Mekhi Becton und das Dilemma Scouts vs. Stats

Offensive Line war viele Jahrzehnte lang die schwarze Box in der Footballbewertung. Dem ist mittlerweile nicht mehr so. Im Gegenteil: Das Zusammenspiel von Offensive und Defensive Line, sowie die Rolle und Bedeutung der Offensive Line in der eigenen Offense gehört zu den Vorgängen am Footballfeld, die man mit Datenmodellierung heute mit am besten versteht.

Das betrifft auch den NFL-Draft. Ich habe schon letztes Jahr darüber geschrieben: Qualität von Offensive Linern kann relativ gut aus dem Datenmaterial abgeleitet werden – was eigentlich erstaunt, wenn man sich vor Augen führt, dass ein O-Liner zwei grundunterschiedliche Aufgaben hat:

  • Eine eher offensive: Run-Blocking
  • Und eine eher defensive/verteidigende: Pass-Blocking

PFF hat auf die Palette gebracht, dass man mit „Daten-Scouting“ dabei ausgerechnet die defensive Aufgabe, Pass-Blocking, wesentlich besser projecten kann – was u.a. daran liegt, dass in College Football und NFL im Allgemeinen deutlich mehr Pass- auf Laufspiel gecallt wird und damit die verfügbare Datenmenge übers Pass-Blocking deutlich höher ist.

Echtes Pass-Blocking

PFF ist dieses Jahr einen Schritt weiter gegangen und hat den Impact verschiedener Pass-Formationen analysiert, z.B.

  • Screenpässe
  • Play-Action Pässe
  • Pässe mit Rollouts/Bootlegs
  • Standard-Passformationen

…und hat weitere Parameter wie z.B. die Anzahl das Pass-Rusher berücksichtigt und geschaut, wie lange die Quarterbacks den Ball halten. Das Ergebnis war recht eindeutig: Blocking-Qualität in Standard-Passformationen, also ohne Play-Action, ohne Screenpässe, ohne Bootlegs, ist stabiler und einfacher zu projecten.

Doch weil beim Rauswurf all dieser „Spezial-Formationen“ Problem mit zu kleinen Sample-Sizes entsteht, hat man eine Gewichtung eingeführt und ganz simpel definiert: Standard-Passformationen („true pass sets“) sind im Pass-Blocking am wichtigsten, alles andere ist graduell abzuwerten.

Warum ich das alles schreibe?

Weil diese Art von Projection aus College-Ratings auf NFL-Aussicht zu extrapolieren stark von dem abweicht, was das traditionelle „Trait-Scouting“ macht: Schau die Anlagen dieses Offense Liners an, male dir aus wozu wir ihn formen könnten und schwupps haben wir seine Draft-Grade.

Die Mekhi-Becton-Frage

Bei keinem Offensive Line-Prospect im Draft 2020 prallen die beiden Welten stärker aufeinander als bei Louisville-OT Mekhi Becton. Der ist spätestens seit der Combine als totaler Freak bekannt:

  • 6‘7 groß und 365 Pfund schwer
  • Drei Jahre als Starter hinter sich
  • 40-yds Sprint in 5.1 Sekunden (84tes Perzentil)

Becton ist einer der Prospects, die am College-Tape aussehen wie „Mann unter Buben“. Er sticht als extrem beweglicher Athlet mit seiner Masse sofort heraus und gilt bei den meisten traditionellen Scouts als der heißeste Offensive Liner im Draft. Offense Tackles mit 370 Pfund sollten nach Theoriebuch eigentlich gar nicht existieren – noch dazu keine, die beweglicher sind als die Standard-Prospects – das bringt Scouts zum Sabbern! Nicht wenige der old school-Mockdrafts sehen Becton an #4 zu den New York Giants gehen.

PFF hat Becton nur als seinen #5 Offensive Tackle gelistet.

Der Grund? True pass sets. Bectons Louisville-Offense hat offensichtlich einen sehr speziellen Brand Football mit relativ wenigen klassischen Dropbacks gespielt. Becton hat keine 75 Snaps in reinen Pass-Sets gespielt, was eine verlässliche Bewertung schon aus Gründen der geringen Sample-Size schwer macht.

