NFL-Draft Vorschau 2020: Wide Receiver vor der Combine

Guten Morgen.

Heute beginnen die Workout-Sessions mit Quarterbacks, Wide Receivern und Tight Ends. Über die Quarterbacks habe ich in den letzten Tagen schon intensiv geschrieben. Heute mal ein Blick auf die Wide Receiver.

Die Klasse von 2020 gilt auf dieser Position als exzellent besetzt: Es gibt ein paar richtige Super-Prospects und sehr viel Tiefe. Beobachter gehen davon aus, dass der Rekord von um die 17 Receiver in den ersten drei Runden geknackt werden könnte.

Über die Receiver-Position habe ich schon letztes Jahr recht ausführlich geschrieben – der Header der Stellenbeschreibung lautet zwar „Routen laufen und Bälle fangen“, aber im Detail sind die Aufgaben dann doch recht unterschiedlich:

  • Es gibt den X-Receiver, der häufig Press-Coverage sieht
  • Es gibt den Y-Receiver, der meistens nicht direkt an der Anspiellinie startet, sondern ein Yard dahinter und damit mehr Freiraum für den Release hat
  • Es gibt den Slot-Receiver, der nicht an die Begrenzung der Seitenlinie gebunden ist und vor allem in Richtung Spielfeldmitte operiert

Auch gibt es ganz unterschiedliche Typen an Receivern: Die physischen Bolzen, die kleinen Irrwische, die fangstarken Possession-Receiver usw.

Die Top-Leute im Draft 2020

Scrollt man sich durch das Netz, gibt es zwei klare Top-Receiver und dahinter ein Trio, das im Prinzip die meisten nennenswerten Scouting-Seiten ebenso in den Top-5 sehen, aber mit einem kleinen Abstand und in der Reihenfolge abweichend.

Die Top-Leute sind Jerry Jeudy/Alabama und CeeDee Lamb/Oklahoma. Das Trio dahinter besteht aus Lavishka Shenault/Colorado, Henry Ruggs/Alabama und Tee Higgins/Clemson.

Lamb scheint bei den wichtigsten Scouting-Services aktuell knapp die Nase vor Jeudy vorn zu haben. Beide gelten als extrem komplette Prospects, aber Lamb hat noch etwas bessere Leistungsnachweise als echter Outside-WR und gilt als etwas raffinierter bei Contested-Catches. Beide sind brutal schnell, wendig und können prinzipiell auf allen Routen angespielt werden.

Shenault hat körperlich ebenso alles, ist ein brutal schneller, physischer Bolzen. Aber er wurde am College interessanterweise nur selten tief angespielt, lief vor allem kürzere Routen und agierte als Possession-Receiver. Es gilt zu evaluieren, woran diese mangelhafte Downfield-Production lag. Außerdem hatte Shenault ein paar Verletzungsprobleme.

Higgins dagegen glänzte am College mit exzellenter Deep-Ball Production. Er wurde trotz der Präsenz des Speedy-Gonzalez Justyn Ross in über 30% seiner Routen tief angespielt, was eigentlich unerhört ist. Higgins wirkte allerdings in den Playoffs ein bisschen gehemmt, was man eventuell aber mit zwei Dingen entschuldigen kann: Einmal musste er im Halbfinale verletzt runter und dann spielte er auch zweimal gegen Top-CB Prospects in Okudah und Fulton, die beide in der 1st Round gehen.

Der umstrittenste der Top-Receiver ist Ruggs. Der ist ein physisches Wunder und extrem schnell. Er könnte einer der wenigen Combine-Prospects sein, die die 40 Yards in unter 4.3 Sekunden laufen.

Aber Ruggs hinterlässt wie auch Shenault ein paar Fragezeichen, weil seine College-Zahlen „nur“ gut, nicht weltbewegend waren. Warum war er im Prinzip nur der WR3 oder WR4 und nicht der Top-Mann? War seine Production eher deswegen gering, weil er sensationelle Teamkollegen hatte, oder weil er dann doch nicht so gut ist wie angenommen?

Einige respektierte Beobachter wie Benjamin Allbright sehen Ruggs trotzdem als #1 der Receiver-Klasse. Sein Speed und seine Fähigkeit zum Laufen mit dem Ball in der Hand seien zu krass um es zu übersehen. Das ist momentan aber trotzdem eher die Außenseitermeinung – denn man darf nicht vergessen: Für gewöhnlich ist das Einsatzgebiet am College ein Zeichen von Qualität, und Ruggs war eher WR4 als WR2 in der Alabama-Offense.

Die zweite Reihe

Hinter diesen Top-5 gehen die Meinungen und Rankings dann schnell auseinander – was irgendwie logisch ist, denn es gibt, wie oben verlinkt, total unterschiedliche Arten von Receivern, und je nach Sichtweise ist die eine oder andere Qualität wünschenswerter.

