Notizblock Divisional Playoffs 2019

Ein wildes Sandwich Weekend liegt hinter uns. Oben und unten erwartbar, dazwischen ein unglücklicher Upset und ein vogelwildes Comeback. Der Notizblock wie immer mit Fokus auf die Verlierer. Die Verlierer waren diese Woche: unverschämt (Mike Zimmer); verdattert (Ravens); wehrlos (Texans); und lernresistent (Pete Carroll). Aber hey, Zitat Carroll: „I love close games“. Ja, na dann! Aber vorneweg erst mal die anderen Spiele, die waren nicht so knapp, aus unterschiedlichen Gründen.

Vikings 10, 49ers 27

Man wundert sich ja nach all den Jahren immer noch, daß die New England Patriots so unglaublich flexibel sind und sich in ihrer Strategie in Offense wie Defense ständig verändern. Für Bill Belichick ist das nicht wunderlich, sondern das normalste von der Welt. Seine Philosophie: finde heraus, was deine Stärken sind und setze diese ein; erkenne, was deine Schwächen sind und kaschiere diese. Das ändert sich von Jahr zu Jahr und oftmals auch von Woche zu Woche. Denn Stärken und Schwächen sind relativ und hängen auch vom Gegner ab.

Andy Reid, der mit so unterschiedlichen Quarterbacks wie Donovan McNabb, Michael Vick, Alex Smith und Patrick Mahomes sehr erfolgreichen Football gespielt hat, sagt nach Niederlagen immer das Dasselbe und meint Gleiche wie Belichick:

“I have to put players in better position to succeed.”

Man findet sogar noch Artikel aus seiner Eagles-Zeit, in der das Leute schon langweilig fanden:

Reid’s press conferences are famous for his broken record statement, „I have to put players in better position to succeed.“

[Quelle.]

Mag langweilig sein, aber es die Wahrheit. Und es mag unbequem sein, immer selber die Verantwortung zu übernehmen. Aber das ist es, was große Coaches groß macht. Du übernimmst die Verantwortung, stellst dich vor dein Team und arbeitest härter daran als alle anderen, es in Zukunft besser zu machen. Und auch hier broken record: Jeder, der schonmal in irgendeinem Team gespielt oder gearbeitet hat, weiß wie selten das ist. Ja, blablabla Leadership workshop buzzword bingo….schnarch….

Aber gottverdammt trotzdem Mike Zimmer! Like, whutdaheck:

Du mußt nicht Andy Reid oder Bill Belichick sein. Erwartet niemand von Dir. Aber streng dich doch bitte ein ganz kleines bißchen an und mache es deinen Spielern wenigstens nicht noch schwerer als es eh schon ist gegen so ein gutes Team!

Und es war schon zur Halbzeit klar, obwohl Minnesota zu dem Zeitpunkt nur 10-14 hintenlag:

Warum läuft Minnesota so oft plump in die Mitte? Wenn Du schon unbedingt laufen willst, dann vielleicht etwas kreativer – vielleicht so wie San Fran? 3 von 5 Drives 3&Out. Größtes Problem bei dem Ansatz ist, daß MIN damit so oft in lange 3rd Downs kommt und da hat die OLine keine Chance gegen Ford/Armstead/Bosa.

Und korsakoff:

Minnesota hat in der Defense überlebt, ist in der Offense zu passiv. Man verschenkte zu viele Drives mit Klein/Klein und Establish the Run gegen eine diszipliniert spielende Niners-Front. Da muss mehr kommen.

[Quelle für beide.]

Da kam aber nicht mehr in der zweiten Halbzeit, sondern noch weniger. Die 49ers ihrerseits sind dann noch kreativer im Laufspiel geworden. Ein Drive sogar nur mit Runs, aber eben kreativer als Minny:

8 Plays, 8 Runs, 44 Yards -> 49ers überlaufen die Vikings-Defense, aber es ist kein langweiliges Power-Running. Es sind etliche Feinheiten mit dabei, z.B. eine Motion von FB Juszczyk raus um innen die Box zu entblößen.

(korsakoff 00:23Uhr)

Übrigens San Fran im allerersten Drive zum Spielstart auch mit acht Plays, aber davon sechs Pässen. Vielleicht ist die Idee, erstmal das Paßspiel zu etablieren doch besser? Naja, nicht heute diese Diskussion…

Kyle Shanahan puts his players in a position to succeed, indem er seinen Playmakers den Ball in aussichtsreichen Positionen gibt. Mike Zimmer und OC Kevin Stefanski lassen Dalvin Cook plump in die Mitte laufen und erzwingen dann Screen Passes zu ihm, die sogar die Zuschauer 100 Meter gegen den Wind riechen.

