Chase Young und seine Edge-Rush Komparsen in der NFL Draftklasse 2020

Über die Edge-Rusher Draftklasse von 2020 dürften sich zwei Dinge herumgesprochen haben:

  1. Chase Young ist ein Tier
  2. Dahinter gibt es nicht viele hochklassige Optionen.

Schauen wir uns die Klasse einmal genauer an.

Statistische Leistungsprofile

Schauen wir hier mal auf die Gegenüberstellung der 20 besten Edge-Rush Prospects in Pass-Rush Win-Rate (x-Achse) und Run-Stop% (y-Achse) – Daten kommen aus dem PFF Draft-Manual:

EDGE 2020 - PRWR und RunStop

Chase Young

Wir sehen: Young ist der dominanteste Pass-Rusher nach Win-Rate mit 27.2%. Young hat keine überragende Run-Stop Rate, doch die dürfte insgesamt gerade für Edge-Rusher eher von sekundärer Bedeutung sein, auch weil Gegner wie in Youngs Fall ihre Run-Plays auch auf die gegenüberliegende Flanke designen können um einem dominanten Defensive End aus dem Weg zu gehen.

Young ist nicht der beste Run-Defender aller Zeiten, aber das ist angesichts seiner Dominanz im Pass-Rush kein Problem. Er hat eine atemberaubende Sacks-pro-Passrush Quote:

EDGE 2020 - PRWR und SackRate

Das alles in der nicht schwachen Big Ten Conference. Young ist als Passrusher das komplette Paket:

  1. Er ist produktiv.
  2. Er hat alle athletischen Voraussetzungen für Großes.
  3. Gegner haben ihren Game-Plan an seinen Stärken orientiert.

Viele Scouts bezeichnen ihn als bestes Edge-Rush Prospect seit vielen Jahren, und es gibt auch statistisch kaum ein Argument dagegen. Spannender sind die Prospects dahinter.

Die zweite Reihe

Hört man sich um, so gibt es nach dem Über-Prospect Young einen ziemlich heftigen Qualitätsunterschied zu den nächstbesten Edge Rushern. Häufig werden als „Tier 2“ folgende Namen genannt:

  • A.J. Epenesa / Iowa
  • K’Lavon Chaisson / LSU
  • Yetur Gross-Matos / Penn State
  • Julian Okwara / Notre Dame

Epenesa ist der „langweilige“ Pick. Epenesa war letzten Sommer als „1B“ zu Young gehandelt worden, doch seine Aktien sind seither stetig gefallen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

#1 Epenesa ist kein „aufregender“ Spieler. Er ist kein Speed-Rusher, er schnellt nicht mit Explosivität um die Ecke, sondern ist vielmehr ein Defensive End, der mit Physis, Disziplin und Technik gewinnt.

#2 Epenesa war 2019 deutlich unproduktiver als im Jahr zuvor. 2018 hatte er 10 Sacks und insgesamt 46 Pressures in 244 Snaps aufgelegt. Ein Jahr später waren es zwar 13 Sacks und insgesamt 58 Pressures, aber in 450, also fast doppelt so vielen, Snaps! Das wäre Dominanz in den Sphären von Chase Young 2019.

#3 Epenesa ist ein ziemliches One-Trick Pony. Kommt er mit seinem einstudierten Pass-Rush Move nicht durch, ist er raus.

#4 Epenesa hatte eine schreckliche Combine. Seither scheint er in etlichen Mock-Drafts den Fall aus der 1ten Runde zu riskieren. Seine Draft-Aktien haben seither nochmal einen deutlichen Knick erfahren – dafür hat sich Chaisson nach oben gearbeitet:


Chaisson war einer der Defense-Stars beim National-Championship Run von LSU. Er war sozusagen die Big-Play Waffe der Tiger-Defense, doch noch im Jänner hatte ich persönlich ihn überhaupt nicht auf dem Draft-Schirm – und ihn auch gar nicht in meinem Blogeintrag direkt nach dem Finale erwähnt.

Chaisson war 2018 fast die ganze Saison verletzt gewesen und daher als ziemliche Unbekannte auf die Bühne der Großen zurückgekehrt – doch jetzt weiß man nicht so genau was man mit ihm machen soll.

Chaisson ist im Gegensatz zu Epenesa „flashy“. Er wiegt schlanke 250 Pfund auf 6‘4 Länge, hat einen exzellenten Antritt und fast die Agilität eines Safetys. Doch in den obigen Charts lässt sich unschwer erkennen: Chaisson war nicht produktiv. Er hat die mit Abstand schwächste Pass-Rush Win-Rate (13.7% ist mies) und schwache Sack- und Pressure-Quoten.

Chaisson kann sich gutschreiben lassen, dass er gegen alle Gegner, selbst die krassen Alabama-Tackles, ein paar Plays gemacht hat (Info aus dem PFF-Manual). Doch wenn ein Passrusher mit diesen athletischen Voraussetzungen über die ganze Saison betrachtet so wenig reißt, ist erhöhte Vorsicht angebracht.


Gross-Matos ist mit 6‘5 und 266 Pfund etwas größer und schwerer als Chaisson, hat aber ein ähnlich gelagertes Produktivitäts-Problem. Er machte zu wenig aus seinen Tools. Im Vergleich zu Chaisson gilt er als besserer Run-Defender und mit seinem Körper auch als möglicher „Dime-Rusher“ von der Defensive Tackle-Position aus.