Erschwerend: Er hat darin nicht wirklich überzeugend ausgesehen.

Deutlicher gesagt: Mit so wenig Information ist Becton als Pass-Blocker ein Schuss ins Blaue, vor allem verglichen mit seinen ernsthaftesten Konkurrenten um den Titel des besten Offense-Tackle Prospects 2020:

  • Andrew Thomas / Georgia
  • Jedrick Wills / Alabama
  • Tristan Wirfs / Iowa
  • Josh Jones / Houston

Gerade Letzterer ist sowas wie das Gegenstück zu Becton: Athletisch nix Besonderes, dafür ist Jones äußerst solide in seinen Snap-to-Snap Ratings. Damit ist er für klassische Scouts eher uninteressant – beim Gedanken an ihn fühlen sie… nichts. (Jones ist mit dem Profil prädestiniert um im Draft in die 2te, vielleicht 3te Runde zu fallen)

Nun kann man Becton natürlich nicht allein auf seine 73 Snaps in true pass sets reduzieren. Er ist zum Beispiel ein sehr guter Run-Blocker. Seine athletischen Voraussetzungen sind welche, die Großartiges denkbar machen – aber es ist eben mehr Projection als das, was die die vier Konkurrenten um den Top-Spot zu bieten haben.

Die Offense Tackles im Draft 2020

Ohne großartig auf die anderen Kandidaten eingehen zu wollen, hier noch eine Aufstellung nach Prospect, Position im letzten Jahr am College (Quelle: Dane Brugler), Körpermaßen und in Farbmatrix die Einordnung nach PFF-Grade für die verschiedenen Kategorien in Pass-Blocking (Alle Dropbacks, nur True Pass Sets) sowie Run-Blocking (Alle Runs, Zone, Gap).

Sortierung ist grob nach Rundeneinschätzung. Die Big-Five (bis zum Doppelstrich) gelten als recht sichere 1st Rounder, die Prospects dahinter gelten als Jungs für die 2te bis 4te Runde. Vielleicht gibt es noch ein paar andere Kandidaten, die mir gerade durch die Lappen gehen.

Merke dir bei dem ganzen nochmal eins: Pass-Blocking ist nicht bloß wichtiger, weil 2/3 der Plays in der NFL Passspielzüge sein werden. Es scheint auch mit Blick in die Zukunft besser bewertbar zu sein. Insofern muss der Mekhi-Becton Hype aus Analytics-Sicht wirklich hinterfragt werden.

OT Aufstellung Draft 2020

Obwohl Thomas mutmaßlich als komplettestes Paket, was vergangene Performance angeht, durchgeht, sinkt sein Draft-Stock in den Mock-Drafts seit Wochen. Becton dagegen hat sich im Vergleich zu den direkten Konkurrenten in den letzten zwei Monaten brutal noch oben gearbeitet: Ende Jänner galt er noch als Late-1st Rounder. Jetzt ist er in Mock-Drafts meistens der zuerst gezogene Offense Tackle:

7 Kommentare zu “Mekhi Becton und das Dilemma Scouts vs. Stats

  1. Becton klingt wirklich „gefährlich“ als First Rounder. Schaut natürlich toll aus, wenn er in Run Plays Typen durch die Gegend wirft, aber als Tackle brauchst du verlässliche Leute, die auf Play-by-Play Basis konstant abliefern. Was bringen dir in einem Spiel 10 Blocks, in denen er Gegner vernichtet, wenn er umgekehrt 5 Pressures gegen kleinere Speed Rusher zulässt, auf die er einfach auf Grund des Größenunterschiedes die Hände gar nicht dran bekommt. Klingt nach einem Gettleman-Pick.

  2. Gettleman wird sich eben denken, wenn er sie „vernichtet“, dann haben wir gegen die Backups leichtes Spiel 🙂

  3. Da wo Gettleman hingeht, braucht er keine WRs, TEs, QBs. Er braucht nur genügend Runblocker um die D vor Saquon „durch die Gegend zu werfen“. 😉
    Wäre irgendwo schon lustig, wenn Gettleman Becton pickt.

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