Eli Manning: NFL-Geschichte wird nicht in der Regular Season geschrieben

Morgen wird Giants-QB Eli Manning seinen Rücktritt erklären. Für viele ist er ein angehender Hall of Famer – you can’t spell „Elite“ without „Eli“, und so.

Eli spielte nicht die gewöhnliche NFL-Karriere. Schon als #1 Pick im NFL-Draft sorgte er im April 2004 für gehörige Kontroverse, als er sich lautstark weigerte, für die San Diego Chargers, die den Top-Pick hielten, zu spielen – und stattdessen einen Trade zu den New York Giants erzwang. Das Bild eines Manning mit versteinerter Miene auf der Draft-Bühne ist eines der markantesten Draftbilder aller Zeiten.

Manning spielte als junger QB mehr schlecht als recht – und er war auch im späteren Karriereverlauf meistens nur ein mittelmäßiger bis „guter“ QB. Doch „meistens“ ist nicht „nie“ – und so hatte Manning über seinen Karriereverlauf zweimal einen total gegen das Skript verlaufenen Playoff-Run, der am Ende jeweils mit Superbowl-Run und Sieg gegen die Patriots endete:

  • 2007/08 im Helm-Catch Spiel als Zerstörerer der Perfect-Season
  • 2011/12 im „Let him score“ Spiel erneut gegen New England

Beide Male wurde Manning zum MVP der Superbowl gewählt. Die beiden Titel brachten Manning Kultstatus im bereits ergrauten Fanpublikum der Giants im Big-Apple in New York ein. Eli war als der perfekte Lieblingsschwiegersohn plötzlich unantastbar – Graupenspielzeiten mit 27 INT und total lahmen Offenses zum Trotz. Eli war so beliebt, dass die Giants seit Jahren versuchen, ihn mit einer möglichst perfekten Kopie seiner selbst zu ersetzen – in Daniel Jones scheinen sie den willigen Schüler gefunden zu haben.

Da Eli der berühmten Manning-Familie (Vater Archie ist in New Orleans eine Legende, Bruder Peyton ist vielleicht der beste Quarterback aller Zeiten) entspringend auch über entsprechende Lobby unter Journalisten verfügt, gilt es heute als Frage der Zeit bis er in die Hall of Fame gewählt wird. Das ist bei einem QB, der sein Team in 16 Jahren als Starter nur sechsmal in die Playoffs geführt hat (aber dann 8 der 12 Spiele gewann), höchst ungewöhnlich. Selbst in seiner mit Abstand allerbesten Saison, 2011/12, war Manning maximal der viertbeste QB der Saison (nach Rodgers, Brees, Brady).

Aber die beiden Playoff-Runs überstrahlen alles – und überdies punktet Manning bei vielen mit seiner Eloquenz und seiner Langlebigkeit („durability“) – das sind Attribute, die entscheidender sind als die fast permanent durchschnittlichen Performances. Doch noch entscheidender sind die „Momente“. Niemand traut es sich laut zu sagen – aber ein einzelner „Moment“ kann zehn Jahre Nichts überlagern.

Eli ist somit ein perfekter Case-Study für das, was die Hall of Fame ist: Kein reiner Hort der „Besten“, sondern der Hort der „Erinnerungswürdigsten“. Daher nennt sie sich auch Hall of Fame nicht nicht Hall of Best.

Es ist mir nicht klar wie jemand mit ernsthaftem Footballverstand Eli als einen besseren QB als Tony Romo oder Philip Rivers bezeichnen kann – doch Eli hat die Ringe und die Momente. Romo und Rivers haben nur Playoff-Pleiten, Pech und Pannen.

Mannings Hall-of-Fame Chancen wären inexistent ohne den Helm-Catch von David Tyree. Er ist der ikonischste NFL-Moment der letzten 20 Jahre, und er hat, wenn er auch nach WPA (Win-Probability Added) nicht der wertvollste Spielzug der Superbowl XLII war, entscheidend zum historischen Upset über die Dynastie der Patriots beigetragen.

Super Bowl XLII - Manning to Tyree

Als David Tyree den Ball mit dem Helm aus der Luft klaubte, wusste jeder: Die Perfect Season ist nicht. – ©Andy Lyons/Getty

Doch wenn es nur um „Momente“ geht – warum wählt man dann nicht gleich Tyree anstelle von Manning rein?

10 Kommentare zu “Eli Manning: NFL-Geschichte wird nicht in der Regular Season geschrieben

  1. Vielleicht eine blöde Frage, aber wer entscheidet eigentlich darüber wer in die HOF kommt? Bzw. wie sieht der Prozess dahinter aus?

  2. Diese Szene wir wohl immer mit Eli Manning in Erinnerung bleiben – Miracle – sich befreien und den Wurf zu David Tyree

  3. @thompson:

    Es gibt ein Komitee aus 48 Personen, die wählen. Jede NFL-Stadt schickt dabei so viele „Voter auf Lebenszeit“ wie sie NFL-Teams hat. Dazu gibt es 15 weitere Voter (alle auf Lebenszeit), die im Prozess mitwählen dürfen – es sind z.B. Medienvertreter oder langjährige Footballexperten.

