Joe Burrow

Die Spatzen pfeifen es seit Monaten von den Dächern, dass LSU-Quarterback Joe Burrow der #1 Pick im kommenden NFL-Draft sein wird.

Burrow ist nicht dein typischer Star-Quarterback: Er kommt zwar aus einer Footballerfamilie mit Daddy als Coach und Bruder als Athlet und er war als 4-Star Recruit auch kein wirklich links liegen gelassener Highschool-Footballer, als es an den College Football ging. Doch nachdem sich Burrow vor ein paar Jahren für die nahe gelegene Ohio State University entschieden hatte, bekam seine Karriere einen Knick.

Er konnte sich im Team von Urban Meyer nicht durchsetzen. Als er vor zwei Jahren im Frühlings-Trainingslager das direkte Duell um den Starter-Posten gegen einen gewissen Dwayne Haskins verlor, hatte Burrow genug: Er wechselte frustriert die Uni und ging zu den LSU Tigers. Es war ein Wechsel nicht ohne Risiko, denn wenn Ohio State in den letzten Jahren eine Brutstätte offensiver Spielkultur war, so musste LSU als das genaue Gegenteil dessen gelten: Trotz fantastischer individueller Spieler hatte LSU seit Jahren mit seiner Offense enttäuscht.

Für Burrow offensichtlich kein Grund zum Verzweifeln. Er trat auf den Plan und war schon 2018 ein brauchbarer Starter, unter dem LSU zum ersten Mal seit langem wieder kompetente Offense spielte. Er war immerhin so gut, dass ich in der Preview zur anstehenden Saison 2019 im letzten Sommer schrieb:

Doch den Durchbruch verpasste LSU in den letzten Jahren stets wegen seiner zu sterilen Offense. Und so ist die interessanteste Personalie bei LSU weder Headcoach Ed Orgeron noch der DefCoord noch einer der Top-Talente in der Defense, sondern OffCoord Steve Ensminger, dessen Spread/RPO-Offense aus der Shotgun-Formation wesentlich besser zündete als man es sich je erträumen konnte.

Mitverantwortlich dabei war auch QB Joe Burrow, ein mobiler Mann, der kurz vor der Saison von Ohio State zu LSU gestoßen war und sich mit zunehmendem Saisonverlauf immer besser in die Offense fuchste. Burrow ist kein überragender Passer, aber er ist ein hervorragender Scrambler in kurzen Down-Situationen und kann nun hinter einer fantastischen Offensive Line einen erfahrenen, explosiven WR-Corps bedienen.

Die Passage mit dem nicht überragenden Passer ist eine derjenigen, die du manchmal nach Hot-Takes um die Ohren gehauen bekommst, wie weiland Mahomes, als man vor dessen ungestümem Spiel warnte JJ Watt, den man als langweiligen First Rounder anprangerte.

Denn Burrow lieferte 2019 eine Show, die ihresgleichen sucht. Nach der Umstellung der LSU-Offense durch Passing-Game Coordinator Joe Brady in eine radikale 4/5-Wide Spread-Offense mit kompromisslosem Downfield-Passing explodierte Burrow, unterstützt von einem sagenhaften Receiving-Corps und legte rekordträchtige Zahlen auf.

Burrows Saison 2019 ist sensationell und auch auf diesem Blog oft genug schon gepriesen. Die nackten Statistiken brauchen keine weitere Erklärung: 60 Touchdowns, 6 INT, fast 77% Completion, satte 10.8 Yards/Pass. Es war die beste Passing-Offense, die auf diesem Niveau jemals gespielt wurde. Sie gewann die National Championship in dominierender Weise und brachte Burrow die Heisman-Trophy.

Auch verwandelte sie Burrow von einem 5th Rounder in den #1 Pick. Beziehungsweise: Sie bot den Rahmen dafür, dass Burrow sich vom 5th Rounder zum #1 Pick entwickeln konnte.

