Superbowl 2020 Preview: Wechselbad der Gefühle für die San Francisco 49ers und ihre Protagonisten

Die Kansas City Chiefs haben Pat Mahomes und Andy Reid und waren schon letztes Jahr nur Kleinigkeiten von der Endspiel-Qualifikation entfernt. Die San Francisco 49ers sind der überraschendere der beiden Superbowl-Teilnehmer 2020. Die Franchise und ihre Protagonisten haben viel durchgemacht.

Dabei sind die 49ers eine der erfolgreichsten Franchises der NFL-Geschichte – insbesondere der Superbowl-Ära: Sie haben in sechs Superbowl-Teilnahmen fünf Lombardi-Trophys gewonnen und die Liga mit ihrem in den 1980ern entwickelten Kurzpassspiel der „West Coast Offense“ revolutioniert.

Sie haben mit QB Joe Montana, Head Coach Bill Walsh, WR Jerry Rice oder QB Steve Young über die Epochen hinaus berühmte Figuren der Footballgeschichte auf die Bühne gebracht, und die Einflüsse der West Coast Offense sind bis heute in allen Playbooks moderner NFL-Offenses ersichtlich. Ein Beispiel? Auch Andy Reid, der Coach des Finalgegners am Sonntag, erlernte sein Football-Handwerk in einer der vielen West-Coast Abspaltungen.

Bevor Reid im Jahr 1999 Headcoach der Philadelphia Eagles wurde, diente er jahrelang als QB-Coach der Green Bay Packers unter Mike Holmgren. Jener Holmgren war bis 1991 der Offensive Coordinator der 49ers gewesen und 1992 Headcoach der Packers geworden. Sein Nachfolger in San Francisco war der bei Raiders und Broncos gescheiterte Mike Shanahan, der in drei Jahren als Niners-OffCoord seinen Ruf wiederherstellte und sich hernach erneut nach Denver aufmachte um mit seiner „Wide Zone“-Rushing Offense Ende der 1990er zwei Superbowls zu gewinnen.

Mike Shanahan ist der Vater von Kyle Shanahan, dem Head Coach der 49ers von 2020. So gehören diese ganzen Jungs alle zusammen! Sie entstammen ursprünglich alle der gleichen Idee. Sie haben diese eine Idee – „West Coast Offense“ – aber alle auf ihre eigene Art und Weise weiterentwickelt und mit unterschiedlichen neuen Elementen angereichert.

49ers im letzten Jahrzehnt

Die 49ers standen im letzten Jahrzehnt schon einmal in einer Superbowl: 2012/13, als sie beim „Stromaufalls-Superbowl“ in New Orleans trotz großer Aufholjagd knapp 31-34 gegen die Baltimore Ravens verloren. Es war der größte „Erfolg“ in der kurzen, aber intensiven Amtszeit von Head Coach Jim Harbaugh.

Die Niners von 2011 – 2013 waren eine der prägenden Mannschaften des letzten Jahrzehnts: Eine ultra-physische Mannschaft, über den Draft als knackige Defense mit Run-lastiger Offense zusammengestellte Unit, die ihr ganzes Offensiv-Potenzial in dem Moment abrufen konnte, als QB Colin Kaepernick eingewechselt wurde und mit der „Read-Option“ die NFL komplett überrumpelte – eine Vorgängerin der heute gängigen Run/Pass Options (RPO).

Kaepernick ist wegen seines Protests gegen die Ungleichbehandlung von Schwarzen heute eine kontroverse Figur in der US-Kultur und sowas wie der verstoßene Sohn der NFL, aber er war für zwei Jahre auch sportlich eine Sensations-Erscheinung in der NFL: Extrem laufstark und gesegnet mit einem raketenscharfen Wurfarm.

