Carolina Panthers in der Sezierstunde

Schauen wir mal auf die letzten Tage bei den Carolina Panthers, die bekanntlich mit ausgetauschter sportlicher Leitung neue Wege einschlagen wollen.

Im Februar hatte ich im Offseason-Ausblick nur kurz den Fokus auf die Panthers geworfen, da mit dem neuen Coach Matt Rhule recht unklar war, in welche Richtung sich diese Mannschaft bewegen wird. Jetzt haben wir ein etwas besseres Bild.

Vorneweg der Verweis auf einen der interessanteren deutschen Podcasts, den ich in den letzten Tagen gehört habe: #KeepTalking, ein deutscher Panthers-Fanpodcast, der im Februar den stets aufschlussreichen Gast Jan Weckwerth zu Gast hatte – ein idealer Gesprächspartner, wenn man über Themen wie College & NFL reden will. Respektive im Panthers-Fall vor allem über Headcoach Rhule, der ja von Baylor hochkommt in die NFL.

Matt Rhule

Ein paar Dinge, die man zusammenfassend über Rhule sagen kann:

  • Er hat eine steile Karriere hinter sich: Erst Temple in drei Jahren umgekrempelt, dann die heiße Scheiße in Baylor in drei Jahren umgekrempelt.
  • Er ist ein erstklassiger Leader-Typ, dem man nicht nur gerne zuhört, sondern bei dem man am liebsten aufspringen und das Ticket nach Charlotte buchen möchte um beim nächsten Panther-Training Vollgas zu geben.
  • Er ist keiner der „System-Coaches“, die sich an ein Spielsystem binden. Er hat am College verschiedene Offense- und Defense-Versionen Er hat in Joe Brady auch einen der ambitioniertesten jungen Offensiv-Geister in den Trainerstab geholt. Sein Defensive Coordinator ist kein one trick pony – auch der hat schon verschiedene Systeme gespielt.
  • Er hat einen langen Vertrag bekommen: 7 Jahre. Viel für einen NFL-Neuling. Aber er soll durchaus prozessorientiert denken und hat die Freiheit, den Laden ganz neu aufzustellen.
  • Er gilt zwar durchaus als Kumpeltyp, aber auch als harter Hund, wenn es um schwierige Entscheidungen geht. Rhule drückt sich nicht davor. Er scheut keine schwierigen Situationen. Er gilt auch als vergleichsweise aufrechter Typ.

Da passte natürlich das Handling von QB Cameron Newton nicht so ganz ins Bild, dem man nach außen hin „eine Freigabe für einen Trade“ erteilte, was Newton selbst offensichtlich gar nicht so witzig fand.

Doch es führte kein Weg dran vorbei: Die Panthers wollen in eine Zukunft ohne Newton. Doch nicht nur das Management der Newton-Situation gibt es uns ein recht gutes Verständnis davon, was Carolina in Zukunft machen will.

Quarterbacks

Schauen wir uns ihre Quarterback-Moves einmal genauer an:

  1. Cam Newton erst zum Abgang geraten und ihn dann am Dienstag entlassen
  2. Teddy Bridgewater 3 Jahre, 63 Mio, davon über 20 Mio. garantiert.
  3. Kyle Allen für einen 5th Rounder nach Washington getradet.
  4. J. Walker aus der XFL als Backup-QB geholt.
  5. Nur Will Grier weiß noch nicht, wohin seine Reise geht.

Newton wurde am Dienstag mit 2 Mio Dead-Cap, aber fast 19 Mio. Cap-Ersparnis für 2020 gefeuert. Das war nicht überraschend, denn wissend um seine Gesamtsituation war natürlich kein Team bereit, Draftpicks und Vertrag für Newton hinzublättern.

Als vor ein paar Tagen auch die Bears aus Schiss vor einem Training-Camp Battle Win Newtons gegen Trubisky ausstiegen und stattdessen lieber Nick Foles holten, damit Ryan Pace zumindest eine Chance hat sein Gesicht zu wahren, war Newtons Schicksal besiegelt.

