Todd Gurley a.k.a. Runningback-Monstervertrag in Los Angeles entlassen

Die Los Angeles Rams haben Todd Gurley entlassen. Es ist symbolisch auch die Entlassung von Runningback-Monsterverträgen.

Gurley war über viele Jahre nicht nur einer der Superstars und Gesichter der NFL, sondern auch einer der Zankapfel zwischen traditionellen „Football-Guys“ und den Analytics-Nerds. Gurley kam 2015 trotz schwerer Verletzung am College als #10 Draftpick overall in die NFL und wurde sofort zum Rookie-des-Jahres.

Doch zum NFL-weiten Phänomen wurde er erst 2017, als Sean McVay zum Coach der Rams wurde und seine neue 11-Personnel, Deep-Play Action Shot Offense laufen ließ. Gurley lief für viele, viele Yards und fing Bälle für viele, viele Yards und Touchdowns. Er galt plötzlich als MVP-Kandidat und als der Trigger der Rams-Offense, die den Football überrumpelte.

Die Warnsignal aus Analytics passten da überhaupt nicht ins Bild. Einer der berühmtesten Artikel ist heute jener von Josh Hermsmeyer aus dem Oktober 2018, der in Gurley nichts mehr als einen Profiteur des Rams-Systems sah – dem wahren Star:

Hermsmeyer ist auch der Mann, der wenig später nachwies, dass es zwischen der Anzahl der Box-Defender und dem Erfolg des Laufspiels fast perfekte Korrelation gibt. Anders: Laufspiel ist nicht abhängig vom Runningback, der den Ball trägt, sondern vor allem davon, wie gut die Defense die Box zustellt.

Gegen die Rams mit ihrer 3-WR Offense und ihren tiefen Passrouten und ihrem Zone-Blocking System waren es qua McVays Spielzugdesign meistens nur spärlich bevölkerte Boxes. Gurley konnte gegen offene Defenses rennen wie er wollte. Seine Yards waren quasi „geschenkt“.

Diese Analysen wurden von den selbsternannten Football-Guys zerrissen und als Spinnerei abgetan. Das kommt dabei raus, wenn Sesselkleber meinen in unserem Sport mitzureden. Rutscht uns den Buckel runter! Auch die Rams schissen sich nicht um die Nerds. Sie hatten das Brett vor dem Kopf und belohnten Gurley schon im Sommer 2018 mit einer fetten Extension.

Es kam wie es kommen musste: Die Rams-Offense zündete auch 2018 aus allen Rohren, doch im Dezember wurde Gurley mit einer mysteriösen Knieverletzung plötzlich seltener und seltener eingesetzt – und es hatte keinen Effekt auf die Effizienz des Rams-Laufspiels: Der von der Straße aufgegabelte Backup-RB C.J. Anderson rollte mit seinen gefühlt 180kg mit derselben Leichtigkeit über gegnerische Defenses – besonders im Viertelfinale gegen die Cowboys, als die Rams weit über 200 Yards liefen.

2019 war Gurley dann geplagt von Verletzungen und Problemen im Rams-Scheme quasi unsichtbar. Die Nerds haben gesiegt.

Warum Gurley genau gestern entlassen wurde, hat seinen Ursprung im Jahr 2018 in besagter fetter Vertragsverlängerung. Es war eine Verlängerung um vier Jahre, 57.5 Mio und 21 Mio. Signing-Bonus. Um die Zahlen in den ersten Jahren niedrig zu halten und Platz für andere Rams-Verträge zu behalten, haben die Rams zwar das Grundgehalt im Gurley-Vertrag erstmal niedrig halten können, aber auch fette Roster-Boni eingebaut, die eine Entlassung wegen hoher Dead-Money Zahlen sehr schwierig machte.

Gurleys Cap-Zahlen wären just jetzt, 2020, in die Höhe geschnellt und um die 17 Mio gelegen. Schlimmer noch: Wäre er heute (20. März) noch im Kader gewesen, hätte sich sein Grundgehalt für 2020 (5.5 Mio) und ein weiterer Roster-Bonus für 2021 (5 Mio) in garantiertes Geld umgewandelt. Sie hätten also weitere 10.5 Mio gezahlt.