    Für die Hall of Fame kann jeder Footballer oder Coach gewählt werden, wenn er minimum 5 Jahre aus der Liga raus ist. Owner und andere „Contributors“ dürfen immer gewählt werden.

    Über verschiedene Wege können Kandidaten vorgeschlagen werden, die sukzessive vom Komitee runtergefiltert werden:
    25 Semifinalisten im Spätsommer
    Dann 15 Finalisten im Herbst
    Zwischen vier und acht von ihnen werden dann am Tag vor der Superbowl in die HoF gewählt. Ein Kandidat ist dann drin, wenn er von mindestens 80% der Voter gewählt wird.

    2020 ist dabei im ganzen Prozess speziell, weil heuer zum 100sten NFL-Jubiläum gleich 15 reingewählt werden. Die NFL will damit u.a. einen Backlog von zahlreichen „verdienten“ Kandidaten aufholen – und anders als in anderen Jahren sind die neuen Mitglieder schon bekanntgegeben worden.

    https://www.profootballhof.com/heroes-of-the-game/class-of-2020/

  4. Wieso wollte Eli nicht bei den Chargers spielen?

    Aufgrund der ergatterten Picks und Rivers dürften die dann im Endeffekt der Trade-‚Sieger‘ sein, oder?

  5. Ganz klar ist das nie beantwortet worden.

    Die Chargers Anfang 2004 waren als QB-Friedhof verschrieen. 1998 war Ryan Leaf gebustet, der 2000-Pick Drew Brees (!!) hatte drei Jahre lang krass enttäuscht und war bereits abgeschrieben (er schaffte ausgerechnet 2004 dann den Durchbruch).

    Dazu mit Marty Schottenheimer der „Marty-Ball“ Coach (Run / Run / Pass / Punt). Total konservativ.

    Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass die Chargers damals eine Loser-Franchise waren. Schon Elis Vater Archie hatte seine ganze Karriere bei den horrenden 1970er-Saints verbracht. Er wollte wohl verhindern, dass sein Bub ein ähnliches Schicksal erlebte.

  6. Was wohl der „erinnerungswürdige Moment“ war, der Paul Tagliabue in die HOF gebracht hat? Vielleicht hat er mal einen Bleistift mit dem Finger gestoppt, als der Stift von seinem fetten Eichenschreibtisch zu rollen drohte. Oder vielleicht hat er sich fast einen Hexenschuss geholt hat als er morgens aus seiner Dienstlimousine steigen musste.
    Passt schon. Steht ja nirgendwo, dass die HOF Sportler würdigen sollte. Können auch Funktionäre sein. Dann könnte man fairerweise auch „Contributors“ zulassen. Oder Präsidenten von TV-sendern, die die NFL jahrzehntelang völlig uneigennützig mit so viel Hingabe übertragen.

    Nein. Mal ganz im Ernst: Das ist die Blamage des Jahres. In einer Sportart, in der Shazier gelähmt vom Feld getragen wird und Spieler wegen CTE Selbstmord begehen, da kann man meiner Meinung nach nicht guten Gewissens einen Funktionär in die HOF aufnehmen. Just my two Cents.

  7. Wenn ich mir Ben Baldwins Twitter von gestern so anschaue, dann scheint es auch bei Leuten im Kommitee einige Unstimmigkeiten/Unsicherheiten über Eli bis hin zu berechtigten Zweifeln zu geben. Die bösen Analytics klauen Eli die HOF wäre doch ein tolles Ding für Gettleman.

  8. Zum Thema Tyree in die HoF: natürlich haben auch andere Anteil am Erfolg einzelner Spieler. Das macht den Sport doch aus, das man als Team agieren und funktionieren muss. Brady und Belichick landen beide in der HoF, aber hätten Sie es auch ohne den Anderen geschafft? Oder wäre ein J. Bettis in der HoF, wenn er nicht die unglaubliche Story geschrieben hätte: erst zurückgetreten, dann doch das Comeback -> Super Bowl-Run und der Sieg in seiner Geburts- & Heimatstadt? Davon lebt die NFL von den Momenten und Geschichten, und anscheinend auch die HoF.

  9. Ich kenne die Geschichte mit den Chargers so, das der Manning Clan sich bei Ryan Leaf schlau machte und der kein gutes Haar an der Franchise ließ. Und da man sich sicher war, dass die Chargers eh Rivers draften würden, war man schon vor der Draft mit den Giants bereits handelseinig.
    Richtig ist, dass die Chargers natürlich sehr clever gehandelt haben, dann Manning zu draften, weil sie wussten, dass die Giants jeden Preis zahlen würden, um an „ihren“ QB zu kommen.

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