Insgesamt erbärmliches Coaching. Es war eine Frechheit von Zimmer & Stefanski, hier mit dieser „Strategie“ anzutreten. Das ist auch respektlos seinen eigenen Spielern gegenüber. Anstatt seine eigenen Spieler in aussichtsreiche Positionen zu bringen, machen sie das Gegenteil. Zimmer & Stefanski put the 49ers defense in a position to succeed. Frechheit einfach.

Titans 28, Ravens 12

Mit 8:02min im ersten Viertel wird ein Paß von Lamar Jackson abgefälscht und intercepted. Viereinhalb Minuten später steht es 14-0 Titans.

What just happened?

Fünf Läufe Derrick Henry und ein toller Catch von Jonnu Smith (“One Ass Cheek Equals Two Feet”) später spielt Baltimore einen 4th&1 aus, wird gestoppt; und völlig richtigerweise wirft Ryan Tannehill direkt im ersten Anschlußspielzug tief zu Kalif Raymond. 45 Yards, Touchdown, 14-0. (Mehr als die Hälfte seiner Yards im gesamten Spiel machte Tannehill mit diesem Paß, 45 von 88.)

Tennessee macht aus neun Plays 14 Punkte. Für ihre sechs Punkte in zwei FG-Drives brauchten die Ravens 26 Plays (26!).

Die zweite Hälfte beginnt Baltimore mit einem Drive über dreizehn Spielzüge, der erneut in einem 4th&1 Stop endet. Drei aufeinanderfolgende Drives: 39 Plays, 6 Punkte.

Tennessee hat im nächsten Drive einen 66-Yard-Lauf von Henry und einen Tim-Tebow-Jump-Pass-TD von Henry zu Corey Davis – direkt im nächsten Spielzug fumblet Lamar Jackson. Tennessee braucht von dort nur 20 Yards zum Touchdown (Zone read keeper von Tannehill): 28-6 Tennessee.

Die Titans waren im Angriff grotesk effizient. Zwei kurze Felder, 35 und 20 Yards – Touchdowns. Zwei Big Plays, Paß zu Raymond und 66-Yard-Lauf Henry – Touchdowns. Baltimore reichte den kleinen Finger und die Titans nahmen nicht nur die Hand, sondern rissen auch Arm um Kopf ab.

Auf der anderen Seite die Ravens-O grotesk ineffizient: 530 Yards für 12 Punkte. Es war für Baltimore einfach einer dieser Tage. Mit dem falschen Fuß aufgestanden und dann auch noch Pech gehabt.

Dickes Chapeau hier an Tennessees OC Arthur Smith: Deep Shot nach Turnover, Jump Pass Henry, Zone Read mit Tannehill – in den wenigen High Leverage Situations hat er genau die richtigen Calls angesagt und wurde von seinen Spielern dafür belohnt.

Texans 31, Chiefs 51

Letzte Woche stand Houston auf der richtigen Seite des Comebacks, diese Woche auf der falschen. Mit 21-0-Führung hatte Bill O’Brien die Chance, bei 4th&1 von KCs 13-Yard-Linie, die Luft komplett rauszulassen aus dem Arrowhead Stadium, aber stattdessen läßt er Field Goal kicken.

Daß er dafür keinen Spielzug hatte, ist nicht zu glauben. Wahrscheinlich wollte er nur irgendwen schützen. Vielleicht hat er auch gedacht: wenn ich jetzt sage, in dem Moment habe ich geglaubt, daß 24 Punkte Vorsprung reichen, halten mich alle für komplett bescheuert. Ganz schlecht. Aber mein Gott! Daß der arme Mann nach dem Spiel völlig durcheinander war, kann wohl jeder nachempfinden, der das Spiel am Bildschirm verfolgt hat.

Viele Drops plus Blocked Punt und Muffed Punt und plötzlich riecht es nach einer weiteren bitteren Andy-Reid-Playoff-Niederlage aus. Aber “Nicht mit mir!” denkt Andy. Zu diesem Zeitpunkt hat er Houstons Defense schon lange durchschaut (nur Man Coverage, #32 Lonnie Johnson hilflos gegen TE Kelce, Null Pass Rush) und präsentiert Meisterschüler Patrick Mahomes ein leckeres texanisches Barbecue auf dem Silbertablett, das dieser mit vollen Händen in sich hinein schaufelt, daß es nur so kracht.

Sieben Touchdowns in Folge, sieben Touchdowns in 27 Minuten. Das Spiel ist einfach völlig außer Kontrolle geraten.

Mitte des dritten Viertels dachte man, es gibt nur noch eine Chance für Houston: jemand muß die Vereinten Nationen anrufen und eine Blauhelmtruppe anfordern, um hier einen Waffenstillstand durchzusetzen.

Beim Boxen geht bei Wehrlosigkeit der Referee dazwischen und beendet den Kampf. Hier nicht, hier hörte es einfach nicht auf.

