Quarterback im Fokus: Daniel Jones – New York Giants

Guten Morgen. Off-topic Verweis auf eine richtig interessante ARTE-Dokuserie, die in den letzten Tagen auf Youtube hochgeladen wurde – Der große Rausch:

Die Doku zeigt die engen Verflechtungen von organisierter Kriminalität, Politik und Wirtschaft in den letzten zwei Jahrhunderten, seit das britische Imperium mit den Opium-Kriegen damit begann, das chinesische Kaiserreich zu infiltrieren. Es ist eine faszinierende Geschichte, und der Kampf gegen die Drogen ist nicht bloß ein Spiel voller Doppelmoral, sondern erinnert auch eher an einen Krieg nicht gegen eine Spinne, sondern – obwohl in Kartellen vielerorts zentral organisiert – gegen einen Seestern: Immer wenn du einen Kopf abgehackt hast, bist du keinen Schritt weiter, weil fünf neue Glieder aus dem Untergrund sprießen. Wärmste Empfehlung für diese famose Doku.


Damit zu einem Sport, dessen Drogenproblem ein wenig anders gelagert ist als bloß Opiate: Unser Football. Heutiges Thema dort ist aber nicht das, sondern unsere kleine Serie „Quarterbacks im Fokus“. Heute mit dem Drogen-unverdächtigen New York Giants QB Daniel Jones.

Daniel Jones

New York Giants, #6 Pick 2019
0.03 EPA/Play, #26 der Liga
CPOE -2.8%

Daniel Jones gehört zu den umstrittensten QB-Prospects des letzten Draft-Jahrgangs. Seine Rookiesaison zeigt irgendwo auf, warum dem so ist: Er ist ein heiß/kalt Spieler, der vor nichts Angst hat – nicht einmal vor sich selbst.

Vor dem Draft hatte viel darauf hingedeutet, dass Jones ein eher gefährlicher Prospect ist: Weder war sein statistisches Profil besonders gut noch hatte der Guru Matt Waldman irgendwas Positives in ihm gesehen. Dennoch die Einberufung der Giants an #6 – eine Einberufung, die für so viel Hohn gesorgt hat, dass ich irgendwann letzten Frühsommer Mitleid mit Jones bekommen hatte.

Jones, der Typ, scheint ein ganz cooler Hand zu sein. Jones, der Quarterback, dagegen scheidet die Geister: Nach seinem Comeback-Debütsieg gegen die Buccs schoss sogar der offizielle Giants-Account via Twitter auf alle seine Kritiker zurück – die minimale Sample-Size von einem einzigen Spiel missachtend.

Dabei war das Spiel schon eine ganz gute Zusammenfassung von dem, was Jones in den Wochen danach so zeigen würde, sozusagen Mikrokosmos Daniel Jones:

  • Ein furchtloser QB, der in der Pocket seinen Mann steht und im schlimmsten Fall bis zum letzten Moment wartet um dann noch den Pass rauszufeuern.
  • Das brachte Chunk-Plays mit großen Raumgewinnen, aber auch zwei bitterböse Fumbles.
  • Das führte auch zu zahlreichen Overthrows – auffällig an Jones‘ Pässen ist allgemein, dass sie ziemlich „streuen“: Vergleichsweise oft müssen sich die Receiver strecken – manchmal umsonst, weil der Ball so deutlich überworfen ist.
  • Wilde Würfe, die für hohe Interception-Gefahr sorgen
  • Überraschend gute Mobilität, die auch längere Scrambles ermöglicht, u.a. den Sieg-TD kurz vor Schluss.

Wenn man sich durch die einzelnen Spiele klickt, so begegnet dieses Thema des Boom-or-Bust QBs uns immer und immer wieder. Irgendwann hat man es oft genug gesehen und achtet mehr darauf, wie die Giants ihre Offense gestalten: Extrem, wirklich auffallend viel 11-Personnel, oft mit allen 4 Receivern draußen in Spread-Formation gesplittet. Der athletische TE Engram mit vielen Targets. Dazu flinke Receiver, aber kein richtiger „Man-Beater“.

Das Air-Yards Chart zeigt einen QB, der ab 10 Yards downfield unterdurchschnittliche Präzision hatte und insgesamt -2.8% CPOE über die Saison hatte:

daniel-jones-cpoe

Daniel Jones CPOE 2019 – Quelle: Airyards.com (Josh Hermsmeyer)

Zugute halten muss man Jones, dass er hinter einer mäßigen bis suboptimalen Offensive Line spielen musste und häufig schnell Druck bekam – auch wenn Pass-Block Win-Rate als #12 der NFL zumindest einigermaßen Stabilität suggeriert.

