Die wichtigste Draftklasse in diesem Jahr? 2019!

In den nächsten Wochen wird sich alles in der NFL-Welt auf den diesjährigen Draft (23. – 25. April 2020) konzentrieren. Doch der wirklich wichtige Draft für die anstehende Saison 2020 ist schon letztes Jahr passiert.

Über die Entwicklung von NFL-Prospects ist schon oft und lange philosophiert worden, doch vor ein paar Wochen hat Timo Riske bei PFF zum ersten Mal eine komplette Studie gemacht, die die tatsächlichen Lernkurven von jungen NFL-Spielern analysiert:

Es ist zum Thema Draft einer der aufregendsten Artikel, den ich bislang gelesen habe. Der wichtigste Takeaway gleich vorneweg: Rookies haben in der NFL Probleme sich zu akklimatisieren, verbessern sich aber im zweiten Jahr im Schnitt um rund 75% und halten dann ihren Level für die nächsten Jahre. Somit ist ein harziges Rookiejahr noch kein Weltuntergang. Nervös musst du erst werden, wenn es auch im zweiten Jahr keine Zeichen von Verbesserung gibt (Ausnahmen gleich).

Dass Rookies am Anfang Schwierigkeiten haben, ist bekanntlich nix neues. Jeder hat erstmal ein paar Eingewöhnungsprobleme, egal worum es geht – kennste ja, das alte Sprichwort: Kein Meister ist vom Himmel gefallen. Doch jetzt haben wir zum ersten Mal eine Studie, die es für die NFL-Lernkurven mit Zahlen untermauert.

Ein paar Impressionen aus der Studie

Ich kann bzw. will gar nicht jedes Detail der Studie besprechen, aber ein paar Hausnummern seien kurz angesprochen:

  • Die Studie hat sich für alle zwischen 2006 und 2016 gedrafteten Spieler die ersten vier Jahre nach Eintritt in die NFL angeschaut und Produktion anhand der Metrik WAR gemessen. Fazit: Im Schnitt produzieren Rookies etwa 16% ihres „4-Jahres WAR“ im ersten Jahr (also 1/6 des Gesamtvolumens). Von Jahr 2 bis Jahr 4 sind es ziemlich konstant um die 28%.
  • Damit steigt die Produktivität vom ersten auf das zweite Jahr ungefähr um den Faktor 1.75 (75%).
  • Der Grund für diesen Produktivitätsanstieg liegt zum Teil in erhöhter Snap-Zahl (mehr Einsatzzeit), aber vor allem in erhöhter Effizienz pro Snap. Anders: Die Spieler spielen im zweiten Jahr mehr und sind dabei auch noch besser. Das potenziert sich.
  • Coaches wissen schon, warum sie Rookies im ersten Jahr nicht sofort die volle Ladung geben: Sie sind noch nicht so effizient. In Jahr zwei dann steigt auch die Produktivität – und einhergehend mit mehr Einsatzzeit explodiert der Impact dieser Spieler förmlich.
  • Betrachten wir die einzelnen Positionen, so ist der Effekt interessanterweise für Edge-Rusher am stärksten: Egal in welcher Runde sie gedraftet werden: Edge-Rusher haben im ersten Jahr wesentlich größere Schwierigkeiten, sich in der NFL zurecht zu finden. Im Schnitt sind Rookie-Edge Rusher fast Null-Faktoren. Ihre Lernkurve geht danach von Jahr 2-4 steil linear nach oben. Etwas abgeschwächt ist dieser Effekt auch für Defensive Interior zu beobachten.
  • Das macht Rookie-Performances von Leuten wie Khalil Mack oder Nick Bosa umso überragender: Selbst Superstars wie Donald oder JJ Watt haben ein Jahr Akklimatisierung gebraucht.
  • Ein ähnlicher Effekt ist in der Offensive Line zu beobachten: Interior Offensive Linemen müssen im Schnitt sogar zwei schlechte Jahre überstehen, ehe sie im dritten Jahr explodieren. Offensive Tackles haben von Jahr 1-4 eine sehr linear nach oben gehenden Performance-Kurve.
  • Junge Offensive Liner erfordern Geduld! Sei es die physische Belastung der NFL, sei es Positions-Komplexität – aber Punkt ist: Bei diesen Positionen beginnen junge Spieler in der Regel erst ab dem dritten Jahr, ihr Potenzial ganz auszuschöpfen.
  • Bei Quarterbacks ist das anders: Sie haben in Jahr 1 mehr Probleme als der gewöhnliche Rookie, aber schon im zweiten Jahr schnellt ihre Produktivität in die Höhe und tendiert dann über Jahre konstant zu bleiben. Anders: Wenn dein junger QB im zweiten Jahr keine Anzeichen von echter NFL-Tauglichkeit gibt, ist Nervosität angebracht. Spätestens in Jahr 3 muss quasi der Durchbruch schon kommen, ansonsten kann man beginnen die QBs abzuschreiben.
  • Natürlich gibt es ein paar krasse Ausreißerbeispiele wie Drew Brees, dem man nach drei schwachen Jahren in San Diego in Jahr 4 einen Top-Pick wie Philip Rivers vorsetzte, ehe er just dann den Durchbruch schaffte. Aber das sind Ausnahmen. Kluge Manager verlassen sich nicht auf Ausnahmen.
  • Für 2020 heißt das: Trubisky kann man quasi abschreiben. Er ist maximalste lame duck. Aber auch die 2018-Klasse muss jetzt liefern: Darnold, Baker, Josh Allen, auch Rosen – sie alle haben sehr kurze Leine (Allen könnte von einem starken Team mit guter Siegbilanz gerettet werden). Von Kyler Murray und Co. kann man durchaus schon den Durchbruch erwarten.
  • Am schnellsten produktiv sind für gewöhnlich Runningbacks und Safetys.
  • Bei Receivern, Tight Ends, Cornerback oder Linebackern ist die Entwicklungskurve in etwa jene oben aufgezeigte vom NFL-Durchschnitt über alle Positionen.
  • Alter ist ziemlich irrelevant: Seien die Rookies 21 oder 23, es macht wenig Unterschied. Ihre Kurven verlaufen alle fast gleich.
  • Die Studie sagt auch: Ab Jahr 5 sind Spieler vergleichsweise konstant.
  • Was ich mit Timo besprochen habe, aus Gründen von zu geringer Datenmenge nicht sinnvoll möglich ist: Zu schauen wie sich Lernkurven bei Spielern verhalten, die das ganze (oder fast das ganze) Rookiejahr verletzt waren – wie z.B. Bengals-OT Jonah Williams 2019. Ist ihre Lernkurve ein Jahr versetzt, oder können sie „immerhin“ davon profitieren, dass sie ein Jahr in den wichtigsten Meetings gesessen haben und über NFL-Scheme gelernt haben?