Die 49ers waren so dominant, dass sie dreimal in Folge im NFC-Finale standen. Das dritte davon war das prägendste: Im Jänner 2014 fälschte CB Richard Sherman in der letzten Minute einen tiefen Kaepernick-Pass zur Interception ab – es war das „Sorry Receiver“-Spiel, in dem Sherman Sekunden nach Spielende bei FOX für jenes ikonische Interview sorgte, das vielleicht den US-Sportmoment des Jahrzehnts darstellt:

Jene Niederlage war auch der Anfang vom Ende der Jim-Harbaugh-49ers. Harbaugh, schon von Natur aus kein einfacher Typ, zerstritt sich intern mit GM Trent Baalke – Hauptstreitpunkt „wer hat größeren Anteil am Erfolg?“, was in einer mauen Saison 2014 und der Entlassung / Trennung von Harbaugh Anfang 2015 mündete. Die Selbstzerstörung der 49ers hatte damit aber erst begonnen.

2015 coachte ein komplett überforderter Jim Tomsula die 49ers – die Folge war eine Rücktrittswelle im Team sowie eine 5-11 Bilanz. Tomsula war nur ein Jahr später wieder weg.

2016 übernahm Chip Kelly den ausgebluteten Kader – und weil Kelly auch in seinem vierten Jahr als NFL-Coach kein einziges Adjustment an seiner längst durchschauten Offense vornahm, endete die Saison in 2-14 Bilanz. Nur „dank“ Kaepernicks Hymnenprotests interessierte sich kein Schwein für diese sportliche Talfahrt.

Dennoch gab es kein Herumdrucksen – im Jänner 2017 waren die 49ers am Tiefpunkt angekommen: Innerhalb von nur drei Jahren einen Superbowl-reifen Kader an die Wand gefahren, drei Coaches in drei Jahren verschlissen und intern total zerstritten. Owner Jed York drückte endgültig den Reset-Button und feuerte – endlich, möchte man meinen – den indisponierten GM Baalke.

Der Messias

Auftritt Kyle Shanahan. Shanahan war seit bestimmt zehn Jahren eine der hoffnungsvollen Figuren auf dem Markt für Offense-Coaches. Als Mike Shanahans Sohn hatte er natürlich einen kleinen Startvorteil, weil er in sämtliche Geheimnisse des erfolgreichen Wide-Zone Laufspiels eingeweiht war, das um die Jahrtausendwende die unbekannten 1000-Yards Rushers gleich in Serie ausspuckte und damit das heute berüchtigte Mantra von wegen „Runningbacks don’t matter“ begründete:

  • Terrell Davis
  • Orlandis Gary
  • Mike Andersen
  • Clinton Portis

Alles völlig unbekannte Runningbacks, die aus dem Nichts die Liga überliefen. Einige wie Davis oder Portis waren zweifellos gute Einzelkönnen, doch die Basis für den Erfolg legte das System selbst: Alex Gibbs‘ Zone-Blocking, das erstmal nicht downfield die Gaps freiblockte, sondern die Defense horizontal auseinanderzog und damit freie Räume für die Runningbacks freiblockte – die Ballträger mussten „nur noch“ im richtigen Moment downfield abbiegen.

En Detail habe ich schon im Oktober über dieses System geschrieben:

„Zone Running“ bedeutet erstmal nix anderes, als dass die Offensive Liner nicht per se einen direkten Gegenspieler blocken, sondern sich ihren Gegenspieler in einer Zone suchen. Das klingt dramatischer als es ist, denn in vielen Fällen ist dieser Gegenspieler schon vor dem Snap klar – denn er stellt sich häufig direkt vor dem Gesichtsgitter des Blockers auf.

Der Offensive Liner muss also vor dem Snap nur denken „ist der Gegenspieler schon klar oder ist er noch nicht so klar?“ Nach dem Snap bewegt sich die gesamte Offensive Line horizontal in die Richtung, in die der Spielzug designt wurde – nach links oder nach rechts. Weil es häufig nur vier D-Liner, aber 5 O-Liner (plus evtl. Tight End) an der Anspiellinie gibt, kommt es häufig zu einem Double-Team (zwei Blocker gegen einen Verteidiger) an der Anspiellinie (weil sich der „freie“ Blocker einen Gegenspieler „sucht“) – das von kurzer Dauer ist, denn für einen der beiden Blocker geht es sofort downfield um den nächsten freien Linebacker auszuschalten (2nd level blocking).