Das Problem an Jones‘ furchtlosem Spielstil ist natürlich: Er führt zu vielen Fehlern. Da wären zum einen die Fumbles: Kaum ein Spiel, in dem Jones nicht den Ball wegfumbelt. Im Schnitt hatte er 1.5 Fumbles pro Spiel – das ist horrend! Nicht jeder Fumble war seine „Schuld“, aber auch unter denen, für die er weniger kann, waren einige Blindside-Fumbles, bei denen er einfach brutal lange in der Pocket zuwartete. Klappte dann links und rechts zusammen. Schlag auf die Hand – Ball raus.

Dazu die Interceptions. Jones hatte nur 12 Stück über die Saison, aber da waren einige wilde Pässe drunter, die locker zu weiteren INTs führen hätte können. Ich bin gespannt, was Football Outsiders bei den „Adjusted Interceptions“ hier noch tracken wird.

Ich gebe trotzdem unumwunden zu: In Summe hat mir das von Jones Angebotene besser gefallen als erwartet. Er hat durchaus ein paar Ansätze von einem Franchise-QB, und er hatte auch das Pech, dass sein ganzer Skill-Corps ziemlich stark unter Verletzungen litt und praktisch nie in voller Kraft auf dem Feld stand.

Im Prinzip sollten die Giants Jones noch die eine oder andere Waffe dazugeben: RB Barkley ist als Runningback auf der falschen Position, WR Tate ist ein Guter für die „sicheren“ Pässe und TE Engram ist auch besser als man meinen würde. Aber es gibt keinen richtigen 1-vs-1 Man-Beater.

Auf der anderen Seite gibt es auch Grund zur Besorgnis, denn Jones war aus sauberer Pocket einer der schwächeren QBs. Die Tendenz, so rücksichtslos zu spielen, war schon für andere QBs wie Jameis Winston (der bessere Overall-Efficiency als Jones hat!) der Genickbruch. Und dann ist da noch dieses merkwürdige Präzisionsproblem. „Schrotflinte“ ist vielleicht böse, aber gemessen am heutigen NFL-Standard ist es schon nicht wunderideal, wenn sich die Receiver in schier jedem Pass neu auf den Wurf ausrichten müssen.

Ausblick

Jones und Kyler Murray sind als Spielertypen kaum zu vergleichen. Murray war als Rookie etwas effizienter. Nach vorne geschaut denke ich, dass Murray die wesentlich besseren Chancen auf eine richtig starke Entwicklung hat:

  • Murray hat ein stabiles Offensiv-Umfeld mit Headcoach Kliff Kingsbury, der sich anpassungsfähiger als gedacht gezeigt hat, und er bekommt in Nuk Hopkins einen Top-5 WR als neue Waffe.
  • Jones dagegen muss 2020 unter dem neuen OffCoord Jason Garrett Es ist nicht nur ein neues System, sondern auch die denkbar uninspirierendste Wahl, die man für diese Neubesetzung hätte treffen können. Wo die Cardinals in eine moderne Zukunft gehen, versuchen die Giants das Rad der Zeit zurückzudrehen.

Natürlich ist möglich, dass New York noch ein paar Receiver (also Waffen) für Jones draftet und diese schneller als gedacht einschlagen und Jones mit besserer Infrastruktur einen massiven Sprung nach vorne machen kann.

Doch wahrscheinlicher ist, dass New York mit seinem Runningback-Juwel Saquon Barkley wieder mehr 1st-Down Running mit sterilen Formationen spielt, und man nach Jones‘ ersten wilden Interception versuchen wird, ihn zu sehr zu bändigen. Ich wäre schon überrascht, wenn sich Jones unter diesen Umständen zu einem überdurchschnittlichen QB

11 Kommentare zu “Quarterback im Fokus: Daniel Jones – New York Giants

  1. Irgendwie klingt das bei Daniel Jones für mich sehr ähnlich wie bei Eli Manning, oder auch Joe Flacco: Auf lange Sicht gesehen eher unterdurchschnittlich, aber auf Grund seiner Cojones im Stande, einfach mal eine Saison oder auch „nur“ eine Playoff-Serie lang auf GOAT-Niveau zu spielen, wenn der Flow einfach passt und das Glück auch auf seiner Seite ist. Außerdem: Die angesprochenen Cojones sind im New Yorker Mediendschungel denke ich zwingend erforderlich, um mittelfristig Durchhalten zu können, das kommt ihm also sicher auch abseits des Feldes zu Gute.