Hier mal ein kurzer Überblick:

PFF reiht von 6-10 Jalen Reagor/TCU, Brandon Aiyuk/Arizona State, Denzel Mims/Baylor, Michael Pittman jr/USC und Jauan Jennings/Tennessee.

Dane Brugler hat Justin Jefferson/LSU, Aiyuk, Reagor, K.J. Hamler/Penn State und dann Pittman.

Reagor spielte letztes Jahr mit einem schwachen QB zusammen, was sein Tape von 2019 etwas schwer bewertbar macht, hat aber einige fantastische Catches in seiner Bio, die auf unglaubliche Akrobatik schließen lässt. Er gilt vor allem als deep-threat, der auch Contested-Catches gewinnen kann.

Aiyuk ist auch so ein explosiver Receiver, der in dem einen Jahr als X-Receiver bei Arizona State extrem produktiv war.

Mims gilt sowohl als physisch als auch als explosiv auf engstem Raum, und er hat einige atemberaubend gute Catches in seinem Highlight-Tape. Er galt vor allem in der Senior-Bowl als herausragend.

Pittman ist der Typ Receiver, der athletisch nirgends unter den absoluten Eliten zu finden ist, aber insgesamt kaum Schwächen im Tape hat. Sein Verkaufsschlager sind seine sicheren Fanghände: Er hatte kaum Drops.

Jennings ist einer der Receiver, die als unglaubliche After-the-Catch Waffen gelten – und das, obwohl er nicht der allerschnellste ist. Er hatte allerdings relativ wenige Catches am College. Das könnte man ihm negativ auslegen. Seine 40-yds Zeit wird durchaus wichtig: Läuft er nicht schneller als 4.6 Sekunden, kann das zu einem ernsthaften Problem für seine Aktien werden.

Jefferson war beim National Champion LSU unglaublich produktiv, aber er war nicht der #1 Receiver, der als X-Receiver direkt an der Line of Scrimmage aufgestellt wurde. Als Y-Receiver genoss er den Luxus, meisten freien Release an der Anspiellinie zu haben. Aber: Das nutzte er zu 111 Catches! Er gewinnt weniger mit superiorer Athletik, dafür mehr mit seinem Feintuning.

Hamler ist ein relativ kleiner Mann, der Probleme mit physischen Cornerbacks hat. Er ist aber explosiv und gilt als attraktiver Prospect für den Slot.


Es gäbe weitere Receiver, die man besprechen könnte. Dafür bleibt uns vorerst keine Zeit. Ich verweise darauf, dass ich am Nachmittag noch ganz kurz eine kleine Guideline zu den Combine-Workouts bringen werde.

5 Kommentare zu “NFL-Draft Vorschau 2020: Wide Receiver vor der Combine

  1. Danke für die Übersicht!

    Glaubst du, dass bei so vielen Top WR überhaupt Top 10 Picks dabei sein werden oder warten die Teams zu, so wie beim letzten Draft?

    Finde das immer recht spannend, wann bei so guten und deep Classes der Dominoeffekt einsetzt.

  2. Hab mir die beiden angesehen und muss sagen, es ist schwierig Ruggs über Jeudy zu sehen. Ruggs sieht schon super aus, aber Jeudy ist einfach kompletter und noch einmal eine ganz andere Nummer.

    Überhaupt ist immer interessant, wie im Scouting Process mit einem Mal die Player mit den Elite Athletics Werten über die besseren Teamkollegen am College gestellt werden. Manchmal erweist sich das sogar als richtig wie einmal bei den Cornerbacks Banks und Darius Slay, aber häufiger scheint da schon die College Production den Ausschlag zu geben.

  3. Reagor und Mims haben ja wirklich grandiose Catches….
    Stark von den Scouts, dass sie sich davon allein nicht blenden lassen und andere vorne sehen.

    Weil Reagor schon von TCU kommt: ex TCU QB Trevone Boykin sitzt seit gestern für 3 Jahre im Knast, weil er seine Freundin misshandelt hat. Es gibt noch Zeichen und Wunder.

  4. Weil angesprochen:
    Wenn wir darauf schauen, wie sich das player Personal in der nfl verändert, andern sich auch die Team needs. – spiele ich selten mit TE oder mit offline TE dann brauchen X und Y eigentlich das gleiche skillset.
    Andersherum kann beim Einsatz von 2 TEs durchaus vermieden werden das überhaupt ein Receiver gepresst wird.
    Und dann haben wir ja die Tendenz zu 4 Wide Receiver Sets – dann brauchst du auf einmal mehr slot.

  5. @Hannes: Aktuell noch nicht abzusehen. Einiges wird von der Free Agency abhängen. Und dann kommt die Dynamik des Drafts ins Spiel: Wann werden die Teams panisch und ziehen mit Blick auf die Receiver-Position alle Register?

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