Greg Cosell über die drei Top-Quarterbacks im NFL-Draft 2020

Es ist immer interessant, was der Film-Guru Greg Cosell zu den Top-Prospects im NFL-Draft zu sagen hat. Und nachdem nächste Woche schon die NFL-Combine beginnt, wollen wir kurz mal einen Sprung reinhören was Cosell letzte Woche im Ross Tucker Football Podcast (RTFP) zu den drei Top-Prospects auf Quarterback im Draft 2020 gesagt hat.

Cosell über…

Joe Burrow

Cosell: Ein richtig guter, ja exzellenter Prospect. Burrow hat alle notwendigen Elite-QB Skills außer einem fantastischen Wurfarm. Speziell fallen die annähernd perfekt präzise platzierten Würfe auf, aber Burrow beeindruckt auch mit seiner Ruhe und Souveränität in der Pocket.

Er ist in und außerhalb der Pocket stark. Er ist effizient, wenn die Pässe mit Timing und Rhythmus kommen, aber auch stark bei 2nd reaction plays – bis hin zu echten Broken Plays. Burrow nutzt Big-Play Chancen zu hohem Prozentsatz aus. Sein tiefer Ball ist annähernd makellos.

Burrows auffälligste Schwäche: Sein Arm ist „nur“ gut, nicht Elite à la Stafford oder Mahomes. Ansonsten muss man schon sehr pingelig sein um Flauseln zu finden: Manchmal ist seine Beinarbeit nicht ganz sauber und der hintere Fuß geht nicht schön in den Wurf mit. Manchmal kassiert Burrow unnötige Sacks, weil er ohne Not in der Pocket nach vorn direkt hinein in den Pass-Rush steppt. Gegen Druck war er insgesamt zwar dennoch fantastisch, aber eben nicht total fehlerlos wie ohne Druck.

Für gewöhnlich ist Cosell in der Beschreibung von Burrow auffällig euphorisch. Einziger Makel in seiner Bewertung: Cosell gibt zu, kein Spiel aus der Saison 2018 gesehen zu haben. Damals hat Burrow noch nicht einmal gut genug gespielt um im letzten Sommer in irgendwelchen Preseason-QB Rankings aufzuscheinen.

Dass Prospect von null auf hundert schießen, ist nicht ungewöhnlich: Vor dem Draft 2016 poppte Carson Wentz erst um Weihnachten zum ersten Mal auf dem nationalen Radar auf. Vor dem Draft 2017 war Trubisky der Mann, der aus dem Gar Nichts kam. Ein halbes Jahr vor dem Draft 2018 hatte Baker Mayfield bestenfalls als Mid-Rounder gegolten. Und letztes Jahr waren Kyler Murray und Dwayne Haskins die Top-QBs: Beide waren im Sommer vor dem Draft in keinem einzigen Mock-Draft auch nur als perspektivische Late-Round Picks aufgetaucht.

Der Unterschied: Niemand hatte seinen Breakout am College so spät wie Burrow. Burrow ist der ultimative Senkrechtstarter in seiner allerletzten College-Saison. 2019 bewies, dass Burrow unter guten Rahmenbedingungen zu Sensationellem fähig ist. Doch man sollte sich dennoch fragen, warum das vorher nicht so wunderprächtig funktioniert hatte – wie wichtig diese Information dann ist, das müssen Teams selber entscheiden.

Wir haben bei Burrow also ein 2019, in dem selbst ein kühler Kopf wie Cosell ins Schwärmen gerät. Aber die Welt hat sich auch schon vor dem 1. September 2019 gedreht.

Tua Tagovailoa

Für Cosell ist der College-Tua ein effizienter Game-Manager in einem hervorragend designten Offensiv-System. Tua ist ein guter, aber nicht herausragender Athlet. Er hat exzellentes Ball-Placement, ist aber bei 2nd-Reaction Plays nicht so gut wie Burrow.

Für Cosell ist Tua ein „programmierter Passer“: Hervorragend bei Timing-Würfen, exzellent bei RPOs, aber eben auch sehr, sehr häufig sofort auf den ersten Read gehend. Was passiert, wenn er zu mehr gezwungen wird als das?

Cosell sagt: In der NFL muss Tua ein bestimmtes Spielsystem kriegen um zu funktionieren. Er stellt sich darunter in etwa sowas vor, wie die New Orleans Saints spielen: Viel Timing & Rhythmus-Passing, eher weniger Fokus auf die Athletik des QBs.

