Die drei Top-Receiver im NFL Draft 2020 in der Diskussion

Die Wide-Receiver Draftklasse von 2020 sorgt für sabbernde Scouts und nasse Höschen. Es sei die beste, breiteste Klasse seit mindestens 2014. Ein Trio scheint sich im Konsens vom Rest abgesetzt zu haben.

Nicht dabei ist der umstrittene Tee Higgins, den ich kürzlich unter die Lupe genommen habe. Es handelt sich vielmehr um diese drei Kollegen hier:

  • Jerry Jeudy / Alabama
  • CeeDee Lamb / Oklahoma
  • Henry Ruggs / Alabama

Wer es genau wissen will, der kann in den laaaaaangen Down-Set-Talk Podcast über die Receiver reinhören oder beim Kollegen Jan Weckwerth in die Scouting-Reports reinlesen. Hier nur mal eine kurzer Überblick zu dem Trio – eine Art Merkblatt.

Jeudy ist der präziseste, reifste Prospect der Klasse. Sein Verkaufsschlager ist „Separation“. In Aktion sieht er wie eine Gazelle aus, sehr grazil, aber auch präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Lamb ist etwas größer und physischer als Jeudy und hat das größere Potenzial. Er ist grandios nach dem Catch und generiert auch ohne Elite-Sprinterqualitäten ein Big Play nach dem anderen.

Ruggs ist der Sprinter in diesem Trio: Er läuft die 40-yds in 4.27 Sekunden und hat ein Highlight-Tape jenseits von Gut und Böse, war am College als Teamkollege Jeudys aber wesentlich weniger produktiv.

Die Receiver-Klasse ist tief genug und die Position wird in weiten Teilen der NFL noch immer nicht als entscheidend genug angesehen als dass man wirklich alle drei als Top-10 Picks erwartet – vielleicht fallen sogar alle drei aus den Top-10 heraus! – doch prinzipiell gelten sie als Highend-Picks und sollten die ersten Receiver vom Board sein.

Die kurze Diskussion

Der umstrittenste für mich ist Ruggs. Es ist nachvollziehbar, dass die NFL im Jahr 2020 nach Speed lechzt, aber ich kann mich persönlich nicht davon lösen, dass Ruggs in der Alabama-Offense maximal die #3 Waffe hinter u.a. Jeudy war und dass er in zwei Jahren als Starter in etwa die Hälfte der Produktivität Jeudys und Lambs erzielt hat.

Ruggs ist eindeutig schnell, aber nicht zwingend ein Athlet, der mit extremem Antritt punktet. Er braucht einen Moment um voll auf Touren zu kommen. Er ist natürlich gemessen an seinem Körper durchaus physisch und hat Routen auf allen Levels gewonnen – kurz, intermediate, lang. Allein diese Aufstellungen widerlegen den Vorwurf eines one trick ponys:

Ruggs wurde vielseitig eingesetzt und sein Speed war zweifellos auch ein Plus für die Freiheit seiner Teamkollegen am College. NFL-Optionals Jets-Motions und Screen-Game als Goodie on top.

Und doch fragt man sich manchmal, ob Ruggs nicht auch vor allem deshalb so hochgejazzt wird, weil er im Gegensatz zu einem Jalen Reagor bei einem großen College wie Alabama anstatt in der Prärie von Fort Worth/TCU gespielt hat: Denn groß scheint mir der spielerische Unterschied in einigen Facetten nicht zu sein.

Ruggs hat unabhängig davon eine Unbekannte in seinem Spiel, die auf viele dieser kleinen geschwindigen Receiver in den letzten Jahren geplagt hat: Wie reagiert er auf die Kombination von Geduld und Physis von Seiten gegnerischer Cornerbacks an der Anspiellinie? Es ist die Gretchenfrage, die Stand heute kaum zu beantworten ist, da Ruggs wie so viele Speedy-Receiver am College so gut wie nie vor dieses Problem gestellt wurden. Gerade zu Beginn seiner Karriere riskiert Ruggs bei Akklimatisierungsproblemen in dieser Challenge enttäuschende Production.


