Isaiah Simmons – Böses Erwachen?

Clemsons LB/S Isaiah Simmons ist einer der spannendsten Spieler im NFL-Draft 2020: Er gilt als einer der komplettesten Abwehrspieler der letzten Jahre, und gleichzeitig als einer der schwierigsten einzuschätzenden.

Ich denke, jeder halbwegs NFL-Interessierte hat mittlerweile von Simmons gehört. Wenn nicht, dann kopiere ich hier noch einmal meinen Kurztext zu ihm vor der Combine hier rein:

Heißester Name: Isaiah Simmons. Man könnte den Clemson-Hybrid auch morgen unter den Defensive Backs anführen. Simmons gilt als legitimer Nachfolger eines Derwin James, bei dem auch keiner genau sagen kann ob er denn nun ein dritter Safety oder dritter Linebacker ist. Positionsloser Football galore.

Simmons war zu seiner Highschool-Zeit ein ziemlich unbekannter Spieler, hat sich in der Clemson-Defense aber als Schlüsselspieler etabliert. Sein Verkaufsschlager? Er spielte dort alles:

36% Box Defender / Strong-Safety
32% Slot-Defender / Slot-CB
16% Free-Safety
14% Defense Line
2% Outside-Cornerback

Was Simmons im Vergleich zu anderen dieser vielseitigen Verteidiger so besonders macht, sind seine Körpermaße: 6‘4 und 230 Pfund. Bei PFF wurde er in allen Rollen ziemlich hoch, an der Schwelle zu Elite-Status, bewertet. Offensichtliche Schwächen? Abseits von direkter Linebacker-Erfahrung recht wenig.

Fast alle Mock-Drafts sehen Simmons mittlerweile in den Top-10 vom Board gehen – ein Pick, der sich vor allem dann bezahlt machen dürfte, wenn das künftige Team ihn auch als den vielseitigen Baustein einzusetzen plant.

Simmons verzückte in der Combine mit wenigen, dafür fantastischen Workouts obwohl er mit 238 Pfund schwerer gewogen wurde als gedacht (Perzentile für Linebacker-Position):

4.43 sek über 40 Yards (99. Perzentil)
1.51 sek im 10-yds Antritt (99. Perzentil)
39‘‘ Hochsprung (94. Perzentil)
132“ Weitsprung (99. Perzentil)

Viel besser geht nicht. PFF schreibt in seinem 1200 Seiten starken Draft-Guide zu jedem der 300+ Prospects einen Spielervergleich, und Simmons hat einen tatsächlich einzigartigen: „No one“.

Simmons war am College die perfekte Matchup-Waffe für DefCoord Brent Venables, der auf große Safetys und flinke Linebacker steht. Den genauen Scouting-Report kann man beim Kollegen Jan Weckwerth lesen, der Simmons‘ Stärken en detail beschreibt und ihn als „eierlegende Wollmilchsau“ beschreibt.

Wie passt Simmons in die NFL?

Nun ist Simmons genau der Prototyp von Linebacker, den die NFL in der heutigen Zeit haben will: Eher gebaut wie ein Safety, dennoch in der Lage den Run effektiv zu verteidigen, aber vor allem mit der notwendigen Geschwindigkeit und Spannweite um Pass-Coverage effektiv zu spielen.

In einer Liga, in der um die 60% Nickel-Defense (nur noch zwei Linebacker am Feld) und obendrauf fast 15% Dime-Defense (nur ein nomineller Linebacker am Feld, dafür 6 DB) gespielt werden, sind solche Athleten vom Schlage eines Simmons immer gefragter, denn sie können als „zusätzliche Defensive Backs“ in verschiedenen Rollen spielen.

Clemsons Defense war einer der Vorreiter dieser Art von Defense – die Tigers spielen beträchtliche Teile ihrer Zeit in einer bizarr anmutenden 3-1-7 Defense, und einige Mannschaften in der NFL gehen gedanklich in eine ähnliche Richtung – z.B. Baltimore, das letzte Saison recht starke Tendenzen zu verschwimmenden Grenzen zwischen einst klar abgegrenzten Positionen zeigte und häufig mit vielen Defensive Backs am Feld stand um gnadenlos zu blitzen.

Die NFL kennt bereits einige dieser hybriden Linebacker/Safety Spieler, wie z.B. Derwin James (Chargers) oder auch Jamal Adams von den Jets. Simmons ist als Athlet kein wirklich perfekter Vergleich zu James (James ist kleiner, wendiger und schneller), aber das Einsatzgebiet dieser beiden Mutanten ist durchaus ähnlich. Lassen wir mal den Guru betz für uns sprechen:

Leute wie ESPNs Matt Bowen sind sogar schon dazu übergegangen, Simmons mit Blick auf die NFL-Projection als Safety zu titulieren und ihn auch in dieser Liste zu führen:

Ich habe Sympathien für diese Einordnung, wenn auch Safetys für gewöhnlich ein wenig „lockerere Hüften“ an den Tag legen. Die Interception im obigen Tweet ist übrigens auf diesem Link gleich am Anfang besser in All-22 zu sehen und nebenher ein Paradebeispiel für das, was die Clemson-Defense in Hochform machte: Simmons als Single-High angetäuscht, im Moment des Snaps mit blitzschneller Umstellung auf Two-High den Quarterback verarscht, und dann macht Simmons mit seinem Spielverständnis und Speed viel Raum am Feld wett und fängt eine letztlich mitentscheidende Interception.

