NFL-Offseason Ausblick 2020: NFC North

Teil 6 der großen Offseason-Runschau: Lass uns weitermachen mit der NFC North.

Green Bay Packers

13-3, NFC Conference Finale
Power Ranking: #8
Cap-Space: ca. 24 Mio (#23)

Ich schreibs nochmal: Die Packers waren als 13-3 Team recht klar überschätzt. Sie waren 2019 nach allen verfügbaren Indikatoren ziemlich genau ein 10-6 Team. Das ist gut. Aber nicht Elite. Das Debakel im NFC-Finale gegen die 49ers fühlte sich weniger wie ein Ausrutscher, mehr wie logische Folge an.

Für 2020 geht man dennoch nicht schlecht aufgestellt an den Start. In der Offense hat man in OT Bulaga nur einen nennenswerten Free Agent – und man hat ausreichend Cap-Space um ihn zu halten. Man hat in der Offense auch nur eine nennenswerte große Schwäche: Es fehlt ein zweiter starker Passempfänger hinter Davante Adams. TE Graham, WR Lazard, WR Allison, WR St. Brown usw… alle nur Mittelmaß oder drunter.

Sollte eine der Top-Receiver wie A.J. Green oder Cooper tatsächlich auf den Markt kommen, müssen die Packers dringend darüber nachdenken – andernfalls bliebe nur der Weg über den Draft. Wir wissen: Die Receiver-Klasse dort ist stark.

Doch „starke Receiver-Klasse“ könnte auch bedeuten, dass man im Draft zuwartet und erst in Runde 2 oder 3 zuschlägt, weil die Tiefe gegeben ist – und die höchsten Draftpicks in die strauchelnde Defense investiert. Dort gibt es noch Optimierungspotenzial auf Cornerback oder Linebacker. Linebacker ist die weniger wichtige Position, doch dort ist man sehr hüftsteif besetzt. Cornerback ist die wichtigere Position, doch dort hat man in den letzten beiden Offseasons massiv Draftkapital investiert und könnte die Karte „Entwicklung des vorhandenen Potenzials“ ausspielen.

Die Strategie könnte auch so aussehen: Je nachdem auf welcher der drei Need-Positionen (LB, CB, WR) ein bezahlbarer oder hochklassiger Free Agent auf dem Markt kommt, greifen wir zu und attackieren die beiden anderen Spots im Draft. Kommt keiner, wäre Receiver/Cornerback in Runde 1 und dann Receiver/Linebacker in Runde 2-3 denkbar.

Allzu langfristig sollte man nicht denken. QB Aaron Rodgers spielte vermutlich keine fünf Jahre mehr, und auch wenn er viel und teilweise nicht unberechtigte Kritik einstecken muss: Er bleibt eine QB-Option die es wert ist, drum herum zu bauen.

Minnesota Vikings

10-6, Divisional
Power Ranking: #9
Cap-Space: -11.3 Mio (#32)

Ziemliche Sackgasse für die Vikings in der aktuellen Offseason: Letztes Jahr im Do-or-die Jahr war man nicht „schlecht“, kam bis ins Viertelfinale, aber großer Wurf sieht dennoch anders aus. Jetzt geht man in eine ungewisse Zukunft – den „Peak“ hat dieser Kader schon überschritten.

Man ist deutlich oberhalb der Salary-Cap und muss Spieler entlassen um überhaupt Handlungsfreiheit zu bekommen. In solchen Situationen kann man Verträge umstrukturieren um Gehälter in Handgelder umzuwandeln und erst in der Zukunft abzuschreiben (z.B. bei EDGE Griffen möglich: kostet 13 Mio, hat aber nur 800k guarantees), aber damit verringert man künftige Flexibilität. Doch es gibt ein kleines Problem bei dieser Methode: Mit dem 2021 auslaufenden CBA scheint es nicht ganz klar zu sein, wie diese Umstrukturierungen von Gehalt in Signing-Bonus in der aktuellen Periode genau ticken.

Man kann auch schlicht Spieler feuern. Sollte das mit der Signing-Bonus Umwandlung schwierig sein, könnte Griffen ein Fall für einen Rauswurf werden. Zwei weitere mögliche, weil etwas überschätzte, Spieler mit solchem Einsparpotenzial wären CB Rhodes (8 Mio) und DT Joseph (11 Mio). Insbesondre Rhodes gilt nach seiner oft propagierten schwachen Saison als No-Brainer für eine Entlassung. Joseph ist mehr ein Fall von „guter DT gegen den Run, aber zu wenig Pass-Rusher um Top-Moneten über 10 Mio/Jahr zu kassieren“.

