Gedanken zum Themenkomplex NFL-Draft

Die Draft-Saison ist schon in vollem Gange. Die Kollegen Fabian Sommer und James Wiebe haben in ihrem Podcast „Snap – die Football Show“ diese Woche dazu ein zirka halbstündiges Segment (ab Minute 35:10) aufgenommen, in dem sie das Thema Draftscouting von mehreren Seiten diskutieren: Wie kann man scouten, wie aufwändig ist es, was bringt es, wo liegen die Gefahren, wie soll man seine Erkenntnisse mit dem Public-Sense abgleichen, soll man sich schon vor dem eigenen Scouten um externe Informationen bemühen oder nicht?

Ganz am Ende sprechen die beiden auch kurz einen meiner alten Takes zur Draft-Saison an – präziser: Dass ich Scouten für relative Zeitverschwendung halte. Ich habe u.a. in diesem Eintrag von 2018 ausführlich über diese meine Haltung geschrieben:

Was bedeutet Draftnerding für mich?

Eher wenig. Ich habe nie „gescoutet“. Ich habe mir in den besten Jahren, in denen ich Zeit und Muße dafür fand, meine Notizen zu den wichtigsten Prospects gemacht. Aber mehr nie. Alles, was es auf diesem Blog jemals zum Draft zu lesen gab, war eine Summary der wesentlichen mir zur Verfügung stehenden Quellen, gepaart mit meinen Erfahrungen die ich mit der NFL über die Jahre gemacht habe.

Einen meiner Lieblings-Einträge auf diesem Blog – Die Quarterbacks von 2013 – kannst du heute zerkrümeln und den Fischen zum Fraß verstreuen, denn kein Prospect hatte ansatzweise nennenswerten positiven Impact auf die NFL.

Die Rechnung ist banal. Aber: Im Draft-Umfeld geistern zwischen 200 und 400 Namen durch die Lande. Die NFL hat rund 1700 Spieler gleichzeitig unter Vertrag. Wie viele davon sind besser als Durchschnitt? Rund 800. Teil diese auf durch ca. 5-8 Jahrgänge, und du kommst auf rund 100-120 brauchbare Spieler. Von denen du dich auf 50% nie mehr erinnern wirst, weil sie als Reserve-Offense Liner in Arizona versauern. Die NFL hat vielleicht 100 richtige Stars. Vielleicht 15 von ihnen werden in diesem Draft gezogen.

Sich dafür über Wochen auseinanderzusetzen, bedeutet auch, sich mit vielen Dingen zu befassen, die keine Auswirkung haben werden. Für mich unvorstellbar – das Big Picture reicht mir in Sachen Draft meist aus. Aber ich kann entfernt die Faszination von Draftniking greifen und verstehen, wieso man sich auf Wochen hinter Tapes vergräbt.


Ich habe mich dann in den letzten Jahren trotzdem verstärkt auch auf diesem Blog für Draft-Themen interessiert, doch weniger anhand von „Scouten“ im Sinne von stundenlangem Tape-Grinden, dafür mehr mit Blickwinkel von außen bzw. von der Seite und von einem neuen Winkel aus:

  1. Welche Methoden abseits des reinen Tape-Grinden gibt es?
  2. Wo können diese Methoden das Scouting ergänzen oder viel mehr voranbringen?
  3. Was kann ich selbst nicht nur über die Spieler selbst, sondern vor allem über das Spiel lernen?

Ausführlich darüber habe ich vor ein paar Wochen im Zuge der Senior Bowl geschrieben: Warum informiere ich mich trotz „Confirmation Bias“ schon vor den ersten eigenen Tape-Studien ausführlich über die Prospects, welche Prospects interessieren mich, warum schauen ich keine Dutzende an Prospects an?


