NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC North

Teil 2 der Offseason-Serie mit dem Blick auf die Mannschaften in der AFC North, die sich anschickt, eine richtige Power-Division zu werden.

Baltimore Ravens

14-2, Divisionals
Power Ranking: #1
Cap-Space: Ca. 28 Mio (#22)

Man kann es auch mit dem enttäuschenden Playoffauftritt gegen Tennessee nicht wegdiskutieren: Die Ravens waren das Team der Saison. Sie haben sich 2019 in ihrer Entwicklung als weiter erwiesen als erwartet, auch wenn das Ausscheiden im ersten Playoffspiel letztlich einen schalen Beigeschmack hinterließ. Im Prinzip gibt es jetzt drei wichtige Dinge für die Offseason zu tun:

  1. Nicht ausruhen und das Offensive-Scheme weiterentwickeln
  2. Playmaker für QB Lamar Jackson auf Wide Receiver ergänzen
  3. Einen individuell starken Pass-Rusher in der Defense holen.

Die Offense der Ravens ist ziemlich einzigartig und hat schon allein deshalb einen kleinen Vorteil gegenüber konventionellen Offenses. Sie hat auch das Potenzial, mit mehr Passspiel noch mehr an Effizienz zu gewinnen (Passing war mit 0.30 EPA/Play deutlich effizienter als Rushing mit 0.13 EPA/Run). Doch dafür wird man die Offense wohl ein wenig aus der Spielfeldmitte weg designen müssen, nach außen, wo sich Jackson bislang nicht so wohl fühlte, und man wird wohl Playmaker brauchen – denn auch wenn ein Hollywood Brown Fortschritte in Jahr 2 machen sollte, so sind Jungs wie WR Roberts oder WR Snead maximal austauschbar.

Sollte man einen Run auf WR Amari Cooper machen, wenn ihn die Cowboys auf den Markt lassen? Oder sollte man sich an der starken WR-Klasse im Draft vergreifen? Ich würde eventuell sogar auf zweimal Wide Receiver plädieren.

In der Defense hat man mit einem analog zur Offense sehr einzigartigen Scheme (Coverage gewinnt, vorne erzeugen wir Druck aus der zweiten Reihe) überlebt, aber man musste stark blitzen. Ein individuell starker Pass-Rusher könnte Abhilfe schaffen. Zwei der besseren Edge-Rusher in Matt Judon und Pernell McPhee sind nun Free-Agents. Vor allem Judon verspricht teurer zu werden als sein Leistungsprofil erlaubt. Auch wenn Baltimores Defense nicht von diesen Edge-Rushern abhängig ist, so wäre es doch ein vernünftiger Weg um mit besseren Einzelkönnern ein wenig Druck vom Blitzing zu nehmen.

Pittsburgh Steelers

8-8 Siege
Power-Ranking: #22
Cap-Space: 1.5 Mio.
(#30)

Die Steelers haben eine relative Seuchensaison hinter sich: Nach dem Verlust von QB Roethlisberger in Woche 2 hat man sich tapfer geschlagen, aber in der Crunch-Time der Saison dann doch die entscheidenden Spiele hoffnungslos verloren und die Playoffs letztlich klar verpasst.

Roethlisberger wird für 2020 zurückkehren. Damit hat man die wichtigste Lücke schon geschlossen und sollte automatisch in der AFC North ein Contender bleiben. Die wichtigsten Aufgaben nachfolgend.

#1 Man hat nur wenig Cap-Space, kann aber nach Entlassung von teuren Ergänzungsspielern wie LB/S Barron oder EDGE Chikillo noch etwa 11 Mio rausholen und vielleicht noch den einen oder anderen Starter verlängern.

#2 Hält man die Defense zusammen? Edge-Rusher Dupree ist Free-Agent. Er hatte 13 Sacks, aber recht wenige QB-Pressures, was für Regression und somit gegen eine teure Verlängerung spricht. Dazu sind Leute wie DT Hargrove oder DB Davis Free Agents.

