NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC West

Und Teil 4 der großen Divisions-Rundschau vor Start der Free Agency. Heute mit der AFC West und damit Abschluss der AFC.

Kansas City Chiefs

12-4 Bilanz, Superbowl-Champion
Power Ranking: #2
Cap-Space: ca. 14 Mio (#25)

Die Chiefs sind eines jener Superbowl-Teams in der Historie, das prädestiniert ist um „oben zu bleiben“. Das liegt natürlich an QB Patrick Mahomes. Solange der den Angriff anführt, sind „Floor“ und „Ceiling“ der Offense exorbitant und quasi unvergleichlich. Die Chiefs haben in den letzten beiden Jahren mit Mahomes als Starting-QB zweimal 12-4 Siege gegen einen starken Schedule erreicht, haben eine Lombardi Trophy gewonnen und die Chance auf eine zweite durch einen dummen Eigenfehler verpasst. Sie waren beide Male in den Top-2 im Power-Ranking.

Die wichtigste Langzeitpriorität ist es, mit Mahomes zu verlängern. Mahomes wird fast sicher um die 40 Mio/Jahr kassieren und damit einiges an Long-Term Cap-Space fressen. Ob die Verlängerung heuer oder erst nächstes Jahr passiert, ist noch nicht klar. Beide Seiten könnten ein Interesse haben, den Deal erst 2021 über die Bühne zu bringen, wenn klar ist, um wieviel Prozent die Salary-Cap sich dann erhöht. Vielleicht sollte Mahomes sich keine fixen Werte in den Vertrag schreiben, sondern %-Anteile an der Salary-Cap.

Doch auch mit einem anderen Argument könnte man Mahomes vertrösten: Gewinnchancenmaximierung für 2020. Die beiden wichtigsten Baustellen diesbezüglich sind:

  1. DT Chris Jones versuchen zu behalten. Jones ist Free-Agent und könnte mit dem Ring in der Tasch nun erpicht darauf sein, maximal abzucashen. Erste Prognosen gehen von Gehaltsforderungen um die 18 Mio/Jahr aus – ein massiver Preis für einen Defensive Tackle. Doch Jones gilt als exzellenter Passrusher einer der wenigen Premium-Spieler auf dieser Position.
  2. Cornerback verbessern: Die Chiefs haben trotz erschreckender CB-Depth Chart die Saison überlebt. CB Fuller und CB Breeland sind nun Free Agents. Es gibt sowohl in Draft als auch Free-Agency einige attraktive Optionen um sich personell sogar zu verbessern, z.B. einen Chris Harris. Der ist 31, Free Agent in Denver, und könnte noch 1-2 Jahre auf Topniveau spielen.

Abseits von Jones und den beiden genannten Cornerbacks gibt es keine nennenswerten Free-Agents. Maximal die Edge-Rusher Suggs/Ogbah oder DT Pennel wären zu nennen, aber sie waren nicht mehr als Rotationsspieler, die leicht durch wahllose billige Free Agents ersetzbar sind.

Mit ca. 14 Mio. Cap-Space haben die Chiefs nicht die Moneten um Jones und einen der Top-Cornerbacks zu bekommen, doch dafür könnte durch eine Trennung von WR Sammy Watkins viel Platz unter der Salary-Cap freigeschaufelt werden: Watkins‘ Entlassung würde fast 14 Mio. generieren; Watkins war in der famosen Chiefs-Offense trotz einiger Big-Plays in den Playoffs letztlich nicht mehr als ein ersetzbares Ablenkungsmanöver.

Las Vegas Raiders

(Ich habe nicht „Oakland“ geschrieben!!)

7-9 Siege
Power Ranking: #21
Cap-Space: ca. 52 Mio (#10)

Die Raiders sind eine spannende Geschichte. Sie waren 7-9 und bis zuletzt im Playoff-Rennen, aber die Advanced-Stats haben eher eine überschätzte Mannschaft gesehen. Ihr Pythagorean war der eines 5-11 Teams, sie hatten nur einen Sieg mit mehr als sieben Punkten. Vor allem die Defense war mit 0.15 EPA/Play extrem problematisch und die #31 gegen den Pass.

Vor allem das Defensive Backfield gilt als Problemzone, die man upgraden muss. CB Conley wurde in der laufenden Saison verkauft, jetzt hat man so gut wie keinen nennenswerten Cornerback im Kader, und der einzige Safety von Format, Karl Joseph, ist Free Agent.

