Senior Bowl 2020 – und wie ich NFL-Prospects „scoute“

Der NFL-Draft ist die größte NFL-Veranstaltung der NFL-Offseason, und er wirft schon jetzt – vor der Superbowl-Woche! – seine Schatten voraus.

Underclassmen

Vor ein paar Tagen endete z.B. die Meldeperiode für die „Underclassmen“ – jene jungen Athleten, die ihre letzten Jahre Spielberechtigung für College Football aufgeben um in der NFL schnell an das große Geld zu kommen. Heuer haben sich 99 solcher Talente zum Draft angemeldet – etwas weniger als in den letzten Jahren, aber unter ihnen sind einige der bekanntesten Draftees von 2020.

Die genauen Namen kann man auf der NFL.com Seite nachlesen, aber wen es interessiert: Die meisten seit Monaten gehandelten Namen sind mit dabei – ob QB Tua Tagovailoa und Jordan Love auf QB, D’Andre Swift und Clyde Edwards-Helaire auf RB, die Wide Receiver CeeDee Lamb, Jerry Jeudy, Tee Higgins, Henry Ruggs oder Lavishka Shenault, TE Thaddeus Moss, die Offensive Liner Andrew Thomas, Tristan Wirfs, Austin Jackson, die Edge-Rusher A.J. Epenesa, Chase Young oder Curtis Weaver, Linebacker/Safety Isaiah Simmons, die Cornerbacks Jeff Okudah oder C.J. Henderson sowie Superstar-Safety Grant Delpit. Unter diesen Namen sind zahlreiche angehende 1st Rounder.

Doch den Löwenanteil der „draft-eligible“ Spieler macht die Kaste der Jungspunde aus, die alle ihre vier (oder fünf) Jahre Spielberechtigung am College ausgeschöpft haben und als „Seniors“ in den NFL-Draft gehen.

Es sind die Spieler, für die die NFL schon diese ganze Woche lang ihr Sichtungscamp in Mobile/Alabama abhält – das morgen in der „Senior Bowl“ (Nacht auf Sonntag / 02h30 live im NFL Network) endet.

Senior Bowl

Die Senior-Bowl ist nicht das einzige dieser All-Star Auswahlspiele für Prospects, aber das mit Abstand bekannteste. In Insider-Kreisen ist es seit vielen Jahren ein Event von unschätzbarem Wert, was Networking und Meinungsaustausch angeht – viel mehr noch als die reine Beobachtung des morgigen Spiels und der Trainingseinheiten. Die Atmosphäre wird von langjährigen Besuchern wie Mike Tanier oder Matt Miller immer als recht relaxt bezeichnet, wie ein Urlaub mit Kumpels, bei dem man im Verhältnis 60/40 über Football und andere Dinge im Leben philosophiert.

Paar tausend Kilometer weiter östlich interessiert einen das Drum und Dran eher wenig, doch dass ich heuer zum ersten Mal seit vielen Jahren auf die Hahnenkammrennen in Kitzbühel verzichten muss, gibt mir die Möglichkeit, schon ein bisschen in Draftstimmung zu kommen und den einen oder anderen Prospect kurz anzuschneiden.

Früher waren Scouting-Einschätzungen zum Zeitpunkt der Senior Bowl Ende Jänner noch eine Rarität bzw. ein Zeichen von Freak-Accounts, doch 2020 leben wir im Zeitalter, in dem Pro Football Focus schon die Update-Version seines 348-seitigen Scouting-Booklets zu allen Prospects der Senior-Bowl (!) herausgegeben hat – wie wunderbar für Leute wie mich, die keine Zeit dafür aufbringen können, sich dutzende Tapes von dutzenden Prospects reinzuziehen.

Das bringt mich zu einer Leserfrage, die mir schon vor einiger Zeit gestellt wurde: „Deine Kommentare zum Scouting haben oft einen leicht abschätzigen Unterton. Nicht falsch verstehen, aber Du schreibst doch auch über die Draft, und da wollte ich mal wissen: Wie scoutest Du eigentlich Draftprospects?“ – Hier die Antwort.