So wie man den Laden von GM Colbert kennt, wird Dupree verschickt, wenn er wirklich Elite-Moneten haben will – die Steelers sind schlau genug um zu verstehen, dass T.J. Watt der Anker im Pass-Rush ist, und in der Secondary ist man okay besetzt.

#3 Was macht man auf Skill-Player? Pittsburghs WR-Corps ist mit Leuten wie Deionte Johnson, Juju Smith-Schuster oder James Washington jung, aber sehr durchschnittlich. Auf Tight End hat man nur Replacement-Level. Nimmt man eventuell sogar Geld oder Draftpicks in die Hand um hier was zu machen?

Die Steelers haben überdies keinen 1st Rounder im Draft (man hat DB Fitzpatrick damit aus Miami geholt) und eine gefährlich in die Jahre gekommene Besetzung auf Guard und Center… vielleicht arbeitet man dort schon perspektivisch. Und vielleicht zieht man sich nach dem Fiasko mit Mason Rudolph und Duck Hodges ja auch wieder einen Mid-Round QB.

Cleveland Browns

6-10 Siege
Power Ranking: #24
Cap-Space: ca. 50 Mio (#14)

Die Browns waren eine der großen Enttäuschungen 2019. Jetzt scheint der Optimismus zurückgekehrt: Der neue Headcoach Stefanski kriegt hymnische Loblieder aus der Analytics-Community und soll eine sehr Baker-kompatible Offense spielen. Theoretisch wird sie passlastiger als alles was Stefanski die letzten Jahre in Minnesota orchestrieren musste, denn jetzt ist er der Boss, nicht mehr Mike „pound the damn football“ Zimmer.

Wie die Browns personell an die Sache herangehen werden, ist auch zu beachten: Der neue GM ist Andrew Berry, ein Analytics-Mann. Wird er so aggressiv vorgehen wie Vorgänger Dorsey, der Sashi Browns Kapital in Rekordzeit verschleuderte und dessen Moves 2019 mit einem Jahr Abstand überwiegend mies aussahen?

Jetzt muss man die PS der Offense um Mayfield und WR Beckham auf den Boden bringen. Dabei dürfte Offensive Tackle eine der Prioritäten sein, denn man wird kaum noch einmal eine Saison mit Greg Robinson als Starter durchmachen. Es gibt durchaus den einen oder anderen ambitionierten Tackle in Free Agency, und die Draftklasse soll dort stark besetzt sein. Die Browns beginnen mit dem #10 Pick, dem #41 Pick und zwei 3rd Roundern. Durchaus auch nicht ausgeschlossen, dass man auch noch einen Tight End holt: Stefanski spielt viel mehr als Vorgänger Kitchens mit 12-Personnel.

Wenn O-Line in der Offense der Top-Fokus ist, so wird man sich in der Defense auf allen Positionen umschauen: Leute wie LB Schobert, FS Randall oder CB Murray sind Free Agents, teure Ergänzungsspieler wie LB Kirksey, DT Richardson oder CB Carrie könnten noch durch Cuts fliegen, wenn man noch mehr Platz unter den Salary-Cap machen möchte.

Wichtig unter diesem Gesichtspunkt: Welches System wird der neue DefCoord Joe Woods spielen? Zone-lastig mit viel Cover-3 wie in San Francisco? Oder Mann-lastig um Leuten wie CB Ward entgegen zu kommen?

Als wichtigste Baustelle zum Adressieren gilt Safety, wo es mehrere gute Free-Agent Optionen gibt, aber vielleicht auch Linebacker, wenn Schobert (ein passabler Coverage-Linebacker) und Kirksey gehen.

In der Defensive Line ist mit einer baldigen Rückkehr von EDGE Myles Garrett zu rechnen; es ist kaum vorstellbar, dass Garrett noch sehr lange auf der Exempel-Liste des Commissioners bleibt. Was schwer vorstellbar ist: Dass die Browns DT Sheldon Richardson mit seinen 10 Mio/Jahr behalten können.