Cosell sagt: Dass QBs das System sind, ist ein Trugschluss. Es habe in der NFL-Geschichte nur ganz, ganz wenige Beispiele von QBs gegeben, die wirklich transzendent über das System hinaus erfolgreich gewesen wären. Mahomes könnte einer von ihnen sein. Aber ansonsten ist jeder zu einem bestimmten Grade ein System-QB, und daher sollte man seine Einschätzung Tuas auch nicht als übertrieben negativ auffassen. Vielmehr muss sein NFL-Team ihm eben den notwendigen Rahmen schaffen.

Zusätzliches Problem: Tuas tiefer Ball verliert schnell an Energie, hängt dann saftlos in der Luft und macht eine Bogenlampe.

Zum Vergleich Burrow-Tua: Burrow ist für Cosell der klar bessere Prospect. Er hat die besseren Skills. Burrow ist der bessere Werfer, ist besser in 2nd-Reaction Ability, hat ein besseres Gefühl für das Spiel, vor allem wenn der Spielzug nicht 1:1 wie gewünscht abläuft. Cosell klingt fast so, als sei Tua wie ein Roboter, der genau das macht, was die Coaches im einprügeln – und das sehr gut macht, aber es gibt nicht so viele Optionen, wenn der Spielzug vom Wunschverlauf abweicht. Burrow hat diesbezüglich eindeutig das höhere Ceiling bewiesen.

Justin Herbert

Cosell: Faszinierender Spieler – und ein total anderer Prospect als Burrow und Tua. Herbert hat zahlreiche Top-Skills: Er ist gebaut wie der im Labor gezüchtete QB-Prototyp. Er hat den mit Abstand besten Wurfarm der Top-QBs. Und er ist sehr beweglich.

Aber beim Versuch, einen NFL-Vergleich zu finden, verwendet Cosell nicht einmal, sondern gleich mehrfach den Namen „Josh Allen“. Das allein ist eine Red-Flag. Herbert sei kein Timing-Werfer, hat schlechte Antizipation (er wirft erst, wenn der Receiver frei ist), sein Ball-Placement ist nur hie und da wirklich erstklassig, in den meisten Fällen ist es fehlerhaft und viel zu inkonstant.

Wie Allen hat Herbert Playmaking-Fähigkeiten auch außerhalb der Pocket. Aber Cosell warnt davor, dass Herbert kein klassischer Ballverteiler im Sinne der Star-Quarterbacks à la Brees oder Brady sein wird, sondern eben mehr dieser Typ QB, der nicht nur als Werfer, sondern auch als Athlet ins Spiel eingebunden werden muss um Erfolg zu haben. Kurzpass-Offense kann man mit ihm wohl nicht aufziehen.

Es klingt deutliche Skepsis bei Herbert durch – Euphorie geht anders („Er ist wie Allen – und damit kann man arbeiten. Ich würde nicht soweit gehen und Allen nach zwei Jahren als Bust bezeichnen, man kann mit ihm arbeiten“). Wenngleich es natürlich ein Team geben wird, die Herbert hoch draften wird. Er ist schließlich ein Quarterback mit guten Anlagen, und das kommt in der NFL immer gut an.

3 Kommentare zu “Greg Cosell über die drei Top-Quarterbacks im NFL-Draft 2020

  1. Ich verstehe echt nicht wie manche Coaches so stumpf sein können und ihren QB(!) in sein System pressen wollen das ihm nicht liegt.
    Wenn ein QB gezeigt hat das er in mindestens einem System funktioniert ist doch egal in wie vielen er nicht funktioniert.

  2. Das Problem ist möglicherweise, dass viele Coaches zu sehr in den Systemen / Grundideen hängen bleiben, in denen sie selbst aufgewachsen sind.

    Viele können sich davon einfach nicht lösen. Nicht jeder ist McDaniels oder Andy Reid, die so viel verschiedenes schon gemacht haben (McDaniels mit Sternchen, er hatte viele Jahre Tom Brady als QB).

    Den meisten fehlt entweder der Willen, die Kraft oder die Kreativität um aus dem Schema F auszubrechen.

  3. Pingback: Gedanken zur Quarterback-Bewertung im Draft | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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