Gedanken zur Quarterback-Bewertung im Draft

Quarterbacks zu draften ist der Königs-Move in der NFL: Schlägt der Gedraftete ein, hast du auf Jahre einen sicheren Job. Doch draftest du einen Bust, bist du in Kürze deinen Job los.

Der PFF-Forecast Podcast mit den beiden PFF-Analysten Eric Eager und George Chahrouri (nicht zu verwechseln mit dem PFF-Podcast von Steve Palozzolo und Sam Monson) gehört in jeder NFL-Offseason zu den Podcasts mit den originellsten Denkansätzen.

Letztes Jahr habe ich z.B. mal über ihre Sichtweise bei Cornerback-Verträgen geschrieben. Im Podcast der letzten Woche haben die beiden über Projection von Quarterbacks im Draft gesprochen.

Vorausgeschickt sei an dieser Stelle ihr Grundsatzartikel zur Quarterback-Bewertung im Draft aus dem Jahr 2018: Eager/Chahrouri legen darin nahe, dass im Quarterback-Scouting die College-Performance gegenüber den „Traits“ (Skill-Set) gewinnt. Anders: Die Performance eines Quarterbacks am College ist wichtiger als das Achten auf gewisse Skills wie Wurfarm, 2nd reaction plays usw (ich habe gestern darüber geschrieben).

PFF z.B. bewertet Performances von QBs anhand verschiedener Kriterien – eine Auswahl:

  • Accuracy: Präzision der Würfe, möglichst unabhängig vom angespielten Receiver
  • Big-Time Throws: Fette Würfe, z.B. besonders aufregende Pässe in enge Fenster
  • Turnover-worthy Throws: Würfe, die prinzipiell in einem Turnover hätten resultieren können (und entweder abgefangen wurden oder z.B. vom Verteidiger gedroppt wurden)
  • Target Depth: Wie tief wirft ein QB seine Pässe?
  • Performance unter Pressure bzw. ohne Pressure: Performance ohne Druck ist weniger volatil und aussagekräftiger!

Und etliche weitere. Anhand eines genau definierten Kriterienkatalogs geben die PFF-Scouts dann für jeden Wurf eine Gesamtnote für jeden Spielzug.

Quarterback-Evaluation in der Makroperspektive

Eager/Chahrouri stellen in ihrem Podcast von letzter Woche ein paar ganz interessante Theorien auf:

#1 Quarterbacks sind mehr Produkt der Umstände als wir wahrhaben wollen. Es gibt vielleicht etwas mehr als eine Handvoll QBs, die wirklich unabhängig von ihrer Situation funktionieren – z.B. Brady, Mahomes oder in ihrer Blütezeit Andrew Luck oder Aaron Rodgers. Die allermeisten der QBs brauchen die entsprechende Infrastruktur um wirklich erfolgreich zu sein. Ein Quarterback Typ Dalton ist mit Top-Teamkollegen und Top-Coaching sehr brauchbar, aber ohne kannst du ihn vergessen.


#2 Man sollte Draft-Prospects nicht überbewerten, wenn sie in einer Top-Situation am College arbeiten durften. Möglicherweise sind die meisten QB-Prospects ähnlicher als wir glauben, aber einige haben halt das Glück, in einer besseren Situation am College spielen zu dürfen.

Wie viel Wert haben drei Top-Jahre eines Baker Mayfield in einer nahezu perfekten Situation in Oklahoma: Top-Coach, perfekt designte Offense, die besten Runningbacks, Wide Receiver und Offense Liner im ganzen Land – und dazu noch Spielen gegen die Big-12 Defenses.

Bereitet dich das wirklich auf die NFL vor, wo du fast nie eine derart perfekte Situation vorfinden wirst? Wie reagieren diese Prospects, wenn sie in die NFL kommen und plötzlich nicht mehr die Götter im Locker-Room sind?


#3 Man muss es hoch schätzen, wenn QBs wie Burrow ihre ge-upgradete Situation ausnutzen. Burrow war ziemlich durchschnittlich, ja sogar unauffällig, bevor er 2019 mit der Einstellung von Joe Brady als Assistenzcoach und mit gigantischen Receivern als Teamkollegen seinen Durchbruch hatte. Doch allein, dass er diese Situation so perfekt genutzt hat, ist schon viel wert.

Schließlich ist es keine Schande, wenn man kein „system-unabhängiger QB“ ist. Ganz, ganz wenige sind das. Allein, dass man eine gute Situation mit perfekten Leistungen ausnutzt, spricht für eine gewisse hohe Grund-Qualität.