Burrow als Draft-Prospect

Jetzt im Frühjahr 2020 gibt es wenig, was man an Joe Burrow als Draftprospect aussetzen kann. (Und, nein, seine Hand-Size ist nur für diejenigen ein Problem, die ihn nie haben spielen sehen). Seine letzte Saison machte Kreuze hinter alle erdenklichen Punkte der Checkliste:

  • Präzision in den Würfen: Atemberaubend. Burrow beherrscht alle Würfe aus Effeff. 2019 war er auf allen Levels des Spielfelds Elite. PFF chartete ihn als #1 bei allen Pässen zwischen 10 und 20 Yards downfield, und über 20 Yards downfield. Bei kurzen Dump-Offs war er in den Top-10. Selten gesehen, dass so viele tiefe Pässe direkt auf der Brust der Receiver landen wie 2019 bei Burrow.
  • Potenz im Wurfarm: Burrows Wurfarm ist keine Rakete vom Schlage eines Mahomes, womöglich noch nichtmal vergleichbar mit jener von Kyler Murray, doch er ist wie 2019 bewiesen gut genug um alle Zonen am Spielfeld zu attackieren. In einer gut designten Offense kann Timing den letzten Zacken fehlender Schärfe in der Wurfbahn kompensieren.
  • Spielverständnis und Antizipation: Spielintelligenz war nie etwas, was an Burrow angezweifelt wurde. Er hat fabulöses Verständnis dafür wie seine Offense gebaut ist und hat die Neuerungen der Joe-Brady-Offense mit all ihren Konzepten wie 3-verticals, archer oder sail innerhalb kürzester Zeit komplett verinnerlicht. Auch ist er einer der QBs, der nicht warten muss bis der Receiver offen ist. Einmal sich in die Offense gefuchst, wirft er mit guter Antizipation.
  • Autorität: Wo Burrow vor zwei Jahren noch ein vernachlässigtes blasses Mauerblümchen war, sah 2019 die Transformation zum mächtigsten Passer der College-Footballwelt. Burrow hat die Traue, alle Pässe zu nehmen. Er hat Eier in der Hose, keine Angst tief zu gehen, wenn in der Flat der Runningback mit vielen Metern Platz offen steht. Ein Beispiel in Halbzeit 1 in Alabama: RB Edwards-Helaire ist völlig offen, doch Burrow schenkt ihm noch nichtmal Beachtung, weil sich downfield die Routen entsprechend entwickeln. Geht tief. Touchdown.
  • Advanced Stats: PFF chartete ihn als besten QB ohne Druck in der Pocket – eine sehr stabile Metrik, und als besten QB mit Druck in der Pocket – instabil, aber auf alle Fälle kein schlechtes Zeichen.
  • Mobilität: Burrow ist kein super-Athlet, aber ein guter Scrambler. Es gab ausreichend RPO-Keeper, bei denen er aus designten Runs 1st Downs machte oder Broken-Plays via Scramble zu neuens 1st Downs verwertete. Besorgnis erregend aus NFL-Sicht nur: Mit Beinen voraus reinrutschen war nicht. Burrow ging immer volle Kanne Kopf voraus in den Tackle.

Am ehesten kritikwürdig mit Blick auf Burrows Tape 2019: Seine Pocket-Präsenzmanchmal. Es wurde im Down, Set Talk Podcast (Burrow ab 38:00) nicht ganz zu Unrecht angesprochen: So sehr Burrows Pocket-Manövrieraktionen weithin gelobt werden – hie und da übertreibt er es, lädt die QB-Pressure ein oder rennt hinein in einen unnötigen Sack. Das lenkt ein klein wenig von seiner ansonsten makellosen Performance ab.

Burrow konnte letztes Jahr die Folgen dessen übertünchen, weil seine Offense so krass dominierte, dass es keinen spürbaren Effekt hatte – und auch, weil seine Performance unter Druck wie oben angedeutet jenseits von Gut und Böse war. Das alles ist nicht auf Dauer zu halten. Pocket-Verhalten gilt als eine der schwierigeren Dinge im Coaching eines Quarterbacks. Ob sich hier ein kleiner Knackpunkt auftut?

Das Jahr davor

So viel Lobhudelei und erfolglose Suche nach dem einen K.O.-Argument: Ist Burrow der perfekte Prospect und der Drops damit gelutscht?

Nein – und abgesehen davon, dass niemand ein perfekter Prospect ist, so gibt es doch den einen Elefanten im Raum, der Zweifel an Burrow, dem Quarterback, weckt: Seine Performance vor dem Durchbruch. Ein paar Grundgedanken dazu hatte ich schon gefasst, doch lass uns mal genauer darüber sinnieren.

Es wäre nicht so, dass man Burrows sensationelle Saison 2019 einfach so wegwischen sollte. Sie war schließlich da, und sie hat gezeigt, was Burrow zu leisten imstande ist, wenn die Rahmenbedingungen alle stimmen.

