NFL-Draft Vorschau 2020: Front Seven vor der Combine

Moin.

Gratulation zum Geburtstag an den langjährigen Blogleser Daniel am heutigen 29. Februar. Feier schön!


Und damit es auf der Party auch ein Gesprächsthema gibt, gleich weiter zu Informationen über die nächste Positionsgruppe in der NFL-Combine.

Gleich zum Titel: „Front Seven“ ist in der heutigen NFL ein ziemlich überholter Begriff geworden. Weil fast alle Mannschaften mittlerweile primär in Nickel-Defense mit fünf Defensive Backs auflaufen, müsste man eher von „Front Six“ sprechen: Defensive Line und Linebacker laufen z.B. im Verhältnis 4:2 oder 3:3 auf. Good News: Die Botschaft ist jetzt sogar im Front-Office der Seattle Seahawks angekommen:

Dass wir aus einer Front-Six schnell wieder eine Front-Seven haben, wenn der Safety in Run-Support nach vorne kommt, lassen wir mal dahingestellt. Diese „positionslose“ Defense gilt sowieso als ein möglicher Weg um Defenses in Zukunft wieder einen Schritt nach vorne zu entwickeln.


Wenn wir nochmal kurz die drei wesentlichen Front-Seven Positionen anschauen:

  • Edge-Rusher (Defensive Ends oder 3-4 OLB) sind die wichtigste Position. Sie bringen den Druck von den Flanken der Pocket.
  • Defensive Interior (Defensive Tackles oder 3-4 DE). Sie sind die zentralen Figuren in Run-Defense. Die besten Tackles bringen auch echte Pass-Rush Unterstützung.
  • Off-Ball Linebacker. Ihre primäre Aufgabe ist nicht der Pass-Rush, sondern Run-Support und vor allem Coverage-Skills.

Eine Aufteilung, wie sie das NFL Network vornimmt, wo ein Isaiah Simmons auf der gleichen Position aufscheint wie ein K’lavon Chaisson oder ein Terrell Lewis, wird von mir nicht mehr ernst genommen. In solchen Fällen gehe ich gleich weiter auf andere Seiten.

Mini-Zusammenfassung über das, was wir in den letzten Jahren von den heute diskutierten Positionen gelernt haben:

  • Pass-Rush von den Flanken ist wichtiger als Pass-Rush über die Mitte: Er sorgt für viel mehr Fehler von Quarterbacks.
  • Run-Defense ist nur dann wirklich bedeutend, wenn sie desaströs ist.
  • Linebacker, die schlecht in Coverage sind, kannst du getrost vom Board nehmen. Starke Cover-Linebacker dagegen haben vielleicht sogar höheren Wert als exzellente Pass-Rusher.

PFF ging in den letzten Jahren sogar schon so weit, dass sie Bobby Wagner für wertvoller erachten als Aaron Donald.

Edge-Rusher

Die Edge-Rusher Klasse von 2020 gilt als recht „spitzenlastig“: Es gibt den einen oder anderen Super-Prospect, aber dahinter recht wenig Tiefe.

Chase Young von Ohio State ist auf allen Boards unisono der #1 Edge-Rusher. Man musste schon vor der Saison kein Prophet sein, wenn man ihn als angehenden Superstar anpries – und Young konnte alle Erwartungen erfüllen. Er ist einer der komplettesten Prospects der letzten Jahre.

Der einzige weitere fast immer in den Top-3 genannte Prospect: A.J. Epenesa von Iowa. Er ist ein Hüne von Mann und hat einen theoretisch exzellenten Bull-Rush, aber seine Saison 2019 war eher mau. Man hatte sich mehr Dominanz von ihm erwartet – gemessen an seinen Vorstellungen 2017 und 2018, aber auch gemessen an seinen körperlichen Voraussetzungen. Werden ihn Teams deswegen droppen?

Hinter diesen Top-2 gibt es totale Uneinigkeit auf den verschiedenen Draftseiten. Einige der Namen kennt man von großen Unis und hat sie oft spielen sehen. Andere sind eher unbekannt. Die meisten von ihnen gelten als Kandidaten für die Runden 2 und 3, aber einige werden wohl nach oben in die 1te Runde gespült werden:

