College Football National Championship Game 2019/20 Preview: LSU Tigers – Clemson Tigers

Es geht Schlag auf Schlag: Nach dem Abschluss des NFL-Viertelfinals endet heute Nacht die Saison im College Football 2019/20 mit dem National Championship Game LSU Tigers – Clemson Tigers (02h / ESPN-Player und DAZN). Das Tiger-Duell! Beide stehen 14-0 und greifen nach ihrem dritten National Title in diesem Jahrhundert.

Wie wurden sie zu dem, was sie sind?

LSU und Clemson gehören seit vielen Jahrzehnten zur erweiterten Spitze im College Football, ohne jemals wirklich zu den absoluten Blaublütern wie Alabama, Ohio State, Oklahoma, Texas, Notre Dame, USC oder Michigan gezählt worden zu sein.

Trotz jeweils eines Landesmeistertitels im 20ten Jahrhundert beschränkte sich die Folklore bei beiden Mannschaften vor allem auf regionale Gebiete. Wo Notre Dames Helden quer durch die USA verehrt wurden und Oklahomas Wishbone quasi-mythischen Status bekam und Alabamas Trainerlegende Bear Bryant noch heute als kultische Figur in den USA gilt, so sind die meisten Köpfe und Geschichten von LSU oder Clemson nur auf ihrem heimatlichen Territorium bekannt.

Hättest du zum Beispiel überhaupt gewusst, wo Clemson überhaupt liegt? Nein? Dann geht es dir wie vielen. Clemson ist eine große staatliche Universität – doch wenn dir bekannt war, dass die Kleinstadt, in der sie zuhause ist, in South Carolina liegt, dann bist du schon sehr tief in der Materie.

Das Mauerblümchendasein änderte sich für beide Mannschaften mit der Jahrtausendwende gehörig: LSU wurde mit der Anstellung von Nick Saban als Headcoach schnell zur landesweiten Macht und gewann 2003 sowie 2007 unter Sabans Nachfolger Les Miles zwei National Titles.

Das Programm stagnierte zwar nach dem letzten großen (und letztlich knapp verpassten) Titelansturm 2011, weil Miles sich weigerte, seine Offense zu modernisieren – doch dank einer exzellenten, markanten und mit zahlreichen NFL-Prospects durchsetzten Defense blieb das Programm stets bis lange in den November hinein relevant – und daher als Contender auch in der Öffentlichkeit sehr präsent.

LSU aber lechzte nach einem weiteren Titel – und so musste der eigentlich beliebte, weil ulkige Miles schließlich vor zweieinhalb Jahren mitten in der Saison gehen. Nachfolger Ed Orgeron, ein nicht minder markanter Charakterkopf, wurden als Interimscoach nur wenig Chancen auf eine Langzeitanstellung zugeschrieben.

Und bis vor ein paar Monaten deutete auch wenig auf einen Durchbruch wie in der laufenden Saison hin: 2018 war LSU unter OffCoord Steve Ensminger und dem von Ohio State runtertransferierten, blassen QB Joe Burrow noch bloß ein Mitläuferteam gewesen. Doch dann hatten Orgeron/Ensminger zur anstehenden Saison 2019 den Mut, die überfällige Renovierung der Offense vorzunehme. Sie stellten den mittlerweile zur heißen Ware gewordenen ehemaligen NFL-Assistenten Joe Brady als Assistenten zur Seite und ließ Burrow von der Leine – mit fantastischen Ergebnissen!


Der heutigen Gegner Clemson war über die Jahrzehnte das US-Pendant zu „Vizekusen“: Fast immer gut, aber nie gut genug für den Durchbruch. Es gab sogar die entsprechende Vokabel dafür, wenn mal wieder ein Big-Game in die Binsen gesetzt wurde – „Clemsoning“.

Der Aufstieg zur Supermacht geschah dann ausgerechnet unter dem einstigen Assistenzcoach Dabo Swinney, der mehr zufällig in der laufenden Saison 2008 zum Head Coach bestellt wurde. Swinney, ein Top-Recruiter, der als detailversessen gilt obwohl er seinen Coordinators große Freiräume lässt, schaffte innerhalb weniger Jahre die notwendigen Kader-Upgrades um erst als Top-Defense, dann als Top-Offense durchzugehen – und schließlich, ab ca. Saison 2015, als Elite-Team in beiden Phasen des Spiels.

Swinney verlor in der Offense gleich mehrere wichtige Assistenzcoaches – doch das scherte in Clemson niemanden, schließlich zieht sich die Spread-Offense Idee seit mehr als einem Jahrzehnt durch das Footballprogramm – und dann hatte Clemson das Glück, zwei Goldgriffe auf Quarterback zu machen:

  • Von 2014 – 2016 war Deshaun Watson der Starting-QB.
  • Seit 2018 ist es Trevor Lawrence, der als #1 QB im NFL Draft für 2021 gilt.