Wenn es einen Offensive Coordinator gibt, der alles auf eine Karte – die des Vorwärtspasses aus Shotgun-Spread mit RPO und Downfield-Passing – setzt und seine heiße Scheiße ohne Rücksicht auf Verluste durchzieht.

Wenn es eine Offensive Line gibt, die lange genug durchhält, dass die meisten Routen zu Ende gelaufen werden.

Wenn es die besten Receiver im Lande gibt, die 2020 (Justin Jefferson) oder 2021 (J’Marr Chase, Terrace Marshall) in den höchsten Runden des NFL-Drafts in die NFL gezogen werden.

Dann ist Joe Burrow der dominanteste Quarterback auf Erden. Doch was war bevor wir das erlebten? Es wäre nicht so, dass Burrow wie einst Cam Newton oder Trubisky oder später Kyler Murray urplötzlich auf der Tapete erschienen ist ohne vorher jemals einen Snap als Starting-QB genommen zu haben. Über Burrow gab es ausreichend Tape, bevor er 2019 den College Football in Schutt und Asche legte…

…und niemand in der Welt der Footballexperten wäre auf die Idee gekommen, dass Burrow auch nur einen 3rd Round Pick wert sei. Sein Durchbruch kam in seinem Senior-Jahr, dem allerletzten Jahr am College. Die meisten seiner Artgenossen spielen zu dem Zeitpunkt längst in der NFL, weil ihre Entwicklung „linearer“ verlief. Ein Lamar Jackson ist heute schon NFL MVP. Er ist jünger als Joe Burrow!

Ich habe mir Joe Burrows Tape von 2018 angeschaut und stellvertretend für mehrere Partien schon einen Thread auf Twitter geschrieben, der Burrows damalige Performance in Relation zu jenem von 2019 setzt:

Das Fazit ist simpel: Wenn wir wissen, wie Burrow 2019 funktionierte, so sind bestimmte Anlagen schon 2018 erkennbar. Seine Affinität für den tiefen Ball – und hie und da auch die tödliche Präzision. Sein Versuch, auch aus 2nd-Reaction Plays noch etwas Vernünftiges zu machen und damit auch das Risiko, Sack und Fumble zu kassieren. Auch seine Mobilität war offensichtlich.

Doch es ist auch klar, was anders war und ich hab mal die Chupze um sie hier anzuführen:

  • Das Play-Design: Die Offense, die nur teilweise in Shotgun und 11-Personnel spielte und viele Condensed-Formations und Rushes aus 12-Personnel hatte, und den tiefen Pass nicht als Basis, sondern als Goodie für zwischendurch betrachtete.
  • Offensive Line: Eine gute, aber nicht überwältigende Offensive Line (immer wieder Free-Rusher)
  • Individuelle Qualität auf WR und TE: Ein Receiving-Corp, dem die Dominanz abging (Jefferson okay, aber Chase war noch Freshman)
  • Burrow selbst: Sein Arm wirkte eine Spur schwächer, den Würfen fehlte der letzte „Zip“, in der Pocket strahlte er die Autorität eines Zwiebacks aus. Und auch diese grandiose Schuss ins Glück-Präzision bei tiefen Pässen war nur vereinzelt und sehr zufällig präsent.

Viele Kleinigkeiten, die sich summieren und die den Unterschied zwischen einem guten College-QB mit Backup-/Developmental-QB Ambitionen in der NFL und dem unumstrittenen #1 Pick ausmachen.

Ist Joe Burrow ein System-QB?

Das alles wirft die Frage auf, ob Burrow letztlich nicht bloß ein überschätzter System-QB ist.

Ohne ihn nun in eine Ecke stellen zu wollen: Wie jeder QB ist Burrow von dem System abhängig, in dem er spielt. Man kann es nicht abstreiten, denn wir haben es gesehen: Eine radikale Transformation der offensiven Philosophie, der Fokus auf die Stärken und erhöhte individuelle Qualität um Burrow herum erklären weite Teile einer der fantastischsten Spätzünder-Entwicklungen, die wir in den letzten 15 Jahren gesehen haben.

