Die Risikoquarterbacks 2020: Justin Herbert und Jordan Love

Joe Burrow und Tua Tagovailoa haben wir nun schon kennengelernt. Lass uns heute mal auf die zweite Reihe der Quarterbacks im Draft 2020 blicken: Justin Herbert und Jordan Love, die beide 1st-Round Hype bekommen. Insbesondere Herbert könnte von den Verletzungsfragezeichen um Tua profitieren und eventuell sogar als zweiter Quarterback vom Board gehen.

Bei beiden Quarterbacks gibt es zwei dominierende Themen: Grandiose Wurfarme und mangelhaftes Spielverständnis. Potenzial gegen Performance. Let’s go.

Justin Herbert

Herbert ist ein prototypisch gebauter Quarterback vom alten Schlag: 6‘6 groß (1,98m), 108 kg schwer, Kanonen-Wurfarm und Franchise-taugliches Gesicht für Kinderschokoladenwerbung. Er kommt von der University of Oregon und ist seit ein paar Jahren von der Aura eines angehenden Star-Quarterbacks umweht.

Herbert war zweieinhalb Jahre lang Starter bei den Oregon Ducks. Sein Ruf gründet auf seinem fantastischen Einstand in der zweiten Hälfte der Saison 2017 – doch: Herbert hat sich seither nicht wirklich weiterentwickelt. Mit seiner Kombination aus allen physischen Tools, aber mangelhaftem Spielverständnis und zu wenig Produktivität ist er ein guter Lackmustest dafür, wie die NFL im Jahr 2020 ihre Quarterbacks bewertet.

Unbestritten ist Herberts Arm-Talent, das ihn gewissermaßen als Spieler definiert: Sein Wurfarm ist so stark, dass er problemlos alle Zonen des Feldes attackieren kann – und man höre und staune, auch ohne perfekte Wurfhaltung halbwegs präzise. Die „off platform“ Würfe Herberts mit jenen eines Tua Tagovailoa zu vergleichen, ist ein bisschen wie zwei Welten auf dem Footballfeld.

Herberts Bälle fliegen rattenscharf raus und können gar einige zu späte Entscheidungen des Quarterbacks mit ihrer Geschwindigkeit noch kaschieren. Er ist nicht immer der allerpräziseste Werfer unter der Sonne, aber hochrangige Quarterback-Analysten gestehen Herbert doch eine gewisse Qualität zu, seine limitierten College-Skill Player vergleichsweise gut freigespielt zu haben.

Der physische Teil ist also relativ unumstritten, doch die Probleme beginnen beim mentalen und technischen Part. Das wichtigste: Herbert ist kein Antizipations-Werfer. Er muss seinen Receiver quasi offen sehen ehe er den Ball loslässt. Das wird ihn nicht so schnell zu einem Rhythmus-Werfer machen und er muss mit fetten Würfen punkten… doch das tut er nicht! Herberts Big-Time Throw-Rate ist mit 4.9% erstaunlich niedrig – es ist weniger als Burrow (8.2%), Love (6.5%), Fromm (6.2%), Eason (5.7%), Tua (5.6%) und Hurts (5.3%).

Entscheidender noch: Wenn ihm die Defense nicht das Erwartete bietet, ist Herbert plötzlich ein aufgeschmissener Quarterback. Dann bleibt sein ganzer Fokus auf dem ersten Read hängen, er friert gewissermaßen gedanklich ein und wirft die Bälle ins Nirvana. Das ist besser als Jameis-Winston-like eine Interception nach der anderen zu fabrizieren, aber immer noch wesentlich unproduktiver als das was Kollegen wie Burrow oder Tua machen.

Herbert ist interessanterweise einer der präzisesten Werfer bei Bällen über 20 Yards downfield, aber wie sein Kollege Jordan Love ein überaus unzuverlässiger im Passspiel über die Mitteldistanzen – dort, wo in der NFL die meiste Effizienz erzielt wird, wirft er erstaunlich viele ungenaue Pässe selbst wenn die Receiver offen sind:

Selbst auf Kurzdistanzen ist Herbert nur im Präzisionsmittelfeld platziert – bizarr für einen QB, dessen Arm keine Schrotflinte ist. Problematisch wird es bei ihm bei allen Würfen, die mit Gefühl in Richtung Seitenlinie gelegt werden.