Das Problem wäre dann weitergeschoben worden und weitergegangen. Gurley hätte weiter fette Kohle gekostet für austauschbare Production, und die Rams wären weiter nur schwierig aus dem Vertrag gekommen. Im Prinzip tat GM Les Snead gestern nichts anderes, als sein Herz in die Hand zu nehmen und das Problem, das eh gekommen wäre, einfach gleich anzunehmen als es weiter hinauszuzögern. Er spart damit immerhin 10.5 Mio.

Denn die wahren Effekte von Gurleys Verlängerung von 2018 wären erst ab jetzt im Salary-Cap spürbar gewesen. In ausbezahltem Cash ausgedrückt hat Gurley durch die Verlängerung für die zwei Jahre seither 34 Mio. kassiert: 17 Mio/Saison. Die Effekte wären ab sofort sukzessive im Cap abgeschrieben worden und hätten die Optionen der Rams auf Jahre limitiert.

Angesichts eines solchen finanziellen Mismanagements wollte natürlich auch kein Team für Gurley traden um den Rams den Vertrag abzunehmen. Jetzt zogen die Rams die Reißleine. Sie schlucken fassungslose 20.2 Mio Dead-Cap aufgeteilt auf 2020 (11.8 Mio) und 2021 (8.4 Mio) um sich dieses Albatrossvertrags zu entledigen.

Gurley in der Rams-Offense war schon lange einer der Poster-Boys für die Runningbacks-don’t-matter Fraktion. Der Gurley-Vertrag ist einer der schlechtesten Verträge, die die NFL in den letzten Jahren gemacht hat – es gibt im Jahr 2020 schlicht kein Argument mehr für diese Runningback-Monsterverträge.

Die Rams haben diesen Bock noch geschossen. Ich glaube nicht, dass sie ihn noch einmal schießen werden: Ihre kurzfristigen Aussichten sind (nicht nur, aber auch, wegen der Gurley-Moves) erstmal fürn Arsch, doch jetzt ist immerhin sowas wie ein Grundstein für einen Neubeginn ab 2022 gelegt.

27 Kommentare zu “Todd Gurley a.k.a. Runningback-Monstervertrag in Los Angeles entlassen

  1. Danke für die Informatinen. Die Gerüchte, die Panthers könnten McCaffrey loswerden wollen, bevor sein Vertrag 2021 endet, sind also kaum ohne Grundlage.

  2. Wenn die Panthers wirklich einen groß angelegten Umbruch durchziehen wollen – und alles außer eben der (nicht unerhebliche!) Teddy-Bridgewater-Vertrag deutet daraufhin – dann sollte oberste Priorität haben, McCaffrey teuerst möglich per Trade zu verkaufen.

  3. Ich weiß, Runningbacks sind populäre Figuren, aber Fans müssen sich einfach mit dem Gedanken abfinden, dass sie *relativ* austauschbar sind und man daher jede höhere Kompensation nehmen sollte.

    Gerade im Fall der Panthers, wenn der Umbruch auf 2-3 Jahre ausgelegt ist.

  4. Vielen Dank für die vielen tollen Artikel. Was hältst Du eigentlich von Jared Goff. Ich denke, der ist auch total überbezahlt und an den Vertrag sollten die Rams auch noch einmal ran…

  5. Ich stimme Dir grundsätzlich zu. Aber wie ist es mit der neuen Generation RB.
    Viel laufen, aber genau so gut fangen RB.
    Quasi Hybrid RB/WR
    Müssen die nicht nochmal ganz anders evaluiert werden als die reinen Runner?

  6. Mir tun RBs leid. Ihre Karrieren sind so kurz, dass selbst die guten kaum einen zweiten Vertrag kriegen (sollten): Müsste man hier Sonderregeln für RBs schaffen? ZB kürzerer Rookie-Vertrag, keine Franchise-Tags?

  7. Aber wo fangen diese Sonderregeln an und wo hören sie auf?
    Der Markt zahlt, und er zahlt im Moment zu viel für RB und daher müssen sie einem nicht „leid“ tun sondern sie leben sogar „besser“ als sie vielleicht sollten.
    ist ja nicht unähnlich mit „normalen“ Jobs. Viele Arbeiter machen Knochenarbeit, aber weil der Markt Büroangestellte höher bewertet, kriegen diese auch mehr obwohl sie weniger harte physische Arbeit verrichten. Ist halt so.