Die Raiders haben einiges zum Arbeiten: Zwei 1st Rounder (#12 und #19) im Draft und drei 3rd Rounder, aber keinen 2nd Rounder. Mit den rund 52 Mio. Cap-Space gilt es als geritzt, dass Las Vegas 1-2 Big-Moves in der Free-Agency anstrebt um Cornerback und Safety zu adressieren – Leute wie CB Byron Jones oder FS Anthony Harris (zuletzt Minnesota) wären, sofern sie frei werden, willkommene Verstärkungen. Doch dabei dürfte es vermutlich nicht bleiben – die Raiders sind eine ganz gute Wette auf einen 1st-Round Cornerback.

Prinzipiell kann man in der Defense auch auf Edge-Rush und Linebacker was machen – doch Jon Grudens Historie deutet eher darauf hin, dass er versuchen wird, die Potenz der Offense zu verbessern. Die war 2019 trotz des schnellen Abgangs von Antonio Brown lange Zeit ganz okay und auch QB Derek Carr war besser als befürchtet, aber es gibt zwei Knackpunkte:

  • TE Waller war großartig, birgt aber die Gefahr des one year wonders
  • WR Tyrell Williams ist keine echte #1, er braucht einen adäquaten Nebenmann, der ihm Räume öffnet.

Sprich: Gruden könnte Receiver priorisieren – und sowohl die Draftklasse hat Top-Optionen als auch vielleicht die Free-Agency. Wenn ein Emmanuel Sanders in San Francisco frei wird, könnte er in Grudens Offense ein ideales Ziel werden. Wäre ein CeeDee Lamb oder Jerry Jeudy in bestimmten Draftkonstellationen an #12 noch zu haben, dürften er fixer Raider sein.

Zusammenfassung: Der 7-9 Record von 2019 ist gefährlich, weil er zum Überschätzen der Raiders verleitet. Um 2020 einen Sprung in der Siegbilanz zu machen muss man auch Regression bekämpfen. Es braucht massive personelle Aufbesserung der Defense um einen höheren „Floor“ zu haben und wohl auch Vertiefung des WR-Corps.

Denver Broncos

7-9 Siege
Power Ranking: #19
Cap-Space: 62 Mio (#6)

Die Broncos waren eines der klassischen „under the radar“ Teams der letzten Saison: Als knapp unterdurchschnittliche Mannschaft gut genug um Nadelstiche zu setzen, aber ohne Top-Offense zu gesichtslos um wirklich wahrgenommen zu werden.

Wohin die Reise jetzt gehen soll, ist nicht ganz klar. In QB Drew Lock hat man einen 2nd-Round QB von 2019 im Kader, der in seinen Einsätzen gegen Saisonende Kompetenz angedeutet hat. Er war gut genug um Joe Flacco als Starter abzulösen und zu einer möglichen „Cap-Casuality“ zu machen (Flacco-Entlassung generiert 10 Mio Cap-Space) – und wohl auch gut genug, damit Denver 2020 nicht QB-oder-Bust denken muss.

Vermutlich wird 2020 also zu einem weiteren Übergangsjahr, in dem man die Langzeit-Aktien von Lock als Starting-QB austestet. Dafür hat man schonmal den OffCoord ausgetauscht. Schritt 2 wäre eine Aufbesserung des Receiving-Corps, der nach dem Verkauf von Emmanuel Sanders sehr zentriert auf WR Courtland Sutton war. Sutton machte sich in seiner Rolle ganz gut – aber neben ihm drängte sich niemand weiteres auf.

Offense Line war ein oft diskutierter Schwachpunkt – und als #14 im PFF Pass-Grading sowie sogar nur #27 in PBWR gibt es zumindest Hinweise darauf, dass man was machen könnte. Das System, das Denver spielen will, verlangt nach guten Offensive Lines mit starken Tackles. Möglich, dass man sich im Draft in der tiefen Offense-Tackle Klasse bedienen wird. Vielleicht schon mit dem #15 Pick, wenn der nicht auf Wide Receiver fällt. Möglich auch, dass man sich mit sehr viel Cap-Space eines der besseren Free-Agents bedient.

In der Defense stehen und fallen viele Folgeentscheidungen mit den beiden Free-Agents CB Chris Harris und S Justin Simmons. Beide waren wichtige Leistungsträger. Man hätte den Cap-Space um beide zu halten – aber Harris ist 31 und bis Denver mit Lock ganz oben angreifen kann, ist er vielleicht schon zu alt. Daher könnte auch eine Trennung anstehen. In jenem Fall täte sich eine weitere Lücke mit Cornerback auf.

Irgendwie tritt Denver damit auf der Stelle. Den entscheidenden Schritt nach vorne macht man ohnehin nur, wenn Lock sich wie gewünscht entwickelt – daher wären Investitionen in O-Line und Wide Receiver verständlich. Auch am Handling der Chris-Harris Situation wird man ablesen können, ob Denver kurz- oder langfristig denkt.