Scouting à la korsakoff

Scouten besteht für mich aus drei Phasen – und jeder kann danach selbst bewerten, ob „Scouten“ dafür die richtige Vokabel ist:

#1 College Football schauen. Private Gründe verhindern, dass ich so viel College Football wie früher schaue, aber über die meisten Top-Prospects bekommt man auch beim bloßen Game-Tape schon einen relativ guten Eindruck. Superstars wie Chase Young oder CeeDee Lamb fallen sofort auf und brauchen kaum weiteres Studium.

Bei anderen Prospects – sagen wir Güteklasse Henry Ruggs oder Isaiah Simmons – muss man schon genauer hinschauen: Wie werden sie eingesetzt? Was sind ihre Stärken und Schwächen? Warum werden sie so eingesetzt?

Quarterbacks sind natürlich immer im Fokus – das Studium ihres Spiels braucht immer am meisten Zeit. Man sieht natürlich sofort, dass Burrow oder Tua die Gegner dominieren und eine Stufe über Herbert stehen, aber der Teufel steckt dann doch oft im Detail: Wie bewegt sich der QB in der Pocket? Ist er ohne Druck lückenlos oder wackelig? Wie hält er seine Augen, wenn die Pocket zusammenklappt? Wie scharf fliegen die Pässe raus? Und wie genau? Muss der Receiver Adjustments machen um den Ball zu kriegen oder legt ihn der QB schön auf die Brust? (Schlüsselerlebnis für mich dabei: 2013 Tadj Boyd und Sammy Watkins. Boyd galt lange als 1st oder 2nd Rounder. Beim Tape-Watch im Jänner fällt auf, dass Watkins bei fast jedem Target adjusten muss. Ich beginne mich ob Boyds hohem Standing zu wundern. Bis April war er in die 6te Runde gefallen) Und so weiter. QB-Evaluation ist am Ende des Tages der schwierigste Teil, auch wenn er im Game-Tape erstmal recht einfach aussieht.

Cornerbacks, generell Defensive Backs, sind im reinen Game-Film kaum zu bewerten. Es gibt Wiederholungen, in denen man auf sie achten und ihre Athletik einschätzen kann. Doch die Intelligenz ihres Verhaltens lässt sich anhand dessen kaum abschätzen. Runningbacks halte ich für zu abhängig vom Scheme, als dass ich sie sinnvoll in Kontext setzen kann – und Offense Line ist bei aller Liebe die letzte Position, auf die ich im Zuge eines Footballspiels achte. Klar ist: Man bekommt schnell ein Gefühl, ob eine Line funktioniert oder nicht. Doch wie gut ein Einzelner dort ist? Ohne Detailstudium nicht abschätzbar. Gerade bei Offensive Linemen bin ich daher sehr schnell beim zweiten Punkt.


#2 Scouting-Berichte lesen und Zahlenmaterial verwerten. Es gibt Leute, die versuchen das Tape möglichst unvoreingenommen zu schauen. Mit der Art, wie ich Football verfolge, ist das für mich längst unmöglich geworden. Ich habe schon Anfang November eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie der Draft aussehen wird. Die gängigen Namen sieht und hört man einfach zu oft.

Beispiel 2019: Vier Prospects in den Top-7 stehen ziemlich sicher fest: Burrow, Tagovailoa, DE Chase Young und CB Jeff Okudah. Dazu ein Wide Receiver wie Lamb oder Jeudy, ein 1B-Defense Star wie LB/S Simmons, vielleicht ein zweiter Edge-Rusher wie Epenesa – abhängig von der großen Wildcard QB Justin Herbert. Es mag noch die eine oder andere Überraschung geben, aber grosso modo sind die Namen schon früh bekannt.

Gerade seit PFF zu jedem Prospect seitenweise Datenmaterial und Scouting-Einschätzungen liefert, ist auch tiefstes Eintauchen in die Materie möglich ohne einen einzigen Snap wirklich selbst „gescoutet“ zu haben. PFF setzt eine Horde an Analysten auf die Spiele an – sie machen es besser, intensiver, strukturierter. Sie eliminieren damit auch den Bias besser, selbst wenn sie nicht in jeder Bewertung besser sind als der Common-Sense.

