Lass uns mal darauf blicken, was die Chargers und Bears so in der Free Agency treiben

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Und damit zum Free-Agency Treiben 2020. Chargers und Bears haben in den letzten Tagen Aufsehen erregende Moves gemacht. Lass uns mal kurz darauf blicken.

Los Angeles Chargers

Viel Lob dieser Tage für die Chargers, die auffällig aktiv waren ohne die ganz fetten Verträge rauszuwerfen. Sie adressierten ein paar eklatante Schwachstellen und bolsterten eine bereits stark besetzte Secondary auf:

OT Bryan Bulaga kommt für drei Jahre und 30. Mio aus Green Bay.
OG Trai Turner kommt im Trade für OT Russell Okung aus Carolina.

Wir hatten in den letzten Tagen auch auf diesem Blog wieder Diskussionen ob der Wertigkeit der Offensive Line. Der momentan plausibelste aus den Daten ableitbare Weg im Handbuch der Mannschaftsbildung lautet: Es zahlt sich nicht aus, die beste Offensive Line in der NFL zu bauen, weil man dann auf zu vielen anderen Positionen Schwachstellen haben wird. Aber es zahlt sich aus, keine horrenden Schwachpunkte zu haben. Eine mittelmäßige bis gute O-Line ist erstrebenswert: Sie lässt Quarterback und Laufspiel Zeit und Raum zum Arbeiten und erlaubt es, die wirklich wichtigen Positionen Receiver und Cornerback vernünftig zu adressieren.

Die Chargers hatten in den letzten Jahren auf RG und RT (Sam Tevi!) krasse Sollbruchstellen, die die Offense immer wieder unter sich begraben haben. Nun hat man diese rechte Seite mit zwei guten Prospects adressiert: Bulaga war in Green Bay viele Jahre lang ein vernünftiger Starter, Turner ist ein guter, junger Guard (26 Jahre alt), kommt im Trade aus Carolina und hat damit auch einen preiswerten Vertrag.

Natürlich verlieren die Bolts in Okung einen vernünftig klingenden Starter. Doch Okung ist 31 und fehlte über weite Strecken von 2019. Er ist keine Langzeitlösung mehr. Left Tackle bleibt einer der Spots, der somit noch zu upgraden ist.

In der Defense hat man in DT Linval Joseph und CB Chris Harris zwei Leute für gute Tiefe geholt. Joseph ist ein Mann für die Rotation in einer okayen Defensive Line, die an den Flanken mit Ingram/Bosa ein fantastisches Passrusher-Duo hat, und vielleicht entwickelt sich auch der 2019 enttäuschende Rookie-1st Round DT Jerry Tillery noch.

Harris verstärkt die im ersten Anzug atemberaubend gut besetzte Secondary:

CB Casey Hayward Jr.
CB Desmond King
CB Chris Harris Jr.

S Derwin James
S Nasir Adderley

Harris kriegt zwei Jahre und ca. 20 Mio. Er ist qualitativ wohl nicht mehr die Bank, die er noch in seiner Blütezeit in Denver war – und vielleicht kann man auf ihn auch nicht mehr 100%ig als Outside-CB vertrauen. Doch er ist definitiv eine vernünftige Verstärkung für die Secondary.

Auch auf Runningback haben die Chargers „analytisch“ gut agiert: RB Gordon ob seiner überzogenen Gehaltsforderungen ziehen gelassen, den fangstarken RB Ekeler mit einem passabel klingenden Vierjahresvertrag über ca. 24 Mio. verlängert.

Auf Tight End hat man dem oft verletzten, aber auf Pass-Catcher extrem guten Hunter Henry die Franchise-Tag gegeben.

Doch am Ende steht und fällt die Chargers-Saison mit der Quarterback-Position: Philip Rivers ist nach fast 15 Jahren als Starting-QB weg und im Rennen um Tom Brady hat man gegen die Buccs den Kürzeren gezogen.

Aktuell streut man das Gerücht, dass man bis zum Draft nix mehr auf Quarterback machen will, was impliziert, dass man eventuell sogar mit QB Tyrod Taylor in die Saison geht. Taylor ist keine Katastrophe als QB: Er wirft wenige Interceptions und ist auch mobil genug um eine zweite Dimension ins Spiel zu bringen. Aber er ist einer dieser QBs, die wahnsinnig viele Sacks nehmen, weil sie entweder zu langsam im Lesen der Spielzüge sind oder zu viel Schiss vor dem Turnover haben. Das Potenzial mit Taylor als Starting-QB ist also beträchtlich gedeckelt.

