Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Guten Morgen. Schauen wir heute auf die Philadelphia Eagles und ihre bislang exzellente Offseason.

Schauen wir kurz zurück in den Februar – die Eagles sind mit zwei ganz klaren Top-Prioritäten in die Offseason gegangen:

  1. Offense: Wide Receiver
  2. Defense: Cornerback

Sie haben sich bis jetzt auf die Defense beschränkt – aber wie! Sie haben nicht nur Cornerbacks recht preiswert ge-upgradet, sondern auch noch für Tiefe im Pass-Rush gesorgt und damit ein solides Fundament gelegt. Doch der Reihe nach.

Charakeristika der Eagles-Defense

Die Eagles Pass-Defense 2019 war die #18 der NFL nach EPA/Dropback. Das ist nicht katastrophal, doch für ein Team, das um die Superbowl mitspielen möchte, doch deutlich unterwältigend. Nur zwei Playoff-Teams hatten eine schwächere Passing-Defense: Houston und Seattle.

Schauen wir auf das Profil der Eagles-Defense, so ist recht schnell klar, wo das Problem lag:

  • Pass-Rush: #4 nach ESPN Pass-Rush Win-Rate, #5 nach PFF-Grade
  • Secondary: #22 nach PFF Coverage-Grade

Die Eagles bauen ihre Defenses in der Jim-Schwartz Ära sehr stark „von vorne nach hinten“ auf – beginnend mit einer wuchtigen Defensive Line, die personelle Schwachstellen in der Secondary übertünchen soll. Also nicht unbedingt nach dem neuesten Analytics-Schrei „Coverage über Pass-Rush“.

Das klappte 2017 wunderprächtig, weil die durchschnittlichen Defensive Backs alle fit blieben, doch kollabierte in den letzten beiden Jahren, weil sich die jungen Draftpicks nicht wie gewünscht entwickelten bzw. es Verletzungen hagelte.

Das Hauptproblem: Richtige Ressourcen steckte das Eagles-Front Office in die Secondary nur 2017 rein – und damals „nur“ mit zwei Mid-Roundern sowie den mittelklassigen Free Agents CB Robinson und CB Darby. Doch Letzterer war nach 2017 fast immer verletzt und die Mid-Rounder Sidney Jones und Rasul Douglas entwickelten sich nicht wie gewünscht bzw. mussten in zu prominenten Positionen spielen.

Personeller Umbau in der Eagles-Defense

Jetzt der Reset-Button.

Der langjährige Cornerstone FS Malcolm Jenkins, einer der „moralischen Helden“ der Eagles-Defense, wurde mit 32 Lenzen zurück nach New Orleans geschickt. Er war dem Front-Office ganz einfach zu teuer. Seine Entlassung schreibt zwar 6.1 Mio Dead-Cap für die anstehende Saison an, doch dafür spart man sich die notwendige Vertragsaufbesserung, ohne die Jenkins ohnehin nicht mehr aufgelaufen wäre.

Dafür bekamen die beiden anderen Safetys im Kader jeweils recht preiswerte Verlängerung: FS McLeod 2 Jahre/12 Mio und der vom Cornerback umgeschulte Jalen Mills einen Einjahresvertrag über 5 Mio. Sie sollen gemeinsam mit dem vom Transfermarkt aufgeklaubten Will Parks (Einjahresvertrag für unbekannte Kohle) wohl das neue Safety-Trio bilden.

Wichtiger ist die Bewegung auf Cornerback: Den dauerverletzten Darby hat man ziehen gelassen, dafür CB Darius Slay via Trade aus Detroit geholt. Slays Einkauf gilt weithin als Top-Move der Eagles, und man versteht schnell, warum:

  1. Slay war in den letzten 5 Jahren einer der wertvollsten Cornerbacks der NFL. Nur 2019 hatte er ernsthaftere Probleme, als er direkt in Manndeckung gegen die stets besten gegnerischen Receiver antreten musste, in einer Defense, die keinen Pass-Rush hatte.
  2. Slay ist 29 und hat theoretisch noch 2-3 Jahre auf hohem Niveau drin.
  3. Die Eagles zahlen nur einen 3rd und einen 5th Round Pick.