Doch Burrow ist trotzdem ein starker Prospect, denn Situation hin oder her: Als er die Chance bekam, hat er geliefert – und wie! Und nicht gegen irgendwen, sondern gegen die besten Defenses im Lande – jene aus der SEC, um dann im Playoff, als Millionen zuschauten, noch einmal einen Gang hochzuschalten und den Titelverteidiger Clemson in Grund und Boden zu spielen.

Der Weg für ihn in der NFL ist also vorgezeichnet: Unter den richtigen Voraussetzungen kann er ein Erfolg werden. Wie in etwa diese Rahmenbedingungen aussehen, lässt sich zum Glück fast 1:1 in LSU studieren – und es gibt auch Musterbeispiele aus der NFL: In Kansas City oder Buffalo, oder bis vor kurzem bei den Rams (oder Negativbeispiel Jets).

Die NFL 2020 ist längst keine Liga mehr, in der ein Quarterback sich definiert über die meisten präzisen Wunderpässe in engste Deckungen. Es ist eine Liga, die draußen im offenen Feld „in Space“ agiert, dass ein Dennis Bergkampf seine hellste Freude hätte. Entsprechend braucht es Playmaker und ein fein definiertes Rahmenwerk. Können die Cincinnati Bengals – oder wer auch immer Burrow draftet – ihm das bereit stellen, so kriegen sie einen exzellenten Prospect. Doch glauben sie, mit der Einberufung einer #1 ist es getan, so wird Burrow busten. Das gilt übrigens für alle Top-Prospects.

Sind damit alle System-Quarterbacks?

Das bringt mich eigentlich nur noch zur letzten Frage in all diesem Gewirr: Wie viele Prospects werden da draußen eigentlich nach wie vor verheizt, weil man ihnen keinen Rahmen schafft, innerhalb dem sie sich entfalten können? Wie viele Joe Burrows gehen der Welt flöten, weil Coaches nicht Ed Orgeron oder Steve Ensminger-like bereit sind, ihre alte Weltsicht zu überdenken und etwas Neues zu schaffen und damit einem Mister Unsichtbar den Weg in die Zukunft verbauen?

Hätte „Burrow version 2018“ bei einem intelligenten NFL-Team als nächster Late-Round QB-Star einschlagen können, wenn die LSU Tigers ihn weiter verheizt hätten? Durchaus möglich, ja wahrscheinlich sogar – und so ist vielleicht eine der Lehren aus der Geschichte von Joe Burrow, dass sich all diese Prospects dann letztlich doch alle kaum isoliert betrachten lassen. Dass auch die allerbeste Performance auf dem Footballfeld in den Kontext ihrer Situation zu setzen sind.

Joe Burrow ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eng im Football Erfolg und Misserfolg beieinander liegen. Wie sehr Rahmenbedingungen und etwas Glück ein übersehenes Talent auf den größten Präsentierteller der NFL schöpfen können: Den #1 Draftpick 2020. Diese Geschichte sollte vielen da draußen Mut machen.

35 Kommentare zu “Joe Burrow

  1. Differenziert. Wie immer. Danke dafür!

    Ich frage mich sowieso, warum der Fokus bei Burrow immer nur auf 2019 liegt, wenn er doch ganz offensichtlich ein Jahr zuvor allen durch die Lappen gegangen wäre. Da will wohl niemand zugeben, dass die Evaluation alles andere als gut war/ist.

    Ich hoffe, die Bengals verschusseln es nicht, allein mir fehlt der Glaube.

  2. Hat es nicht dazu erst hier eine Diskussion gegeben, dass das letzte Jahr College doch immer das klar wichtigste ist, weil dann die Pressure steigt und das Prospect „liefern“ muss, weil es dann keine zweite Chance mehr gibt?

    Insofern wäre klar warum Burrow so gehypt wird…

    Muss schon sagen, dass er grandios aussieht und ich verstehe auch die Kritiken an seinem Arm nicht, Tua hat einen viel schwächeren Arm und ist auch nicht so genau bei längeren Würfen. Burrow hat fast keine Schwäche gezeigt, aber wie wichtig man jetzt das Jahr davor sieht, ist wahrscheinlich eine Frage des Geschmacks.

    Am #1 Status ändert es wahrscheinlich nichts.

  3. Krass, habe ich das richtig verstanden, dass Burrow den Battle gegen Haskins verliert, zu einem anderen Team flüchtet und dort ein Jahr danach den Breakout schafft und jetzt als die große Lösung gilt während Haskins fast schon abgeschrieben ist und sogar welche wollen, dass die Skins Tua auf No 2 draften?

