guten“ Spielen war Cousins klinisch und zerlegte jede Defense. Doch es gab auch die Stinker – Spiele gegen Green Bay oder Chicago, in denen Cousins überhaupt nicht in Fahrt kam, u.a. weil Minnesota kein Laufspiel hatte und die Coaches kein Play-Action einbauten.

Und genau das ist heute der kritische Punkt. Es ist zigmal bewiesen, dass man kein erfolgreiches Laufspiel braucht um Play-Action Passing in Gang zu bekommen, doch Minnesota schien in den Spielen, in denen das Laufspiel nicht rollte, auch auf Play-Action zu verzichten. Das ist ein Fehlschluss, der von oben herab – Mike Zimmer abwärts – diktiert wird…

…und droht auch heute die Vikings-Offense zu kastrieren, denn nicht bloß ist die Vikings-OL keine der guten Pass-Blocking Units und nicht nur ist RB Dalvin Cook weiterhin nicht topfit – nein, New Orleans hat auch eine der besten Rushing-Defenses in der NFL! Es droht ein von Anfang an stockendes Laufspiel – und ein Vikings-OffCoord Stefanski, der sich nicht traut an Zimmer vorbei hohe Play-Action Quoten anzusagen.

In dem Fall wären die Vikings geschissen: Kurze Läufe in 1st Down sorgen für lange 2nd und 3rd Downs, was die Offense berechenbar macht und der Defense umso mehr Möglichkeiten gibt, einen eindimensionalen Angriff zu attackieren. In dem Fall fliegt Minnesota das ganze Ding um die Ohren.

Doch die Preview mit der positiven Denkweise geht so: WR Diggs dominiert das direkte Duell mit dem guten, aber nicht überragenden CB Marshon Lattimore, WR Thielen ist als Ergänzung so fit wie lange nicht und eine für die Slot-Defense um Chauncey Gardner-Johnson und Janoris Jenkins kaum zu kontrollierende Präsenz, die Tight Ends machen 2-3 kritische Catches gegen LB Demario Davis und Minnesota bringt in der Folge auch das Laufspiel ins Rollen und geht den Shootout auch gegen die gute, eigentlich tief besetzte Saints-Defense mit.

Wie hoch stehen die Chancen dafür? 25%? 30%?

Ausblick

Auf jeden Fall muss die Cousins-Offense ein annähernd perfektes Spiel im Rahmen ihrer Möglichkeiten machen. Es gibt wenig Raum für Fehler – Cousins muss die offenen Receiver downfield jedesmal treffen, die Coaches müssen sich lösen von der Idee, dass man 30 gute Läufe braucht um 5 erfolgreiche Play-Action Pässe anzubringen.

Aber ich glaube nicht so recht dran. New Orleans ist nicht umsonst mit ca. 8 Punkten favorisiert. Die Saints-Offense ist eine gute Wette um schnell Punkte vorzulegen und Minnesota damit in die Bredouille zu bringen. Saints mit 10.

Philadelphia Eagles – Seattle Seahawks

22h40 – FOX

Der Abschluss des Wildcard-Weekends mit den beiden vermeintlich schwächsten NFC-Teams: Die Seahawks beendeten die Regular Season mit 11-5 Bilanz – aber das war vorwiegend QB Russell Wilsons Genialität und einer nicht zu haltenden 9-2 Bilanz in den One-Score Spielen als einer hohen Gesamtqualität im Kader zu verdanken. Die Eagles dagegen waren Ende November mit 5-7 Zwischenbilanz so gut wie eliminiert und schafften es nur mit einer Siegesserie im Dezember und gleichzeitiger absurder Schwäche der Konkurrenz aus Dallas überhaupt noch durch die Hintertür in die Post Season.

Seattle jammert dieser Tage ob zahlreicher Verletzungsprobleme – auf Runningback ist man so dünn, dass man ein Revival der 2015er Offense mit RB-Oldie Marshawn Lynch und Travis Homer aufbietet, dazu fällt LT Duane Browns fast sicher aus, OG Mike Iupati ist nur eingeschränkt spielfähig – und DE Clowney und FS Quandre Diggs drohen limitierte Einsätze in der Defense.

Doch die Hawks können sich noch glücklich schätzen im Vergleich zu dem, was diese Saison in Philadelphia abgegangen ist. Die Eagles haben so gut wie keinen Wide Receiver mehr, müssen mit einem eingeschränkten DT Fletcher Cox antreten, drohen den besten verbliebenen Pass-Catcher in TE Zach Ertz (Rippenbruch) zu verlieren und mussten unter der Woche auch noch den All-Pro OG Brandon Brooks auf IR setzen und werden ohne OT Lane Johnson auflaufen.

Dass es angesichts solcher Probleme überhaupt noch für die Playoffs reichte, ist Headcoach Doug Pederson mehr und mehr positiv anzuschreiben, auch wenn 9-7 und „gerade so“ Qualifikation nicht das Ziel des Preseason-Titelfavoriten Philly war.

Wenn die Eagles den Ball haben

Es wird kein „schönes“ Spiel der Eagles werden, aber Philadelphia hat – wohl auch ohne OG Brooks und OT Johnson – einen Vorteil: Ihre Offensive Line ist der Seahawks-DL überlegen – und das gibt QB Carson Wentz erstmal etwas Zeit und Luft zum Operieren. Wentz spielt keine überwältigende Saison, aber gemessen an all den Problemen hat er sich am Ende noch gut erfangen und ist mit Top-15 Effizienz im Soll.

