Kurze Senior-Bowl 2020 Vorschau

Gestern habe ich beschrieben, was der ganze NFL-Draft-Scouting-Prozess für mich bedeutet. Heute kommen wir zu einem konkreteren Thema: Der „Senior Bowl“, die in der Nacht ab 2h30 im NFL-Network übertragen wird.

Die Senior-Bowl ist das wichtigste All-Star Auswahlspiel mit den bekanntesten eingeladenen Prospects. Sie alle sind „Seniors“ – Studenten, deren Spielberechtigung am College ausgelaufen ist. Sie hatten in der abgelaufenen Woche die Gelegenheit, sich unter Anleitung von professionellen Trainern einer Horde an Scouts zu präsentieren. Die Trainerstäbe, die die Senior Bowl heuer coachen: Matt Patricia/Detroit Lions und Zac Taylor/Cincinnati Bengals. (Okay, „professionell“ versehen wir bei den beiden mal mit einem Sternchen).

Der große Abwesende – Zwar ist just der designierte #1 Pick im Draft, QB Joe Burrow, der Einladung nach Mobile/Alabama nicht gefolgt, obwohl dort sein mutmaßlich künftiger Coach in Taylor trainiert. Aber alle Beobachter scheinen Burrows Entscheidung zu verstehen – und einige sogar zu goutieren, haben so schließlich andere Prospects eine Chance sich in gutes Licht zu rücken.

Alle betonen immer wieder: Das Spiel ist nicht das wichtigste. Die meisten Spieler bekommen eh nur knapp mehr als eine Handvoll Snaps. Viel entscheidender seien die Traininseinheiten, die Coaches und Scouts viele Impressionen aus erster Hand liefern können – und das Networking nebenher. Trotzdem gibt es immer wieder Prospects, deren hohes Draft-Standing mit der Senior-Bowl einen entscheidenden Abschub bekommt – z.B. letztes Jahr mit QB Daniel Jones so passiert. Giants-GM Gettleman brauchte nach eigener Aussage nur eine Handvoll Würfe aus Jones‘ Handgelenk um zu sehen, dass alle anderen ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten und dass Jones den #6 Pick locker wert sei.

Jetzt also Ausgabe 2020. Die Teams spielen in „Team Nord“ gegen „Team Süd“, aber die Mannschaftszuordnung tut eigentlich nix zur Sache. Wichtiger sind die Prospects im Einzelnen. Hier mal eine kurze Einordnung.

Quarterbacks

Justin Herbert / Oregon (memo to me: Justin, nicht Patrick Herbert). Ein prototypisch gebauter, mobiler QB, der aber 2019 keinen richtigen Schritt nach vorn gemacht hat und in seinen beiden Jahren als Stamm-QB 2018 und 2019 nach EPA/Play Effizienz-Werte einfuhr, die weit von jenen eines Burrow oder Tua entfernt waren. Herbert hat einen Mega-Arm und gilt als guter Downfield-Passer, durfte das bei Oregon aber nur selten zeigen. Dafür ist er wackeliger Kurzpasser und hat ernste Fumble-Probleme. Gilt dennoch als sicherer 1st Rounder.

Jalen Hurts / Oklahoma. Der Mann mit der besonderen Vita. Hurts galt vor gar nicht langer Zeit als Lichtjahre von der NFL entfernt, doch er hat sich als Werfer massiv weiterentwickelt und gilt jetzt zumindest als „draft-bar“. Hurts ist ein großartiger Runner – und es gibt heute Teams, die wissen sowas einzusetzen. Dafür zeigte nicht zuletzt das Semifinale gegen LSU, dass er nach wie vor total unsichere Pocket-Präsenz hat. Ich habe schon davon gelesen, dass er einen 2nd oder 3rd Round Pick wert sein könnte – sehe es aber nicht. Eher so 5te oder 6te Runde.

Jordan Love / Utah State. Letzten Sommer als Dark-Horse gehypt, aber Love hat ein furchtbares Jahr gespielt – und es hat alle damit überrascht, dass er in den Draft geht. Er war kein Senior, ist aber aber zur Senior-Bowl als „Redshirt-Junior“ eingeladen worden (hat 4 Jahre College hinter sich, hätte aber noch ein fünftes spielen können). Das Problem für Love 2019: Er spielt in einer kaputten Offense. Er gilt als gutes Arm-Talent und ist wirklich präzise auf den Intermediate-Distanzen zwischen 10 und 20 Yards downfield. Hat aber brutale Probleme unter Pressure und überzieht gerne mal, wenn er sich genötigt fühlt, „ein Play zu machen“. Manche sehen ihn dennoch als Mid-Rounder um 3te bis 4te Runde.

Shea Patterson / Michigan. 20 Jahre nachdem Michigan-QB Tom Brady in die 6te Runde fiel ist mit Patterson mal wieder ein QB von den Wolverines dabei. Patterson wurde lange gehypt, weil er ein hoher Recruit war. Doch seine Zeit an zwei Colleges – Ole Miss und Michigan – war enttäuschend. Er gilt vor allem als nicht entscheidungsfreudig genug und zaudert zu lange mit dem Ball in der Hand.