Rhodes war gleichzeitig der Poster-Boy für die ungewöhnlichen Cornerback-Probleme in Minnesota: Die Mike-Zimmer Defense lebte jahrelang von der Qualität ihrer vielen 1st-Round Cornerbacks, die hinten exzellente Flexibilität in der Coverage zuließen. Doch 2019 versagten fast alle Manndecker: Dass Rhodes in die Pro-Bowl gewählt wurde, gilt als Treppenwitz. Auch CB Trae Waynes galt als Enttäuschung – und auch CB Alexander. Die beiden sind Free-Agents und sehen wohl keine Verlängerung.

Minnesota behält einen Kern an starken Verteidigern um die herum das Gerüst der Defense stehen bleibt: DE Hunter, DE Griffen, LBs Kendricks/Barr sowie SS Harrison Smith sind fix eingeplant. Aber FS Anthony Harris, für PFF einer der besten Verteidiger der kompletten Saison, ist Free Agent und kann nicht verlängert werden – und dann bleibt das schwarze Loch auf Cornerback. Hier bleibt Zimmer wohl nix anderes als der Draft sowie die Hoffnung, den einen oder anderen billigen Oldie vom Markt für die Tiefe aufzugreifen.

Man könnte nun meinen, dass wenigstens die Offense gesetzt ist – jetzt nach dem einen Jahr, in dem sie mit Kirk Cousins in vielen lichten Momenten zu greifen begann. Doch Vorsicht: Es gibt einen Wechsel auf OffCoord (Stefanski geht, Klint Kubiak rückt nach) und es gibt Zoff um WR Stefon Diggs. Diggs kostet um die 14 Mio/Jahr und gilt erstaunlicherweise als möglicher Trade-Kandidat…

…da sind wir wieder beim Thema „Personal-Zusammenstellung“: Die Vikes zahlen 28 Mio/Jahr an QB Cousins, 14.5 Mio/Jahr an Diggs und 16 Mio/Jahr an Thielen – und wollen gleichzeitig Run-First spielen und wundern sich dann, dass weder Top-Effizienz noch Cap-Space noch Zufriedenheit da ist!

Wie auch immer man mit dem bockenden Diggs umgehen wird, die Gesamtsituation war schonmal besser. Behält man Diggs, kann man in der NFC im Idealfall eine ähnliche Rolle wie 2019 spielen. Ob das den Fans und Verantwortlichen reicht, steht auf einem anderen Blatt.

Chicago Bears

8-8 Siege
Power Ranking: #23
Cap-Space: 13 Mio (#26)

Ich war nicht zimperlich mit der Bears-Offseason von 2019, und die miese Saison 2019/20 bestätigte mich in meinem Eindruck. Jetzt geht man in eine Offseason fast ohne Cap-Space (nur dank Kyle Longs Rücktritt hat man überhaupt 13 Mio.), ohne 1st Rounder im Draft sowie einer unguten Free-Agent Situation auf Linebacker.

Entweder LB Trevathan oder Kwiatkowski müssen eine Verlängerung bekommen, ansonsten wird es neben Roquan Smith dünn. Die Wetten stehen eher auf den billigeren Kwiatkowski. Doch wir diskutieren um des Pudels Kern herum, also lass uns zum Punkt kommen.

Alle Wege um das Team wieder in Schwung zu bekommen führen immer wieder zum gleichen Mann: QB Mitchell Trubisky. Trubisky, einst #2 Overall Pick im Draft 2017, hat in drei Jahren als Starter nix angeboten, mit dem man ihn als akzeptablen Starting-QB bewerben könnte. Just als der letzte Die-Hard letzten November begann, Trubisky zu verfluchen, hatte Trubisky 2-3 „non-catastrophic“ Performances gegen miserable Defenses um seinen Ruf zu retten. Davon blenden lassen sollte man sich nicht.

Wenn die Bears jetzt nix unternehmen um einen neuen Starting-QB zu bekommen, kann man 2020 schon vor der Sommersonnenwende abschreiben… und damit das „Fenster“ mit dieser starken Defense und den exzellenten Play-Makers in der Offense. Im Draft wird das ohne 1st Rounder eher schwierig (man hat nur zwei 2nd Rounder plus einen 6th Rounder und einen 7th Rounder). Also können die Bears nur hoffen, dass möglichst viele Quarterbacks der Güteklasse Winston / Rivers / Brady / Bridgewater und wie sie alle heißen, auf den Markt kommen um dann mit Umstrukturierungen ausreichend Platz für eine Verpflichtung eines dieser Jungs hinzubiegen.

