Buchsport: American Football – Die größten Legenden (Adrian Franke)

Heute ist Pro-Bowl – das Spiel für die All-Stars der NFL-Saison 2019/20. Die größten Stars der NFL-Geschichte gibt es woanders – z.B. im neuen Buch von Adrian Franke: American Football – Die größten Legenden. Porträts, Geschichten und Skandale der NFL. Ich habe das Buch gelesen.

Es dürfte sich auch unter meinen Lesern herumgesprochen haben, dass der Content von Adrian Franke zum Football sehr, sehr brauchbar ist – sei es als NFL-Verantwortlicher bei Spox, als Kommentator bei DAZN oder eben als Buchautor. Schon sein Erstlingswerk „American Football – Alles, was man wissen muss“ bleibt eine Empfehlung für Neueinsteiger wie für Fortgeschrittene, weil es den Spagat schafft für beide Zielgruppen brauchbare Informationen zu liefern.

Das zweite Buch „Die größten Legenden“ fokussiert ich auf einen gänzlich anderen Bereich: Große NFL-Spieler aus der Vergangenheit. In jeweils rund 20 Seiten werden insgesamt 16 mittlerweile nicht mehr aktive Stars der NFL-Geschichte vorgestellt – es sind die ganz großen Namen:

  • QB Brett Favre
  • QB Joe Montana
  • QB Otto Graham
  • OLB Lawrence Taylor
  • RB Walter Payton
  • QB Joe Namath
  • QB Bart Starr
  • RB Jim Brown
  • QB Johnny Unitas
  • RB Barry Sanders
  • QB Roger Staubach
  • RB O.J. Simpson
  • CB Deion Sanders
  • QB Dan Marino
  • WR Jerry Rice
  • QB Peyton Manning

Und es erging mir ähnlich wie bei Frankes erstem Buch: Trotz viel Vorwissen gab es einiges neues. Natürlich kennt man alle diese Namen, wenn man sich 15 Jahre lang mit der NFL beschäftigt hat. Dass Brett Favre ein epischer, aber medikamentensüchtiger Gunslinger war, der Womenizer Joe Namath die Superbowl-„Garantie“ aussprach, Rice der GOAT oder Taylor als einer der revolutionärsten Verteidiger der NFL ein wandelndes Drogenproblem war. Oder O.J. Simpson mit seiner Mordgeschichte inklusive Verfolgungsjagd am Tag der Fußball-WM Eröffnung 1994, Johnny Unitas als kultisch verehrter Quarterback-Halbgott, Montana und Marino als die beiden QB-Legenden der 1980er und frühen 1990er.

Doch das Buch addiert über diese bekannten Fakten hinaus zahlreiche Facetten individueller, aber auch zeitgeschichtlicher Natur und malt somit ein durchaus differenziertes Bild dieser Persönlichkeiten – in sehr komprimierter, knackiger Form.

Graham zum Beispiel ist heute eine fast vergessene Quarterback-Figur, die in den späten Vierzigern und Fünfzigern die NFL in die Moderne führte – u.a. mit der revolutionären T-Formation. Unitas machte den Quarterback endgültig zur zentralen Figur im professionellen Football – sein Auftritt im unvergessenen NFL-Finale 1958 („Greatest Game of all Time“) half entscheidend mit, die NFL aus ihrem Mauerblümchendasein zum US-Sport #1 hochzuhieven.

Brown wird oft genannt, wenn es um den größten Runningback aller Zeiten geht – doch er war mehr. Er war der erste schwarze Superstar – die Ressentiments der damaligen Zeit sind ein zentrales Thema in seiner Kurz-Bio, die neben sportlichen Höchstleistungen auch zahlreiche persönliche Fehltritte umfasst.

„Fehltritt“ ist bei O.J. Simpson mit seiner Mordgeschichte von 1994 wohl begrifflich zu kurz gegriffen – doch vor diesem Einschnitt war Simpson der erste wirklich auch in der weißen Oberschicht akzeptierte Schwarze, der alle Vorwände von wegen Hautfarbe überwand.

Taylor („L.T.“) war der berühmteste Verteidiger seiner Zeit, und er gilt bis heute als Prototyp für den modernen Pass-Rusher, doch er war auf und abseits des Platzes so ungezügelt, dass es einem Wunder gleicht wenn man ihn heute wieder oberhalb von „körperliches Wrack“ in der NFL-100 Show sehen kann.

„Prime Time“ Sanders dagegen war das Multitalent schlechthin – Football, Baseball, Rapper, TV-Star, aber dass er auch einen Selbstmordversuch hinter sich hat, war mir bislang unbekannt. Heute scheint er gerade bei jungen schwarzen Sportlern einen besonderen Zugang als Interviewer zu finden. Dagegen ist Barry Sanders eigentlich die Hölle für einen noch so kurzen Text: Als Spieler so elektrisierend, dass er in Worten nicht zu beschreiben ist – aber außerhalb der Stadien so langweilig wie Joe-Average: Ein Haus, zwei Kinder, eine Garage, zwei Autos.