Teddy Panther

Dafür kommt nun Teddy Bridgewater. Auch wenn Bridgewater bereits vor ein paar Jahren bei den Saints mit dem neuen OffCoord Joe Brady zusammengearbeitet hat und die Basics seiner Offense kennt, so wirkt Bridgewater doch…

  1. …nicht wie die Idealbesetzung für die Brady-Offense
  2. …nicht wie die langfristige Quarterback-Option.

Aber Bridgewater hat einen doch recht teuren Vertrag bekommen, der ihn ziemlich sicher bis Ende der Saison 2021 an die Panthers bindet (40 Mio. guaranteed in den ersten zwei Jahren, aber nur mehr 5 Mio. Abschreibung in 2022). Im Prinzip wirkt er wie ein QB zur Überbrückung der aktuellen Transformationsperiode, in der die Panthers zwar ihren „künftigen Franchise-QB“ noch nicht im Kader haben, aber dennoch zwei wesentliche Dinge erledigen müssen:

  1. Die Joe-Brady Offense an die NFL anpassen. Brady kann in Carolina nicht das gleiche spielen wie bei LSU. Ein smarter Routinier wie Bridgewater hat durchaus die physischen Fähigkeiten und die Intelligenz um bei der Evolution des Schemens mitzuhelfen und auch aktiv Inputs zu geben.
  2. Ihre Skill-Player verlässlich bewerten um nachher zu wissen mit wem man in die Zukunft geht. Diese Verantwortung kann man keinem Jungspund wie Grier anvertrauen, der letztes Jahr ziemlich verloren aussah.

Das Wortspiel geht im Deutschen natürlich nicht so gut, aber Teddy wird seinem Namen gerecht: Bridgewater als „Bridge“-QB. Brücke zwischen alt und neu.

Die Backup-Situation

Für den letztjährigen Starter Kyle Allen hat man in einem Tauschhandel mit den Redskins überraschenderweise einen 5th Rounder bekommen. Allen hat letztes Jahr als Cam-Newton Nachfolger quasi nix angedeutet, das ihn als mehr als den austauschbaren 2nd-Stringer klassifizieren würde. Für einen solchen Spieler noch einen Mid-Round Draftpick abzustauben, ist in der aktuellen Phase der Panthers ein klarer Gewinn.

Denn Allen hätte sowieso kein Land mehr gesehen: Rhule holte P.J. Walker aus der XFL. Wer sich unter dem Mann nix vorstellen kann: Walker war Rhules Play-maker QB bei Temple am College. Die beiden kennen sich. Auch wenn Walker kein „klassischer NFL-QB“ ist, so könnte er durchaus eine ähnliche Rolle wie Taysom „no doubt much better than Lamar Jackson“ Hill bei den Saints einnehmen – zumindest konzeptionell: Ein paar Trick-Plays von der QB-Position aus.

Bleibt die offene Frage Grier. Der war letztes Jahr ein total umstrittenes QB-Prospect im Draft. PFF oder auch „my guy“ Matt Waldman hatten Grier am Ende aller Evaluationen und obwohl sie auch seine Red-Flags zur Kenntnis nahmen sogar eine 1st-Round Tag übergestülpt – eine Erwartung, der Grier in limitierter Einsatzzeit letzte Saison null gerecht wurde: Horrende Preseason, unterirische Kurzeinsätze in der Regular Season.

Das ist natürlich noch nicht das Ende der Welt. Wir wissen nicht erst seit gestern, dass ein schwaches Rookiejahr noch nicht zwingend der Untergang ist. Grier spielte NFL erst als Ron Rivera schon entlassen war und der Panthers-Kader gegen Saisonende komplett auseinanderfiel.

War Grier eine totale Graupe im Training? Vielleicht. Aber wie gut Rivera in QB-Evaluation ist, zeigt die Tatsache, dass er als nunmehriger Headcoach der Redskins noch immer bereit war einen 5th Rounder für Allen hinzublättern. Vielleicht hat Rivera an Allen also nur einen Narren gefressen und ließ deswegen nicht Grier spielen?