Vor 2019 haben wir die Browns überschätzt, weil wir das Chaos auf der Trainerposition unterschätzt haben. Wenn Stefanski nur annähernd so gut ist wie uns respektierte Leute weismachen wollen, dann sind die Browns schon jetzt ein Sleeper für 2020. Bessere Offense Line, klarer definiertes Spielsystem für Mayfield mit all seinen Star-Playmakern und ein bisschen Auffrischung in der Defense – das sieht mir schnell nach einem Team aus, das es auf dem Papier mit Baltimore oder Pittsburgh aufnehmen kann.

Cincinnati Bengals

2-14 Siege
Power Ranking: #30
Cap-Space: ca. 44 Mio (#18)

Cincinnati sollte davon etwas entfernt sein. Die Bengals sind schwer einzuschätzen, auch wenn die beiden wichtigsten Moves schon wie vordefiniert aussehen, denn GM/Owner Mike Brown ist notorisch geizig und ist auf dem Transfermarkt selten mit Verve zugange. Hier die beiden wichtigsten Moves, von denen ich spreche:

  • Einberufung von QB Joe Burrow mit dem #1 Pick im Draft
  • Verlängerung mit WR A.J. Green als Deep-Threat für Burrow

Greens Verlängerung sieht im Vakuum nicht „logisch“ aus, weil der Mann über 30 ist und seit eineinhalb Saisons keinen Snap mehr gesehen hat. Aber Cincinnati verzichtete im Oktober darauf, Green im Saisonschlussverkauf via Trade zu verschicken und noch was rauszuholen – ergo kann man davon ausgehen, dass man ihn in der Langzeitplanung berücksichtigt, und sei es als Aufbauhilfe für den jungen Franchise-QB.

Burrow kommtsofern er nicht einen auf Eli Manning macht. Burrow hat eine phänomenale Saison hinter sich, aber er ist kein Prospect ohne Fragezeichen. Stand jetzt gibt es durchaus ein paar Vorbehalte gegenüber Burrow: Warum z.B. hat er so lange für seinen Breakout am College gebraucht? Versteht Headcoach „ich habe früher mit Sean McVay gearbeitet“ Zac Taylor genug von seinem Geschäft um Burrow schnell zu integrieren?

Ist die Offense Line gut genug um so eine Deep-Ball Offense überhaupt zuzulassen (Antwort: Nein. Die Bengals waren #26 nach PFF Pass-Blocking und #31 nach PBWR)?

Die Bengals haben viel freien Cap-Space, und können noch viel mehr Cap-Space generieren: Der mutmaßlich beste Tackle, Cordy Glenn, könnte für 10 Mio. Ersparnis entlassen werden. TE Eifert ist Free-Agent – ein guter Mann, aber viel zu oft verletzt. Der Top-Slot CB Dennard ist auch Free-Agent, während der sehr teure, aber oft verletzte CB Kirkpatrick, für fast 8 Mio. Ersparnis gefeuert werden könnte. Und was passiert mit Andy Dalton? Der einstige Franchise-QB wird mit Burrow nicht mehr gebraucht – eine Entlassung würde fast 18 Mio. Cap-Space bringen. Die Bengals haben momentan 44 Mio, aber nur ein Rauswurf von Glenn, Kirkpatrick und Dalton würde ihn auf 80 Mio. anschwellen lassen – aber will diese in Free-Agency oft so zurückhaltende Organisation überhaupt etwas machen?

Die einzige Position, auf der man halbwegs gesattelt sein sollte: Defensive Front. Die Edge-Rusher sind okay, auf Defensive Tackle hat man weiterhin Geno Atkins. Das momentan plausibelste Szenario sieht:

  • Burrow und Green als Ankerleute der Offense, dazu Investitionen in der Offensive Line. OT Glenn wird behalten und man versucht, sich auf Tight End unabhängig vom dauerverletzten Eifert zu machen.
  • In der Defense hält man Dennard und bringt vielleicht noch einen Cornerback in Free Agency oder Draft rein.

Wenn Burrow nur halb so gut einschlägt wie erhofft und Taylor als Coach nicht ganz so schlimm ist wie 2019 angedeutet hat, dann sind die Bengals schnell Kandidaten für 5-11 bis 7-9. Aber mehr wird es wohl auf die Schnelle nicht – die Baustellen QB, Offense Line, Tight End und Defensive Backfield kann man kaum in einer einzigen Saison allesamt schließen – nicht mit diesem Front Office.

