NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC South

Teil 3 der Offseason-Serie mit dem Blick auf die vier Mannschaften in der AFC South.

Houston Texans

10-6, Divisionals
Power Ranking: #14
Cap-Space: 55 Mio (#8)

Die Texans befinden sich in einer Sackgasse: Ihre Offense ist exzellent besetzt und sollte außer kleineren chirurgischen Maßnahmen in der O-Line keine weiteren Investitionen sehen. Doch ihre Defense ist ein so offenes Scheunentor, dass es die Mannschaft an höheren Zielen hindert, man hat in den nächsten zwei Drafts keine 1st Rounder (nächstes Jahr noch nichtmal einen 2nd Rounder) und Bill O’Brien hat neben seiner Aktivität als zu konservativer Headcoach nun auch den Posten des General-Managers übernommen. Ach ja: Er ist der Mann, der Houston mit seinen Verzweiflungs-Trades vor der Saison überhaupt erst in diese Zwickmühle gebracht hat.

Positiv: Man hat 55 Mio Cap-Space und könnte z.B. mit dem Rauswurf des enttäuschenden Cornerbacks Hargreaves weitere 10 Mio. drauflegen. Aber negativ: Man muss erstmal einige mögliche Abgänge verkraften, denn DT Reader, CB Roby und CB Joseph sind Free Agents. Reader ist ein verkappter Top-Mann und verlangt wohl Top-Moneten, spielt aber auf einer eher unbedeutenden Position.

Wir folgern: Cornerback ist die Priorität #1 in der Offseason: Schlecht besetzt 2019, mit Robys und Josephs Abgang wohl indiskutabel für 2020. Im Draft hat man keine höheren Picks (nur ein 2nd Rounder an den ersten zwei Tagen). Du kannst schon jetzt wetten, dass die Texans einen Angriff auf die größten Cornerback-Namen der Free Agency starten werden – im Idealfall wirft man sogar einem Chris Harris 15 Mio/Jahr nach. Weil es eh wurscht ist und man das Fenster von QB Deshaun Watson nutzen muss.

Im Hinterkopf *sollte* dann bereits an die Watsons Verlängerung gedacht werden, der als Draftklasse 2017 nächstes Jahr (2021) sein fünftes Jahr spielt. S-o-l-l-t-e. Aber wer glaubt, dass O’Brien so weit denkt, der hat jahrelang in Houston weggeschaut.

Tennessee Titans

10-6, AFC Championship Game
Power Ranking: #7
Cap-Space: ca. 51 Mio.
(#12)

Die Titans-Offseason ist erstmal eine Offseason der zwei Namen: QB Ryan Tannehill und RB Derrick Henry. Diese beiden Spieler waren die auffälligsten in 2019. Beide sind jetzt Free Agents. Nur einer kann via Franchise-Tag sicher gehalten werden. Kann sich GM Robinson erlauben, einen von ihnen ziehen zu lassen?

Wir haben schon öfter drüber diskutiert: Tannehill ist mit seinem Profil ein klarer Kandidat für die Franchise Tag – eine starke Dreiviertel-Saison 2019 nach sieben Jahren Mittelmaß in Miami. Dafür einen fetten Vierjahresvertrag mit hohen Vertragsgarantien rauszupfeffern, klingt nach einem Deal, den Tennessee spätestens in zwei Jahren bereut. Doch würde Tannehill bei Franchise-Tag überhaupt mitmachen? Für ihn ist jetzt der Moment zum Abkassieren – seine Aktien werden mutmaßlich nie höher stehen.

Henry ist der noch klarere Fall. Wer dieses Blog liest, weiß, dass ich ihn ohne mit der Wimper zu zucken gehen lassen und ein anderes Team 15 Mio/Jahr mit 50 Mio. Guarantees zahlen lassen würde. Und nicht ein zweites Mal darüber nachdenken würde!

Aber so tickt die NFL nicht – und Robinson ist automatisch angezählt, wenn er Henry gehen lässt und bei Tannehill nächstes Jahr natürliche Regression einsetzt und die Offense statt 0.3 EPA/Pass nur mehr 0.15 EPA/Pass zustande bringt. Man kann doch nicht die Workhorse gehen lassen! POUND THE FOOTBALL!

Die beiden Personalien auf QB und RB lenken von den beiden „Schützengräben-To Dos“ ab, die für die Titans mit Hinblick auf die Zukunft „sneaky“ wichtig sind:

  1. RT Conklin wird Free Agent, weil die Titans letztes Jahr darauf verzichteten, seine 5th-Year Option zu ziehen. Sein drohender Abgang schwächt die Line an der rechten Flanke doch erheblich.
  2. Edge-Rush bleibt ein ungelöstes Problem. Die Titans überlebten letzte Saison lange ohne individuell starke Flanken-Rusher, aber spätestens gegen die Chiefs war das ein kritisches Problem. Der einzige Edge-Rusher von Format, Cam Wake, ist 38 Jahre alt.

