Tee Higgins

Hoch aufgeschossene, große Receiver bleiben eines der am schwierigsten greifbaren Themen im NFL-Scouting. Nehmen wir als Beispiel Clemsons Tee Higgins.

Ich habe schon letztes Jahr über das Thema Big-Receiver geschrieben:

  1. Große Receiver brauchen nicht zwingend Speed und Explosivität, weil sie auch mit schierer Größe, Kraft und Physisgewinnen können.
  2. Es ist sogar eher selten, dass große Wide Receiver schnell und explosiv sind. Die meisten sehen eher hölzernaus in ihren Bewegungen.
  3. Dennoch sind viele dieser Prospects am Collegein der Lage zu dominieren und sich freizulaufen, sei es durch eine der genannten Qualitäten
  4. Herauszufinden, ob ihnen dies auch in der NFL gelingt, ist die große Krux: Man kann sich das Tape vorne und zurück anschauen. Man findet keine greifbaren Anhaltungspunkte.

Diese Ideen kommen nicht von mir, sondern von Greg Cosell, aber sie haben sich bei mir eingeprägt. Cosell sprach damals u.a. über Michael Thomas, der als recht langsam und eher hüftsteif in die NFL kam und dann dort innerhalb von zwei Jahren schrittweise von den Saints herangeführt wurde und seinen Route-Tree erweiterte und 2019 dann sogar zum Offensive-MVP der Saison gewählt wurde.

Higgins aus der Draftklasse 2020 ist der nächste dieser brutal schwierig zu greifenden Receiver.

Higgins ist 6‘4 groß und 205 Pfund schwer. Er extrem lange Arme, die sich in Contested-Catch Situationen exzellent einsetzen lassen. Er war in der Clemson-Offense extrem produktiv mit 3.7 Yards pro Route-Run und schier unfassbaren 30% Targets über 20 Yards downfield – das ist gerade in einer Offense, in der man neben dem prototypischen Deep-Threat Justyn Ross spielt, unerhört!

Higgins war individuell am College so dominant, dass Clemsons Offense recht simpel gestrickt spielen konnte: Kein kompliziertes Scheming, sondern einfach Snap für Snap Higgins auf X oder in den Slot, Ross gegenüber, und Gas. Das führte in zwei Jahren zu zwei National Championship Games und einem Titel.

Doch ich schrieb schon im Jänner darüber, dass einen Higgins nicht so sehr vom Hocker reißt:

Higgins war der #1 Receiver in Clemson und er bekam in den letzten Monaten viel Hype als ganz hoher 1st Rounder. Ich bin mir bei ihm nicht ganz sicher: Er ist zwar prototypisch gebaut, aber in den Playoffs hat er nicht überzeugend ausgesehen. Clemson brauchte Monster-Performances von ihm – er hat zwei unterwältigende Partien gespielt.

Soll man diese damit entschuldigen, dass Clemson ihn relativ einfallslos straight 1-vs-1 gegen Superstar-Corners wie Stingley oder Fulton hat spielen lassen? Oder damit, dass er im Semifinale schnell ausgeknockt wurde und auch im Endspiel mehr als einen Drive mit Zipperlein in der Kabine verbrachte?

Punkt bleibt: Higgins ist mit seinen Gardemaßen von 6‘4 mit 205 Pfund ziemlich genau wie ein prototypischer Outside-WR gebaut. Das große Problem, das ich aktuell sähe: Er ist weder superschnell noch wirkt er besonders spektakulär darin, sich von Cornerbacks zu lösen. Am College war das kein Problem, weil er mit seiner superioren Physis und seinen langen Armen die meisten Pässe in seine Richtung eh gefangen hat. Aber wir hatten in den letzten 6-7 Jahren immer wieder das Problem, dass solche physisch imposanten Receiver ohne entsprechende Top-Qualitäten im „Separating“ in der NFL Probleme hatten. Da halfen oft auch die sichersten Fanghände nicht.

Nun streuen die Erwartungen bei Higgins mitterweile zwischen Mitte/Ende 1te Runde bis hin zu späte 2te Runde – und man kann verstehen, warum.

Higgins ist ziemlich sicher einer der komplettesten „Big-Receiver“ Prospects in den letzten Jahren. Sein Catch-Radius ist enorm, seine Physis erlaubt es auch mit den kräftigsten Cornerbacks mitzuhalten, seine Sprintzeiten die beim Pro-Day um die 4.5 Sekunden gelegen haben sollen, sind besser als erwartet und er ist kräftig genug um Tackles nach dem Catch zu brechen.

Higgins wurde primär als X-Receiver draußen an der „Boundary-Seite“ (also an der Feldseite, die näher zur Seitenlinie), dort wo die vermeintlich besten Receiver im College hingestellt werden, eingesetzt, aber auch als Slot-Receiver im Sinne der „Big-Slot“ Kollegen der letzten Jahre.

Higgins, auch wenn er nicht explosiv oder brutal schnell aussieht, hat viele seiner Routen mit subtilen Kleinigkeiten gewonnen wie z.B. genau dann die Richtung der Route zu ändern, als der Cornerback mit was anderem beschäftigt war – kurz nach dem Quarterback checken, sich abdrehen um Speed aufzunehmen usw.

Was auch positiv auffällt: Der Higgins von 2019 wirkt quicker, beweglicher, ja eine Spur knackiger als der Higgins von 2018.