Kurze Diskussion meinerseits

Wir können aus dieser Studie extrem viele wichtige Informationen ziehen – nicht nur darüber, was man von jungen Spielern in Jahr 1, 2, 3 oder 4 erwarten kann, ab wann man ernsthaft beginnen sollte nervös zu werden und welche Positionen sich wie verhalten.

Sondern auch: Entwicklung in der NFL ist für die meisten Positionen nicht linear. Junge Spieler brauchen im Schnitt ein Jahr um sich mit allem Neuen in der NFL zurechtzufinden – schnelleres Spiel, komplexeres Scheme, besseren Gegenspieler, neues Ambiente, neue Teamkollegen, neue Coaches, neue Erwartungen. Es ist keine Tragödie, als Rookie nicht gut auszusehen, wenngleich natürlich „performance right out of the gate“ zu bevorzugen ist.

Doch Jahr 2 ist für die meisten Positionen bereits entscheidend. Nix verflixtes zweites Jahr! Das macht den Draft 2019 für die kommende NFL-Saison so wichtig (wenn die Saison überhaupt stattfindet, natürlich). Die Rookies, die heuer gezogen werden, haben einen wesentlich geringeren Impact auf die NFL-Saison 2020 als jene, die letztes Jahr gedraftet wurden. Denn vom Gros der 2019er-Klasse kann man in dieser Saison annähernd volle Leistung erwarten. Für einige Positionen wie Quarterback, Passrush oder Offensive Line ist natürlich auch die 2018er Klasse gefordert – sie sollten spätestens ab heuer das Potenzial voll ausschöpfen.

Das alles heißt auch: Ein Kaderumbau via Draft ist eher ein Zweijahresprojekt als ein Einjahresprojekt. Es braucht im Prinzip zwei Draftklassen, bis man volle Power erwarten kann.

Das heißt auch: Draften „für Need“ ist eine ziemlich miese Strategie. Wer mit Blick auf Needs für die anstehende Saison in den Draft geht, hat im Kern die falsche Herangehensweise, denn man sollte wenn, dann mit „Needs nächstes und übernächstes Jahr“ an die Sache herangehen. Draft ist die Zeit, in der „Team-Building“ betrieben wird. Löcher im laufenden Kader zu stopfen, dafür sind andere Mittel wichtiger. Ich habe über dieses Thema in fast identischer Manier bereits vor über sieben Jahren geschrieben – jetzt ist es auch en detail mit Zahlen belegbar.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollten Front-Offices die Free-Agency umso mehr unbedingt dafür aufwenden, die ärgsten Lücken im Kader zuzumachen um ohne krassen „Need“ in den Draft zu gehen. Denn tut man das, wird man recht sicher enttäuscht:

  1. Man fokussiert sich auf eine bestimmte Position und schränkt damit automatisch seine möglichen Optionen (Topspieler auf anderen Positionen) ein.
  2. Man kann vom Rookie eh keine maximale Performance im ersten Jahr erwarten

Im Draft liegt also unabhängig von der Qualität des Scoutings (und vom notwendigen Glück) also auch die Zeit für den Weitblick.