Jeudy dagegen fühlt sich wie eine „sichere“ Lösung an. Die Antonio-Brown Vergleiche kann ich zwar nicht nachvollziehen, weil Jeudy dafür zu wenig in traffic gearbeitet und so gut wie keine Contested Catches in der Biografie hat – nicht nur qua Scheming übrigens, sondern er schien den Verkehr im Gegensatz zu einem Brown oder Beckham auch aktiv zu meiden.

Das kann sich Jeudy vor dem Catch leisten. Nach dem Catch war er eine Highlight-Maschine. Die Vergleiche mit dem ehemaligen spektakulären Florida-State/Bengals-Playmaker Peter Warrick sind dann auch sehr schnell aus dem Boden geschossen:

Warrick hat den NFL-Durchbruch dann aber nie richtig geschafft. Auch Jeudy hat einen kleinen Knackpunkt: Er ist zwar überaus beweglich und lässt auf engstem Raum Gegenspieler aussteigen wie Slalomstangen, aber seine athletischen Tests haben krass enttäuschende Werte für seinen Antritt zu Tage gebracht: 4.53 Sekunden im 20-Shuttle sind richtig mies. Das ist 6tes Perzentil (!) für Receiver – und damit ein echtes Sternchen für einen Spieler, dessen Antritt konzeptionell in seinem Spiel so wichtig ist.

Geht Jeudy an der Anspiellinie diese Explosivität wirklich ab, so ist nicht nur denkbar, dass das mit seinem Körperbau seine langfristigen NFL-Aussichten behindert, sondern dass es sogar für Teams ein Grund sein wird, ihn entgegen der jetzt hymnischen Scouting-Berichte nicht als ersten Receiver des Jahrgangs zu draften.


Das bringt mit zum möglicherweise komplettesten dieser drei Top-Receiver: Lamb. Der ist seit Jahren als Big-Play Maschine bekannt, doch mit Sternchen: Er hat diese Big-Plays in der Big 12 Conference gemacht – der Liga mit dem suspekten Defenses.

Lamb hat wie Jeudy kaum X-Receiver gespielt, war vielmehr im Slot und als zweiter Z-Receiver mit etwas Anlauf eingesetzt und hat entsprechend noch nicht viel Erfahrung mit Press-Coverage.

Doch Lamb ist dafür größer, physischer als Jeudy – und so ist er, auch wenn er ein paar Hundertstel langsamer im Vollsprint ist (Jeudy war mit 4.48 in der Combine etwas enttäuschend, Lamb lief 4.51) fluide genug um dieses Fragezeichen wettzumachen.

Ich habe schon deutliche Kritik an Lambs Route-Running vernommen und kann das überhaupt nicht nachvollziehen: Auch wenn er manchmal auch zum Wohle der Mannschaft freelanct, so ist er sogar ein ausgesprochen exzellenter, sehr manipulativer Routenläufer mit sensationellem Play-Making nach dem Catch.

Nicht forcierte Drops gelten manchmal als Problem bei Lamb – aber sie scheinen eher Konzentrationsschwächen als echte technische Mängel zu sein – und mit 4% Drop-Rate auch nicht so auffällig.

Das Urteil

Jeudy wirkt wie der „reifere“ der beiden Klassenbesten, aber Lamb ist nicht weit dahinter – und auch wenn man beiden alle Receiver-Positionen zutrauen kann, so scheint Lamb der system-unabhängigere Spieler mit dem größeren Potenzial für NFL-Elite Outside Receiver zu sein. Theoretisch sollten die beiden als #1 und #2 Receiver 2020 gedraftet werden.

Doch da ist noch der X-Faktor Ruggs, der Mann mit dem attraktivsten Verkaufsschlager: Speed ohne Ende. Es gibt etliche Beispiele für solche Sprintertypen, die in den letzten Jahren krachend gescheitert sind – ein jüngstes Beispiel wäre John Ross in Cincinnati – und reiner Fokus auf den Faktor Geschwindigkeit („hat Impact auf jeden Spielzug auch ohne Target“) fühlt sich wie ein bissl dünnes Argument an.