    Leben schreibt manchmal komische Geschichten…

  4. @Archer: Ja! Und Haskins musste zu den Redskins, wo ihn der HC nicht wollte und absichtlich geschnitten hat und ist jetzt schon fast verbrannt.

    Man kann über Coaches sagen was man will und ganz sicher sind die Elite QBs alles wert was man ihnen nachwirft, doch angesichts von solchen Entwicklungen kann mir niemand erzählen, dass Coaches und GM nicht einen großen Einfluss auf das ganze Geschehen haben.

    Burrow und Haskins sind zwei Parade Beispiele dafür!

  5. Immer wieder überraschend auf diesem Blog. Gerade vor ein paar Tagen einen Podcast gehört, in dem Joes Hände als Concern genannt wurden. Hier: Nur ein Concern für den der ihn nie hat spielen sehen 🙂

    Danke dafür! Ich wunder mich auch warum gefühlt alle NUR das Tape von 2019 anschauen und alles vorher vergessen wird. Ist bei vielen anderen Projects bestimmt auch der Fall und mit ein Grund wieso so viele hohe Picks scheitern.

  6. Ist es nicht gefährlich, das alte Tape mit dem Wissen von 2019 zu bewerten? Da besteht doch große Gefahr von Hindsight Bias?!

  7. Dass man plötzlich nach Dingen im alten Tape sucht, die mit dem Wissen von 2019 offensichtlich sind.

  8. Was ist daran schlimm?

    Ich meine, wenn Burrow kein reiner System-QB ist, dann muss es doch auch im „Altsystem“ etwas gegeben haben, das alle übersehen haben? Womöglich etwas, anhand dessen man den nächsten Burrow finden kann.

  9. Ich finde die Geschichte von Burrow super spannend, gerade weil so wenige erst im Senior Jahr so einen unglaublichen Sprung hinlegen. Wie der sich in der NFL machen wird, da ist die Bandbreite wirklich groß. Zac Taylor traue ich ja durchaus zu, dass er sein System um Burrow herum bastelt. Aber wir haben halt auch wirklich schon viele one-year-wonders am College gesehen, die sich toll anhören und dann 2 Jahre später schon komplett vergessen sind. Naja, in Baton Rouge und Umgebung hat er sich ja immerhin schon mal in die Geschichtsbücher geschrieben, das kann ihm niemand mehr nehmen.

  10. @Korsakoff: Es ist sinnvoller sich um die Stärken von Burrow zu kümmern, die sind eindeutig im Tape von 2019 zu erkennen. Man sieht was ihn gut macht. Es ist die Blaupause dafür wie man ihn einsetzen muss.

    2018 ist dagegen nur Leichenschau.

  11. @Simon: Naja, aber die Betrachtung von nur einer Saison als Sample, das kann ordentlich in die Hose gehen. Da sieht man halt alles was toll ist und nichts von dem was schlecht ist. Die Frage danach, warum es vorher nicht so lief, muss man schon stellen, damit man für sich als Team beurteilen kann, ob man Burrow 2019 oder Burrow von vor 2019 bekommt.

  12. *Nicht* zurückzuschauen ist viel falscher. Es mag sein, dass uns jetzt die Wahrnehmung einen Streich spielt. Aber das war *vorher* offensichtlich auch nicht anders. Niemand – ich wiederhole: Niemand – von all den Scouting-Experten hat vor einem Jahr in Joe Burrow irgendetwas Besonderes gesehen. Es kann also nur 3 Möglichkeiten geben:

    1) Burrow hat sich in einem Jahr komplett als Spieler gewandelt, womit er die absolute Ausnahmeerscheinung in 15 Jahren Draft wäre.

    2) Burrow hat sich überhaupt nicht verändert. In dem Fall wären die ganzen Scouts alle inkompetent.

    3) Ein Mittelding, Abstufung frei wählbar. In dem Fall gibt es Dinge im System 2019, die Burrows Stärken in Szene setzen. Aber 2018 muss es auch was gegeben haben, das für zukünftige Spielerbewertungen relevant sein dürfte. Aber auch für die Bewertung von Burrow.

  13. Es kann auch sein, dass die Scouts ganz einfach nicht genau hingeschaut haben? Die Scouting Saison geht erst nach der NFL Saison richtig los!