Soll für die Titans wäre für mich: Conklin halten, Edge-Rusher wie z.B. Clowney oder einen 1st Rounder holen, Franchise-Tag für Tannehill und Henry ziehen lassen. Aber wir wissen, dass der vorletzte Punkt eher nicht und der letzte ganz sicher nicht passieren wird. Und damit einhergehend wahrscheinlich auch der erste und zweite nicht.

Indianapolis Colts

7-9 Siege
Power Ranking: #15
Cap-Space: ca. 86 Mio (#2)

Die Colts sind eines der interessantesten Teams in der NFL. Letztes Jahr priesen wir sie als Analytics-getrieben und sensationell gut aufgestellt für die anstehende Saison 2020 an (2019 war nie „das Jahr“ für die Colts), doch dann trat im Sommer QB Andrew Luck zurück und schon sieht das Langzeitbild ziemlich verworren aus.

Jetzt haben die Colts einen guten, jungen Mannschaftskern mit extrem viel Cap-Space zum Verstärken, dem #13 Pick und zwei 2nd Roundern im Draft – aber einer gigantischen Lücke auf QB. Jacoby Brissett, den uns einige Experten wie Andy Benoit als „Lösung“ weismachen wollten, war zur Saisonhälfte als Problemstelle entlarvt (Tipp: der typischerweise passfreundliche Frank Reich wurde zu einem der lauflastigsten Early-Down Playcaller) und kann nicht der Weg für 2020 und darüber hinaus sein.

Brissett ist für 2020 unter Vertrag und kostet ca. 21.5 Mio, kann auch nur schwer entlassen werden (12.5 Mio Dead-Cap). Es gibt nun zwei Möglichkeiten ihn zu ersetzen:

  1. Free Agency: Es geistern immer wieder Namen wie Winston, Brady oder vor allem Rivers durch den Raum. Ein Oldie wie Rivers wäre in so einem jungen Team sowas wie Antipode. PFF argumentiert z.B. pro Teddy Bridgewater als favorisierte Option: Nicht überteuert, solide-bis-guter Spieler und klares Upgrade gegenüber Brissett und auch vom Alter her gut passend in dieses Team.
  2. Draft: Burrow an #1 ist wohl unerreichbar, aber vielleicht sind Tua oder mit Abstrichen der umstrittene Herbert machbare Ziele nach einem Trade-Up in die Top-3. #13 und zwei 2nd Rounder könnten genug Munition zum Starten sein. Manche sehen Jordan Love an #13 nach Indianapolis gehen, doch Love sieht wie ein Prospect aus der Hölle aus (bei PFF nur die #65 auf dem Big Board).

Free Agency kommt vor dem Draft – ergo können die Colts bei Verfügbarkeit die „sichere“ Variante nehmen oder danach zocken. Punkt ist und bleibt aber: GM Ballard muss diese Position in der Offseason adressieren – ansonsten waren seine drei hervorragenden bisherigen Jahre umsonst.

Verkappte Nebenkriegsschauplätze: LT Castonzo ist Free Agent, und dann natürlich Receiving-Corps. WR Hilton wird nicht jünger und hinter ihm gibt es momentan nur den Jungspund Parris Campbell nach seiner eher enttäuschenden Rookiesaison. TE Ebron wird wohl gehen und WR Funchess (auslaufender Vertrag) dürfte auch kein Kandidat für eine Verlängerung sein. Gehen die Colts auf QB im Draft, geht die starke Receiver-Klasse an ihnen vorbei. Gehen sie QB in der Free Agency, geht unter Garantie mindestens einer der ersten drei Picks für einen Receiver raus.

Möglich ist auch, dass man in der Offseason Verstärkung der Defensive Line anvisiert. Dort überlebt man seit zwei Jahren mit dem Scheme von DefCoord Eberflus. Letztlich ist allerdings alle Aktivität in der Offseason zweitrangig, solange man das Quarterback-Problem nicht löst.