Los Angeles Chargers

5-11 Siege
Power Ranking: #10
Cap-Space: ca. 49 Mio (#15)

Zeitenwende bei den Chargers: Dieses seelenlose Team war letztes Jahr gebeutelt von einem unterirdischen Close-Game Record. Das führte zu 5-11 Bilanz, doch Pythagorean und Advanced-Stats deuteten mindestens auf das Leistungsvermögen von 8-8 hin.

Jetzt kann man nicht mehr direkt an diese letzte Saison anschließen, denn diese Woche wurde bekannt, dass man sich nach 14 Jahren von Starting-QB Philip Rivers verabschieden wird.

Rivers gilt als der beste QB unserer Generation, der nie die Superbowl erreicht hat. Viel Anteil daran hat die Pechmarie. Die Liste der Playoff-Versagen in der Rivers-Ära ist pure Komik: 2006/07 scheiterte man als 14-2 an New England, weil ein Defensive Back die entscheidende Interception von Tom Brady wegfumbelte. Ein Jahr später ließ der Headcoach bei den ungeschlagenen Patriots im AFC-Finale drei Fieldgoals von innerhalb der 10-yds Line kicken und die Chargers verloren 21-12. Zwei Jahre später verschoss man ein Fieldgoal nach dem anderen um mit 14-17 gegen die Jets rauszufliegen. 2010 scheiterte man mit #1 Offense und #1 Defense an der Playoff-Qualifikation! Und so weiter.

Rivers hatte 2018 noch eine Top-Saison, aber 2019 wirkte er in einigen Spielen gefährlich „shot“. Sein Arm schien in manchen Phasen der Saison jeglichen Esprit verloren zu haben; dennoch war Rivers nicht völlig ineffizient – im Gegenteil: Die Passing-Offense war nahe der Top-10 nach EPA/Pass klassiert. Ihn zu ersetzen klingt leichter als es ist.

Hie und da wird ein Wechsel von Tom Brady zu den Chargers diskutiert: Brady habe die Chance, in Los Angeles seine „Marke“ TB12 und jene seiner Frau Giselle weiter auszubauen. Doch diese Option halte ich weiter für unrealistisch. Play-Maker wären zwar unbestritten verfügbar, aber es gibt ein paar kritische Punkte in der Offense: TE Hunter Henry und WR Benjamin sind Free-Agents, die Offense Line ist vor allem an der rechten Flanke (RT Sam Tevi) eine Katastrophe und das Play-Calling tendiert zu lauflastig zu werden.

Auch RB Melvin Gordon ist übrigens Free-Agent, doch das Handling seiner Situation 2019 deutet an, dass die Chargers klugerweise keinen Multimillionendeal verschwenden werden. So bleibt die erste Priorität vorerst, Henry zu halten.

Ich bin sehr gespannt auf die Quarterback-Situation: Mit dem #6 Pick wäre man keine Lichtjahre von einem Ansturm auf einen Franchise-QB entfernt, doch mit der Firepower der Dolphins kann man in einem Trade-Kampf wohl nicht mithalten. Brady bleibt eher unrealistisch – aber strebt man dann eine mäßige zweitklassige Option wie Mariota oder einen rücksichtslosen Gunslinger wie Winston an? Wird es also ein Justin Herbert, mit seinem Monster-Arm bei all den deep threats in L.A. zumindest konzeptionell eine passende Option? Oder könnte Cam Newton (im Trade mit Carolina wohl erhältlich) in der Anthony-Lynn Offense eine veritable Option stellen?

Unabhängig davon wird man irgendwann die krasse Schwäche in der Offense Line auf Right Tackle angehen müssen – auch hier würde sich die Draftklasse anbieten. Doch wenn man im Draft an Tackle denkt, dann bleibt die Option Quarterback verschlossen… Fazit: So fällig sich die Trennung von Rivers anfühlt, ein Gang in die Zukunft kann verzwickt sein.

3 Kommentare zu “NFL-Offseason Ausblick 2020: AFC West

  1. Etwas Off-Topic: Wie schätzt du eigentlich den Faktor des neuen Stadions bzw. des Umzuges der Raiders ein?
    Ganz zu schweigen von den Chargers…
    Kuriose Situation eigentlich, dass zwei Teams einer Division mit einem neuen Stadion in eine Saison gehen.

  2. @Öwi: Kaum einzuschätzen.

    Die Raiders hatten ja keinen schlechten Support in Oakland.

    Bei den Chargers sah das ja etwas anders aus, aber inwiefern sie mit christlicheren Eintrittspreisen jetzt das neue Stadion füllen können und ob sie dabei sowas wie ein Heimpublikum haben werden, ist aktuell in der Schwebe.

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