Quarterback also. Mal wieder. Alles andere wie gesagt ist nur Ablenkungsmanöver.

Detroit Lions

3-12-1 Siege
Power Ranking: #25
Cap-Space: ca. 46 Mio (#15)

Bleiben die Lions. “Meine” Lions. 2019 war eine krasse Enttäuschung. Man kann natürlich einiges auf die Verletzung von QB Matthew Stafford schieben, der nach seinem überraschenden Durchbruch in der frühen Saisonphase ausgerechnet in seiner besten Saison seit langem Ende Oktober out for season ging. Detroit, 3-3-1 mit Option auf 6-1 gestartet, verlor nach Staffords Aus alle weiteren Spiele.

Jetzt gibt es in der Offseason zwei plausible Wege:

a) Kader aufmotzen: Man hat den dritten Draftpick in jeder Runde und doch einigen Cap-Space um den Kader an ein paar Schlüsselstellen wie Cornerback aufzubessern.

b) Kader umbauen und auf die Zukunft denken: Man pickt so hoch wie seit 10 Jahren nicht mehr und könnte damit auf Quarterback schon die Zukunft einläuten. Dazu gibt es wohl einen prominenten baldigen Abgang auf Cornerback.

Beide Wege sind denkbar – und nur weil man mit Weg b) schneller in die Playoffs kommt, bedeutet das nicht automatisch, dass es die superiore Option ist. Ziel in der NFL bleibt der Superbowl, nicht die erste oder zweite Playoffrunde. Doch weil das sportliche Leitungs-Duo HC Matt Patricia/GM Bob Quinn von der greisen Ownerin das Ziel Playoffs für den Job-Erhalt bekommen hat, ist Option a) die wahrscheinlichere.

Und so muss man sich in erster Linie Gedanken um die Personalzusammenstellung in der Defense machen. Jene Defense war auch in Jahr 2 von Matt Patricia bis auf wenige Ausnahmen desaströs und unter den 5 schlechtesten der NFL – was insbesondere nach der Einkaufstour von 2019 schön langsam auf den ohnehin nicht unumstrittenen Patricia zurückfällt.

Pass-Rush bleibt auch nach dem ultrateuren Einkauf von EDGE Trey Flowers ein Problem. Auf Cornerback gibt es bereits Trade-Gerüchte um Darius Slay, einen der besten Cornerbacks in der NFL: Slay spielte nach zahlreichen starken Spielzeiten ein eher schwaches 2019, ist aber nächstes Jahr Free-Agent und hat diese letzte Chance mit dann 30 Jahren noch einmal richtig abzucashen. Angesichts der Umstände (Alter, Gehalt und nur noch ein Jahr Vertrag) dürfte man für Slay keinen allzu hohen Gegenwert bekommen – vielleicht zwei Mid-Rounder. Dazu sind DT Daniels, DT Robinson und CB Rashaan Melvin Gordon Free Agents.

Das Gute: Sowohl für Pass-Rush als auch für Cornerback gibt es erstklassige Möglichkeiten: Im Draft an #3 hat man freie Bahn auf CB Okudah, oder, sollte Washington einen Trade mit einem QB-Team einfädeln, sogar für EDGE Chase Young, einen der Hauptpreise im Draft. In der Free-Agency könnte man durchaus den einen oder anderen Passrush-Oldie für billige Kohle verpflichten und in die Rotation werfen.

Doch der #3 Pick bietet eben noch ein ganz anderes Hintertürchen, sollte Washington keinen Trade angehen und Chase Young straight up draften: Quarterback. In den letzten Tagen kamen verstärkt Trade-Diskussionen bezüglich QB Stafford auf – doch ein Trade schon in dieser Offseason bleibt mit Staffords Vertrag sehr unwahrscheinlich. Perspektivisch könnte eine Ablösung von Stafford jedoch durchaus eine veritable Option sein – und da kommen wir dann auf obige beschriebene Option b).

Ich habe schon vor ein paar Wochen Twitter-Diskussionen dazu geführt und glaube, dass die Lions, sollten sie mit dem #3 Pick und Tua Tagovailoa auf dem Tablett im Draft stehen, nur zwei Optionen haben, und keine von ihnen beinhaltet eine Einberufung von Okudah an #3:

  1. Draften von Tagovailoa
  2. Einfädeln eines massiven Trades mit einem QB-Team à la Miami

Tua wäre der „Zukunfts-Move“ – und obwohl er ein gänzlich anderer Spielertyp ist als Stafford, wäre seine Einberufung so horrend nicht: Stafford war 2019 stark, aber davor viele Jahren mittelmäßiger Leerlauf trotz guter (Golden Tate), sehr guter (Kenny Golladay) oder sogar gigantischer Wide Receiver (Calvin Johnson). Jetzt schleppt er mit seinem Rücken erstmals seit langem auch wieder ein echtes Verletzungsfragezeichen mit sich.