So zu ticken – mehr Daten zu analysieren als Football-Plays anzuschauen – mag ultimativ nerdig sein, weil es jedes Vorurteil von wegen „Sesselkleber“ anstatt von Football-Guy bedient. Doch für mich ist es der bessere Weg um in der mir verfügbaren Zeit zu dem zu kommen, was ich brauche: Nicht den einhunderttausendsten Scouting-Report zu Prospect X auf den Leser loszulassen. Sondern ein fundiertes Verständnis davon, welche Athleten sich im April am Drafttag tummeln. Ich habe schon gelernt: Auch wenn es manchmal besser wäre, sich selbst zu vertrauen – Draft ist letztlich das Fest der Weisheit der Vielen, und meine Augen trügen.

Meine beiden anderen großen Quellen sind seit Jahren Greg Cosell (Podcasts schon ab Februar) und Matt Waldman. Waldman schreibt vor allem über Skill-Player. Sein Scouting-Portfolio kommt immer um den 1. April raus und ist eine unbegreiflich tiefe Fundquelle. Sie eignet sich auch exzellent für Punkt 3.


#3 Ausgewählte Spieler en detail anschauen und mit Expertenmeinung und Daten abgleichen. Es sind 8, maximal 10 Spieler, die ich jedes Jahr wirklich im Detail anschaue. Es sind nicht immer die Top-Prospects. Meistens sind es die Top-Quarterbacks, vielleicht ein Mittelklasse-QBs, 1-3 Wide Receiver, 1-2 Offensive Liner, ein bissl Front-Seven sowie, wenn Tape-Material verfügbar ist, ein bissl Cornerback und Safety.

Bevorzugt schaue ich abseits der Quarterbacks die „umstrittenen“ Prospects an – wie letztes Jahr DK Metcalf, 2018 Marcus Davenport. 2011 war es z.B. Aldon Smith, 2014 OBJ, 2015 Marcus Peters. 2017 war mit 350 und mehr Monatsstunden auf der Arbeit der einzige Draft, bei dem ich quasi blind reingegangen bin – ich hatte noch nichtmal einen Snap von Mahomes gesehen.

Doch diese umstrittenen Prospects geben mir die Gelegenheit zu verstehen wie die verschiedenen Welten ticken – und wie ich ticke. Ich bin mir bewusst, dass ich mit meinem „Vorwissen“ nicht unvoreingenommen bin und nicht immer eine „ehrliche“ Einschätzung gebe. Aber ich muss das auch nicht. Dafür hatte ich immer wieder die Aha-Erlebnisse, die Momente, in denen man beginnt zu verstehen, warum Prospect X so gut oder schlecht wegkommt.

Doch vor allem gibt mir Punkt 3 die Chancen, weiter über Football zu lernen. Ich kann kein Tape schauen und mit 100%igem Selbstvertrauen behaupten, dass ich das „richtige“ studiere. Ich brauche Anleitung bzw. Feedback. Waldman z.B. notiert jeden kleinsten Scheiß aus jedem Spiel. Ich lese mir das nach Ende eines Tapes durch: Wie hat er es gesehen? Warum habe ich es anders gesehen? Was habe ich übersehen? War vielleicht doch er falsch? Muss überhaupt jemand falsch sein? Intensiv zu scouten ist eine Heidenarbeit – aber es ist lehrreich, umso mehr, wenn es sowas wie „geführtes“ Scouting ist. Für mich allemal lehrreicher als mir unkommentiert Videos von 100 verschiedenen Prospects anzuschauen.

Also: Phase 1 – Vergnügen am College Football mit ein bisschen NFL im Hinterkopf. Phase 2 – Lernen über die einzelnen Prospects. Phase 3 – Lernen über Football im Allgemeinen. Ich fahre damit perfekt.

Watt sonst noch?

Kollegen handeln das anders.

