NFL-Draft Vorschau 2020: Runningbacks vor der Combine

Kurzes Update zum CBA: Gestern wurde spekuliert, dass die NFLPA leichte Modifikationen an ihren Abstimmungsregeln vorgenommen hat, und dass das NFLPA-Gremium in erster Instanz den CBA-Vorschlag der Owner nur dann zur Abstimmung an die Spieler weitergibt, wenn mindestens 51% der 32 Gremium-Mitglieder für den Vorschlag stimmen.

Auch in Sachen CBA-Inhalt scheint es weiterhin Verwirrung in einigen strittigen Punkten zu geben. Möglicherweise haben die Owner ein paar kleine Details in ihrer Kommunikation verschwiegen bzw. elegant untergehen lassen.

Heute soll sich das NFLPA-Gremium zu einer Sitzung von hoher Wichtigkeit treffen. Möglicherweise haben wir in 24 Stunden mehr Klarheit. Und damit zum Thema des heutigen Blogeintrags.


Wir haben in den letzten Jahren schon immer vermutet: Runningback-Scouting ist ziemliche Zeitverschwendung. Es ist eine der unwichtigsten Positionen im NFL-Football – und sie ist extrem von den Umständen anhängig. Trotzdem hier mal eine ausführliche Vorschau.

Wie wichtig sind Runningbacks?

Das Argument geht in Kürze so:

  1. Passspiel ist wesentlich wichtiger als Laufspiel
  2. Für den Erfolg von Laufspiel sind Offensive Line und Personnel-Formtion der Offense wesentlich wichtiger als der Runningback
  3. Die wichtigste Qualität eines Runningbacks ist das Ballfangen, doch auch dort sollten Screenpässe auf die Backs nur die dritte Option im Spielzugdesign sein
  4. Das macht Runningback nicht bloß zu einer kaum relevanten Figur, sondern vielmehr auch noch ziemlich austauschbar.

Auf Twitter hat man das zu der leicht überspitzten Parole „Runningbacks don’t matter“ zusammengefasst. Spoiler: Ein bisschen was hat die Qualität des Runningbacks natürlich schon zu sagen, wie jeder, der einen fußlahmen Trent Richardson hat spielen sehen, bestätigen kann.

In den letzten Jahren hatte ich auf diesem Blog immer wieder gemutmaßt, dass man die allerbesten Runningbacks vielleicht in Runde 3 ziehen sollte. Nun hat Timo Riske bei PFF eine Datenstudie vorgelegt, die sogar noch das als zu optimistisch hinstellt: Auf der Runningback-Position ist die Korrelation zwischen Draft-Status und NFL-Erfolg gleich null. Daraus ließe sich folgern: Es ist wurscht, wo und wann du den Back ziehst.

Auf anderen Positionen ist die Korrelation natürlich auch nicht extrem hoch. Quarterbacks, Offensive Tackles oder Cornerbacks z.B. haben ein Bestimmtheitsmaß von um die R^2 = 0.10. Was okay, aber nicht überragend ist.

Bei Runningbacks aber sprechen wir von der Range „total egal“. Es ist also nicht bloß die eher geringe Bedeutung des Laufspiels oder die geringe Bedeutung des Runningbacks für das Laufspiel, sondern auch die kaum bewertbare Qualität des Runningbacks selbst: Es sieht einfach aus, diese Spieler zu scouten, weil sie ständig in Aktion und im Bild sind. Aber die Zahlen lehren uns: Dieses Gefühl trügt. Zu dominant sind andere Faktoren. Schauen wir trotzdem der Form halber auf die wichtigsten Namen.

Klasse von 2020

Und wir lernen: Einen richtigen allgemein anerkannten #1 Back gibt es in dieser Klasse offenbar nicht.

PFF sieht Utahs Zach Moss als #1.
Dane Brugler hat J.K. „all day“ Dobbins vorn.
Bei Matt Miller ist D’Andre Swift von Georgia an #1.
Beim Draft-Network ist es Dobbins.
Daniel Jeremiah vom NFL Network hat Swift vorn.

Dobbins ist für jeden College-Football Fan schon lange ein gängiger Name. Du brauchst nur Youtube einzuschalten und FOX-Highlights zu Ohio-State Spielen einzuschalten, und nach zwei Minuten hast du viermal Gus Johnson „Jayyyyyyyy Kaaaaayyyyyy Alllll Day“schreien hören. Gemeint ist damit Dobbins.

Er hat drei Jahre als Starter in der perfekt geölten Ohio-State Offense erst von Urban Meyer, dann von Ryan Day hinter sich. Ohio State spielt eine Spread-Offense mit One-Back Sets (also nur 1 RB im Backfield). Folge: Viele offene Boxen, weil die Defenses auseinander gezogen werden. 2019 war die Offense auch noch ergänzt um viele tiefe Passversuche – ein Traum für einen Runningback, der es mit nur wenigen Verteidigern aufnehmen muss, weil diese alle zuerst Pass denken müssen.

Das gelaufenen System war zu 50% Inside-Zone, zu 30% Outside-Zone. Dobbins war exzellent darin, die vordefinierten Lücken (vor allem über die rechte Flanke) zu finden und dann später im offenen Feld die Verteidiger gleich in Serie aussteigen zu lassen.