Zu beachten bei Herbert ist sein ziemlich großes Fumble-Problem (mehr als ein Fumble pro zwei Spielen: gefumbelte Snaps in kritischen Momenten und eine sehr easy-going Art den Ball als Läufer zu tragen) und seine Tendenz, in großen Spielen nicht bloß abzutauchen, sondern regelrecht abzustinken: Herberts Performance gegen Auburn in der letzten Saison ist einer der übelsten Meltdowns, den man von solchen Top-Prospects in den letzten Jahren gesehen hat, und es war nicht das einzige fragwürdige Spiel gegen eine höherklassige Defense.

Dennoch sieht der QBASE Forecast von Football Outsiders, der vor allem die Qualität der Mitspieler in Betracht zieht, Herbert als den Quarterback mit der zweitbesten Chance auf eine erfolgreiche Karriere – noch vor Tua!

Zusammenfassend ist Herbert also ein QB mit einem sensationellen Wurfarm, allen athletischen Tools, brauchbarer Präzision aus verschiedenen Haltungen und einem relativ guten Verständnis, idiotische Plays zu verhindern, aber mit einem nur rudimentären Spielverständnis mit vielen Problemen gegen komplexere Defenses ein Quarterback, den die NFL immer in der 1ten Runde draften wird.

Ob sie das sollte, ist eine andere Frage. Aber es gibt immer ein paar Coaches, die glauben, dass sie seine innere Uhr mit gutem Coaching beschleunigen können – und dann wäre Herbert plötzlich ein ziemlich attraktiver QB! Bloß: Wie viele gute Beispiele für solche Quarterbacks gibt es?

Ich habe Vergleiche mit Ryan Tannehill oder Carson Wentz gelesen. Herbert gilt trotz allen Problemen im Spielverständnis als QB, der theoretisch recht schnell erste Erfolge am Feld feiern könnte – seine körperlichen Voraussetzungen sind einfach zu gut.

Doch seine Langzeitaussicht hängt letztlich daran, ob er sein Verständnis vom dem, was am NFL-Feld vorgeht, erweitern kann um irgendwann nicht bloß von seinen Würfen, sondern auch von seinem Hirn zu leben. Und dafür könnte es hilfreich sein, ihn erstmal hinter einem erfahrenen Quarterback sitzen und studieren zu lassen.

Jordan Love

Love ist der vierte Quarterback im Bunde, der in der 1ten Runde gedraftet werden könnte – und er wirkt wie eines dieser Prospects aus der Hölle: Sein Ceiling ist so hoch, dass die Mahomes-Vergleiche aus allen Ecken sprießen, doch sein Quarterbacking im Hier und Jetzt ist so roh, dass wir von extremem Bust-Potenzial sprechen müssen.

Love war zweieinhalb Jahre lang Starter bei Utah State, doch nach einem sehr produktiven Jahr 2018 wechselten die Aggies notgedrungen den Trainerstab – und Love spielte ein horrendes Junior-Jahr 2019, das oft genug Zweifel weckte, ob wir es bei ihm mit einem „draftbaren“ QB zu tun haben.

Es ist nicht nur seine horrende TD/INT Ratio von 20:17 in einer der schwächsten Conferences im Lande. Es ist auch seine Ratio an Turnover-worthy-Throws. According to PFF haben die besten QB-Prospects folgende Raten geworfen:

Fromm        1.8%
Burrow       2.1%
Tua          2.4%
Eason        2.9%
Herbert      3.5%
Gordon       4.0%
Hurts        4.1%
…
Jordan Love  5.5%

Eine solche Quote ist eigentlich unerhört und wird von Loves passabler 6.5% Quote an Big-Time-Throws nicht aufgewogen – und sie unterschätzt das wahre Ausmaß der Probleme wahrscheinlich sogar, denn Utah States Pistol-Offense bestand zu weiten Teilen aus Screenpass-Gedaddel, bei dem du es fast gar nicht schaffst, einen Interception-würdigen Pass zu werfen!

Das Positive an Love ist schnell abgehakt: Er hat die athletischen Tools. Er hat den fantastischen Wurfarm. Er kann auch ohne perfekte Wurfhaltung gute Pässe werfen. Er hat die Mobilität. In der Theorie ist alles da.

Aber Theorie ist noch lang nicht Praxis und dort weist Love kaum strategisches Verständnis vom Spiel auf. Er hat zahlreiche dieser Bullshit-Momente, in denen er offensichtliche Linebacker in der Wurfbahn übersieht, und noch viel mehr dieser „versteckten“ Bullshit-Momente, in denen er Coverages falsch einschätzt, Bälle zu spät wirft und Incompletions am Fließband fabriziert.