Wer es auf Deutsch haben will, der hat Glück, denn Leute wie die Kollegen Schimmel/John von DerDraft.de, der auf diesem Blog einschlägig bekannte Jan Weckwerth (@tripleoption) oder aber ab Mitte März dann auch Adrian Franke von SPOX leisten ganze Arbeit und stehen in Qualität und Quantität auch den besseren US-Seiten in nicht viel nach. Wer es zum Draft also in der Muttersprache haben, der ist bei diesen Quellen am richtigen Ort.

Mein Fokus ist schon immer ein anderer gewesen: Möglichst viel über die Prospects lernen, etwas Neues über den Sport im Allgemeinen lernen – und dann natürlich das ganze Drumherum: Wie bauen Franchises ihre Mannschaften, welche Positionen priorisieren sie in Free-Agency und welche Moves machen sie am Draft-Tag? Der Draft ist der Event des Individuums – aber auch des Team-Buildings. Hier werden die Fundamente zukünftiger dominanter Teams gelegt – und weil es nach wie vor trotz Unmengen an Daten und Informationen weiterhin beachtliche Fehlerquoten in der Evaluation von Prospects gibt, spielt dabei unser bester Freund, der Zufall, eben auch wieder eine mächtige Rolle. Es gilt also, mit dem Problem der Unsicherheit umzugehen. Diese ganzen Entscheidungen unter Ungewissheit sind eines meiner Lieblingsthemen.

9 Kommentare zu “Senior Bowl 2020 – und wie ich NFL-Prospects „scoute“

  1. Alle schreiben immer von “ Tapes “ studieren.
    Wir bekomme ich denn solche Tapes der einzelnen Spieler her ?
    Gruß

  2. @Heismanberg: Youtube. Allerdings viel nur Game Tapes, keine All-22. Insbesondere Defensive Backs sind dabei aber nur schwierig bewertbar bei allem, was über ihre athletischen Fähigkeiten hinaus geht. Selbst die sind schwierig.

  3. Scouting hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt und ist jetzt zu einer datenbasierten Wissenschaft geworden. Würde man Tom Brady heute deutlich früher ziehen?
    (oder sind die quantifizierbaren Daten nicht das, was Brady so besonders macht?)

    PS: 350 Monatsstunden? Du hast ganz offensichtlich den Job, den Du liebst. Hut ab.

  4. „Würde man Tom Brady heute deutlich früher ziehen?
    (oder sind die quantifizierbaren Daten nicht das, was Brady so besonders macht?)“

    Das ist eine interessante Frage, der ich gleich noch eine anschließen würde!
    Re-evaluiert jemand vergangene Scoutings von Spielern (siehe Brady), um evtl. darauf bessere Scouting-Mechanismen zu entwerfen?
    War der Tape-Brady überhaupt der selbe Brady, den man 2000, respektive 2001, auf dem Feld in der NFL sah?

  5. Pingback: Kurze Senior-Bowl 2020 Vorschau | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern (bzw. ob überhaupt) Scouting-Abteilungen sich hinterher hinterfragen.

    PFF z.B. hat ein Rahmenwerk entworfen, wie man College-Prospects auf die NFL übertragen kann. Ein paar Erkenntnisse von ihnen aus dem Datenmaterial von bislang 5-6 Jahren:

    1. College-Performance ist wichtiger als das „Trait-Scouting“. Die Grades haben eine bessere Korrelation zur künftigen NFL-Production als das Scouting nach Maßen & Attributen – natürlich immer erst, nachdem man bereits eine Vorauswahl getroffen hat.

    2. Bei O-Line ist Pass-Blocking wesentlich besser übertragbar als Run-Blocking. Überhaupt ist O-Line Play eine der Positionen, die sich am besten von College auf NFL übertragen lassen.

    3. O-Line Scouting ist einfacher als D-Line Scouting. D-Line Scouting ist wesentlich besser als Secondary-Scouting.

    4. Auf Runningback sind prinzipiell nur Prospects, die gut den Ball fangen können, relevant. Alle anderen sind austauschbar.

    5. Bei QBs ist Accuracy der Teil, der sich am besten vom College auf NFL übertragen lässt. Was aktuell mit QBs wie Lamar Jackson aber wieder stärker in Frage kommt: Ist Accuracy überhaupt wichtig?

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