Tua dagegen gilt als starker QB-Prospect, der so nicht jedes Jahr zu haben ist. Hinter Stafford könnte er ein Jahr eingelernt werden und dann übernehmen. Freilich ist er in der Offense von OffCoord Bevell kein idealer Fit – doch keine andere Position ist es so locker wert, ihr System anzupassen wie QB.

Die Alternative wäre im Szenario an #3 mit Tua am Board ein Trade nach unten – z.B. mit den Dolphins, Chargers oder Indianapolis, die alle scharf auf einen QB sein sollten. Machen wir uns nix vor: Es wird dann tauschwillige Teams geben.

Ich würde sagen: Wenn Tua an #3 auf dem Tablett ist, ist alles unterhalb von Tua oder Trade-Down mit einem weiteren 1st Rounder on top ein Fuck-Up des Lions-Managements.

So ist die Offseason spannend: Aufmotzen oder Umbau? Umbau mit oder ohne Stafford? Die Lions befinden sich in einem spannenden Zwischenstatus zwischen mehreren realistischen offenen Optionen für die Zukunft. Dass Quinn/Patricia als sportliche Leitung schwer angeknackst sind, spricht eher dafür, dass man kurzfristig und auf Jobsicherheit denkt – was irgendwo schade wäre. Aber das ist der Preis, den die Franchise eingegangen ist, als sie die beiden im Jänner weiterarbeiten ließ.

6 Kommentare zu “NFL-Offseason Ausblick 2020: NFC North

  1. Da Jimmy Graham wohl so gut wie sicher Cap-Casualty bei GB wird sehe ich auch auf TE dringenden Handlungsbedarf.

  2. Für mich eine der spannendsten Divisions in der NFL.

    Wie groß denkst du sind die Chancen der Bears, wenn sie einen QB wie Bridgewater bekommen, mit dem man kompetente Offense spielen kann? Können es sich die Bears Verantwortlichen überhaupt leisten Trubisky schon 2020 abzusägen?

    Lions sollten für mich mit Stafford weitergehen und sind mit ihren hohen Picks ein guter Kandidat für einen schnellen Turnaround. Die WL bilanz war ein Witz und nur wegen Staffords Aus zu mies! Ein bisschen Upgrade in die Defense und sie sind im Spiel.

    Vikings sehr schwer einschätzbar. Gerüst ist da, Offense war auch gut, aber etwas fehlt mir dort… Packers mit Rodgers immer noch ein Kandidat für NFC Top6, aber imho nicht mehr für den Super Bowl.

  3. Interessante Gedanken, kann mir aber einen Stafford zu Tua Wechsel nicht vorstellen. Das sind einfach zu unterschiedliche Welten und Matty P ist so angeschlagen, dass er sich bestimmt keinen Rookie QB ins Boot holt. Lieber Defense aufmotzen und mit Stafford weitergehen, ich sehe die Lions auch nicht so weit von Contention entfernt.

    Die Division hat vier gute Teams und alle haben ihre Probleme. Packers: Defense (und auf höherem Niveau Rodgers). Vikings: CB und Upside Cousins. Bears: Trubisky. Lions: Stafford Gesundheit und Defense.

    Kann mir Detroit mit Stafford und einer gelungenen Draft immer besser als #1 vorstellen.

  4. @Jimbo91: Ein QB der Kategorie Bridgewater macht die Bears prinzipiell wieder zu einem Contender – die Offense kann dann etwas variabler spielen als reine Checkdowns, die jede noch so schlechte Defense durchschaut. Die Play-Maker können in Szene gesetzt werden usw.

    Ich weiß nicht ob Bridgewater der richtige Typ QB ist oder ob man nicht eher einen Mann wie Newton oder vielleicht gar Brady anwerben sollte. Doch es gilt im Prinzip: Alles ist besser als der Status-quo.

    Bzgl. Lions: Ich denke, man sollte das Jahr mit Stafford spielen, weil er mit seinem Mega-Vertrag nicht verkäuflich ist. Aber gleichzeitig würde ich eine Tua-Einberufung sehr begrüßen. Es wäre das Win-Now/Denk-langfristig Move. Ich tendiere immer stärker auf Tua, sollte der an #3 auf dem Tableau liegen.

  5. Pingback: Wie die Quarterback-Geilheit den NFL-Draft 2020 dominiert | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  6. Pingback: Chicago Bears in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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