Jetzt hat er zwar einen Receiving-Corps, in dem mit Dallas Goedert ein Tight End und Miles Sanders ein Runningback die primären Anspielstationen sind, weil man einen Practise-Squad Guy nach dem anderen aktiviert (der ex-College QB Greg Ward etablierte sich im Dezember als sowas wie die #1 Waffe…), aber so wie die Seahawks-Defense konzipiert ist, könnte Philadelphias 12-Personnel Package (1 RB, 2 TE, 2 WR) sogar noch ein Segen sein!

Denn Seattle spielt heuer vor allem in Base-Defense mit hoher Dosis der Linebackers Wagner/Wright plus ex-Eagle Mychal Kendricks am Feld. Kendricks fällt heute aus, aber so wirklich gute Defensive Backs für den Slot gibt es nicht – ergo fehlt den Seahawks eine adäquate Präsenz in der Spielfeldmitte um die dorthin konzipierten Passrouten zu unterbinden.

Wenn die Seahawks den Ball haben

Die Seahawks haben in Russell Wilson den heimlichen MVP der NFL-Saison – doch sie scheinen weiterhin die einzige Organisation zu sein, die Wilsons Talent nicht richtig zu schätzen weiß. OffCoord Brian Schottenheimer verzichtete heuer auf eine ähnlich brutale Run/Pass Verteilung wie 2018, aber wirklich „pass-heavy“ war Seattle weiterhin nicht – obwohl Wilson dabei effizient gewesen wäre und mit seinem Improvisationstalent extrem viele Unzulänglichkeiten übertüncht!

Wilson setzt aber in den letzten Wochen zunehmend das eine große Problem zu: Die (fehlende) Pass-Protection. Gegen Arizona und San Francisco machte Wilson zweimal nur durchschnittliche Spiele. Beide Male wurde die Offensive Line der Seahawks gefressen. Auch heute?

Schauen wir uns das O-Line Personal der Hawks einmal an:

  • Auf Left-Tackle fällt Duane Brown fast sicher aus. Es droht ein Starter George Fant.
  • Auf Left-Guard ist Mike Iupati 50/50.
  • Center Hunt gehört zu den schwächeren Starting-Center der NFL
  • Einzig Right Guard D.J. Fluker ist ein okayer O-Liner, und seine Stärken liegen im Run-Blocking
  • Right Tackle Germaine Ifedi gilt als einer der schlechtesten Starting-OTs der NFL

Rein zufällig hat Philadelphia das D-Line Personal um eine solche O-Line zum Frühstück zu verspeisen – wenn DT Cox fit ist. Ohne Cox könnte die Protection für Wilson überleben oder DefCoord Schwartz wäre zum Blitzen gezwungen. In dem Fall haben wir eine Ausgangslage, die sich kaum vorhersehen lässt: Ein Wilson unter permanentem Dauerstress, aber geschwindige Receiver wie DK Metcalf oder Tyler Lockett gegen Eagles-Cornerbacks, die mit nix mehr Probleme haben als mit schnellen Receivern.

Doch die entscheidendere Frage könnte sowieso eine andere sein: Wollen die Seahawks überhaupt das Spiel in Wilsons Hände legen? Oder drückt man das Ei einfach dem Franchise-Maskottchen Lynch in die Hand – „25 Carries für dich – schau, dass du zumindest 5x das Stadion in Wallung bringst!“.

Nochmal in aller Kürze:

  • Wilson ist ein Top-QB und die verbliebenen Seahawks-Receiver sind ein gutes Matchup gegen die Eagles-Cornerbacks
  • Aber die Pass-Protection droht für einen Kollaps des Passspiels zu sorgen und Wilson zu reiner Magie zu zwingen
  • Und die Coaches würden nicht zum ersten Mal den ganzen Gameplan aus Wilsons Händen nehmen und ihn per Ballübergabe den Runningbacks in den Schoß legen – und die Offense damit dirkt in die offenen Hände einer erstklassige Run-Defense treiben!

Ausblick

Auf viele Punkte und ein ästhetisch anmutiges Spiel würde ich nicht wetten. Die Seahawks sind Meister darin, Spiele eng zu halten, weil man sich vor unangenehmen Entscheidungen scheut: Wo ein Doug Pederson keine Probleme hat, 4th Downs schon vor der Crunch-Time auszuspielen, wenn ihm sein Analytics-Department dazu rät, zeigt Pete Carroll kein Interesse an solch neumodischem Zeugs.

Die Seahawks klingen erstmal favorisiert, weil sie gerade wenn es nicht laufen sollte meistens zu großer Form auflaufen – weil Wilson dann machen darf und auch oft genug „macht“ – und weil die Eagles nicht die offensive Firepower haben um Seattles langsame Starts mit drei schnellen Touchdown-Drives zu bestrafen.

Ich sehe aber auf beiden Seiten der Offensive Line ein recht deutliches Mismatch pro Philadelphia. Ich sehe zwei Coaching-Staffs, die gute Arbeit in den Fundamentals leisten, aber nur einen, der eine Chance beim Schopf packt wenn sie da ist. Und ich frage mich ob Russell Wilson wirklich wieder magische Dinge veranstalten kann. Ich würde in dem Spiel knapp mit den Eagles gehen – aber es könnte am Ende auf den letzten Ballbesitz ankommen.

2 Kommentare zu “Wildcard-Weekend 2019/20 am Sonntag – Vorschau

  1. Pingback: NFC Wildcard-Playoffs 2019/20: New Orleans Saints – Minnesota Vikings im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  2. Pingback: NFC Wildcard-Playoffs 2019/20: Philadelphia Eagles – Seattle Seahawks im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.