„Average“ trifft für „Joe-Cool“ nicht zu: Montana arbeitete sich vom physisch unauffälligen Werfer zu einem der größten Quarterbacks aller Zeiten hoch – und hatte dabei das Glück, genau in der Zeit als die „West Coast Offense“ entwickelt wurde, nach San Francisco zu kommen. Oder hatte 49ers-Coach Bill Walsh das Glück, dass ausgerechnet dann Montana kam? Henne oder Ei – die erfolgreichsten Dynastien waren immer Produkt von beiden: Große Spieler, die durch die Rahmenbedingungen noch größer wurden und am Ende auch das System, das sie große gemacht hat, noch einmal verbesserten.

Auf jeden Fall überwand Montana die Hopp-oder-Topp QBs der Sechziger und Siebziger und legte mit seinem horizontalen Kurzpassspiel entscheidende Grundlagen dafür, dass der Pass gegenüber dem Laufspiel heute eine dermaßen übergeordnete Rolle spielt. Nachdem Montanas 49ers 1984 mit 15-1 Bilanz als die Superbowl gewannen, drafteten sie WR Jerry Rice ins Team – und verstärkten eines der besten Teams aller Zeiten um den besten Receiver aller Zeiten. Bei Rice, schon in Kindesalter als Maurer ein harter Arbeiter, stellt das Buch einen sehr speziellen Antrieb zu Perfektion in den Mittelpunkt: Die Angst.

Angst war etwas, das Favre (zumindest in seinem Spiel) nicht kannte: Er war der rücksichtsloseste QB-Gunslinger aller Zeiten. Aber so aufregend Favre als Spieler war – als Typ war er vermutlich noch besser, und so ist das Favre-Kapitel helle Freude: 35 Seiten über einen der beliebtesten NFL-Spieler ever, der alle Höhen und Tiefen mitgemacht hat und dem man by the way noch heute sehr gern zuhört.

Marino dagegen war als Quarterback perfekter als Favre und mutmaßlich auch als Montana – doch er blieb als einziger der ganze großen QBs im NFL-Pantheon ohne NFL-Titel. Warum das dennoch keine Tragödie ist? Kann man nachlesen. Nach all diesen Größen kam aber 1998 Peyton Manning in die NFL, und er läutete ein ganz neues Zeitalter in der NFL-Geschichte ein: Die total Quarterback-getriebene Offense im neuen Jahrtausend.

Mit Manning hört das Buch dann auch auf – also keine lange Abhandlung der Rivalität mit Tom Brady und den Patriots, die den Großteil der letzten 20 Jahre NFL geprägt haben. Doch ein Manning im letzten Kapitel und ein gar nicht vorkommende Brady würden sich eventuell eignen für eine Fortsetzung – falls sich das Format bewährt. Ich bin gespannt, wie das Buch auf dem Markt ankommt, denn das Thema ist relativ speziell.

Aber ich fand es lesenswert. Es gibt ein paar Unsauberkeiten wie die Erwähnung, dass Simpson in den 70ern 160 Yards gegen die erst in den Neunzigern gegründeten Ravens erlief, doch sie trüben nicht den Gesamteindruck. Die Storys sind exzellent recherchiert in mehr als 20 Quellen und bieten viel Futter für alle, die auch über das Footballfeld hinaus etwas wissen wollen über diese großen Figuren aus den NFL-Annalen, die Entscheidendes auf dem Weg vom American Football nach oben zur wichtigsten US-Sportart geleistet haben.

Natürlich an der Stelle auch ein Disclaimer: Der Autor hat mir das Buch zur Leseprobe zugeschickt. Ich hätte es auch ohne gekauft und gelesen – und würde auch ohne die Kaufempfehlung aussprechen, die ich hiermit ausspreche.

Unbezahlte Schleichwerbung zum Schluss: Zu kaufen gibt es das Buch u.a. bei Amazon oder direkt beim Verlag.

4 Kommentare zu “Buchsport: American Football – Die größten Legenden (Adrian Franke)

  1. Danke für den Tip.
    Funk fact: Aus der Sicht des Fans der Cleveland Browns: .-)
    hat er gut ausgewählt… 2 mal Browns aber kein Steeler und erst recht kein Raven.

    Nein im Ernst, es gab sehr viele TOP Spieler in den ganzen Jahrzehnten, alle kann man nicht behandeln und es ist schwer hier zu entscheiden wer ins Buch rein kommt und wer nicht.

  2. Danke für den Tip.
    Fun fact: Aus der Sicht des Fans der Cleveland Browns: .-)
    hat er gut ausgewählt… 2 mal Browns aber kein Steeler und erst recht kein Raven.

    Nein im Ernst, es gab sehr viele TOP Spieler in den ganzen Jahrzehnten, alle kann man nicht behandeln und es ist schwer hier zu entscheiden wer ins Buch rein kommt und wer nicht.

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