Beim Outside-Zone Spielzug versuchen die Offensive Liner, so schnell es geht nach „draußen“ an die Flanken zu kommen um die Verteidiger innen zu halten – denn der Runningback soll idealerweise „in space“ draußen um die Offensive Line herum laufen.

Ist der Offense Liner aber zu langsam bzw. der Verteidiger zu schnell in seiner Bewegung nach draußen (Verteidigung will natürlich die Flanken sichern), so ist der Offense Liner angewiesen, den Verteidiger so weit es geht nach draußen zu schuben – der Runningback biegt in solchen Fällen dann nach innen ab, wo idealerweise die Lücke nun entsteht („cut-back“).

Inside-Zone fungiert als Gegenstück zu Outside-Zone: Ist die Verteidigung zu schnell in ihrer Bewegung nach draußen, so kontert die Offense, indem ihre Offense Liner versuchen, Raum zwischen Guard und Tackle Raum freizublocken. Beim Inside-Zone gibt es viele verschiedene Techniken und zehntausend Details, die jeder Coach ein wenig anders sieht – prinzipiell hat der Runningback aber das Ziel, entlang der „äußeren“ Hüfte des Guard vorbeizuschlüpfen.

Datt war nun sehr simpel und auch nur die Makro-Sicht auf Zone-Running. Es gibt Dutzende, ja Hunderte, Basic-Videos auf Youtube. Du kannst mit Coaches diskutieren und sie werden dir Zillionen Details erklären, die dich schnell ermüden, da es jeder ein klein wenig anders hält mit der „richtigen“ Auslegung seiner Zone-Running Spielzüge.

So auch Sean McVay und Kyle Shanahan. Für beide ist Outside-Zone Running die Basis ihrer Offense, doch McVay liebt es, sie aus 11-Personnel zu spielen (also mit 1 RB, 1 TE und 3 WR – Vorteil: Wenige Box-Defender), während Shanahan sie prinzipiell aus 21-Personnel (2 RB, 1 TE, 2 WR) designt – mit einem Fullback.

Shanahan hat oft erklärt, für wie wichtig er seinen Fullback in seiner Offense hält – zuletzt während der NFL Combine:

Kyle bekam seine ersten Jobs als NFL-Coordinator bereits vor seinem 30ten Geburtstag: 2008 in Houston, dann 2010 als OC unter seinem Vater Mike bei den Washington Redskins. Natürlich mussten sie mit Kritik der Vetternwirtschaft leben – doch als die Redskins-Offense 2012 mit dem atemberaubenden Rookie-QB Robert Griffin III aus allen Rohren feuerte, waren diese Rufe allesamt erstmal verstummt.

RG3s Stern sank nach schweren Verletzungen und internen Problemen allerdings schnell, und so wechselte Shanahan nach der Entlassung von Daddy Mike 2014 zu den Cleveland Browns, wo er den nächsten ex-Heisman-QB vorgesetzt bekam: Johnny Manziel. Der war als Liebling von Owner Haslam in die NFL gekommen – doch Shanahan erkannte schnell die Nutzlosigkeit Manziels, der lieber feierte als NFL-Defenses zu studieren und damit total unvorbereitet für seine Aufgaben als QB war.

Unter diesen Voraussetzungen war die Browns-Offense von 2014 gar keine solche Katastrophe: #22 nach DVOA mit einem Starting-QB Brian Hoyer für 13 Spiele. Shanahan musste trotzdem nach nur einer Saison gehen, weil er nicht auf Manziel bauen wollte.


Er wechselte nach Atlanta – die Station, auf der sein Stern endgültig auf der Bühne der Allergrößten aufgehen sollte: Nach einem Jahr Eingewöhnungszeit zündete die Falcons-Offense von 2016 ein bis dahin ungesehenes Feuerwerk – um QB Matt Ryan, WR Julio Jones sowie das Runningback-Duo Freeman/Coleman herum endete die sensationelle Saison nicht bloß mit dem MVP-Titel für Ryan oder dem #1 Ranking in DVOA, sondern nach zwei brutal dominanten Playoff-Performances auch im Superbowl. Es war die schönste Offense, die ich bislang in der NFL gesehen habe!