  • K‘Lavon Chaisson / LSU. Athletisches Wunder, aber viel zu inkonstant am College. Er hat fantastische Highlights, auch gegen die besten Tackles im Landes. Aber dann gönnt er sich immer mal wieder ein längeres Päuschen in den Snaps dazwischen.
  • Yetur Gross-Matos / Penn State. Chaissons Gegenstück: Sehr konstant, aber nie Elite. Klingt nach gutem Rotations-Passrusher.
  • Terrell Lewis / Alabama. Alle athletischen Voraussetzungen und sehr lange Arme, aber am Feld eher enttäuschend. Sicherlich waren dabei die vielen Verletzungen mitschuldig.
  • Jonathan Greenard / Florida
  • Julian Okwara / Notre Dame. Gebaut wie der Pass-Rush Prototyp aus dem Labor. Der größte Knackpunkt bei Okwara ist sein Abtauchen gegen die besten Offensive Tackles. Außerdem soll er eher eindimensional sein und gegen den Run nicht viel beisteuern.
  • Josh Uche / Michigan. Klein, undersized. Gewann am College dennoch überraschend viele 1-vs-1 Duelle. Uche hat nur 240 Pfund auf der Waage. Um in der NFL effizient zu sein, muss er sein Passrush-Arsenal erweitern.
  • Khalid Kareem / Notre Dame
  • Curtis Weaver / Boise State. Super-produktiver, aber athletisch nicht ganz großartig ausgestatteter Prospect.
  • Darrell Taylor / Tennessee
  • Bradlee Anae / Utah. Technisch feiner und sehr ausdauernder Edge-Rusher. Hat aber kurze Arme und gilt als athletisch deutlich limitiert. Klingt nach 3te-4te Runde.

Insgesamt klingt es momentan, als ob ca. drei bis vier 1st Rounder unter diesen Prospects seien. Young und Epenesa sind quasi fix, dazu noch 1-2 Kollegen.

Defensive Interior

Auf den Tackle-Positionen gilt die Draftklasse als außerordentlich tief besetzt. Gleich mehrere Prospects verdienen sich 1st-Round Grades:

Derrick Brown / Auburn. Ein Spieler, der alle vier Jahre am College durchgespielt hat und entsprechend als ziemlich ausgereifter Prospect in die NFL kommt. Brown gilt als einer der stärksten DT-Prospects und sollte im Bankdrücken Top-Zahlen auflegen.

Marlon Davidson / Auburn. Browns Nebenmann. Brachte in der Senior Bowl keine 300 Pfund auf die Waage und gilt ein bissl als Zwitter-Dings zwischen Edge-Rusher und Tackle. Von solchen Prospects sind einige in den letzten Jahren gescheitert.

Davidson war in seiner Pressevorstellung übrigens erfrischend authentisch. Was er am meisten am Football liebe? „Ich kann rausgehen und Leute verprügeln ohne dass die Polizei kommt“.

Javon Kinlaw / South Carolina. Der physisch begabteste Defensive Tackle, dem aber noch ein komplettes Arsenal an Pass-Rush Moves abgeht. Am College war er trotz technischer Limitationen in der SEC dominant. Problem: Er gönnt sich immer mal wieder ein Päuschen während der Drives. Dass er aus bettelarmen Verhältnissen kommt und dennoch bodenständig geblieben ist, dürfte ihm eher positiv ausgelegt werden.

Jordan Elliott / Mizzou. Ein One-Year Wonder, aber was für eins! Elliott kannte letzten Sommer keine Sau, aber letzten Herbst legte er eine fassungslos komplette Vorstellung ab. Athletisch wohl nicht der aller-überragendste.

Weitere oft gehörte Namen für die frühen Runden: Ross Blacklock (TCU), Justin Madubuike (Texas A&M), Davon Hamilton (Ohio State), Neville Gallimore (Oklahoma), Raekwon Davis (Alabama), James Lynch (Baylor) oder Leki Fotu (Utah).

Möglicherweise werden das 3-4 1st Rounder und eine Menge Picks für die 2te und 3te Runde. Brown und Kinlaw sind Fixstarter für die erste Runde, dazu hat sich Elliott einen echten Namen gemacht. Und wenn einer der anderen Kandidaten eine Top-Combine hinlegt, kann er hinten in die ersten Runde reinrutschen.

Off-Ball Linebacker

Heißester Name: Isaiah Simmons. Man könnte den Clemson-Hybrid auch morgen unter den Defensive Backs anführen. Simmons gilt als legitimer Nachfolger eines Derwin James, bei dem auch keiner genau sagen kann ob er denn nun ein dritter Safety oder dritter Linebacker ist. Positionsloser Football galore.

Simmons war zu seiner Highschool-Zeit ein ziemlich unbekannter Spieler, hat sich in der Clemson-Defense aber als Schlüsselspieler etabliert. Sein Verkaufsschlager? Er spielte dort alles:

36% Box Defender / Strong-Safety
32% Slot-Defender / Slot-CB
16% Free-Safety
14% Defense Line
2% Outside-Cornerback

Was Simmons im Vergleich zu anderen dieser vielseitigen Verteidiger so besonders macht, sind seine Körpermaße: 6‘4 und 230 Pfund. Bei PFF wurde er in allen Rollen ziemlich hoch, an der Schwelle zu Elite-Status, bewertet. Offensichtliche Schwächen? Abseits von direkter Linebacker-Erfahrung recht wenig.

Fast alle Mock-Drafts sehen Simmons mittlerweile in den Top-10 vom Board gehen – ein Pick, der sich vor allem dann bezahlt machen dürfte, wenn das künftige Team ihn auch als den vielseitigen Baustein einzusetzen plant.


