Superbowl 2020 – Nachklapp

Ein paar weitere Gedanken zu Superbowl LIV mit einem Tag Abstand.

Es war kein hochklassiges Spiel, aber dennoch durchaus sehenswert und machte auch im „Re-Live“ noch einmal Spaß anzuschauen. Die Stimmung im Stadion schien nicht einer gewöhnlichen Superbowl-Kulisse zu ähneln – insbesondere die Chiefs-Fans waren immer wieder laut und deutlich mit ihren Schlachtrufen zu hören.

Die Chiefs-Offense kam nie wirklich in einen Groove, weil die 49ers ihnen über weite Strecken den tiefen Pass wegnahmen und Mahomes wirkte zum allerersten Mal in seiner NFL-Karriere sowas wie überfordert. Aber dann packten sie doch noch im entscheidenden Moment die tiefe Bombe aus – einen zur absoluten Perfektion getriebenen 44-yds Pass auf WR Hill bei 3rd & 15. Selbst nach diesem Big-Play lief nicht alles wie am Schnürchen. Kansas City musste sich seine Yards und Punkte hart erarbeiten.


Zum Sieger – Die Chiefs sind jetzt Superbowl-Sieger, und auch wenn ich nicht immer überzeugt bin wie viel sie Analytics nutzen, so bleibt festzuhalten:

  1. Sie sind das passlastigste Team der NFL, vor allem in Early-Downs
  2. Sie haben zwei 4th Downs ausgespielt
  3. Sie haben extrem viel Play-Action gespielt

Kannste jetzt sagen: Mit einem QB à la Mahomes ist leicht stinken. Doch was denkt sich dabei ein Russell Wilson? Man muss auch die Rahmenbedingungen schaffen, damit das Talent dieses QBs maximiert wird – und Reid war schon vor Mahomes ein Pass-Jünger.

Auch interessant: Das „eindimensionale“ Team Kansas City schlägt das „balancierte“. Es war natürlich knapp und hätte auch anders ausgehen können. Aber Balance ist nicht das höchste Gut in der NFL. Die balancierte Offense und Defense der 49ers kollabierte in der Crunch-Time total – während ein starkes halbes Viertel der gigantischen Chiefs Passing-Offense reichte um die Superbowl gegen die #2 Defense nach EPA/Play und DVOA zu putzen. Ein weiteres Indiz dafür, dass Offense > Defense und dass EPA nicht der ideale Weg ist um die Qualität einer Defense zu messen.


Legacy Andy Reid – Der bislang „Unvollendete“ hat endlich seinen ersten Ring. Ich habe gestern viel gelesen, dass der eine Titelgewinn prinzipiell nichts am Lebenswerk vom „Offense-Innovator“ Andy Reid ändere – in einem Spiel, das so sehr von kleinen Zufällen abhängt wie NFL-Football, könne man die Legacy eines Coaches nicht einfach von einem einzigen Spiel abhängig machen.

Das stimmt.

Und trotzdem: Man spielt NFL a) um Geld zu verdienen und b) um die Superbowl zu gewinnen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass den prägenden Figuren, die niemals die Superbowl gewonnen haben, ein kleiner Makel anhaftet, sei es fair oder nicht. Reid hat diesen Makel jetzt abgewendet.


Kyle Shanahan – Shanahan ist nach der zweiten bitterböse verlorenen Superbowl der nächste Kandidat für diesen Makel. Auch bei ihm ist es nur teilweise fair. Shanahan ist ein grandioser Offense-Coach, der aus dem Personal das Maximum herausholt. Dass er nach der 99.5%-Superbowl gegen die Pats vor drei Jahren jetzt schon wieder eine 95%-Superbowl verlor, ist bitter.

Ich glaube nicht, dass das Play-Calling im 4th Quarter das große Problem war; vielmehr verpasste dort QB Garoppolo zweimal entscheidende Completions – einmal davon tief, als WR Sanders zum Touchdown durchgelaufen wäre.