10 Kommentare zu “Die wichtigste Draftklasse in diesem Jahr? 2019!

  1. Das sind die besten Artikel hier!
    Und sie werden trotzdem nicht die ganze Öffentlichkeit davon abhalten im nächsten Monat wegen dem diesjährigen Draft zu hyperventilieren 🙂

  2. Ja, die Leute werden langsam verrückt, Bucky Brooks tweeted doch tatsächlich dass Chase Young ein Sleeper sei… Hoffentlich geht der Corona Bann bald vorbei bevor sie alle durchdrehen 😀

    Sonst toller Artikel zu einem interessanten Thema. Die Learning Courves sind ja schon einer von den wichtigsten Punkten im Draft umfeld, aber da wird fast nie drüber geredet. Das ganze Scouting nützt ja nichts, wenn man sich solcher Basics nicht bewusst ist!

  3. Sehr schöner Artikel und auch tolle Analyse von Timo; Gratulation an alle Beteiligten!

    Ein Aspekt den ich dabei in Hinblick auf das was ich zu den Patriots geschrieben habe sehr interessant finde: Die sehr lange Lern- bzw. Entwicklungskurve für O-Liner. Das wäre ein Erklärungsansatz, warum Belichick bzw. die Patriots eigentlich konstant über die letzten 20 Jahre sehr gut O-Liner gedraftet haben: Weil sie ihnen die Zeit für die Entwicklung geben. Ganz selten wird bei den Patriots ein O-Liner direkt in seiner Rookieposition ins Starting Lineup geholt und oft kommen die erst im Jahr 2 oder 3 wirklich zu ihren Chancen (natürlich ausgenommen Verletzungen). Umgekehrt werden O-Liner meist schon 2 oder 3 Jahre bevor sie wirklich benötigt werden gedraftet, siehe z.B. letztes Jahr, als Cajuste und Froholt in den mittleren Runden gedraftet wurden, die dann eventuell nächstes Jahr Thuney & Mason beerben werden.

    Wenn man nur bei Receivern auch so langjährige Strategien fahren würde…

  4. Sehr interessant. Dachte mir auch gleich, ob das für die 1st Year Bench Rookies wie Mahomes, Williams oder Wynn einen Unterschied macht, aber da gibt es bestimmt zu wenige.

    Was mich brennend interessieren würde, wie werden sie Late Round Picks berechnet? Gibt es ein Adjustment für Einsatzzeit oder werden die die nicht gespielt haben, gar nicht mitgerechnet?

  5. Das sind Durchschnittswerte über alle gedrafteten Spieler, richtig?
    Man müsste mal sehen wie sich das mit den 1. Roundern versus Late Rundern verhält, da ja erstere viel früher und mehr Chancen auf Einsätze bekommen.

    Auffällig ist auf jeden Fall, dass im Schnitt nach Jahr 2 nicht mehr viel weiter nach oben geht. Liegt das an den Verletzungen, oder daran, dass viele Coaches die Profis aufgeben, wenn sie nach dem Jahr nicht mehr viel reißen?

    So wie ich das verstehe, ist hier ja total WAR gemeint, also Einsatz Zeit UND Qualität der Einsatz Zeit. Richtig?

  6. @FloJo & Andreas:

    Nein, da sind alle Picks mit drinnen. Keine Adjustments. Wenn einer nach zwei Jahren aus der NFL fliegt, hat er eben in Jahr 3 und 4 0% seiner Production.

    Grundsätzlich haben die Spieler ab Runde 4 eine etwas steilere Lernkurve: In Jahr 1 recht wenig, in Jahr 2 mehr, in Jahr 3 wieder mehr, in Jahr 4 wieder mehr. Für UDFA gilt gleiches.

    Unter den Spielern, die in Jahr 4 noch aktiv sind, gibt es nach WAR/Snap Effizienz kaum mehr einen Unterschied ob der Spieler ursprünglich in Runde 3 oder Runde 7 oder gar nicht gedraftet wurde: Die, die überleben, sind dann in etwa gleich gut. 2nd Rounder sind etwas effizienter, 1st Rounder noch deutlich mehr.
    Wie gesagt: Dann unter denen, *die dann noch in einem Kader stehen*.

    Es fällt auch auf, dass die Spieler, die früh gedraftet werden, schneller Einsatzzeit bekommen. Die Late-Round Picks haben die meisten ihrer Snaps erst in Jahr 3 oder 4 – aber auch hier dürfte ein bisschen Selection Bias drin sein, weil die meisten der Picks dann schon aus der Liga aussortiert worden sind.

    1st Round Picks spielen im Schnitt in Jahr 2 die meisten Snaps. Das kommt wahrscheinlich deshalb, weil die „schlechten“ unter ihnen danach graduell aussortiert werden. Coaches brauchen aber offenbar das zweite und Teile des dritten Jahres um das glauben bzw. sich das einzugestehen.

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