  14. Sorry, das stimmt nicht. Team-Scouts touren das ganze Jahr durchs Land, Scout-Websites füllen seit Monaten die Spalten und auch PFF hat schon im letzten August ein 347 Seiten starkes Scout-Handbook rausgegeben, in dem u.a. 12 QB ausführlichst besprochen wurden. Den Namen Joe Burrow findet man dort nicht.

    Selbst wenn die Scouts nicht genau hingeschaut haben: LSU ist nicht irgendein Dorfteam. Das ist eine Mannschaft, die jedes Jahr Top-Draftees in die NFL schickt. Auf vielen Seiten wurde letztes Jahr Jordan Love als künftige heißer Scheiß angekündigt und ich soll nun glauben, dass sie zwar Utah State aus der Hintertuxer Budenliga mikroskopiert haben, aber den zukünftigen Superstar Joe Burrow an einem alljährlichen Top-10 Contender mit 90.000 Stadion und regelmäßigen „Game of the Week“ Auftritten nicht?

    Bitte.

  15. Das spannende ist doch, dass I’m college Entwicklung und Statistik durchaus interagiere Und es deshalb nicht immer einfach ist zu bewerten, ob sich ein Prospekt entwickelt hat oder eben nur ein statistischer Ausrutscher schuld ist.
    Es gibt ja Gründe, warum so schlechte Trefferquoten herrschen und auch pff nicht unbedingt die richtigen findet.

    Joe könnte spannend sein, weil er die Bewertung von QBs verändern könnte. Dass es eben Antizipation und Genauigkeit sind, die ausschlaggebend sind und auch ein tiefes passspiel ohne rattenscharfen arm funktioniert. Den einige 30y Rakete von Cam Newton sah zwar schon immer geil aus, war aber doch leider oft zu ungenau.
    Es wird immer noch zu sehr auf die reine Wurfstärke geschaut.
    Selbst in der Gfl gibt es qba mit brutalem Arm, die das Feld runter feuern können- aber das ist für den Erfolg dann vlt doch gar nicht so wichtig.

  16. @alexanderbrink: Antizipation und Genauigkeit sind aber schon seit locker 10 Jahren die primären Fähigkeit und werden vom Gros der NFL über Wurfkraft bewertet. Es gibt einzelne Ausreißer (looking at you, Josh Allen/Bills), aber insgesamt würde Burrow da keinen neuen „Trend“ setzen.

    Tua hat z.B. den wesentlich schwächeren Arm, was vor allem längere Flugbahnen angeht und wird auch schon seit fast zwei Jahren als potenzieller #1 Pick gehandelt.

  17. Auch ungenaue QBs können Top 10 Hype bekommen und werden auch regelmäßig dort gedraftet. Ich erinnere mich an die Saison als die Bills Josh Allen gedraftet haben, da war in den Bewertungen von vielen Experten (Greg Cosell habe ich von damals noch recht gut im Kopf) deshalb so viel Skepsis mit drinnen, weil Genauigkeit lt. denen eigentlich nicht coachbar ist. PFF hat das auch immer wieder gepredigt und durch Zahlen belegt. Ein QB kann in der NFL noch viel lernen, aber Genauigkeit zählt in der Regel nicht dazu. Ist er im College ungenau, dann wird er das auch in der NFL sein – genau deswegen ist die Genauigkeit ja inzwischen so ein zentraler Faktor bei der Bewertung. Wenn natürlich andere Qualitäten, wie bei Josh Allen der unglaubliche Arm, diesen Punkt ausstechen werden sich grade bei QBs immer Teams finden, welche diese hoch draften, weil sie den jeweiligen Prospect als „fixable“ betrachten.

  18. Korsakoff, Du formulierst es ein bisschen überspitzt: „Möglichkeit 1: Burrow hat sich in einem Jahr komplett als Spieler gewandelt, womit er die absolute Ausnahmeerscheinung in 15 Jahren Draft wäre.“
    In der NFL explodieren ständig Spieler in Saison zwei oder drei. Warum nicht auch am College?
    Er hat zwischen den Saisons das College gewechselt: anderes menschliches Umfeld (definitiv mehr Wertschätzung und Vertrauen), zu ihm passendes Spielsystem.
    Ich halte für plausibel, dass seine Entwicklung durch Ohio gehemmt wurde.