Wie wehrlos Houston war, zeigt BOB. Nach dem siebten Touchdown in Folge will er allen Ernstes in KCs Hälfte punten. Dann verschwendet er eine Timeout, um sich von DeShaun Watson die Situation erklären zu lassen. Warum hat der Concussion Spotter nicht spätestens hier eingegrifffen?!?

Man kann sich bestimmt in Houstons-D viele Aspekte heraussuchen, die schlecht waren. Aber am Ende ist es ganz simpel. Es gab in Houstons Defense einfach niemanden, der einen Stop machen konnte, kein überraschender Pass Break-up, kein Sack. Es fehlt die individuelle Klasse in der Texans-D. Daran muß der GM O’Brien sofort anfangen zu arbeiten, wenn der Head Coach O’Brien sich von diesem Gemetzel erholt hat.

Seahawks 23, Packers 28

Es war wie jedes Spiel der Seahawks in dieser Saison. Der Angriff startet schwach mit hervorsehbarem Playcalling. Dann kommen sie nie richtig in Führung oder liegen oft sogar zurück. Und dann sagt Russel Wilson: Schluß mit Kindergarten jetzt. Ich mache einfach so, wie ich denke, ok?! Und dann gewinnen sie entweder knapp oder sie verlieren knapp. Meistens passieren dann auch noch zwei bis fünf Freak Plays zwischendurch.

Es ist die Frage, die sich Seahawks-Twitter seit mehreren Jahren stellt: Warum spielen wir im Angriff nicht von Anfang an so? Warum läßt man DangerRuss nicht direkt in Q1 von der Leine? Macht Pete Carroll das mit Absicht?

„I love close games,“ Carroll said, via the team’s official website. „I think they help you. They make you stronger.

[Quelle]

Seltsam. Macht den Gegner abschießen nicht viel mehr Spaß?

Seattle hat einen der drei besten QBs der Liga. Im zweiten Drive, bei 0-7 Rückstand macht Seattle aber das:

  • Run Lynch
  • Run Lynch
  • Run Lynch
  • Punt

Warum? Marshawn Lynch kann ja dein witziges Maskottchen sein wie dereinst Lukas Podolski, aber er sollte als Rentner, der erst vor zwei Wochen von der Straße geholt wurde (!), nicht dein Fokus sein. Lynch über das gesamte Spiel: 12 Läufe, 26 Yards. Seattle übrigens auf Left Guard und Center jeweils mit 3rd Stringer, Left Tackle Duane Brown wurde gerade erst vor drei Wochen operiert, kam also fast aus dem OP in ein Playoffspiel.

Zu allem Überfluß läßt Carroll in der ersten Halbzeit aus 50 Yards in der Frozen Tundra ein Field Goal versuchen. Zur Strafe nimmt GB an der eigenen 40 den Ball und marschiert – unterstützt von zwei Strafen Clowneys – zum 21-3 in die Halbzeit.

Nach der Halbzeit übernimmt Wilson.

  • 10 Plays, 69 Yards, 5:16min – TD
  • 12 Plays, 84 Yards, 6:30min – TD
  • 9 Plays, 79 Yards, 4:28min – TD

Im vierten Drive dann puntet Carrol 2:41min vor Schluß bei 23-28.

Auf der anderen Seite Aaron Rodgers mit einigen lässigen Zauberpässen aus dem Handgelenk, Matt LaFleur mit coolen Playdesigns und Davante Adams nicht zu stoppen: 160 Yards und zwei Touchdowns.

Seattle natürlich zu zögerlich im Angriff; aber keinen besonderen Plan für Davante Adams zu haben ist unverzeihlich. Es war ja überall vor dem Spiel zu lesen: Adams ist der einzige gute Wide Receiver in Green Bay, alle anderen können nichts. Targets in diesem Spiel für Valdes-Scantling, Allison, Kumerow und Lazard combined: 4, in Worten vier.

2 Kommentare zu “Notizblock Divisional Playoffs 2019

  1. Die Punt-Entscheidung von Pete Caroll ist durchaus nicht uninteressant, weil verschiedene Modelle verschiedene Ergebnisse liefern:

    EDJ Sports (Konglomerat, zu dem auch Football Outsiders gehört) sieht darin *die* Fehlentscheidung des Spieltags:

    Der ESPN FPI-Calculator sieht die Entscheidung eher gleichgültig:

    Aber in einem Vakuum, bei durchschnittlicher Offense vs. durchschnittlicher Defense. Wenn man Russell Wilson hat und die gegnerische Offense der eigenen Defense überlegen ist, dann sollte man auch mit FPI-Zahlen Richtung Ausspielen tendieren.

  2. Pingback: NFL-Power Ranking 2019 – Divisional Playoffs | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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