Slay hatte nur mehr ein Jahr Vertrag in Detroit und wollte die langfristige Verlängerung. Das in Kombination mit einer sportlich eher mäßigen Saison 2019 machte Slay zu einer klassischen „buy low“ Option: Den Spieler im günstigsten Moment billig bekommen.

Slays bekommt in Philadelphia natürlich einen teuren Vertrag: 4 Jahre, 60 Mio, mit Vertragsgarantien in Höhe von rund 30 Mio. Er ist damit einer der höchstbezahlten Cornerbacks in der NFL und mindestens zwei Jahre nicht kündbar – doch sein Cap-Hit für die anstehende Saison ist mit 4.3 Mio. geradezu lächerlich gering.

Slay ist ein veritabler #1 Cornerback, und er wird in Philadelphia mehr von den Zone-Coverage Aufgaben bekommen, die ihm eher liegen als die reine Manndeckung, die er in Detroit spielen musste. Er ist gemessen an Durchhaltevermögen und Qualität ein klares Upgrade gegenüber Darby.

Am Mittwoch legten die Eagles mit CB Nickell Robey-Coleman (Einjahresvertrag) noch einmal recht billig nach. Robey-coleman ist ein klassischer Slot-Cornerback… oder „Nickell-Back“, wenn man so will. Dass die Eagles für ein Jahr Vertrag nur 1.3 Mio. zahlen müssen, kommt fast schon einer Verarsche gleich…

…wenn man sich seine Leistungsnachweise anschaut. Robey-Coleman ist mit 91% Karriere-Snaps im Slot eine „räumlich“ recht begrenzte Cornerback-Option. Aber: Die Eagles brauchten ein Upgrade mit Slot, und Robey-Coleman war dort ziemlich gut: Gemessen daran, dass die NFL 32×3 = 96 Starting-Cornerbacks braucht, ist seine #14 Platzierung nach Cornerback-WAR seit 2016 für den Preis ein Wahnsinn!

Mit Slay und Robey-Coleman hat man CB1 und Slot/CB3 nominell plötzlich stark besetzt. Auf der Cornerback-2 Position wurde noch nichts gemacht. Aktuell wären Avonte Maddox, Rasul Douglas, Sidney Jones und Cre’von LeBlanc die Optionen. Maddox dürfte da noch die beste Option sein – ein Mann, der es ganz gut versteht, Underneath-Zonen abzuschotten und gegen Receiver am längeren Hebel zu sitzen.

Als Starting-Formation wird nun vorerst mal eine solche Aufstellung kolportiert:

CB1 Slay
CB2 Maddox/Douglas/Jones/LeBlanc
Slot-CB Robey-Coleman
FS McLeod
SS Mills
S/LB Parks

Das klingt doch schonmal deutlich verbessert aus! Doch damit nicht genug.

Philly bolsterte auch vorne die Defensive Line noch einmal auf und holte DT Javon Hargrave für 3 Jahre/39 Mio aus Pittsburgh. Hargrave ist mit 27 Jahren in der Blütezeit seiner Karriere. Er war bis 2018 in Pittsburgh ein Role-Player, doch letztes Jahr übernahm er mit fast 700 Snaps eine deutlich prominentere Rolle (u.a. weil sich Starter Tuitt verletzte) – und überzeugte! Er war einer der produktivsten Defensive Tackles in der NFL.

Hargrave ist zwar kein reines one trick pony, doch seine klare Stärke ist schon der Pass-Rush. Er stößt in eine Defensive Line, die schon letztes Jahr wie oben angedeutet zu den besten Pass-Rushing Units der NFL gehörte, eine gute Rotation hatte, aber eben aufgrund der Schwäche der Secondary recht wirkungslos blieb.

Die Rotation der Eagles in der Defensive Line wird damit ziemlich gefürchtet sein:

Interior: Fletcher Cox, Hargrave, Malik Jackson
Edge: Brandon Graham, Josh Sweat, Derek Barnett

Das ist bereits jetzt eine erstklassig besetzte Defensive Line. Wenn sie jetzt vielleicht noch Timmy Jernigan oder Vinny Curry halten können…

All das Eagles-Treiben kommt natürlich zum Preis, dass man in der Offense noch nix gemacht hat, und dass man eventuell auf Linebacker noch kritisch besetzt ist. Doch Linebacker ist für DefCoord Schwartz keine Prio-Position.