#4 Das letzte College-Jahr muss man am höchsten bewerten. Die ersten Jahre am College sind fast Pipifax, denn erst mit dem letzten Jahr am College wird es für die Prospects wirklich ernst. Vorher ist Spielerei. Aber das letzte Jahr ist „das Jahr“. Es gibt keine weitere Chance. Wer mit diesem Druck performt, ist besonders hoch einzuschätzen. Wer unter diesem Druck kollabiert, bei dem darf man legitime Fragen stellen, ob er dem Druck gewachsen ist.

Wenn man QBs projected, ist es also ratsam, dem letzten Jahr die höchste Bedeutung beizumessen. Die Jahre vorher sollten natürlich nicht bedeutungslos sein! Bei Projections wie Trubisky vs. Mahomes (beide mit einem starken letzten Jahr, aber Mahomes war in den Jahren zuvor eher wackelig, während Trubisky gar nur dieses eine Jahr als Starter hatte) sollte man definitiv aufpassen, dass man den QB mit der längeren Zeit als Starting-QB nicht zu sehr nach unten zieht.


#5 Nicht jeder Jahrgang hat einen „transzendenten“ QB. Längst nicht jeder Draft-Jahrgang hat einen dieser „system-unabhängigen“ Top-QBs zu bieten. Wenn man QBs projected, ist meistens selbst der #1 Pick näher an Liga-Durchschnitt als an Hall-of-Fame Status. Doch das wollen die meisten nicht wahrhaben: Das Draft-Umfeld ist voll von Leuten, die dazu tendieren, über die Schwächen von Prospects hinwegzusehen und ihre positive Bewertung eines Prospects zu überschätzen.

Burrow

Zu Burrow selbst mehren sich die Gerüchte, dass er vielleicht gar keine Lust auf die Cincinnati Bengals hat. Der Vorwurf scheint mangelhaftes Committment zum Erfolg in Cincinnati zu sein. Der offensichtliche Link zwischen Burrow und dieser Haltung ist Burrows persönlicher Draft-Coach Jordan Palmer.

Dessen Bruder Carson Palmer war 2003 der #1 Pick der Bengals. Nach sieben Jahren als Starting-QB hatte Palmer dann keine Lust mehr auf den lahmen Trott bei den Bengals, die seiner Meinung nach nicht genug getan haben um eine titelwürdige Mannschaft zu bauen.

Für Cincinnati wäre es bitterböse, wenn sich zehn Jahre danach die Geschichte wiederholen würde. Noch ist es zwar nicht soweit, aber es scheint als ob der notorisch geizige Owner Mike Brown in den nächsten Wochen ein paar Zeichen setzen muss, die seine Ambitionen auf eine Super Bowl untermauern.

3 Kommentare zu “Gedanken zur Quarterback-Bewertung im Draft

  1. Frage von einem Packfersfan: Sind Quarterbacks wie Wilson oder Watson für dich Systemquarterbacks?
    Ich finde, die beiden haben mehr den Nachweiss erbracht, System unabhängig zu sein als Mahomes. Der spielt in einem klaren System mit guter Protection und geilen Waffen. Ich bleib dabei: ob Mahomes ein künftiger GOAT ist oder nur sehr, sehr gut, werden wir erst in drei Jahren sehen.

  2. Watson mehr als Wilson. (Ich glaube sogar, dass Wilson auch explizit im Podcast als einer der System-unabhängigeren QBs genannt wurde)

    Auch hier gilt: Es gibt nicht schwarz oder weiß. System-QB ist kein absoluter Begriff.

    Mahomes profitiert bestimmt von der Situation, aber mit seinem Arm und seinem Out-of Structure Playmaking hat er denke ich schon gezeigt, dass er recht sicher auch ohne die perfekte Infrastruktur vom obersten Regal ist.

    Dalton oder Alex Smith sind mit so einem System passabel bis sehr gut. Mahomes spielt damit die ganze Liga in Schutt und Asche.

    Natürlich wird es ohne Kelce/Hill/Reid usw. schwieriger, aber auch Tom Brady war 2007 eine andere Nummer als z.B. 2013. Der Unterschied: Brady (und sehr wahrscheinlich auch Mahomes) halten eine Offense mit den Waffen von Pats 2013 am Laufen, während die Ebene QBs drunter dann recht schnell zusammenklappt.

  3. Insbesondere #5 der QB-Evaluationspunkte finde ich wichtig zu erwähnen.
    In der Draft-Saison wird immer so getan als wären die Top QBs im Draft auch später Top-Tier QBs in der NFL, was ja einfach nicht stimmt. Wie du schon schreibst, ist die Wahrscheinlichkeit auch in der ersten Runde „nur“ einen durchschnitts QB zu draften viel höher als einen absoluten Elite QB zu erwischen. Das geht meiner Wahrnehmung nach in der Draft Berichterstattung (ausgenommen natürlich z.B. auf dieser Seite) komplett unter.

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