    Keine Ahnung ob es unter diesen Voraussetzungen schlau ist, auf einen solchen QB zu setzen – ich würde das nicht tun. Aber: ich schätze mal viele Giants-Fans würden 2 SBs und einen Haufen Mittelmäßigkeit in 15 Jahren schon nehmen (und sie wären blöd das nicht zu tun, denn das ist wohl mehr, als 29-30 Franchises in der selben Zeit bekommen werden).

  2. Für mich klingt das auch nach einem QB mit dem man arbeiten kann. Ich hätte lieber so einen als diese ganzen Sicherheits QBs, die sich nicht trauen und lieber Sacks nehmen oder den Ball auf die Tribüne zu werfen. Klar wird da viel Frustrierendes dabei sein aber wie schon Philipp schreibt. Wenn Jones mal im richtigen Moment 4 Spiele rausrutschen, dann ist doch besser wenn der QB sich gleich traut.

    Problem ist logisch Garrett und Gettleman, die die falsche Offense spielen lassen. Aber vielleicht sind die beiden nächstes Jahr dann ja auch weg…

  3. Danke für die differenzierte Sicht. Gerade bei Jones schien es ja zwischen Schwarz und Weiß keinen Mittelweg zu geben, entweder im einen oder anderen Lager.

    Als Giants Fan kann ich sagen, dass er manchmal frustrierend ist aber insgesamt hat er die Erwartungen doch übertroffen, gerade die negativsten! Man kann jetzt nur hoffen, dass Garrett es besser machen wird als in Dallas, wobei der gesamte Trainerstab gefällt mir nicht, Joe Judge, Bret Bielema, da sind einige drunter die vorsichtig gesagt nicht für fortschrittlichen Football stehen 🙂

    OL ist wichtig zu verbessern, Receiver optional auch. Denke auch, dass mit einer besseren Defense nicht so viel Druck auf Jones lasten würde!

  4. @FloJo: Die Linie da ist halt extrem fein. So gut wie alle Elite-QBs sind Sicherheits-QBs zu einem gewissen Grad. Brady, Rodgers, Brees, Rivers, das sind allesamt Typen, die den Ball eher weg als zu riskant werfen – genau das ist aber auch Teil davon, dass sie so gut sind, weil sie eben nicht die Interceptions produzieren, die regelmäßig Spiele kosten und im Zweifelsfall dann doch eher einen „sicheren“ Sack (sicher im Sinne von: Ball ist secure, kein Fumble) nehmen, als das Play zu forcieren. Siehe Jameis Winston, der abgesehen vom Gaudium diverser Podcasts NFL-untauglich zu sein scheint, weil er nicht im Stande ist diese Balance ein bisschen mehr in Richtung Ballsicherheit zu kippen.

    Sprich: Gunslinger-Mentalität klingt immer mal cool als Label, aber wenn du dann nach der halben Saison doppelt so viele Turnovers hast wie andere QBs in der ganzen Saison und irgendwo im Keller der Division herumdümpelst ist der Charme schnell mal vorbei. Und die NFL-Saison ist kurz, da reden wir von einer Handvoll Turnovers, die diesen feinen Unterschied ausmachen können.

  5. @Philipp: Winston ist natürlich ein Extrembeispiel, und sicher Jones hat auch Fumble Probleme, die weit über ein normales Level hinausgehen. Weiß nicht, ob man das abstellen kann.

    Aber zu riskieren ist aus meiner Sicht besser als nicht zu riskieren. Rodgers zb hat sich zu einem QB entwickelt, der zu wenig riskiert und das behindert nun die Offense.

    Die wenigen Elite QBs kann man aus der Gleichung ausschließen, sie sind Ausnahmeerscheinungen. Rodgers war ja auch mal einer, bis er zu vorsichtig geworden ist.

    Jones denke ich sind wir uns fast schon jetzt einig, daß er nie ein Elite QB sein wird (wäre schon sehr überrascht), aber wenn er Tier 2 ist, dann lieber mit high Variance als High Floor low Variance, weil ersteres vielleicht häufiger in die Playoffs führt aber seltener zum Super Bowl.

  6. Ich bin jedenfalls sehr neugierig auf die neue Saison mit DJ und den gelungenen Verstärkungen aus dem Draft…

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