Doch was geht ab in der Offense?

Man scheint sich vom 38-jährigen OT Jason Peters tatsächlich zu trennen und seine Jetons auf OT Andre Dillard, 2019 in der ersten Runde gedraftet, zu setzen. Weil aber auch Swing-Tackle Vaitai gegangen ist, könnte die Tiefe hinter dem Tackle-Duo Dillard/Lane Johnson schon etwas dünn werden… gerade, wenn man Johnsons permanente Verletzungsprobleme über die letzten Jahre in Erinnerung behält.

Warum die Eagles in ihrem letztes Jahr desaströsen Receiving-Corps noch nix gemacht haben, ist nicht ganz klar. Sie hätten noch ein bisschen Cap-Space für 2020 gehabt um etwas zu unternehmen. Ich sehe nur folgende Erklärungen für die Inaktivität:

  • Bei Spielern wie QB Wentz oder CB Slay explodieren die Gehälter erst nach 2020. Man braucht also Cap-Rollover für die Zukunft.
  • Man hat einem Robby Anderson / Breshad Perriman deshalb keinen 10 Mio/Jahr Vertrag nachgeworfen, weil man auf die Genesung von deep threat Desean Jackson Der spielte 2019 kaum.
  • Der Draft 2020 ist auf Receiver erstklassig besetzt.
  • Man hat den letztjährigen 2nd Round-WR Arcega-Whiteside nach seiner schwachen Rookiesaison noch nicht abgeschrieben. Whiteside hat nicht viel Qualität in der „Separation“ nachgewiesen – doch vielleicht ist er mit einem Jackson an der anderen Flanke als Ablenkung besser. Und schließlich haben wir erst kürzlich gelernt, dass 2nd-Year Player häufig prädestiniert für einen Leistungssprung sind.

Was jetzt?

Ich würde weiterhin erwarten, dass die Eagles mindestens einen Wide Receiver in der ersten oder zweiten Runde draften. Vielleicht sind es gar zwei von ihnen! Doch es gibt auch noch ein paar andere mögliche Orte, an denen man im Draft aktiv werden könnte:

  • Auf Edge-Rush hat sich Barnett nicht wie gewünscht entwickelt und Graham kommt langsam in die Jahre. Sweat geht ins zweite Jahr, aber vielleicht muss man hier schon „Long Term“ denken.
  • In der Offensive Line hat man zwei Tackles und damit ziemlich viel Tiefe verloren.
  • Der CB2 Platz ist nach wie vor etwas suspekt und vielleicht mit etwas vielen „Slot-artigen Cornerbacks“ besetzt. Vielleicht will man noch einen Athleten in die Verlosung werfen um den Konkurrenzkampf zu schüren.

In Summe ist der Eagles-Kader aber weiter topp besetzt. Nachdem man das Defensive Backfield für 2020 schon relativ fett verstärkt hat, bleibt Receiver kurzfristig die größte Sorge. Und selbst hier kann man sich mit etwas Optimismus das ganze bereits schönreden: Ein hoffentlich fitterer Jackson, Arcega-Whiteside im zweiten Jahr mit positiver Regression und dazu noch ein hoher Draftpick – alles schonmal deutlich besser als 2019.

Dazu kommt der Trainerstab um Doug Pederson (ein Superbowl-Ring mit Backup-QB, zwei Playoff-Runs mit kaputten verletzungsgebeutelten Teams) und der Quarterback: Wentz ist einer der guten QBs der Range #8 bis #15. Er war letztes Jahr nicht völlig überzeugend und hat immer wieder Verletzungsprobleme, doch die Eagles sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – und er wie 2017 gezeigt in einem seiner „besseren“ Jahre gut genug um mit dem Support-Cast eine Superbowl zu gewinnen.