Seither spielt man um den National Title mit – und zwar unterbrechungsfrei: In den letzten vier Spielzeiten viermal Playoffs, dreimal Finale, zweimal Titel.

Zum Spiel selbst

Wer es ganz detailliert haben will, für den hat der hier schon einschlägig bekannte Jan Weckwerth (@giannivanzetti) bereits die ausführliche Detailanalyse geschrieben:

Gemeinsam mit Christian Schimmel hat er auch schon auf dem Sideline Reporter die wichtigsten Fragen im Vorfeld des großen Endspiels beantwortet. So wirklich hinzuzufügen ist diesen Analysen nichts mehr – wer sich also genau vorbereiten will, sollte am besten diese beiden Analysen durchlesen.

Aber in aller Kürze…

LSU ist in den Wettbüros mit 5.5 Punkten favorisiert, was als ziemlich klarer Spread durchgeht, wenn man sich die Stärken/Schwächen Verteilung der beiden Mannschaften im SP+ Ranking anschaut:

  • LSU: #3 Overall, #1 Offense, #18 Defense
  • Clemson: #4 Overall, #5 Offense, #3 Defense

Natürlich liegt der große LSU-Vorteil bei QB Burrow und seiner Passing-Armada. Wer diesen QB 2019 hat spielen sehen, der kann natürlich nachvollziehen warum:

  • Fast 78% Completion-Rate, obwohl er mit die tiefsten Pässe im Land wirft – und nicht bloß kurze Dinger mit vielen Yards-after-Catch
  • Fast 10 NY/A im Passspiel
  • Eine TD:INT Ratio von unfassbaren 55 TD bei 6 INT
  • Zuletzt 7 Touchdowns in der ersten Halbzeit gegen die hilflosen Oklahoma Sooners im Halbfinale
  • Ein Receiving-Corps voll von starken NFL-Prospects wie WR J’Marr Chase, WR Justin Jefferson, WR Terrance Marshall oder TE Thaddeus Moss

Burrow war in der laufenden Saison von keiner Defense zu bremsen – auch nicht von Top-10 Verteidigungen wie Alabama (46 Punkte), Georgia (37 Punkte), Florida (38 Punkte) oder Auburn (nur deshalb „nur“ 23 Punkte, weil die Offense zahlreiche Redzone-Bolzen beging).

Burrow ist hyper-effizient sowohl aus einer „sauberen“ Pocket ohne Pass-Rush (das gilt als extrem guter Indikator für zukünftige Quarterback-Leistungen) als auch bei instabilen Faktoren wie Passspiel im Angesicht von Pass-Rush.

Für Clemson gibt es also zwei Wege, das Spiel zu bestreiten: Ohne Versuch, Pass Rush zu erzeugen, untergehen. Oder mit dem Versuch, Pass-Rush zu erzeugen zu hoffen, dass Burrow der eine oder andere Fehlpass auskommt. Anders: DefCoord Brent Venables ist gefordert, Burrow einzuheizen.

Im Prinzip ist das der Schlüssel für die Clemson Tigers: Burrow unter der Druck setzen und dann zu hoffen, dass er Fehler macht.

Allein: Im Gegensatz zum letzten Jahr hat Clemson heuer keine Defensive Line mehr, die im Alleingang ein Spiel in die Hand nehmen kann. Venables muss also via Blitzing und kreativem Scheming versuchen, den Druck zu erzeugen. Eine Schlüsselrolle wird dabei natürlich dem Linebacker/Safety-Hybrid Isaiah Simmons zukommen, der beste Athlet der Clemson-Defense, der so viele verschiedene Aufgaben übernimmt.

Grundvoraussetzung für das ganze: Clemsons Defensive Backs um CB A.J. Terrell oder Safety Wallace müssen im 1-vs-1 gegen die Receiver Chase (der meistens downfield an der Seitenlinie angespielt wird) oder Jefferson (die Waffen für den Slot) zumindest einigermaßen gegenhalten. Unmöglich ist das nicht.

Gesetzt den (heuer noch nicht gesehenen) Fall, dass Clemson von LSU keine 45 oder mehr Punkte eingeschenkt bekommt, ist die Partie dann durchaus offen, denn abseits von der fassungslos guten Passing-Offense um Burrow sind die Matchups recht ausgeglichen bzw. mit leichten Vorteilen für Clemson ausgestattet:

#1 Das LSU-Laufspiel um RB Clyde Edwards-Helaire sollte man halbwegs im Griff haben, und jedes Mal, wenn der mobile Burrow mit dem Ball losläuft, droht zwar ein neues 1st Down, aber zumindest kein 20-yds Touchdown-Pass.

#2 QB Trevor Lawrence ist seinerseits ein faszinierend guter Quarterback, der mit Blick auf eine NFL-Karriere sogar besser aufgestellt ist als Burrow. Lawrence nahm vor zwei Wochen das schon verloren geglaubte Semifinale gegen ein überlegenes Ohio State in seine Hand (bzw. seine Füße) und drehte es trotz stagnierender Offense fast im Alleingang. Lawrence hat das Standing und die Eier – mit diesem Quarterback ist man nie richtig aus dem Spiel!