Unter den traditionelleren Off-Ball Linebackern sind Leute wie Zack Baun (Wisconsin), Troy Dye (Oregon) oder Patrick Queen (LSU) oft genannte Kandidaten für die späte erste oder zweite Runde.

Baun war am College eher Edge-Rusher, ist aber mit 240 Pfund doch etwas leichtgewichtig dafür in der NFL – und so lernt er seit ein paar Wochen auf Linebacker um. Mit seinem Speed gilt er als potenziell starker Blitzer.

Dye war lange Jahre Starter in Oregon. Er ist einer der Prototypen des „neuen Linebackers“: 6‘4 und 225 Pfund. Run-Defense ist optional, dafür geht alles in Richtung Pass-Coverage. Dye ist aber trotz allem ein sicherer Tackler, wenn auch athletisch nicht ganz vom obersten Regal.

Queen ist ein One-Year Wonder. Er ist ein relativ eindimensionaler Linebacker, der vor allem Pass-Coverage kann. Damit wird er wie ein Dye zu einem Case-Study „Wie modern ist meine Scouting-Abteilung“? Nachdem was wir jetzt wissen, wird ein Dave Gettleman Queen als 6th Rounder graden, aber die Seahawks oder Falcons könnten ihn durchaus für die höheren Runden gebrauchen.

Ein weiterer bekannter Name für die mittleren Runden ist Oklahoma-LB Kenneth Murray. Er sorgte am Donnerstag für Aufsehen, als er von seinen Einsatz als Lebensretter nach einem Autounfall sprach.


Hier noch eine Einschätzung von PFFs Mike Renner über mögliche Positionsumschulungen auf Edge/Off-Ball Linebacker:

9 Kommentare zu “NFL-Draft Vorschau 2020: Front Seven vor der Combine

  1. Zur Davidson Aussage:
    Quasi exakt, was ex dtackle Kris Jenkins geschrieben hat:
    There aren’t too many places a 400-pound guy with an attitude can go and beat the crap out of somebody and not get locked up for it.

    Im sehr lesenswerten NY Times Artikel:

  2. Wobei du einmal hättest sehen müssen, wie das Davidson Statement gestern auf Twitter zerrissen wurde, u.a. auch von namhafteren deutschen Journalisten wie Heiko Oldörp oder Schmieder…

  3. Gewalt ist ein ganz komplexes Thema.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass das Gros der Menschen bereit ist Gewalt auszuüben, wenn die Umstände passen.
    Es ist ganz einfach auf Twitter solche Aussagen abzukanzeln und sich selbst in ein positives Licht zu rücken ohne irgendetwas leisten zu müssen.
    Wie oft sehen wir es, dass Gewalt, Macht, Dominanz ausgeübt wird im Alltäglichen – klar selten Körperlich, aber verbal und durch Verhalten.
    Und wenn wir dann an das Thema „Natural Born Killers/Fighters/soldiers gehen, weitet sich das ganze nochmal.

  4. Ja, wirkte auch sehr moralisierend.

    Bin ehrlich gesagt kein bisschen überrascht von Davidsons Aussage, so stelle ich mir die Line Spieler (auf beiden Seiten) seit langem vor.

    PS danke für den Kris Jenkins Tipp.

    PS2 Zum thema Dominanz ausüben ist übrigens nicht nur Gewalt ein Thema, auch die Autohersteller machen immer aggressiver geformte Lichter um ihre Autos im Rückspiegel dominanter aussehen zu lassen. Rundes Licht war mal. Heute ist kantig und finster.

    https://www.spiegel.de/auto/aktuell/auto-design-wenn-autos-wie-eine-geladene-waffe-wirken-a-1225779.html

  5. Football ist Kontaktsport. Herr Oldoerp kann fragen, welchen NFL-spieler er will: Schmerz ist ausdrücklich gewollt und legitimes Mittel den Gegner zu besiegen. Mit freundlich Fragen kommt kein DE am Tackle vorbei. Einen Literaturbeleg liefert u.a. Lawrence Taylor. Und der hat nicht unfair gespielt. Nur schnell, intelligent und eben extrem physisch.

    Davidson soll sich nicht den Mund verbieten lasse.

  6. Football ist Gewalt, brauch man sich keine Illusionen machen, aber ob man es als Mittel zum Zweck ansieht oder als zentrale Motivation ist dann doch immernoch ein Unterschied.
    Und natürlich nimmt jeder Verteidiger in jedem Snap die Verletzung seines Gegners billigend in kauf. mindestens.

  7. Bin überrascht, dass du Kenneth Murray als Mann für die Mittleren Runden beschreibst. In den meißten amer. Quellen wird er als ILB #2 gelistet, sogar vor Queen. Wäre zu schön wenn die Packers ihn holen würden ^^

  8. Linebacker ist allgemein nicht so die Wunder-Position. Non-elite Coverage LB sind nicht so wertvoll und die Position ist ziemlich schlecht prognostizierbar im Draft.

  9. Pingback: Isaiah Simmons – Böses Erwachen? | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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