Und so muss man es nach wie vor für möglich halten, dass die Chargers doch noch ein Auge auf einen der beiden verbliebenen Optionen auf Quarterback werfen:

  1. Jameis Winston – Gunslinger, der in der Offseason erstaunlich wenig Gegenliebe erfahren hat und riskiert, wirklich Backup zu werden.
  2. Cam Newton – ex QB der Panthers, der für einen Late-Rounder im Trade erhältlich wäre und ca. 20 Mio für seine letzte Saison kostet. Newton ist ein sehr spezieller QB, aber mit seinem fetten Wurfarm durchaus ein Fit in der Chargers-Downfield Offense. Das große Fragezeichen ist seine Schulter.

Aus meiner Sicht müssen die Chargers noch einen der beiden QBs holen, damit man wirklich von einer „erfolgreichen“ Offseason sprechen kann. Denn all die Verbesserungen in den Lines und der Secondary sind wenig wert, wenn man auf QB nur die zweitklassige Lösung hat.

Chicago Bears

Dass Newton überhaupt verfügbar ist, liegt u.a. daran, dass die Chicago Bears gestern einen der „baffling“ Trades eingefädelt haben, die es in einer Offseason so nur 1-2x gibt (heuer im Paket mit dem frappierenden Hopkins-Trade bestimmt der zweite) und sich damit für eine andere Richtung auf der Quarterback-Position entschieden haben:

  • Chicago holt QB Superbowl MVP Nick Foles aus Jacksonville
  • Jacksonville bekommt einen 4th Rounder der Bears

Foles als QB-Konkurrenz für Trubisky klingt… unterwältigend. Fast, als ob man Trubisky keinen „validen“ Konkurrenten hinstellen wollte um hinterher mit dicken Nippeln zu verkünden, dass Trubisky, der 2017 mit viel Moneten geholte 1st-Round QB, den Training-Camp Battle gewonnen hat.

Foles gilt als toller Typ, ist aber ein sehr wechselhafter QB. Er ist berühmt geworden durch den Superbowl-Run mit den Eagles – eine legendäre Performance, die man nie vergessen wird. Aber Foles hat zwischen kurzen Phasen mit hochklassigen Spielen immer wieder lange Dürreperioden. Er ist kein QB, auf den man langfristig bauen kann.

Bestes Beispiel? Die Jaguars, die ihn erst letztes Jahr holten, geben ihn nun für einen 4th Rounder ab und fressen dabei zufrieden 17.5 Mio Dead-Cap. Foles war dort nur kurz im Einsatz, verletzte sich, hatte dann Probleme, das interne Duell mit dem 6th-Rounder Minshew zu gewinnen.

Gegenüber Trubisky sollte Foles ein Upgrade sein. Aber wer ist das nicht?

Der abgegebene 4th Rounder klingt wie nicht viel und Foles‘ Restvertrag ist finanziell keine Tragödie. Aber man sollte nicht vergessen, dass Bears-GM Ryan Pace eine Sucht daraus gemacht hat, Mid-Rounder, speziell 4th Rounder, zu verkaufen um Veterans zu verpflichten. Ich habe schon letztes Jahr ausführlich darüber geschrieben, dass das keine gute Strategie ist, weil sie die Tiefe im Bears-Kader ausblutet. Er kann es also nicht lassen. Dabei wäre Pace eigentlich einer, der erstaunlich viel Erfolg im Draften in der 4ten Runde hatte…

Die Bears haben noch einen dicken Move gemacht: Sie haben den enttäuschenden EDGE Leonard Floyd gefeuert und im Gegenzug dafür EDGE Robert Quinn von den Cowboys geholt. Floyd war vor vier Jahren der #9 Pick im Draft. Er ist einer dieser hoch aufgeschossenen Edge-Rusher, die sich in der NFL nie richtig entwickelt haben – athletisch super talentiert, aber bei ihnen fehlt manchmal die Power und der Burst um es ganz nach oben zu schaffen.

Quinn war 2013 mal der Sack-Leader in der NFL und erlebte 2019 nach mehreren dürftigen Jahren eine Renaissance. Dass er jetzt einen Fünfjahresvertrag über 70 Mio (!) mit 30 Mio. „fully guaranteed“ bekommt, ist ziemlich erstaunlich. Quinn ist zwar interessanterweise erst 29, doch er war nur selten eine Pass-Rush „Bank“. Vielleicht kann er als Passrusher an der anderen Flanke von Khalil Mack alte Magie aufleben lassen.