Im Gegensatz zu einem Mahomes, der auch alle Würfe machen konnte als zu sehr gunslingerte und manchmal bizarre Entscheidungen auf den College-Footballfeldern traf, scheiterte Love letztendlich bereits daran, überhaupt den Ball zu bewegen und Yards und Punkte für seine eigene Offense aufs Feld zu zaubern.

Love ist einer der QB-Prospects, die man mit Sicherheit nicht an Tag 1 ins Getümmel werfen kann. In Puncto „NFL-Readiness“ schätzen die meisten Beobachter Love noch hinter einem Josh Allen ein – und schon für den müssen die Bills eine extrem simplifizierte Offense spielen lassen, die ihr Potenzial bei der aktuellen Entwicklungsgeschwindigkeit irgendwann zwischen 2050 und 2100 ausschöpfen wird.

Die prinzipiell größte Hoffnung bei Love ist, dass sein Leistungseinbruch 2019 vom Trainerwechsel erklärt werden kann – dass die Offensivkompetenz des abgewanderten Headcoaches Matt Wells nicht durch die neuen Coaches um den Defense-Mastermind Gary Anderson hochgehalten werden konnte. Aber das ist eine schwierig zu vermittelnde Hoffnung.

Es gibt also Gründe, wieso ein Portal wie PFF Jordan Love trotz allem Hype nur als 3rd-Round QB listet – das ist der Bereich, in dem die perspektivischen Quarterbacks gedraftet werden. Es gilt als fast sicher, dass Love mit seinem Wunderpotenzial höher gedraftet wird – aber das Team, das ihn holt, sollte Geduld aufbringen und einen sehr klaren Plan haben, wie es Love in die Offense einzulernen gedenkt. Andernfalls würde ich mit heutigem Wissen eher auf Fiasko wetten.

13 Kommentare zu “Die Risikoquarterbacks 2020: Justin Herbert und Jordan Love

  1. Wie kann es eigentlich sein, dass ein Jake Fromm in fast allen Effizienz Statistiken mit oben auftaucht aber so gar keinen Hype abbekommt? Es scheint mir aus der Ferne betrachtet fast so als wäre er ein viel besserer Future Prospect als z.B. Love. Er soll ja sogar auch in den Team-Interviews voll überzeugt haben.
    Ist er insgesamt einfach zu unspektakulär/unauffällig?

  2. Wird es bei Dir noch eine Einschätzung zu James Morgan ging, der ja eine gewisse Aufmerksamkeit bekam, weil er als mögliches Prospect für die Patriots durch den Blätterwald rauschte?

  3. Du brauchst Dir wegen mir nicht extra Arbeit machen, selbst wenn ich Dich nach einem Link fragen würde, wäre das auch nur ein Zeichen, dass ich eigentlich zu faul zum selber suchen bin. Trotzdem herzlichen Dank. 🙂

  4. Also in aller Kürze:

    – Morgan kommt von FIU, die spielen in einer der kleinsten Ligen
    – Er hatte mehr Turnover-worthy-Plays als Big-Time Throws und sieht im Vergleich zu den anderen QBs eher mau aus:

    – Sein guter Ruf gründet auf ein paar atemberaubenden Highlight-Plays
    – kassiert kaum Sacks
    – Accuracy ziemlich miserabel

    – Bei Waldman der #14 QB im Jahrgang: positiv Aggressivität, hat die Eier vom ersten Read zum zweiten zu gehen und den auch anzuspielen, wenn der die Chance auf einen größeren Raumgewinn bringt, kann passabel mit Interior-Pressure umgehen, wagt aber dann manchmal hochriskante Pässe
    Negativ: Timing, Präzision, nur über Intermediate-Distanz halbwegs präzise, Pocket-Management generell fragwürdig

    Sein Draft-Stock scheint aber tendenziell nach oben zu gehen:

  5. Hier zur Einordnung, was Mahomes und Love am College produziert haben – es sind zwei verschiedene Welten:

  6. Pingback: NFL Draft 2020 für Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Nachdem ich mir Brett Kollmann’s Analyse auf YouTube angeschaut habe, würde ich auch die Finger von Herbert lassen, zumindest bis Ende Runde 1.

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