Doch auf der anderen Seite hat man beim Anschauen der Higgins-Tapes unweigerlich das alte Problem: Den meisten Gegenspielern am College war er körperlich so überlegen, dass es kein fairer Kampf war. Und es gibt beim genauen Hinsehen viele Kleinigkeiten, an denen man sich aufhängen kann, wenn man an eine „NFL-Projection“ denkt.

Zum Beispiel der Release an der Anspiellinie. Kriegt Higgins „free release“ durch Off-Coverage, ist er quasi schon der Sieger im Duell, weil er dann explosiv genug ist um schnell Speed aufzunehmen und gut in die Route kommt.

Doch geht die Defense auf Press-Coverage, sieht die Welt anders aus. Press-Coverage wird am College vergleichsweise selten gespielt und daher haben wir auch nur beschränkte Menge an Snaps um ein echtes „Gefühl“ zu bekommen wie der Receiver darauf reagiert.

Bei Higgins fühle ich es so: Er ist dann oft recht geduldig und kann den jammenden Cornerback im rechten Moment verladen, ihn versetzen und kommt dann relativ frei raus. Doch dann gibt es wieder die Spiele wie im College-Football Semifinale gegen Ohio State, in denen die Konkurrenz hochklassig ist und ihrerseits unendliche Geduld gegen Higgins an der Anspiellinie aufbringt – und dann hatte Higgins massive Probleme ins Spiel zu kommen.

Higgins wirkte dann eine zeitlang hilflos. Kurzen Tippelschritt zur Seite machen ist mit seiner Größe nicht sein Ding und wird es auch nicht werden. Es ist ein Beispiel wie man Higgins doch deutlich limitieren kann.

Route-Running ist ein weiterer Punkt. Solche großen Receiver setzen nur selten scharfe Cuts – doch genau diese Cuts sind die Dinge, die einen zum Abspritzen von wegen „Wow!“ verleiten. Higgins ist nicht „hüftsteif“, aber läuft seine Routen eher „rund“, mit dem oben angedeuteten Gespür, den Gegenspieler im falschen Moment mit dem Richtungswechsel zu erwischen. Das „sieht“ dann nicht wunderprächtig dominant aus und führt nicht zu grandioser Separation.

Zugegeben: Higgins 2018 war nochmal eine Spur lahmer als 2019, wo er doch deutlich spritziger in seinen Richtungsänderungen wirkte – und das macht große Hoffnung mit Blick auf die NFL. Dennoch bleibt Separation ein fraglicher Punkt.

Nicht jeder Receiver braucht gleich viel Platz für die Catches – größere wie Higgins haben mehr Spiel durch ihren Körper und ihre langen Arme. Doch kann man sich nicht konstant vom Gegenspieler lösen, so braucht es schon Nuk-Hopkins-like absolut herausragende Contested-Catch Fähigkeiten um das zu kompensieren.

Am College dominierte Higgins den „point of attack” im Moment des Catches: Auch wenn er gut gedeckt war, auch wenn in der Spielfeldmitte viel Verkehr herrschte – Higgins war größer und ist kräftiger als die meisten und gewann damit die meisten Duelle. Doch wie ist das in der NFL? Dort sind die Gegenspieler besser, schneller, auch physischer, und dort sind viele Vorteile negiert.

Higgins ist kein Calvin-Johnson Klon, der neben imposanten Körpermaßen auch brutale Explosivität und long speed hatte um alle tiefen Routen schon qua Veranlagung zu dominieren. Higgins ist mehr Typ aufgepumpter Possession-Receiver: Hakt viele Kategorien auf dem Papier ab, aber sieht nicht umwerfend aus. Er ist gut, aber keine Verlockung.

Das muss nicht per se was Negatives sein. Viele solche Receiver haben in der NFL prominente Rollen bekommen und ich habe schon gelesen, dass Higgins zwar nix für eine West-Coast Offense mit scharfen Richtungsänderungen in den Routen ist, aber dafür etwas für eine McVay-artige Downfield-Offense, in der aus Play-Action heraus lange Routen mit subtilen, dem Receiver überlassenen Routen-Adjustments designt werden.

Das macht Higgins nicht zu einem „transzendenten“ Receiver-Prospect, selbst mit seiner fassungslosen Produktivität am College. Das macht ihn mehr zu einem weiteren Experiment „wie setze ich meinen Receiver letztendlich ein?“. Und genau das macht eine Einordnung von Higgins in einem Wide-Receiver Ranking besonders schwierig, ja fast unmöglich. Wer nicht weiß was er mit Higgins in der NFL anfangen soll, der sollte ihn am besten gar nicht draften – zu viel kann man dann falsch machen.

Doch in der richtigen Offense oder auch nur mit dem richtigen Einsatzgebiet – X Receiver oder Big-Slot Receiver – hat Higgins mit für seine Körpergröße ausreichender Explosivität, mit ausreichendem Speed, mit ausreichend Physis, mit guten Händen für toughe Catches und mit seiner Erfahrung für tiefe Routen absolut brauchbare Anlagen für eine produktive Karriere.

Ich weiß nicht so recht, für welche Seite ich mich bei Higgins entscheiden soll. Mal wieder bei einem dieser Receiver, die zwar qua Größe nicht zu übersehen sind, aber eben auch qua Größe fast nicht einzuordnen sind.

3 Kommentare zu “Tee Higgins

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