Die Upgrades in der Defense sind da. In der Offense wird noch etwas kommen. Ein bisschen mehr Verletzungsglück als in den letzten 24 Monaten und ich sehe Philly weiter als eines der 2-3 Topteams in der NFC. Ich weiß, ich bin in den letzten zwei Jahren mit dem Superbowl-Tipp Philly zweimal auf die Fresse geflogen. Aber aller guten Dinge sind eigentlich noch immer drei – oder? Mit den ganzen Voraussetzungen können die Eagles es mit jedem Konkurrenten in der NFC aufnehmen.

6 Kommentare zu “Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

  1. Safety scheint mir aber schon noch ein ziemliches Brett zu sein. Man verliert Jenkins und schult den schwachen CB Mills zum SS um, das ist ein Rezept, das gewaltig schief gehen kann!
    Außerdem erwähnst du WR Jeffery gar nicht mehr, planen die Eagles nicht mehr mit ihm?

  2. Jeffery hat Verletzungsprobleme, fällt deswegen wohl auch zum Beginn der Saison aus, Wentz und er mögen sich nicht besonders und er gilt generell als Stinkstiefel im locker room. Pederson ist einer, der auf locker room culture großen Wert legt und mögliche Distraktionen normalerweise ohne viel Tamtam aussortiert. Wäre da nur nicht der cap hit von 26 Mio. $…

    Ansonsten bin ich skeptisch. Viel hängt vom Draft ab und das war die letzten Jahre ausbaufähig um es höflich auszudrücken.

  3. Man muss Jeffery aber zugute halten, dass er wenn er nicht verletzt ist, durchaus sportlich die notwendige Leistung bringt.

    2019 fiel allenfalls auf, dass sein aDOT um 2 Yards zurückging – weil die ganze Eagles-Offense ohne Deep-Thread nicht anders funktionierte?

  4. Vielen Dank Korsakoff für deine tolle Arbeit. Bin jetzt seit einigen Jahren stiller Mitleser und ich freue mich immer wenn ein neuer Artikel von dir ( natürlich auch von Herrmann) rauskommt. Hoffe du kommst gut durch diese Zeit.
    Zu den Eagles:
    Bis jetzt eine sehr gute Free Agency mit tollen Moves von Roseman, wie bereits von dir angesprochen. Secondary ist endlich repariert, hoffe nur das wir dieses Jahr vom Verletzungspech verschont bleiben.
    Die größten Fragezeichen im Roster sind Stand jetzt natürlich die WR und die Depth in der O Line. WR wird auf jeden Fall im Draft adressiert ( ich hoffe mit 2 Picks in den ersten 4 Runden) und für die O line wäre es klasse wenn man Peters nach seinem Ausflug in die Free Agency nochmal zu einem Jahr verpflichten könnte.
    @FloJo Der Verlust von Jenkins tut weh als Leader aber McLeod war spielerisch wichtiger und der wurde gehalten. Mills wurde als Jenkins Replacement verpflichtet. Seit Jahren wird schon gefordert ihn als Safety aufzustellen was er a) im College schon gespielt hat und b) seinen Fähigkeiten besser entspricht. Will Parks ist ein Hometown Guy und den vermissen sie schon jetzt in Denver.
    Sollte nichts unvorhergesehen passieren sind die Eagles auf Safety gut aufgestellt. Vielleicht noch 1 Prospect in den späteren Runden draften.

  5. @ Korsakoff: Schwer zu sagen da der gesamte WR corps kaputt war: Jackson hinüber nach week 1, Agholor, der in seiner Entwicklung statt einem Schritt weiter, zwei zurück gemacht hat und Arcega-Whiteside war in seiner Rookie-Saison völlig überfordert. Und Jeffery hatte das gesamte Jahr mit verschiedenen Verletzungen zu tun um dann im Dezember mit lisfranc injury endgültig auf IR zu landen. Wenn gesund halte ich ihn aber durchaus auch noch für einen Top15 WR.

  6. Mich überrascht, dass CB Robey-Coleman für 1,3mio/a spielen soll. Die Rams haben 4,5mio durch seinen Cut gespart.
    Wieso würden die Rams oder irgendein Team ihm nicht z.B. 2mio anbieten? Das wäre immer noch fast das Doppelte vom Philly-angebot.

    Oder gibt es mit R.-C. ein Problem, das sich in seinem CB-rating nicht wiederspiegelt? Lockerroom? PIs? Off-field?

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