Klar: Superbowl XLI gegen die Patriots ist ein Spiel, das jeder Falcons-Fan am liebsten aus der Erinnerung streichen würde – das „28-3“ Comeback der Patriots ist auch für mich als total unbeteiligtem neutralen Zuschauer bis heute ein Spiel, das mir ein flaues Gefühl im Magen hinterlässt und das mir auf Monate die Lust am Football verdarb.

Und auch Shanahan bekam nix Gutes zu hören: Zu viel Fuß auf dem Gaspedal, warum haste nach der Pause bei klarer Führung weiter geworfen anstatt den Sieg nach Hause zu laufen usw. Doch das war es doch, was wir immer fordern: Gas geben bis zum Ende! Die Kritik an Shanahan für den Ryan-Pass beim Sack/Fumble fand ich immer unfair und Ergebnis-getrieben.

Punkt bleibt: Es war ein Spiel, in dem New England nach der Pause genau eine Möglichkeit hatte, einen 25-Punkte Rückstand wettzumachen – und sie nutzten jede einzelne dieser Chancen. Hätte Atlanta nur einen einzigen 3rd-Down Versuch besser exekutiert, oder wäre den Patriots nur eine dieser Wunder-Aktionen wie der Edelman-Catch nicht aufgegangen, es hätte für Atlanta und damit auch Shanahan gereicht. Tat es nicht – und so sprechen wir bei der Falcons-Saison 2016 heute alle über 28-3 und nicht mehr über die grandiose, unvergleichliche Offense.

Ein Mann ließ sich aber nicht blenden: 49ers-Owner York – oft (auch von mir!) schwer kritisiert für sein Handling und seinen selbstverschuldeten teardown der Franchise nach dem erfolgreichen Harbaugh-Intermezzo. York stellte Shanahan am Tag nach der Superbowl trotzdem als neuen Chefcoach ein.

Und mehr noch: Er gab Shanahan nicht bloß einen Sechsjahresvertrag, sondern auch Mitspracherecht in der Auswahl des neuen General Managers. Die beiden einigten sich auf den FOX-Kommentator und ehemaligen NFL-Profi John Lynch, ein Mann bis dahin ohne Erfahrung als NFL-Offizieller.

Zwei Jahre Bodensatz als Basis für ein Jahr Durchbruch

Lynchs bisherige Amtszeit in San Francisco kann man durchaus gespalten bewerten. Er hatte gute Momente wie die Verarsche der Bears beim Trubisky-Trade 2017 oder die Verpflichtung des Seahakws-Cornerbacks Richard Sherman, einst die Galionsfigur in der großen Niederlage von 2013/14.

Doch andererseits blieben viele von Lynchs Moves im Endeffekt unter den Erwartungen:

  • Der eine 1st Rounder von 2017, DE Solomon Thomas, entwickelte sich nie wie gewünscht und ist heute mehr Rotationsspieler als echter Starter.
  • Der andere 1st Rounder von 2017, LB Reuben Foster, wurde nach ersten Vorwürfen von wegen Gewalt gegen Frauen schnell fallengelassen.
  • Die beiden 3rd-Round Picks von 2017 waren CB Akhello Witherspoon, der heute als größter Schwachpunkt der Defense gilt, und QB C.J. Beathard.
  • 2018 zog man mit OT Mike McGlinchey und LB Fred Warner zwei starke Prospects in den ersten drei Runden, aber dazwischen viel Fußvolk, von dem heue kein Mensch mehr was hört.
  • Den 2019 1st-Rounder DE Nick Bosa hätte auch ein Blinder mit Krückstock gezogen, dafür muss man kein Genie sein.

Abseits von McGlinchey und Warner kann man also schreiben: Die beiden Premium-Picks für Lynch in drei Drafts waren prinzipiell TE George Kittle (5th Round 2017) und WR Deebo Samuel (2nd Rounder 2019). Das ist keine überwältigende Bilanz.