Wie viel kann man aus Griers 63 Dropbacks in 2019 lesen? Nun – er hatte 4 INTs. Er sah sehr hasenfüßig aus und wirkte total verunsichert. Alles nachvollziehbar, wenn man ein Jahr hinter einer Graupe wie Allen versauert und erst dann aufs Feld darf wenn alles längst vorbei ist? Oder Anzeichen für ärgere Probleme?

Jedenfalls war Griers Performance traumatisch genug, dass Rhule gar kein Risiko einging und Bridgewater für die Transformation der Offense holte. Vielleicht bedeutet das in Kombination mit der Walker-Verpflichtung auch sogar schon das Ende für Grier in Carolina – wäre ein Trade denkbar?

Und sonst so?

Die Panthers haben natürlich noch ein paar andere Moves gemacht:

  • Coverage-FS Boston für 3 Jahre verlängert
  • EDGE Weatherly, WR Roberts und OG Miller für recht billige Kurzzeitverträge geholt
  • WR Robby Anderson für 2 Jahre und 20 Mio. verpflichtet
  • LT Russell Okung per Trade aus Los Angeles geholt (für Trai Turner)
  • Sich von CB James Bradberry, DT Gerald McCoy, DT Vernon Butler, TE Greg Olsen, FS Eric Reid, EDGE Mario Addison und natürlich QB Newton

Der auffälligste der „non-QB“ Moves ist Robby Anderson: Ein deep threat von den Jets, der am College schon unter Rhule bei Temple gespielt hat. Anderson ist kein hochklassiger Receiver, wird aber manchmal als „Randy Moss für Arme“ beschrieben: Brutaler Deep-Speed um eine Defense auseinanderzuziehen, und sehr gefährlich bei langen Pässen.

Lange Pässe – das ist Joe-Brady/LSU Offense. Aber das ist auf den ersten Blick nicht kompatibel mit Bridgewaters eher schwachem Wurfarm. Andererseits: Erst vor ein paar Tagen in einem Podcast mit Greg Cosell gehört – tiefe Pässe sind nicht zwingend „Arm Strength“ Throws, zumindest nicht, wenn das Timing zwischen QB und Receiver passt. Mit der richtigen Abstimmung / Chemie kann man vieles wettmachen ohne den Ball mit Verve aus dem Armgelenk zu zaubern.

So oder so: Anderson ist kein billiger Einkauf. Neben all den Quarterback-Moves ist seine Verpflichtung der deutlichste Hinweis darauf, dass Carolina keinen „harten Tank-Job“ à la Cleveland/Miami fahren wird, sondern die Offense bauen wollen und schauen was im Kader ist.

Umbruch – natürlich. Und klar können noch weitere Moves folgen – wie z.B. ein Verkauf von RB McCaffrey. Doch der ganz krasse Fire-Sale, der im Februar noch zur Debatte stand, ist ausgeblieben und wird wohl auch nicht mehr kommen. Die Panthers sind 2020 damit recht sicher „zu gut“ aufgestellt um ernsthaft auf 1-15 und #1 Pick im nächsten Jahr abzustinken.

Doch ein Mannschaftsgerüst nicht komplett einzureißen, sondern von einer guten Baseline aus neu zu stärken, muss keine schlechte Idee sein. Auch wenn die langfristige Lösung der Quarterback-Frage natürlich eine der zentralen Aufgaben für Rhule und Co. sein wird.

18 Kommentare zu “Carolina Panthers in der Sezierstunde

  1. Vieln Dank für diese Blogs. Tolle Arbeit.
    Das ist eine meiner Lieblingsseiten.
    Endlich wieder Sezierstunden!!!!!!!

  2. ad „totalem Stillstand in der Arbeit“:
    Werden bei euch jetzt die Firmen komplett geschlossen?
    Oder wie bei uns (in Österreich) Home Office?

    Sorry für OT, aber wenn ihr es schon ansprecht 😉

  3. Baustellen seit 10 Tagen zu.
    Seit heute auch Betriebsverbot aller „nicht-lebensnotwendigen“ Produktionsbetriebe.
    Auch meine Gastwirtschaft hat seit ein paar Wochen null Gäste.
    Waldarbeit wegen Verletzungsgefahr verboten.