  8. @Niko: Goff ist für mich einer der Präzedenzfälle in der NFL: Kann die Liga in helle Flammen versetzen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wie z.B. Anfang 2018.

    Natürlich bedingt das ein entsprechendes System, entsprechende Infrastruktur, in seinem Fall wohl hohe Play-Action Raten, möglichst gute Offensive Line und „Fernsteuerung“ durch Sean McVay.

    Unter diesen Voraussetzungen war Goff schon sehr gut. Die Frage ist, wie viele andere QBs das replizieren können.

    Goff scheint auf jeden Fall keiner der QBs zu sein, die ein Team mal im Alleingang aus der Scheiße ziehen. Seine Effizienz mit Pressures in der Pocket ist horrend.

    Summa summarum würde ich Goff irgendwo zwischen #15 und #20 unter den QBs einordnen. Ich hätte es schon als Case-Study gern gesehen, wenn die Rams Goff hätten ziehen gelassen um es mit einem billigen Nachfolger zu versuchen, zumal die Storyline von der „Fernsteuerung“ da war.

    Aber McVay, der auch mit Cousins gearbeitet hat, sieht in Goff wohl doch mehr als eine reine Spielfigur, die er mit seinem Joystick am Feld bewegt.

  9. @Od1um:

    Runningbacks, die gut fangen können, sind bestimmt wertvoller als die reinen Ballträger. Doch es gibt da diese wunderbare Studie von Ben Baldwin, die belegt, dass Runningback-Targets noch immer ineffizienter sind als Receiver/Tight-End Targets, selbst wenn man für die Situation adjustiert (z.B. 3rd-Down Dumpoffs weglässt).

    https://theathletic.com/1143546/2019/08/21/throwing-to-running-backs-the-latest-nfl-craze-that-doesnt-make-any-sense/

    Vielleicht ist McCaffrey der *eine*, der wirklich über den Trend hinaus geht. Aber das ist dann genau ein Spieler. Über die Liga gesehen, sollte die NFL ihr Passspiel eher versuchen über tiefere Routen aufzuziehen und den Runningback als dritte, vierte Option einzubauen, falls alles schief geht.

    Dass die Texans mit diesem bekannten Wissen immer noch David Johnson > Nuk Hopkins (oder zumindest „=“) zu werten scheinen, ist ziemlich crazy.

  10. @H1: Ich bin da bei FloJo. Sonderregelung für Runningback, was kommt als nächstes?

    Guards, die schreien, weil sie doppelt so viele Snaps wie Runningbacks in den Lines spielen, aber nur wenig mehr bezahlt bekommen?

    Ich plädiere eher für die andere Richtung: Runningbacks sollten selektiver eingesetzt werden, dann sind die billigeren Verträge auch adäquat und die Life-time der Spieler länger 😉

  11. Für jedes Problem gibt es eine kreative Lösung, die findet man aber nicht mit einer „Ist-halt-so“ Meinung, die nur zu stillstand und empfundener Handlungsohnmacht führt. Ich sehe aber auch keinen Sinn darin, positionsgebundene Sonderregelungen zu finden, da ja durchaus die Regeländerungen über die Jahre auch zu Wertigkeitsunterschieden führen. Wer weiß, ob die NFL sich entscheidet in 10 Jahren einen O-Liner weniger auf dem Feld zu erlauben und einen CB mehr?

    Ich sehe das Problem eher im allgemeinen Vertrags-/Rosterbuilding-Recht: Punkt 1: Injury-Guaranties: Verletzte Spieler limitieren Teams doppelt. Du willst also das Risiko verletzter Spieler minimieren und die Risiko-Gruppe raus haben, also RB mit kurzen Verträgen und geringen Risikos.
    Punkt 2: Wert des Aspekts „Körper-zerstören“ (das zielt vor allem auf College-Spieler und Bodensatz-Spieler).