Wenn der Spielzug funktioniert, dann ist es Aufgabe des Runningbacks, die richtige Lücke frühzeitig zu erspähen und direkt und entschlossen zu attackieren. Scouts fassen diese Eigenschaft unter dem Sammelbegriff “Vision” zusammen. PFF schreibt dazu folgendes:

Vision isn’t a skill that’s widely discussed during the NFL draft. That’s understandable considering A.) It can’t really be quantified and B.) A lot of people don’t know what they’re really looking at. The reads and responsibilities for a running back differ from run scheme to run scheme, so there are no hard and fast rules that can be applied to every play.

Dobbins soll die beste „Vision“ der Draftklasse haben. Doch in den Momenten, in denen sich keine offensichtliche Lücke auftat, war Dobbins dann schnell wieder irdisch.


Der andere oft genannte Top-Runningback ist Swift, ein gänzlich anderer Typ: Er spielte in einer „Pro-Style“ Offense mit viel mehr Power-Running. Er ist wahrscheinlich nicht so beweglich wie Dobbins, aber er ist ein wesentlich besserer Ballfänger und auf kurzem Raum recht antrittsschnell.


Moss dagegen ist athletisch nicht in der gleichen Kategorie wie Dobbins oder Swift, aber er ist brutal agil auf engstem Raum. Sein Verkaufsschlager ist seine Fähigkeit, Tackles zu brechen bzw. aussteigen zu lassen. Das ist eine der wenigen wirklich stabilen Skills auf Runningbacks. Sie ist nicht die wichtigste Eigenschaft, aber die Erfahrung zeigt: Wer dort am College gut war, ist wahrscheinlich auch in der NFL gut. Moss hat allerdings ein Problem, das z.B. PFF in seiner Bewertung kaum einfließen lässt: Seine Verletzungshistorie.

Die weiteren häufiger diskutierten Runningbacks:

Jonathan Taylor / Wisconsin: Grandiose Statistiken bei Wisconsin. Aber wir wissen auch: Wisconsin hat immer annähernd die besten Offensive Lines. Dahinter zu laufen gehört zu den einfacheren Übungen im College-Sport. Und Taylor ist im Gegensatz zu Moss oder Swift ein Butterfinger, wenn es drum geht den Ball zu fangen.

Clyde Edwards-Helaire / LSU. Ein Zwerg von Back, der mit seiner Explosivität und Catch-Fähigkeit schon mit Maurice Jones-Drew („Pocket Hercules“) verglichen wird. Helaire wird keine Super-Sprintzeiten auflegen, sollte aber in den Agilitäts-Tests gut abschneiden. Wer die Playoffs gesehen hat, der fragt sich bestimmt, warum Helaire nicht überall als einer der 2-3 Top-Backs gehandelt wird.

Ke’Shawn Vaughn / Vanderbilt. Vaughn gilt als sehr „straighter“ Back, der beim Anflug einer Lücke nicht lange fackelt. Bei ihm wird die Abnahme des Körpergewichts interessant: Bei der Senior Bowl wurde er mit locker 15 Pfund weniger gemessen als sein am College bekanntes Kampfgewicht.

Cam Akers / FSU. Lange Jahre schon ein heiß diskutierter Name. Akers‘ Problem am College: Er spielte in kaputten Offenses hinter desaströsen Offensive Lines. Wenn man sich nur sein Tape anschaut, könnte man auf die Idee kommen, dass auch er selbst Teil des Problems war, weil er immer wieder offensichtlich den falschen Read macht. Aber wir haben auch gelernt: Wenn eine Gesamtsituation total schlecht ist, ist es schwer, einen Einzelnen heraus zu isolieren und vernünftig zu bewerten.

Eno Benjamin / Arizona State. Der Name kommt mir immer wieder unter. Gilt als Zwerg mit Federgewicht nicht als Feature-Back, aber auf engstem Raum als sehr agil um sich selbst seine Yards zu kreieren.

Auch A.J. Dillon (Boston College) oder Lamichael Perine (Florida) sind oft genannte Prospects. Dillon ist Typ one-cut power-back, Perine ist athletisch kein Wunder, gewinnt seine Yards aber mit proaktiver Spielweise: Weiß, wann abzubiegen ist und verschafft sich dadurch den Sekundenbruchteil an Hebelwirkung.

Es gibt bestimmt noch ein paar andere Backs, die überzeugen können. Mutmaßlich steht dann in drei Jahren aber eh einer der ungedrafteten und heute total unbeachteten Runningbacks als Starter für die Chiefs in der Superbowl. So wie die beiden Starter 2020. Oder die Backs der Eagles 2018. Oder jene der Broncos 2016. Oder so ziemlich alle Late-Rounder der Patriots in den letzten 10 Jahren.


Wer übrigens auf die unendliche Zahlenflut bei Körpermaßen, Gewichten und Combine-Testergebnissen steht: PFF fasst die Combine-Prospects (nicht nur die Runningbacks, sondern alle Positionen) in einem einzigen Eintrag zusammen. Der Eintrag wird laufend ergänzt. In den letzten Jahren gab es in den Untiefen des Netzes auf diverse Google-Sheets mit den Daten in Tabellenform. Falls irgendjemand einen Link dazu hat, bitte gerne posten.

Ein Kommentar zu “NFL-Draft Vorschau 2020: Runningbacks vor der Combine

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