Doch Beispiele wie Fuller in Houston oder lange Jahre Desean Jackson zeugen davon, was selbst eher eindimensionale Supersprinter einer Offense anbieten können – eine Offerte, für die gerade in der heutigen Zeit ein 1st Rounder in der mittleren Preisklasse nicht mehr wie verrückter Overpay aussieht.

Durchaus vorstellbar, dass die NFL deshalb auf alle Zweifel scheißt und Ruggs als ersten Receiver zieht – gefolgt von Lamb, dann Jeudy. Solide zu sein wie Jeudy mag Yards und EPA bringen, doch es triggert keine feuchten Träume. Und gerade um jene herum ist der NFL-Draft zu häufig gebaut.

12 Kommentare zu “Die drei Top-Receiver im NFL Draft 2020 in der Diskussion

  1. Ruggs #1 wäre so NFL!

    Lese den Artikel als ob du Ruggs nur an 3 hast oder täuscht mich der Eindruck? Sehe Lamb vor Jeudy übrigens…

  2. Lamb und Jeudy sind unterschiedliche Spielertypen, solange die Coaches eine Idee haben wie sie die beiden einsetzen will, sind denke ich beide gute Optionen.

    Jeudys Antritt ist seit der Combine ein bisschen Fragezeichen. Am Tape sieht er spritzig aus, aber 6. Perzentil für Antritt ist dann doch WTF.

    Lamb ist halt etwas vielseitiger, wenn man drei Jahre voraus denkt. Aber die Unterschiede scheinen minimal zu sein.

    Ruggs ist sicher ein guter Prospect, halt eine andere Dimension, schwer mit den anderen zwei zu vergleichen. Coaches werden ihn anders einsetzen. Speed ist ein gutes Verkaufsargument, aber man will ja nicht noch ein Decoy, sondern einen richtigen Receiver, und da muss man bei diesen Irrwischen immer ein bisschen aufpassen.

    Ruggs mit den anderen beiden in ein Ranking setzen, ist schwierig. Persönlich weiß ich nicht, ob ich Ruggs in einem Tier mit Lamb/Jeudy setzen würde, aber weil es alle machen, hab ich ihn hier mal mit in die Diskussion genommen.

  3. Das mit dem Antritt bei Ruggs: Trifft das aber dann nicht auf alle Receiver zu oder ist speziell die Kategorie der kleinen WR gemeint?

  4. Du meinst den Release von der Anspiellinie? Speziell auf kleinere Receiver zutreffend, größere haben mehr Waffen um sich auch auf physischem Weg durchzusetzen.

  5. Hier mal ein paar Vergleiche ähnlich gebauter und schneller Spieler wie Ruggs:

    Natürlich nicht viele Beispiele, die in den Top-2 Runden gedraftet wurden, aber es gibt zwei gute Beispiele (Moss / Cooks), einen offenen (Hardman) und einen Haufen Busts.

  6. Was bei der Liste kleiner Speedy-WRs (die Twitterliste) spannend wäre, wäre der Vergleich zur „Bust-quote“ ALLER Widereceiver der ersten zwei Runden seit 2000.
    Ich hab grad mal auf gut Glück bei Wikipedia ein paar Jahrgänge nachgeschaut. Ich habe das Gefühl, der All Pro-anteil unter WRs ist in den ersten zwei Runden allgemein nicht besonders groß.

  7. Bei der Liste würde ich mich weiter einschränken: Curtis Samuel ist weit weg von Bust und bei Andy Isabella ist es eigentlich noch zu früh für ein Urteil. Eskommt natürlich auf die Erwartungen an, aber da hatten wir es ja schon davon, dass solider starter doch gar nicht verkehrt ist.

    Henry Ruggs bringt wieder so viele Ausreden mit ihn zu draften: „Er hat die Arhletic und der Rest ist Coachbar.“ und „der hebt die Offense auf ein anderes Level; allein durch seine Anwesenheit auf dem Feld werden die anderen Receiver besser.“

    Jeudy hingegen fällt in die Kategorie überragender Spieler, der aber im Predraft process kaputtgekrittelt wird.

    Insgesamt finde ich es auffällig, dass Receiver aus Prinzip in den Mockdrafts nicht in den Top 10 auftauchen. Selbst in der PFf nfl show werden die nach unten geschoben (auf der Website zum Glück anders…)

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