Der Freak im Bunde ist Julian Okwara. Wir sehen schon oben aus den Graphen: Okwara ist ein exzellenter Pass-Rusher, aber extrem mieser Run-Defender. Doch Balance/Vielseitigkeit ist keine der Attribute, die man bei den gegenwärtigen Edge-Rushern sucht – solange sie in der Lage sind, dem Quarterback einzuheizen! Das Gute: Das mit dem Einheizen hat Okwara am College gut hinbekommen.

Okwara hat 2019 nur 202 Passrush-Snaps gespielt, aber davon 23% gewonnen – eine der höchsten Quoten. Mehr noch: 2018 war er in prominterem Einsatz noch produktiver und hatte eine höhere Passrush-Produktivität als Chase Young in seiner famosen letzten Saison!

Okwara ist 6‘4 und wiegt 252 Pfund. Er hat durchaus seine Flauseln quer durch die Bank und ist offensichtlich nicht der Spieler mit der allergrößten Liebe zum Detail, aber seine Athletik und seine Moves, spricht seine Qualitäten als Pass-Rusher, sind gut genug um einen dieser späten 1st Round/Anfang 2nd Round Picks zu rechtfertigen. Ich würde sie eher für ihn verwenden als für einen Chaisson.

Die dritte Reihe

Die meisten der anderen oben angeführten Edge-Rusher gelten als Prospects für die dritte und vierte Runde. Ein Marlon Davidson von Auburn ist sowas wie ein DT/EDGE Hybrid, der bei etwas besserer Qualität als Run-Defender durchaus auch Early-Downs innen spielen könnte. Er ist ein Spieler Marke „fast sicher okay, aber fast sicher nie grandios“.

Ein Curtis Weaver von Boise State scheint die Geister zu scheiden. Einerseits war er durchaus produktiv, andererseits gibt es trotz guter Combine-Performance noch massive Fragezeichen ob er die notwendige Athletik für einen Top-Passrusher hat.

Das Alabama-Duo Terrell Lewis / Afernee Jennings hat durch viele Einsätze in großen Spielen seit langem einen bekannten Namen, doch als Spieler gelten die beiden nur mehr für die Mid-Rounds als interessant. Lewis kommt mit Verletzungsfragezeichen, Jennings ist zu schwach als Passrusher, aber wie wir oben sehen immerhin ein Top-Run Defender!

Alex Highsmith sticht mit hoher Sack-Rate heraus. Diese muss man ein wenig in Kontext setzen: Sie wurde an der kleinen Charlotte University erreicht. Highsmith ist ein ex-Walkon, der sich über die Jahre die notwendige Physis antrainiert hat um mitzuhalten. Er gilt in der NFL noch nicht als Spieler für viele Snaps und vielleicht ist es mit 23 Lenzen für ihn auch schon zu spät.

Die Linebacker-Edgerusher

Spannend ist der Nigerianer John Uche von Michigan. Wie man oben unschwer erkennen kann, war er einer der produktiven Pass-Rusher mit 27% Win-Rate. Doch dass die blanke Zahl immer mit ein wenig Vorsicht zu genießen ist, zeigt Uches Einsatzgebiet am College: Er machte nur ca. 63% seiner Snaps von einer Defensive-End Position aus, und die meisten seiner 202 Pass-Rushes kamen als Blitzer von einer Off-Ball Linebacker Aufstellung.

Deswegen sehen viele in ihm eher einen Linebacker-Prospect. Die Körpermaße von 6‘1 und 245 Pfund sprechen auch eher dafür – aber wer ihn draftet, sollte sich an Uches Blitzing-Fähigkeiten erinnern!

Die NFL scheint auf jeden Fall von ihm Notiz genommen zu haben – seine Kurve zeigte schon im Jänner steil nach oben:

Nicht unähnlich gelagert ist der Fall Zack Baun von Wisconsin. Der ist mit 6‘2 und 238 Pfund noch eine Spur leichtgewichtiger als Uche, und auch wenn Baun verglichen mit Uche mehr als echter Edge-Rusher gespielt hat, so sehen auch in ihm viele eher einen Off-Ball Linebacker mit ein paar eingebauten Blitzes als einen echten Passrusher.

9 Kommentare zu “Chase Young und seine Edge-Rush Komparsen in der NFL Draftklasse 2020

  1. Chaisson ist bei den meisten ja dennoch ein early 2nd Rounder, so schlimm kann es die NFL also nicht sehen. Elite Traits schlagen halt doch immer noch Production in der Wahrnehmung, da darf man gespannt sein wie er sich dann in der NFL macht.

    Baun/Uche werden eigentlich bei den meisten schon als Linebacker und nicht mehr als Edge Defender gelistet, imo.

  2. Ich würde Chase Young ja gerne bei den Giants sehen…
    Aber wie realistisch ist es, dass er bis Nr. 4 bleibt?

  3. Kann es sein, dass bei Chaisson alle Snaps in Passing Defense also auch diejenigen in denen er in Coverage gedroppt ist, mitgezählt werden, denn sein Pressures Wert scheint mir unrealistisch niedrig?

  4. @D.Gruber: Chaisson laut dem Manual in 96 Snaps in Coverage. Ich kann jetzt nicht abschätzen ob da noch ein paar vergessen wurden, aber mit 370 Passrushes zu ca. 100 Coverage-Snaps scheint mit Chaisson eher bereits sehr häufig in Coverage zu sein.

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