Und auch am Feld lief es zwei Jahre lang eher schlecht als Recht: 6-10 Bilanz 2017 nach einem 1-10 Start in die Saison gefolgt von einer 4-12 Bilanz letztes Jahr. Im Rückspiegel ist es geradezu verwunderlich, dass nicht schon letzte Offseason ernsthafte lautere kritische Stimmen aufkamen, doch man konnte das Scheitern der 49ers durchaus an einigen Faktoren festmachen:

  1. Quarterback: 2017 hatte man zum Saisonstart keinen QB. Nach dem billigen Einkauf (2nd Rounder) von Jimmy Garroppolo aus New England ging man 5-0. 2018 verletzte sich Garroppolo schwer in Woche 3 und fiel für die restliche Saison aus.
  2. Verletzungen: Die 49ers waren nach Adjusted-Games Lost die #22 in 2017 und die #29 in 2018, mussten also zweimal kaputte Kader durch die Saison schleppen.
  3. Pech in engen Spielen: 2-5 in 2017 und 3-5 in 2018, und Pech mit Turnovers (nur 2 Interceptions in der ganzen Saison 2018).

Im Rückspiegel kann man 2017 und 2018 als „Aussortieren“ bezeichnen – Shanahan hatte sein System von Tag 1 an implementiert, aber schrittweise die Figuren in der Offense ausgetauscht, die nicht ganz in sein Konzept gepasst haben. So zum Beispiel die physischen Runningback-Bolzen wie Hyde oder Morris oder unpräzise Routenläufer wie WR Goodwin. Dafür stärkte er die Offense Line und baute einen fantastischen Route-Runner nach dem anderen ein: WR Emmanuel Sanders via Trade, WR Deebo Samuel im Trade.

Garroppolo ist kein Elite-QB, aber gut genug um die Shanahan-Offense die meiste Zeit recht fehlerlos zu exekutieren. Viel wird von ihm gar nicht verlangt: Sein aDOT (durchschnittlich tiefer Pass) gehört zu den niedrigsten der NFL – die Offense macht erstaunlich viele Yards nach dem Catch. Seine Play-Action Quote gehört zu den höchsten der NFL – Play-Action Passing ist das effizienteste Passing.

Dazu arbeitet Shanahan seit vielen Jahren mit so vielen Pre-Snap Motions wie kein anderer Head Coach:

Solche Motions geben der Offense nicht nur Informationen aus der Defense preis – z.B. ob sie in Zone-Defense oder Man-Defense spielt. Sie zwingt die Defense auch zum Umstellen kurz vor dem Snap – und verlangt von ihr dabei exzellente Kommunikation und reaktionsschnelles Handeln.


Somit ist Shanahan sowas wie die „Triple-Crown“ von effizienten Offense-Methoden:

  1. Pre-snap Motion
  2. Play-Action
  3. Routenkombination mit vielen billigen Yards after Catch

Es braucht gar keinen sensationellen QB für sensationelle Effizienz.


Auch im Laufspiel entwickelte sich Shanahan weiter: Sein traditionelles Zone-Running (Outside-Zone gilt als Basis, Inside-Zone als erste Ergänzung) ergänzt er durch klassisches Gap-Blocking: Counter-Runs als wortwörtlicher „Konter“ zwischen den Zone-Runs – Runs, die gleich beginnen wie ein Zone-Run, aber nach einem Schritt die Richtung wechseln, dazu Power-Runs, Jet-Sweeps und so weiter: Es ist eines der flexibleren Laufspiele in der NFL – und es „läuft“ auch deshalb, weil Shanahan mit TE Kittle und FB Kyle Juszczyk zwei Schachfiguren im Kader hat, die ebenso gute Blocker wie Ballfänger sind.

Kurz: Die Palette an Plays ist überwältigend – auch wenn es kaum richtige Innovationen sind, dafür eher eine breite Sammlung an schön kombinierten, als effizient erwiesenen Plays. Die Palette an Blockern und Skill-Playern ist fantastisch – der Receiver-Corps ist vielleicht der beste der NFL neben jenem der Chiefs. Und der Quarterback ist funktionabel – gut genug, um all das zu machen, was man von ihm verlangt.