Und noch einen Punkt halte ich im ganzen Draft-Prozess für essenziell: Es ist das Event der Weisheit der Vielen. Ich war zum Beispiel einst voll von den Qualitäten von Deshaun Watson und Lamar Jackson überzeugt und wollte sie als Top-Picks vom Tableau gehen lassen – bis mich die Masse skeptisch machte und mir peu à peu diese Superstars abspenstig machte. Trotzdem bin ich darüber heute nicht unglücklich.

Denn obwohl viele Draft-Takes vom einen Portal zum nächsten vor Plattitüden nur so strotzen und vom einen zum nächsten wie kopiert und leicht modifiziert eingefügt wirken und wir dabei bestimmt nicht überall unabhängige Meinung lesen, so ist der Draft ein Umfeld von hoher Unsicherheit. Und dort ist die Gefahr von Selbstüberschätzung besonders hoch. Ich habe meine Haltung zu diesem Thema in einem eigenen Blogeintrag niedergeschrieben:

Ja, ich gebe es zu: Tape-Grinden ist nicht so meins. Doch das heißt nicht, dass mich der Draft nicht jedes Jahr aufs Neue fasziniert.

7 Kommentare zu “Gedanken zum Themenkomplex NFL-Draft

  1. Dieses „Draft-scouting nicht übertreiben“ erinnert mich an Herrn Gettleman, der es zum Extrem praktiziert: Er hat (angeblich!) drei Drives vom Senior Bowl gesehen und gesagt: „Daniel Jones isses.“
    Danach wurde endlos auf Gettleman rumgehackt. Ich hoffe so sehr, dass Daniel Jones Erfolg hat. 😉 Das Umfeld schaut leider suboptimal aus.

  2. Sorry, das klingt sehr nach Missverständnis. Ich sage nicht, dass Draft-Scouting nicht übertrieben werden soll. Ich sage, dass es für mich nix nutzt.

    Die Teams sollten sehr wohl so viel wie möglich über die einzelnen Prospects herausfinden, wenn möglich aus vielen verschiedenen Quellen.

    Eine Herangehensweise wie Gettleman ist genau falsch: Übertriebener Glaube in die Qualität des eigenen Scoutings. Ausblenden aller anderen Meinungen. Vertrauen auf minimale Sample-Size.

  3. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass alle Daten der Welt nicht reichen um zuverlässig zu prognostizieren, in welcher Runde welcher Spieler gezogen werden sollte (Bsp. Kittle). Geschweige denn, ob Spieler A in der NFL bei Team X besser sein wird als Spieler B. Mich würde das massiv frustrieren, wenn ich Draftnik wäre.

    PS: Typen wie Gettleman machen die Draft unberechenbar und damit unterhaltsam. 🙂
    PPS: Und der 2013er QB Artikel ist lesenswert. Danke für den Link! Geno Smith… *smh*

  4. @Dizzy: Natürlich wird es nie eine 100%-Wissenschaft, dafür gibt es viel zu viele Faktoren: Nichtlineare Spielerentwicklung, Verletzungen, Scheme-Fit, andauernde Trainerwechsel, mini-Testmenge am College, neues Umfeld, simples Glück/Pech usw.

    Ein Team, das an #7 pickt, hat nur in 57% der Fälle einen besseren Draft als ein Team an #17:

    Aber „mehr Unsicherheit“ heißt nicht „weniger Anstrengung“ unternehmen, sondern ist umso mehr Grund, alle möglichen verfügbaren Informationen auszuschöpfen und anzuzapfen um zu einem besseren Ergebnis zu kommen.

    Die Datenlawine von PFF z.B. steht erst am Anfang. Hier dürfte es trotz aller Unsicherheit nochmal einen Schub geben, den traditionelles Scouting mit all seinen Biases nicht mehr beisteuern kann.

    Ansonsten bleibt das alte Mantra: Solange du nicht QB picken willst, ist es aktuell besser, Down-Trades einzufädeln, solange du dadurch besseren Expected-Value generieren kannst und einen Trade-Partner findest.

  5. Pingback: Unsicherheit im Scouting-Prozess | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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