13 Kommentare zu “NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC North

  1. Perfektes Timing für den Post, heute Nachmittag ist Garrett von den NFL begnadigt worden:

    Keine weitere Sperre zu befürchten.

    Zum Rest: Mörderische Division, aber sehr interessant. Bin mir auch nicht ganz sicher ob die Ravens so weit vorne zu sehen sind wie der Public jetzt meint, Lamar Jackson muss sich als Passer eben noch weiterentwickeln. Nicht, dass das nicht möglich wäre. Aber Steelers haben mit Big Ben schon einen starken Roster und die Browns werden auch viel besser sein und die Bengals hoffentlich nicht mehr so ein lahmes Schlachtopfer.

  2. @FloJo:

    Greise weiße alte Männer loben einen weißen 30-jährigen mormonischen QB in den Himmel, einen Typ QB (mobil), der gestern noch den Teufel markierte.

    Hill hat in Brees-Abwesenheit 1 Pass (in Worten: einen) geworfen und ist heuer 3 von 6 für 50 Yards in Trickspielzügen.

    Die mentalen Gedankengänge zum Franchise-QB sind vorsichtig formuliert *undurchsichtig*.

    Anders: NFL-Offseason in Höchstform.

  3. U.a.

    Vielleicht müssen wir „greis“ streichen. Es macht keinen Unterschied.

    Du kannst dir den Bullshit geben, weil er belustigend ist. Du kannst es dir auch ersparen, weil dieses Gelaber irrelevant ist.

  4. Ja, ich denke da ähnlich. Aber ohne diesen Krawall kriegen diese ganzen Experten wohl keine Aufmerksamkeit mehr…

  5. „eine sehr Baker-kompatible Offense“? Inwiefern? Half-field-reads oder ähnliches um ihm das Lesen der D zu erleichtern? Mehr PA-passing? Mehr Kurzpass?

  6. Du kannst dir diesen Vierteiler geben (Vorsicht, Paywall)

    1) https://247sports.com/nfl/cleveland-browns/Article/Kevin-Stefanski-Wide-Zone-Run-142274849/

    2) https://247sports.com/nfl/cleveland-browns/Article/Kevin-Stefanski-Wide-Zone-Play-Action-142511344/

    3) https://247sports.com/nfl/cleveland-browns/Article/Kevin-Stefanski-Screen-Game-142840742/

    4) https://247sports.com/nfl/cleveland-browns/Article/Kevin-Stefanski-offense-rhythm-throwing-143428263/

    Stefanski ist stilistisch im Kubiak/Shanahan/McVay-Design unterwegs. Er hat diese Offense schon erfolgreich implementiert. Sie ist mit die QB-freundlichste Offense, die es in der gegenwärtigen NFL gibt: Viel Play-Action, viele klar definierte Reads, viel Fokus auf Passspiel im Rhythmus, gutes Screen-Game, keine Angst vor Deep-Shots (Mayfield z.B. war darin erstklassig als Rookie, wirkte aber total überfordert in der unstrukturierten Offense letztes Jahr).

    Ist das alles eine Garantie für Erfolg? Nein. Aber das alles passt zu dem, worin Mayfield schon Erfolg hatte.

  7. Danke, das macht Freude auf die Browns! Auch wenn es mir schwer fällt mir vorzustellen, wie sie den Ravens Paroli bieten. Naja, abwarten. Letztes Jahr um diese Zeit hatten wir die 49ers unterschätzt, vielleicht sind es dieses Mal die Browns. Man möchte es ihnen und ihren leidgeprüften Fans wünschen.

  8. Das Burrow Spielchen geht weiter, die Fragen werden immer kürzer angehalten beantwortet, man darf gespannt sein ob Burrow wirklich problemlos zu den Bengals geht:

  9. Pingback: NFL-Offseason Ausblick 2020: NFC South | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  10. Pingback: Browns-Mission 2020: Bieg Baker – und die ersten Schritte sind schon gemacht | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  11. Pingback: Leicht zu übersehen: Der Cleveland-Browns Draft 2020 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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