Der heimliche Star der Saison ist die Defense von DefCoord Robert Saleh. 2018 war die die schlechteste Unit in Pass-Coverage in der NFL, doch 2019 fand sie endlich zu sich. CB Sherman spielt eine der besten Saisonen seiner Karriere und seine beiden Nebenmänner Slot-CB K’Waun Williams und CB Moseley haben sich zu passablen Verteidigern entwickelt. Gepaart mit einem durch Star-Rookie Bosa verbesserten Pass-Rush sowie den sich rasant entwickelnden LB Warner und mehr Interceptions-Glück ist aus der letztes Jahr unterwältigenden 49ers-Defense heuer eine fantastische Top-3 Unit geworden.

Etwas Verletzungsglück mit in den Topf geworfen – und schon steht man anstelle von 6-10 bei 13-3 und im Superbowl.

13 Kommentare zu “Superbowl 2020 Preview: Wechselbad der Gefühle für die San Francisco 49ers und ihre Protagonisten

  1. Danke für die ausführliche Vorschau!

    Bei aller Kurzlebigkeit der NFL kommt es mir trotzdem immer wieder so vor, als würde Coaches tendenziell mehr Zeit gegeben werden als Trainern im europäischen Fußball. Man stelle sich nur vor, ein englischer Topklub holt sich einen neuen Startrainer, dem würden doch niemals zwei solche Saisons wie Shanahan in SF zugestanden werden, der wäre spätestens Mitte der zweiten Saison schon wieder Geschichte. Generell werden in der NFL relativ wenig Coaches während einer laufenden Saison gefeuert. In diesem Punkt finde ich also die NFL durchaus geduldiger.
    Übersehe ich da etwas oder seht ihr das ähnlich?

  2. Zu berücksichtigen sind IMHO folgende Aspekte: die Dauer der Saison (16 Spiele statt 30-40 im Fußball (dazu kommen noch diverse Pokalspiele)), es gibt keinen Abstieg in der NFL, die Ownerstruktur (an erster, zweiter und dritter Stelle kommt das Geld, dann irgendwann der sportliche Erfolg). Eine durchwachsene oder schwache Sasion zeichnet sich früh oder bis zur Saisonmitte ab (in den meisten Fällen) – also wird bis zum „Black Monday“ gewartet.

  3. Danke, die Punkte spielen wohl alle eine Rolle.
    Vor allem durch die Dauer der Saison wird wohl eher bis zum Black Monday gewartet. Interessant finde ich auch den Aspekt der Ownerstruktur, den hatte ich so noch nicht wirklich betrachtet.

  4. „der Receiver-Corps ist vielleicht der beste der NFL neben jenem der Chiefs“
    Wow. Also wenn ich das von einem Niner lese, schüttel ich den Kopf und sage, da hat jemand die Bodenhaftung verloren. 😀
    Bei mir wären da Bucs, Texans, Chargers, Lions, Vikings und Falcons davor. Immer davon ausgehend, dass alle fit sind. Selbst Bengals, Seahawks und Panthers sehe ich da nicht schlechter.

    Zu Lynch: Bei den guten Picks müssen mMn noch Trent Taylor (Verletzungspech) und Dre Greenlaw genannt werden. Für Fünftrunder spielen die überragend.

    Außerdem finde ich es relativ billig, ihm Solly Thomas negativ auszulegen, während Nick Bosa (ebenfalls klarer Pick) dann aber einfach ein klarer Pick gewesen sei. Nicht dass ich ihm NB hoch anrechne, aber dass Thomas so bustet – das hat keiner kommen sehen. Der galt als super sicherer Pick. Ist ein weiteres Argument sich gegen diese „Floor-Guys“ zu entscheiden. Das gibt es einfach nicht.

    Kritischer sehe ich bei ihm vor allem die Free Agency. Die Verträge für Malcolm Smith, McKinnon, Juszczyk (er straft mich hier Lügen) und Alexander passen nicht zum Positional Value und Smith war noch dazu sogar einfach nur bockschlecht.

    Aber das ist natürlich alles Meckern auf hohem Niveau. Kultur, Coaches, Scheme, Führung, das alles ist auf höchstem Niveau installiert worden. Er ist ein guter Manager.

  5. Boom! Schöner Vorbericht. Schon kann ich Sonntagabend kaum noch erwarten. Außerdem bin ich als Niner gleich wieder ein bisschen optimistischer geworden. Danke dafür!