    Kurzum: Außer meine Kredite neu mit den Banken zu verhandeln weiß ich gerade nicht was tun 😉

  4. Oje..
    Kann man dir und euch allen nur alles Gute und viel Kraft wünschen!
    Hoffentlich verläuft es bei uns glimpflicher, aber es kann sich natürlich alles sehr schnell ändern…

    Auch von mir ein großes Danke für die Einträge auf diesem Blog, bietet wirklich ein Stück Normalität und Ablenkung in diesen Tagen!

  5. Sehe es positiv.

    1. Die Leute müssen sowieso alle mal wieder ein wenig runterkommen. Die massive Unzufriedenheit der letzten Jahre selbst bei kleinsten Unannehmlichkeiten war immer schwerer zu ertragen.

    2. Man macht jetzt auch mal Dinge, für die man sonst nie Zeit gefunden hat.

    3. Durch die teilweise massiven Eingriffe ins öffentliche Leben bekommt man endlich auchmal „live“ anstatt nur über Bücher einen Eindruck, wie es manchmal früher gewesen sein muss.

    4. Internet funktioniert und es gibt massig Football zum Schauen 😉

    Am wichtigsten ist es, in den eigenen vier Wänden die positive Stimmung aufrechtzuerhalten. Wir sind Familienbetrieb. Wenn die Eltern Risikogruppe sind, ist das nicht immer ganz trivial.

  6. Ja das sehe ich grundsätzlich ähnlich, ich versuche auch möglichst positiv zu bleiben und Dinge zu tun für die man sonst nie Zeit hat.
    Auch das gesellschaftliche runterkommen sehe ich durchaus positiv.

    Problematisch wird es wie du sagst bei Risikogruppen (Großeltern, …) und/oder wenn es wirklich finanziell oder arbeitsplatztechnisch kritisch wird (was Gott sei Dank bei mir wohl noch nicht so schnell der Fall sein wird).

  7. „Als vor ein paar Tagen auch die Bears aus Schiss vor einem Training-Camp Battle Win Newtons gegen Trubisky ausstiegen und stattdessen lieber Nick Foles holten, damit Ryan Pace zumindest eine Chance hat sein Gesicht zu wahren, war Newtons Schicksal besiegelt.“

    PURE GOLD

  8. Erstens mal danke immer wieder für das tolle Blog hier.
    Zweitens ich hoffe ihr bleibt alle gesund und es werden sich medizinische Lösungen finden.
    Drittens, das wirtschaftliche kommt dann danach…

    Zur NFL:
    Ich hatte nicht mitbekommen, dass HC Sean Payton Corona hat bzw. hatte.
    Unten ein kurzer Artikel dazu aus welchen hervorgeht, dass er viel gegessen und viel Zeit mit Netflix und twitter verbracht hat.

    Bin jetzt doch sehr überrascht, ich hätte ihn eher als bessesener nerd angesehen, der die Zeit mit Analysen von Spielenr auf Film analysieren etc. verbringt.

    http://www.nfl.com/news/story/0ap3000001107619/article/sean-payton-says-hes-cleared-of-coronavirus

  9. Ändert Cam Newtons Entlassung in Carolina eigentlich nicht die Situation der Patriots? Als FA könnte er jetzt für kleines Geld zu haben sein, was New Englands geringem Cap-space entgegenkäme.
    Ich würde es mir echt wünschen. New England mit einem mobilen QB wäre sehenswert. Wobei ein bisschen frisches Talent auf WR die Show deutlich interessanter gestalten würde.

  10. Wenn man sich die Gehälter der QBs anschaut, wird Cam kaum unter 20 Mio, vielleicht nicht unter 25 Mio/Saison unterschreiben.

    Die Frage ist dann, ob es nicht billiger gewesen wäre, ihn per Trade zu holen: 7th Rounder, und man hätte nur 19 Mio für seine 21-Mio Cap-Nummer zahlen müssen.

    Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass New England Cam holen wird. Eher tippe ich auf die Chargers.

  11. Pingback: Wie die Quarterback-Geilheit den NFL-Draft 2020 dominiert | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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