    Meine Schlussfolgerung geht als Idee (mehr finde ich müßig, weil umgesetzt wird’s eh nicht):
    Die Footballspieler müssten generell ein gewisses Grundgehalt und Sicherstellung lebenslanger medizinischer Versorgung bekommen – positionsunabhängig. Bspw.: jeder Collegespieler hätte am Ende seiner Karriere, sagen wir mal, 3 Mio. verdient und die Spieler hätten eine Krankenversicherung, die alle sportbezogenen Verletzungen covert und eine 5-Mio-Injury-Guaranty, die von der Liga gezahlt, nicht gegen die Cap zählt (Es wird das übernommen, was Spieler in der verletzten Zeit verdient hätte)
    Unter diesen Umständen, wäre sichergestellt, dass sich das körperliche Aufreiben finanziell lohnt und die körperlichen Schäden unabhängig von Vertragsmodalitäten versorgt werden.

  12. Für Mccaffrey wäre es wohl sinnvoll als Slot Receiver verstanden zu werden – was er durchs spielen kann. Aber der Mehrwert von mCcaffrey ergibt sich wiederum vorallem aus der kreativen Nutzung. Wo dann wieder die Frage ist, ob er den Vertrag rechtfertigt.

  13. Ich frage mich wie lange es reine Runningbacks überhaupt noch geben wird. Wäre es nicht schon logischer, es gäbe praktisch nur noch Wide Receiver und davon können halt einige zusätzlich Snaps als „Runningback“ spielen. Sieht man ja jetzt auch schon immer wieder, das WRs für Läufe eingesetzt werden.
    Im Prinzip wäre es dann ähnlich wie heute bei Returnern, da gibt es ja auch kaum Spezialisten, sondern meist werden dort auch WRs oder CBs eingesetzt.

    Ich meine, in einem PFF Podcast aus dem vergangenen Jahr wurde eine solche Idee auch schon mal diskutiert.

  14. Ah danke!
    Hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass du es damals auch schon aufgegriffen hattest!

  15. @Hannes: Es gibt bereits eine Pensionsregelung und personalkosten, die über die Salary-Cap hinausgehen. Inwiefern die sich spezifisch um Verletzungen drehen, weiß ich nicht genau.

  16. Stimmt, war eigentlich klar 😉

    Wie ist deine Sicht dazu?
    Glaubst du dass das Aussterben der reinen RBs schon in naher Zukunft passieren könnte?

    Ich glaube ehrlich gesagt in nächster Zeit noch nicht so richtig daran, vor allem wenn man sich diverse suspekte Entscheidungen der GMs in letzter Zeit anschaut…

  17. Die Position wird nie aussterben, aber sie wird mehr und mehr zu einem Role-Player werden und eben ein modifiziertes Anforderungsprofil haben.

    Die Entwicklung ist schleichend und geht schon seit mehr als zehn Jahren.

    Vor 15 Jahren bekamen noch haufenweise Backs 320 und mehr Carries in der Saison, und waren unter den teureren Spielern. Ich kann mich erinnern, wie die Pundits 2006 auf die Texans einprügelten, weil diese im Draft nicht Reggie Bush gezogen haben, den „Franchise-turning“ Runningback. Die Zeiten sind noch nicht lange her, fühlen sich aber wie eine andere Epoche an.

  18. Zu den fetten Runningback-Verträgen:

  19. @korsakoff: Denkst du denn dass, trotz allem, Spieler wie Barkley oder McCaffrey noch „dickere“ Verträge bekommen?

  20. Ich glaube, dass die ganz großen Runningback-Verträge weniger werden, aber ganz so schnell nicht *völlig aussterben* werden.

    Es gibt noch immer locker eine Handvoll Front-Offices, die die Runningback-Position sehr hoch bewerten. In den letzten 12 Monaten haben wir zwei sehr fette Verträge (Bell, Zeke) gesehen.

    Gerade Barkley spielt auch für das richtige Front-Office, das zu viele Jetons in ihn gesetzt hat (inkl. aggressiver Verhöhnung aller gegenteiligen Meinungen) um ihn gehen zu lassen.

  21. @korsakoff Vielen Dank für Deine Einschätzung zu Goff. Dann hoffe ich, dass die Rahmenbedingungen irgendwann wieder passen und er noch einmal zündet 🙂

  22. Pingback: Gedanken zum Trade von WR Brandin Cooks nach Houston | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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