Ich habe prinzipiell zwei große Probleme mit dem Game-Management von Kyle Shanahan in der Superbowl:

  1. Das Ende der ersten Halbzeit
  2. Der Kick bei 4th&2

Ich habe alle Argumente gehört, warum Shanahan es mit beiden Entscheidungen „richtig“ gemacht habe. Ich widerspreche beiden. Bloß weil Shanahan seine „Logik“ nachher erkläre, heißt lange nicht, dass sie Sinn macht. Die 49ers spielten gegen Mahomes, den besten QB der Gegenwart. Ein Spiel gegen Mahomes kann man nicht auf die lange Bank schieben. Man muss die sich bietenden Chancen bestmöglich zu nutzen versuchen – und in einer Superbowl kann man nicht eine ganze Possession einfach abschenken. Man kann nicht mit der Idee in die Superbowl gehen, dass 20 Punkte gegen Mahomes reichen – dass es am Sonntag trotzdem *fast* gereicht hätte, lag vor allem daran, dass Mahomes‘ Performance am unteren Ende seines Leistungsvermögens war.

Mit Remis in die Pause gehen zu wollen und tief in der gegnerischen Hälfte bei 4th&2 zu kicken, sind Fehler, die von mangelhafter strategischer Herangehensweise zeugen. Sie deuten darauf hin, dass Coaches sich allein am aktuellen Status-quo im Spiel orientieren. „Remis zur Pause ist besser als mit meinem Wackel-QB doch noch einen Rückstand zu riskieren“, „13-10 ist immerhin Führung und damit besser als nix“ usw.

Falsch.

Shanahan ließ ein 4th&2 nicht ausspielen und war danach gezwungen ein 4th&10 auszuspielen. Shanahan verschenkte die Gelegenheit auf Punkte vor der Pause – und musste dann am Ende nicht nur bangen, sondern sogar einem Rückstand nachrennen.

Das Gute: Solche Game-Management Dinger dürften einfacher zu erlernen sein als sein Offense-Genius. Und dass mit GM Lynch sein Vorgesetzter / Gleichgestellter ganz offensichtlich das Timeout gezogen hätte, macht auch Hoffnung – vielleicht gibt ja jemand in der Offseason Shanny den einen oder anderen Tipp, wo man ansetzen könnte…


Schützengräben – Ich habe mir gestern noch einmal das Game-Tape angeschaut. Es ist schon sehr auffällig, wie die linke Flanke der Chiefs-Offense Line dominiert wurde. LT Fisher und LG Wisniewski sahen gegen DE Bosa und DT Buckner kein Land – insbesondere Bosa verbrachte den ganzen Abend im Backfield der Chiefs und heizte Mahomes ordentlich ein! Bosa war der beste Spieler des Spiels. Er wäre im Siegfall ein würdiger MVP gewesen.

Möglich, dass diese ganze QB-Pressure Mahomes aus dem Konzept brachte. Drei Viertel lang sah Mahomes nicht gut aus. Er war nicht „schrecklich“, aber irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Bälle nach hinten geworfen, irgendwann auch ohne Druck. Zwei bitterböse Interceptions. Beschleunige die innere Uhr des QBs, und du kannst die Offense gehörig ins Wanken bringen. Dass Mahomes sich davon noch rechtzeitig erfing, ist ihm ganz hoch anzukreiden.

Worüber man eventuell hätte diskutieren können, sind diverse nicht gepfiffene Holding-Vergehen. Immer wieder wurden 49ers-Passrusher gehalten. Meine Regelkenntnis ist im Detail zu schwach um wirklich sagen zu können ab wann NFL-Refs Holding wirklich pfeifen müssen, doch die Superbowl-Crew schien hier vieles durchgehen zu lassen. Das Endspiel nicht zu sehr mit unseren Pfeifen beeinflussen, und so.


DT Chris Jones – Fette Vorstellung. Jones fühlte sich wie der wichtige Verteidiger bei den Chiefs an. Nicht nur crushte er ein paar Mal die Pocket und erzwang damit u.a. den miesen Garoppolo-Pass zur ersten Interception – nein, seine Pass-Deflections im vierten Viertel waren ganz entscheidend dafür, dass die 49ers es verpassten, in der Crunch-Time 1st Downs zu machen und somit die Uhr runterzuspielen um ein Chiefs-Comeback zu erschweren. Man hätte Jones in Anbetracht der ersten drei Viertel von Mahomes durchaus auch zum MVP wählen können.


Fumbles – Die Chiefs hatten 3 Fumbles. Sie verloren keinen einzigen an die 49ers. Beim Fumble, der traditionell eine 50/50 Sache in der Recovery ist, ist das natürlich etwas glücklich. Ein Fumble ging out of bounds, als Mahomes seinen Gegenspieler ausknockte. Bei einem zweiten fiel Mahomes zufällig vor den heranrauschenden 49ers auf den am Boden liegenden Ball.