    @thompson: Dass es im Vergleich zum Fußball weniger Entlassungen unterjährig gibt, dürfte im Modus liegen: i) weniger Spiele also eh weniger Zeit; und ii) Playoffs oder keine Playoffs, das ist die Frage. Wer um die Playoffs mitspielt, hat keinen Grund den Trainer zu wechseln. Wer nicht mehr um die Playoffs mitspielt, der hakt die Saison ab und stellt sich nach der Saison neu auf. Während du im Fußball auch noch absteigen kannst – und selbige Gefahr der Hauptgrund für Trainerwechsel ist.

    PS: Kleiner Typo: „Dafür stärkte er die Offense Line und baute einen fantastischen Route-Runner nach dem anderen ein: WR Emmanuel Sanders via Trade, WR Deebo Samuel im Trade.“ Bei Deebo sollte es wahrscheinlich …“im Draft“ heißen.

  6. Ausgehend davon, dass Sanders unsere #1 und Deebo die #2 ist…

    Lockett > Sanders
    Metcalf > Deebo (wobei beide eben im jeweiligen perfekt sind)
    Kittle natürlich deutlich über Dissly, aber der war echt stark.

    Wenn wir Juice schon zu Receiver #4 machen müssen, sagt das übrigens eine Menge über die Tiefe aus.

    DJ Moore ist auch besser als jeder aus der Liste. C. Samuel gefällt mir ebenfalls, der spielte halt für einen grauenvollen QB.

    Panthers sehe ich wirklich nicht deutlich drunter. Finde ich weitaus knapper als den Vorsprung der Bucs vor den Niners. Evans, Godwin, Perriman und Howard unter den 4 der Niners? Come on.

  7. Unter allen Receivern mit mindestens 35 Targets:

    WR Sanders #20 nach PFF Grading
    WR Samuel #27 nach PFF Grading, mit dem 15t-höchsten Yards/Route-Run Wert
    WR Bourne die #54
    TE Kittle mit weitem (!) Abstand der #1 TE

    Der schlechteste der drei Top-WR ist an #62 gerankt… Wenn wir pro Team zwei Receiver auswählen, kommen wir schon auf 64 Plätze, und die 49ers haben drei unter den Top-55. Nur sieben andere Teams schaffen das. Und niemand hat auch nur annähernd einen Tight End wie Kittle obendrauf.

    Macht nach PFF-Grading die #1 im Receiving dieses Jahr. Play-Design hilft natürlich.

    Panthers haben Moore an #15 und sonst niemanden.

  8. Dagegen kann man dann aber schon #1 Godwin, #8 Evans & #49 Perriman stellen. Howard war 2018 überragend (#2 unter TEs).

    Oder #2 Jones, #35 Ridley, #72 Gage & #7 Hooper.

    Bourne sehe ich bei PFF übrigens auf #68. Samuel auf #31. Komisch, woher die kleinen Unterschiede da kommen.

    Aber ich gebe zu: habe die Kombi Moore+Samuel über- und die Niners hier unterschätzt. Ich will mich nicht zu innig verlieben, bevor sie mich im nächsten Jahr tief enttäuschen. Bin wohl von der letzten Implosion dieser Franchise geschädigt. 😉

  9. Passt schon – deine Einwände sind fair. Die Buccs-Receiver sind auch erstklassig, aber so wie Howard eingesetzt wird, ist er als Waffe total verschenkt.

    49ers-Einschätzung kann auch etwas dem Recency-Bias geschuldet sein – diese Jungs sind in den letzten Wochen der Saison zunehmend heißgelaufen, auch wenn sie in den Playoffs kaum in Szene gesetzt wurden. Aber Kittle ist grandios, Samuel in Juwel und Sanders ein sensationeller Routenläufer. In einer Shanahan-Offense ist das nahezu die Idealbesetzung.

    Bzgl. Ranking: Ich arbeite mit Filter „alle Spiele 2019/20 plus minimum 20% der maximalen Anzahl Targets“ um zumindest 35-40 Targets zu bekommen und habe nur die „Receiving-Note“ gewertet, nicht Total-Offense.

  10. Pingback: Superbowl-Sonntag 2020 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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