#3 Clemsons Skill-Player sind fantastisch. RB Travis Etienne trägt das effizienteste Laufspiel im Lande und das Wide-Receiver Duo Tee Higgins / Justyn Ross dürfte auch gegen LSUs hochgelobte Cornerbacks um Stingley und Fulton seine Momente haben – zumindest wenn man ihnen ein klein wenig Hilfe durch die Routenkombinationen gibt.

#4 Clemson hat einen Vorteil in der Offensive Line gegenüber LSUs Defensive Line. Es gibt anders als im Semifinale gegen Ohio State hier keinen Chase Young, den man mit Double-Teams und Spielzugdesigns auf einen anderen Teil des Spielfelds umgehen müsste. Man hat hier wieder alle Optionen offen.

Alle Faktoren mit berücksichtigt, wäre es keine Überraschung, wenn Clemson auch ohne freakige Feldpositionsvorteile durch Turnovers oder lange Returns zu bekommen 30 oder mehr Punkte auf das Parkett zaubert. Und dann hängt die Titelverteidigung eben daran, ob man Burrow häufig genug unter Druck setzen kann bzw. ob Burrow wenn einmal unter Druck gesetzt dann überhaupt die Fehler begeht, die er noch die ganze Saison vermieden hat.

Wenn wir die bestmögliche Geschichte zu dieser Saison schreiben wollen, dann wird das heute Nacht der Abschluss der großen Joe-Burrow-Aschenputtel-Geschichte. Aber auch College Football schreibt nicht immer die beste Geschichte – und Burrow trifft heute auf den komplettesten Gegner, den er in seiner atemberaubend guten Saison gesehen hat. Das Schicksal der Tigers – und zwar beider Tigers – liegt letztlich in seinen Händen.

11 Kommentare zu “College Football National Championship Game 2019/20 Preview: LSU Tigers – Clemson Tigers

  1. Warum, warum nur an einem Montag? Ich würde das Spiel so gerne sehen, aber ich kann mir nicht andauernd die Nächte um die Ohren schlagen und heute war es schon wieder 4:00 Uhr und nur 3 Stunden Schlaf.

    Also morgen Abend auf ESPN das Replay….

    Go Tigers (aus Clemson)!

  2. 20 Uhr ins Bett gehen und 2 Uhr wieder aufstehen = 6 Stunden Schlaf – danach Arbeit. Reicht doch!?

  3. Gibt es eigentlich Angaben darüber, wie sehr der „Heim“vorteil für LSU in Vegas mit berücksichtigt wird? Spiel ist zwar nicht in Baton Rouge auf dem Rasen und in dem Stadion, an welches die gelb-lilanen Tigers gewöhnt sind, aber durch die Nähe haben sie einerseits viel weniger Anreisestrapazen und andererseits wohl ein gigantisches Übergewicht an Fans im Stadion. Ist das dann in Vegas ein „normaler“ Heimvorteil von drei Punkten? Ist es ein schwächerer Heimvorteil? Oder sagen die Buchmacher, die Fans spielen kaum eine Rolle und Clemson konnte früh genug anreisen, um das auszugleichen, das ist quasi Neutral Site?

  4. Der Heimvorteil, so zumindest die Hypothese der meisten Analysten“ begründet sich wohl vor allem darin, das die Referes das Heimteam bevorzugen (in 50-50 Situationen), dementsprechend wäre er gar nicht so groß.

  5. Aber warum machen die Refs das dieser Argumentation zufolge denn? Wenn die Refs das wegen der Fans im Stadion machen, dann müsste man LSU hier demzufolge doch den „normalen“ Heimvorteil von drei Punkten geben, oder nicht?

  6. Wer selbst schon mal Sport vor größerer (aber auch kleinerer) Kulisse betrieben hat, der weiß, dass es ein Unterschied ist, ob du mit den eigenen Fans im Rücken spielst, oder „Gegenwind“ von den gegnerischen Fans bekommst.

  7. @BlauGelb13: Ich war vor ein paar Tagen in Kontakt mit einem Buchmacher und habe herausgehört, dass LSU nicht 3 Punkte, aber 1.5 bis 2 Punkte als Heimvorteil gutgeschrieben bekommt.

    Es ist kein „richtiger“ Heimvorteil, aber das Stadion wird überwiegend von LSU bevölkert sein und das ganze Setting ähnelt einem LSU-Heimspiel.

    Heimvorteil ist übrigens real und im Gegensatz zum maximal gefühlten Momentum auch messbar.

  8. Danke, das ist eine präzisere Antwort, als ich erwartete. Und auch in etwa das, was ich vermutet hätte. Sehr interessant, dankesehr.

  9. Pingback: National Tiger Championship 2019/20: LSU – Clemson im Liveblog | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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