Jacksonville Jaguars

6-10 Siege
Power-Ranking: #26
Cap-Space: -3.5 Mio (#31)

Die Jaguars zahlen gerade den Preis für das erbärmliche Kadermanagement von Tom Coughlin, dem Superbowl-Coach der Giants, der als Manager in Jacksonville Anflüge von Vergreisung zeigte und einen ganzen Laden an die Wand fuhr. Sie zahlen für die Fournette-Einberufung, die Bortles-Verlängerung und den Foles-Deal. Coughlin ist der seltene Fall von „nenn mir eine gute Sache, die er in diesem Job gemacht hat und du hast ein Freibier gut“.

Jetzt steht Jacksonville mit einem angeschlagenen Headcoach Marrone da, mit einem mal wieder neuen OffCoord, mit einer gurkigen QB-Situation (Starter Nick Foles mit 34 Mio. Dead-Cap für 2020 und mittelmäßig, Backup Gardner Minshew baute nach überraschendem Beginn als Rookie stark ab) und einer richtig schlechten Cap-Situation: Die Jaguars sind momentan im Minus und das, obwohl es noch nichtmal einen Vertrag von EDGE Ngakoue einzurechnen gibt! (Ngakoue ist Free-Agent)

Das Gute: Mit den nicht garantierten Verträgen in der NFL generiert die eine oder andere gut getimte Entlassung immer schnell ein paar Millionen Cap-Space – im Jags-Fall z.B. eine Trennung von DT Marcel Dareus (20 Mio. Ersparnis), LB Ryan (6 Mio Ersparnis) oder WR Lee (5 Mio. Ersparnis).

Flexibilität ist also noch da. Doch Ngakoue kommt sicher nicht zurück, womit man im Edge-Rush auf das Duo Campbell/Josh Allen beschränkt ist und keine Tiefe mehr hat. Auf DT muss wohl Taven Bryan, der 2018er 1st Rounder (drei Picks vor Lamar Jackson gedraftet), übernehmen und sich beweisen. Auch hier: Tiefe dahinter ist erschreckend.

Und in der Offense hat man die #24 O-Line nach Pass-Blocking Win-Rate und PFF Grading. Verstärkung wäre ziemlich dringend, aber man kriegt mit dem wenigen Cap-Space keine Premium-Optionen. Ein Top-QB würde viele Probleme übertünchen, doch wo soll der herkommen? Im Draft wählt man an #9, #20 (der Jalen-Ramsey Trade) und #42 – Munition für einen Sturm auf Tua wäre da, aber nix an der bisherigen Handhabe der Verantwortlichen in Jacksonville deutet auf eine derartige Strategie hin.

6 Kommentare zu “NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC South

  1. So mag ich das: Kein Drumherum Rede, dafür konsequente, klare Worte zu allen Schustern in der AFC South.

    BOB, Brissett, Henry/Tannehill, Coughlin kriegen alle ihre verdientes Fett ab. Merci bocour.

  2. So schön sich der Artikel liest, der Umgang mit Brissett ist nicht fair. Der Junge hat noch mehr Zeit verdient. Seine Leistung war nicht so schlecht, und es gab auch andere Gründe für das viele Rushing Game, zum Beispiel den schlechten Receiving Corps mit vielen Ausfällen!

  3. Eine Frage, warum wird eigentlich die Personalien Prescott bei den Colts nicht betrachtet? Ist es sicher, dass er bei den Cowboys bleibt? Ich dachte mal gehört zu haben, dass ihn die Cowboys nur schwer bezahlen können.

  4. Ja, wenn Prescott frei wird, wären die Colts sicher erster Kandidat, schnell mit einem front-geloadeten Vertrag zuzuschlagen.

    Die Krux ist nur: Dass Prescott überhaupt frei wird, ist sehr, sehr fraglich. Ich denke, in Dallas werden zwei der Big-3 bleiben, und die Prioritäten-Reihenfolge ist Dak > Cooper > Byron Jones.

    Sonst hast du recht.

  5. @Lenny:

    Wir haben nun zwei volle Spielzeiten mit Brissett. 2017 mit 5.3 NY/A die 4t-schlechteste Passing-Offense in der NFL, 2019 mit 5.8 NY/A die 10t-schlechteste.

    Dazwischen im Sandwich mit Andrew Luck 2018: 6.8 NY/A, #10 der NFL, und das, obwohl Luck die erste Saisonhälfte noch merklich rusty war.

    Außerdem Brissett in allen weiteren Advanced-Kategorien und PFF-Chartings unter den 6-7 schlechtesten Starting-QBs der NFL.

    Man kann es sich auch schönreden, aber wir haben wenig Evidenz, dass da noch viel kommen wird.

  6. die colts oder besser gesagt Chris Ballard, betrachten alles. Aber Ballard baut sein team vorrangig durch den draft und holt nur ungern überbezahlte spieler von außen – you can’t buy a looker room.

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