FOX-Übertragung – Ich traue mich fast nicht es zu schreiben, aber Joe Buck und Troy Aikman haben bei FOX eine blitzsaubere Kommentierung hingelegt. Selten, dass ich Aikman so phrasenbefreit gehört habe wie in der Superbowl – die als Event prinzipiell zur Platitüdenschleuder einladen würde! Aikman ging sogar soweit, dass er gleich zu Beginn die Parole raushaute „the truth is you don’t need a great running game to be efficient at play-action” – von einer Person wie Aikman bislang ungehörte Worte. Analytics infiltriert sogar die dünkelsten Ecken!

Nächstes Jahr dann wieder Superbowl mit CBS und – sofern er verlängert wird – Tony Romo; NBC hat sein Übertragungsrecht 2021 mit jenem von 2022 ausgetauscht um dann mächtig die Werbetrommel für die anstehenden Olympischen Winterspiele rühren zu können.

7 Kommentare zu “Superbowl 2020 – Nachklapp

  1. Und vor allem hat Aikmann auch noch kurz vor dem Spiel prognostiziert, dass dei 49er zu Beginn des Spiels viel mehr passen werden, als in den vergangenen Spielen. Während Esume völlig überrascht war. Esume dachte die 49er starten mit „Run Run Run Run Run Pass Run Run Run Pass Run Run Run“ usw.

  2. @Lecter: NFL vs GFL 😅
    Wobei ich hinzufügen möchte, dass ich Aikman generell für clever genug halte solche Dinge zu erkennen. Kann mir gut vorstellen, dass da bisher Vorgaben vom Sender maßgeblich waren – oder es ist die Konkurrenz von Romo, die Aikman veranlasst hat sich nicht als Trottel dastehen zu lassen.

    Holdings sind ein leidiges Thema

  3. Hier noch etwas Kontext zur Shanahan-Situation vor der Halbzeit.

    Brian Burke hat eine Simulation laufen lassen, die die beiden Szenarien:
    1:40 mit 2 Timeouts
    vs. 1:00 mit 2 Timeouts
    miteinander vergleicht. Fazit: Unterschied nur in Nuancen.

    Warum? Weil bei einem exzellenten Punt die 49ers-Offense hätte weit hinten rein genagelt sein können. Das Wissen um die Qualität des Punts könnte also durchaus ein Faktor sein.

    Doch Shanahan hat nicht nur auf die 40 Sekunden verzichtet. Er hat hinterher auch noch zweimal Laufspiel angesagt um die Uhr runterzuspielen und erst nach dem folgerichtigen Chiefs-Timeout notgedrungen noch einen Pass versucht.

    Man kann also möglicherweise über das Timeout diskutieren – nicht aber über Timeout und darauffolgendes Uhr runterspielen.

  4. Der Hit von Niemann? Würde sagen, Helm zu Helm. Solche Situationen werden schon häufig gepfiffen. In dieser Situation zum 49ers-Pech nicht. Interessanterweise wird die Situation auch nirgends als Schlüsselmoment betrachtet, auch wenn es 3rd & 5 war und den Niners-Drive verlängert hätte.

  5. Zum 4th&2
    Die 49ers haben auch davor es nicht geschafft in diesem Set von Downs voran zu kommen, ist es da nicht sinnvoller das FG zu nehmen?

    Warum hat der ST Coordinator bei dem 49ers Punt eigentlich nicht den BB/Vrabbel Trick zum Melken der Uhr genutzt?
    Ich hatte eigentlich erwartet, dass der kommt und war verwundert als der Punt kam.
    Müsste mit knapp 7 Minuten auf der Uhr gewesen sein.

    Und ist bei Mahomes nicht völlig egal wie viel Zeit auf der Uhr ist?
    Notfalls gibt es halt einen Rodgerslike Hail Mary Versuch der über das ganze Feld fliegt.

    Die erste INT war genauso wie die von Jimmy G, ein Wurf den man so auf keinen Fall mache darf und völlig dusselig.
    Die Zweite war dann auch Pech, Hill (?) fälscht den Ball direkt in die Hände des Verteidigers ab. Klar war der Pass schlecht geworfen, aber das endet nicht immer in einer INT.

    Die 49ers haben auch verloren weil Jimmy G den langen Pass überworfen hat, etwas kürzer und es gibt zumindest die Chance auf eine DPI.

  6. Pingback: San Francisco 49ers in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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