Wenn nicht, dann kommen die Bears frühestens in zwei Jahren aus dem Vertrag raus. Aktuell sieht die Dead-Money so aus:

2022 mit 9.3 Mio Dead-Money
2023 mit 6.2 Mio Dead-Money
2024 mit 3.1 Mio Dead-Money

Aber Quinn bekommt am 23.03. einen bereits fix garantierten Roster-Bonus, der laut Overthecap dann auf fünf Jahre abgeschrieben wird. Was das genau heißt und ob sich die Dead-Cap damit noch einmal um ca. 2.5 Mio/Saison erhöht, kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Selbst Brad von OTC ist sich nicht sicher.


Wer will, mag im Foles-Trade und im Quinn-Deal nur den zweit- und drittschlechtesten Bears-Move 2020 sehen. Denn die Bears haben auch noch TE Jimmy Graham für einen Zweijahresvertrag und 16 Mio Dollar (8 Mio/Saison) geholt. Graham war mal ein grandioser Pass-Catcher und eine Art „verkappter Wide Receiver“.

Doch er ist mittlerweile 34 Jahre alt, ein unbrauchbarer Blocker – und gerade letztes Jahr war er alles andere als die groß angekündigte Red-Zone Waffe bei den Packers. Graham sieht zu diesem Zeitpunkt in der Karriere ziemlich kaputt aus. Und jetzt kommt er als hochbezahlter Neuzugang in einen Locker-Room, der vor Tight Ends nahezu überquillt:

Shaheem, 2017 ein 2nd Rounder, ist eine Enttäuschung. Burton, vor zwei Jahr teuer eingekauft, hat bislang wenig gebracht. Harris war auch nicht so wunderprächtig.

Ich könnte heute noch lange weiterschreiben, vor allem über die erstaunlichen Moves der konfusen NFC North-Teams, aber dafür haben wir ja noch später lange Zeit. Ich muss es erstmal hierbei belassen.


Heute geht die Free-Agency weiter – es sind noch etliche gute Spieler aus dem „Tier 2“ verfügbar, aber auch große Namen wie QB Winston oder EDGE Jadeveon Clowney, die bislang keine Abnehmer gefunden haben, sowie interessante Receiver wie Emmanuel Sanders, Robby Anderson oder Breshad Perriman. Die Liste der besten noch nicht verpflichteten Spieler hat PFF frei zugänglich.

7 Kommentare zu “Lass uns mal darauf blicken, was die Chargers und Bears so in der Free Agency treiben

  1. Wie wahrscheinlich ist es, das die Chargers bzgl. Quarterback vielleicht doch auf den Draft spekulieren?

  2. Denke sehr hoch. Aber sie sind in einer Position, in der Planbarkeit schwierig ist: #6 Pick. Nicht übel, aber andere sind in besserer Trade-Position.

    Dolphins haben #5, #18 und #26
    Jaguars haben #9 und #20
    Redskins haben die #2

    Justin Herbert klingt nicht wie ein Prospect, mit dem man schnell zum Erfolg kommt. Jordan Love klingt wie ein Prospect aus der Hölle.

    Ein QB-needy Team wie die Colts sind schon von #13 rausgegangen… weil sie die QBs nicht überzeugend fanden?

  3. #theathletic
    das gilt nur für den US- und kanadischen Markt. und sieht wie ein Probe-Abo aus, weil man während der 90 Tage kündigen muss um nicht hinterher den vollen Preis zu zahlen.

  4. Bei den Chargers bin ich doch mehr und mehr davon überzeugt, daß sie im Draft einen QB nehmen werden. Diese ganzen Moves sind eigentlich alle schon darauf ausgerichtet mit einem billigen QB zu attackieren. Man kauf keinen Chris Harris zu dem Zeitpunkt ein wenn man nicht auf den Super Bowl schielt.

    Tuuuuhhrod ist doch kein QB mit dem man ernsthaft in die Season gehen. Mahomes stoppt man nicht nur mit einem guten DB sondern braucht dafür auch einen QB der Shootout mitgehen kann.

  5. Im jüngsten PFF-Podcast hat es übrigens eine durchaus interessante Bemerkung zur Besetzung des Chargers-DB gegeben.

    Chris Harris hat nur unter der Bedingung unterschrieben, dass er wieder Slot-CB spielen darf. Es gibt offenbar die Vereinbarung, dass der bisherige Slot-CB King zumindest in Dime-Formation zurück auf Safety gestellt wird, vielleicht auch in Nickel.

    Das könnte dann so aussehen, mit Adderley/King als Safetys und Derwin James als Freelancer LB/S Hybrid:

    Das heißt auch, dass der CB2 Spot aktuell gar nicht besetzt ist! Möglicherweise werden die Chargers hier auch noch einmal aktiv.

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