Alle diese Quarterbacks sollen in den Trainingseinheiten die Eindrücke aus der Saison von ihnen bestätigt haben.

Wide Receiver

WR Brandon Aiyuk / Arizona State. Ein bislang recht unbekannter Name, bei PFF aber als möglicher 1st oder 2nd Rounder angepriesen. Er gilt als super-explosiv und Deep-Threat, hat aber gefährlich unsichere Ball-Hände und ist so physisch wie Pringles.

WR Collin Johnson / Texas war über Jahre ein bekannter Name, weil er bei einem großen College in Texas gespielt hat. Aber seine Draft-Aussichten gelten als nur mittelmäßig. Er ist natürlich ein Hüne und in der Erscheinung physisch, doch das zeigte sich am Feld nur selten. Die größte Gefahr bei ihm ist, dass er sich nicht aus Press-Coverage lösen kann und schon an der Anspiellinie Probleme bekommen wird.

WR Jauan Jennings / Tennessee ist ein besserer Prospect. Er war lange QB und gilt als ziemlich mobiler Typ, wenn auch für die Receiver-Position noch eher ungeschliffen. Bei him werden sie die Fragen um seinen „Release von der Line of Scrimmage“ drehen. Möglicherweise 2te-4te Runde.

Das nur als Überblick. Durchaus gespannt bin ich auch auf WR K.J. Hill aus dem sensationellen Ohio-State Receiving-Corps: Hills Draft-Aktien gelten momentan als eher dürftig („mid round pick“), aber in der OSU-Offense war er einer der Receiver mit der höchsten Quote an freigelaufenen Routen. War das Produkt des Offense-Schemes oder war es individuelle Klasse Hills?

Alle diese Receiver sollten starke Performances ablegen, denn die Cornerback-Klasse in dieser Senior Bowl gilt als unterirdisch.

Weitere Top-Prospects

Ein paar weitere Prospects aus der Senior Bowl mit möglichen 1st oder 2nd Round-Aussichten:

OT Trey Adams von Washington ist mir in den letzten Jahren immer wieder als „Cornerstone“ der Huskies-OL untergekommen. Doch er hatte zahlreiche auch schwere Verletzungsprobleme und galt dann letztlich nie mehr als ein Blocker, der wirklich gute Pass-Rusher kontrollieren könnte. Day3 pick.

OT Josh Jones von Houston gilt als Sleeper auf 1te oder 2te Runde. Der Name ist mir ziemlich neu. Er war aber vier Jahre lang Starter in Houston. Er gilt als technisch noch stark ausbaufähig, hat am College aber schon inferiore Konkurrenz total dominiert und scheint zumindest keine offensichtlichen Schwächen zu haben.

EDGE Terrell Lewis / Alabama. Seit langem ein bekannter Pass-Rusher, der bei Alabama aber nie sein ganzes Potenzial ausschöpfte u.a. wegen einer langen Verletzungshistorie. Hat in 4 Jahren am College keine 700 Snaps gespielt – das ist weniger als eine volle Spielzeit! Lewis‘ Aufgabe in den nächsten Monaten wird sein, den Scouts irgendein Attribut anzubieten, das zeigt: „Ich kann auch gegen gute Tackles 1-vs-1 gewinnen!“ Momentan geht ihm dieses eine Verkaufsargument ab. So scheint eher eher Mid-Rounder zu werden.

S Terrell Burgess, ein Defensive Back, der bei Utah am College vieles gespielt hat, von Box-Safety bis Free Safety bis Slot-Cornerback und auch als Blitzer. Er gilt als hervorragender Manndecker, bei dem sich die Scouts aktuell aber nicht einig sind ob er wirklich eher ein Safety oder Cornerback ist: Er hat nur ein Jahr am College gespielt und ist eher schmächtig gebaut. PFF vergleicht ihn mit San Franciscos Jimmy Ward – aber bei solchen nicht klar zuordenbaren „Tweenern“ ist immer Vorsicht geboten: Verschiedene NFL-Teams bewerten solche Vielseitigkeit oft sehr unterschiedlich.

Etwas „sicherer“ ist S Ashtyn Davis von Cal: Ähnlich schmächtig, aber mit mehr Erfahrung. Bei ihm sind sich die Scouts etwas einiger: Single-High Safety mit ausbaufähigem Run-Tackling.

Die nicht mehr dabei sind

DT Javon Kinlaw von South Carolina war schon länger bekannt als exzellenter Interior-Passrusher. Er ist brutal explosiv, auch wenn er mit seiner immensen Größe wie 6‘6 und 303 Pfund nicht unbedingt so aussieht. Ich lese eigentlich überall von 1st Round Potenzial, wenn nicht sogar Mitte 1te Runde.

Kinlaw trat überraschend trotz seines hohen Status die Reise nach Mobile an – doch nach ein paar dominanten Trainingseinheiten verabschiedete er sich wieder: Kein Risiko, Verletzungen einzugehen. CB Kristian Fulton von LSU, auch ein Senior, reist dagegen erst gar nicht an.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.