    Würde er ein weiteres Jahr bei LSU spielen, bin ich mir sicher, er würde eine weitere starke Saison hinlegen. Sprich: von einem „Ausrutscher“ / „Ausreißer“ zu sprechen, halte ich für nicht korrekt, schließlich geht es dieses Jahr unter völlig anderen Umständen weiter. Ich denke, er hat definitiv bewiesen, dass er auf College-level spielen kann.

    Ob Burrow in der NFL Erfolg hat, liegt (wie im Artikel schön dargestellt) zum großen Teil am Umfeld, in das er kommt.
    Übrigens nicht an „zu kleinen Händen“. Tony Romo hatte kleinere Hände und seine Karriere war jetzt nicht sooo schlecht… 😉

  19. Ich habe halt das Gefühl, dass immer ich bei vielen qbs mit nicht ganz so krassen Arm Limitierungen mitschwingen- ist halt nur ein kurz pass Spieler… während andersherum jeder, der den Ball übers Feld werfen kann sehr viel Sabber produziert…
    Das mag sein, dass ich mich da täusche und sich die Einstellungen dazu in den letzten Jahren verändert haben und ich das einfach nur falsch wahrnehme.
    Bei burrow fällt mir tatsächlich auf, dass er ja so eng mit dem Vertical passing verbunden ist; und das scheint mir neu. Deep passer waren immer die mit dem Monster arm.
    Das mag eine narrative sein, die an der Wirklichkeit vorbeigeht.
    Spannend ist für mich halt, ob Teddy Bridgewater nächste Saison auf einmal als deep passer in Erscheinung tritt oder ob es dann doch die spezifischen Fähigkeiten eines burrow sind, die ihn erfolgreich machen.

  20. @Dizzy: Ja, ich habe über den Punkt mit der nichtlinearen Spielerentwicklung / Explosion bei Burrow schon im Jänner recht ausführlich geschrieben:

    https://sidelinereporter.wordpress.com/2020/01/14/lsu-vs-clemson-nachklapp-und-draft-preview/

    Burrows Entwicklung ist auch deshalb faszinierend, weil er mit 23 ein relativ alter Prospect ist. Er ist z.B. älter als Lamar Jackson, der schon zwei Jahre NFL hinter sich hat. Burrow war jahrelang ein unbeachteter Backup-QB bzw. „Low-Level Starter“, der erst in seiner Senior-Saison kometenhaft nach oben geschossen ist. Letztes Jahr wäre er vielleicht als 5th Rounder durchgegangen.

    Was mich zum durchaus faszinierenden Thema „Spielerentwicklung“ bringt: Nur mal hypothetisch – wäre Burrow 2019 in den Draft gegangen und hätte danach die gleiche Entwicklung in der NFL genommen, er wäre der größte Draft-Steal seit Tom Brady. Manchmal ist Timing das wichtigste – manche Late-Round Draftpicks nehmen bestimmt eine ähnliche „Spätzünder-Entwicklung“ wie Burrow, nur dass sie dann halt ihr Breakout-Jahr nicht im letzten Jahr College, sondern im ersten oder zweiten Jahr NFL haben.

    Das führt den ganzen Scouting-Prozess ein bisschen ad absurdum (ein bisschen wohlgemerkt!) – denn das letzte College-Jahr überstrahlt meistens alles andere. Wo man sich in der NFL einig ist, dass man mit einem Jahr Sample-Size noch keinen Spieler vernünftig bewerten kann, glaubt man dass ein Jahr College locker ausreicht um die Qualität eines Spielers zu bewerten.

    Dieser Gegensatz zwischen linearer Projektion des letzten College-Jahres versus der nichtlinearen Entwicklung von jungen Spielern ist aus meiner Sicht einer der wesentlichen Gründe dafür, dass wir immer wieder 1st-Round Busts und Late-Round Steals haben.

    Burrows NFL-Aussicht fasziniert mich total. Die Offense, die er bei LSU gespielt hat, war sensationell und mit so vielen tiefen Pässen durchzogen, da geht einem das Herz auf: So muss man Football spielen

    Definitiv eine Möglichkeit. Auf der anderen Seite war sein Sprung so gigantisch, dass er schwierig allein durch Leistungsverbesserung zu erklären ist. Wir sprechen hier nicht von einem QB, der aus dem Nichts nach oben gekommen ist! Wir sprechen von einem QB, der von einem Mitläufer über Nacht zum dominantesten Passing-QB aller Zeiten wurde!

    Klar hat er damit gezeigt, dass er mithalten kann. Sogar viel mehr als das, und daher ist eine #1 Einberufung auch mehr als nachvollziehbar. Trotzdem ist sein Karriereverlauf total einzigartig, gerade im Draft-Vorfeld.

  21. @alexanderbrink: Ich denke, Burrow hat schon den deutlich besseren Arm auf Bridgewater (oder auch Tua).

    Wenn man ihn vergleicht, ist das keine Kanone wie Stafford, Mahomes, aber es ist eher Richtung Kyler Murray als Richtung Tua/Teddy.

    Greg Cosell hat es in einem Podcast vor ein paar Wochen super beschrieben: Deep-Thrower zu sein heißt viel öfters nicht ein Monster-Arm zu haben, sondern einfach guten Arm mit perfektem Timing und Antizipation zu arbeiten. Spricht: Deep-Thrower sind mehr Kopf als Arm.

    Das sieht man bei Josh Allen, dessen tiefer Pass streut wie Schrotflinte.

    Bei Tua z.B. bin ich mir nicht sicher, ob seine tiefen Pässe in der NFL so wunderprächtig sind. Ihre Flugbahn ist schon sehr Bogenlampe.

  22. @Philipp S: Der Fairness halber ist auch ein Lamar Jackson kein Präzisionsgewehr und wurde dennoch MVP.

    Ich glaube manchmal, dass in der heutigen NFL Accuracy vielleicht schon wieder *überbewertet* ist. PFF-Charting Saison NFL 2019:

    19% der Würfe sind in enge Fenster
    29% der Würfe gehen in Fenster, das sie „Closing“ nennen
    Aber 52% der Würfe sind auf offene Receiver

    Klar machen die 19% oft den Unterschied aus, aber Offenses wie Kansas City (!) schaffen es 60% der Würfe offen zu schemen.

    Lamar Jackson hatte 17% Würfe in enge Fenster und hat damit überlebt. Man kann Offenses im Jahr 2020 mit all den mobilen QBs auch anders aufbauen und den Fokus weg vom Präzisions-Kurzpassspiel legen. Das muss nicht Lamar-krass sein. Aber viele Teams binden die Mobilität ihrer QBs stärker ein und kaschieren Präzisionsprobleme mittlerweile recht ordentlich.

  23. Es gibt ja zumindest gefühlt relativ oft das Mysterium, dass Spieler und insbes. QB am College überhaupt nur in ihrem letzten Jahr Starter sind, sprich sich vorher über mehrere Jahre teamintern nicht durchsetzen konnten, und dann in ihrem letzten Jahr plötzlich zum Top Draftpick werden. Insofern könnte man Borrow zumindest anrechnen, dass er sich bei LSU auch vorletztes Jahr direkt durchgesetzt hat 😉

  24. Pingback: Cincinnati Bengals in der Sezierstunde | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  25. Die Beurteilung von Burrow ist mir persönlich zu technisch. Die Psyche des Spielers wird dabei zu sehr in den Hintergrund gestellt. Obwohl die so extrem viel ausmacht. Man muss nur an die Wunderstürmer im Fußball denken, die plötzlich das Tor nicht mehr treffen oder die Seriensieger im Skispringen, die plötzlich aussehen, wie Anfänger und es nicht mal mehr in den 2. Durchgang schaffen. Die Psyche kann aus einen Spieler einen komplett anderen Menschen machen. Im Negativen, wie auch im Positiven. Und der Wechsel von Burrow von Ohio an die LSU hat hauptsächlich psychischen Impact.

  26. Mensch korsakoff, es ist doch klar ersichtlich, dass dies nur meine kleine persönliche Meinung ist.

  27. Wo war die Psyche 2018, bevor er ein Jahr später als völlig verwandelter Spieler auf der Bühne aufgetreten ist? Ein Jahr gebraucht um sich zu akklimatisieren? 🙂

    Nichts gegen den „Flow“, es ist auch bei QBs erwiesen, dass es manchmal in-Season Runs gibt. Aber das scheint mir eine insgesamt sehr weit hergeholte und kaum überprüfbare Meinung („hauptsächlich“) zu sein.

  28. Pingback: Tua | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  29. Pingback: Die Risikoquarterbacks 2020: Justin Herbert und Jordan Love | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  30. Pingback: NFL Draft 2020 für Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  31. Pingback: All-32: Cincinnati Bengals 2020 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.