Es sind die Snaps in denen auch ich glaube, dass seine Projection eher Defensive Back als Linebacker sein sollte.

Simmons‘ Aktien im Draft

Und unter anderem das macht seinen Status im Draft am Donnerstag nun so ungewiss: Simmons gilt in sehr vielen Mock-Drafts als sicherer Top-10 Pick, aber es gibt ein paar Warnsignale, die eventuell für einen Crash seiner Draft-Aktien sprechen.

Einen davon habe ich schon vor Monaten im PFF-Podcast zum ersten Mal gehört: Simmons ist ein erstklassiger Athlet, aber seine größte Stärke ist seine Flexibilität, seine Vielseitigkeit. In Clemsons Defense war er der Star, weil er es sein durfte. In allen einzelnen Kategorien – Run Defense, Coverage, Tackling, Passrushing/Blitzing – ist Simmons „nur gut“, nicht absolute Elite. Erst das Gesamtpaket macht ihn zu dem Mega-Prospect.

Nun droht in der NFL immer ein einfallsloser Defensive Coordinator, der anders als Venables in Clemson keine Traute hat eine Defense um die Stärken eines Rookies, der nicht gut genug im Lösen von Blocks ist um ihn dauerhaft als Off-Ball Linebacker einzusetzen und der einen Tick zu hüftsteif ist um einen echten Deep-Safety zu spielen, herum zu bauen.

Ein solcher zu risikoscheuer Defensive Coordinator beraut Simmons mit zu eindimensionalem Einsatzgebiet etlicher Stärken. James bei den Chargers ist auch deshalb so eingeschlagen, weil er dort all das spielen darf, was ihn gut macht – eben von allem ein bisschen! Und selbst James ging im Draft vor zwei Jahren erst an #17.

Straight up Safety ist zwar mittlerweile eine der wichtigsten Positionen in der NFL, doch die NFL investiert im Draft nur Pennys in diese Position:

Sieht man Simmons dann doch als Linebacker, sind die Aktien auch nicht wesentlich besser: Zwar haben wir in Devin Bush, Roquan Smith und Devin White in den letzten zwei Jahren drei Top-10 Linebacker, doch davor ein halbes Jahrzehnt nix (Kuechly 2012 war der letzte).

Schauen wir uns die wahrscheinlichsten Draftspots der einzelnen Teams an, so haben wir dreimal Quarterbacks (Cincinnati, Miami, Chargers), dreimal Offensive Tackle (Giants, Cardinals, Browns), einmal Pass Rush (Washington) und einmal Cornerback (Detroit) in den Top-10…

…und zwei völlige Unbekannte: Carolina auf #7 und Jacksonville auf #9. Panthers-DefCoord Phil Shaw gilt als Fetischist von hybriden Verteidigern, doch nach allem was man aus dem Panther-Umfeld hört, gilt dort Defensive Tackle als etwas wahrscheinlicher. Seit gestern sprießen derlei Überlegungen auch bei Twitter aus dem Boden:

So könnte Simmons in diesem Draft ein weiteres Opfer seiner eigenen Stärken werden – denn zu denen gehört sein sehr spezielles Profil, das nicht für jeden gemacht ist. Ich will es nicht verschreien, aber den Hype für Simmons als Über-Prospect sehe ich nur bedingt – ein Team, das ihn maximal erfolgreich einsetzen will, braucht einen entsprechenden Plan, und diesen Plan haben meistens nur die schlauen Teams. Die aber draften nicht in den Top-10.

13 Kommentare zu “Isaiah Simmons – Böses Erwachen?

  1. Glaubst du wirklich Simmons fällt aus den Top 10? In den meisten Mocks geht er spätestens auf 7 zu den Panthers. An deren Stelle würde ich ihn mit Kußhand nehmen!

  2. Wenn ich den Gastgeber richtig verstanden habe, sieht er eine hohe Wahrscheinlichkeit (!), dass Simmons aus den top10 rutscht. So wie ich verstanden habe: viele Teams sehen ihn als unattraktiv, weil er keine einzelne feste Position SUPER kann. Wenn dann noch die Panthers nach positionsbedarf ziehen und nicht nach „best player available“, ist er schnell nicht mehr top10.
    Wir sollten immer in Wahrscheinlichkeiten denken: mockdraft schnitt nr 1 – 99% Wahrscheinlichkeit top10, nr 5 – 70%, nr10 50% Wahrscheinlichkeit. (Geratene Werte:-) ).
    Und im zweifel weiss die nfl mehr über Tuas Hüfte und isaiahs anzahl von Tüten am college 😉 als alle draft tipper;-)

  3. NFL hat wahrscheinlich mehr Informationen, aber ob sie deswegen besser entscheidet, lassen wir jetzt mal undiskutiert 😉

    Ich weiß nicht, wie hoch ich die Wahrscheinlichkeit, dass er aus den Top-10 fällt, beziffern würde. Wenn man alle Faktoren – NFL Gewichtung für Safetys und Linebacker sowie Skepsis gegenüber Tweenern plus die Teams in den Top10 – betrachtet, dann sehe ich durchaus die Gefahr, dass er rausfällt.

    Carolina ist aber die Wildcard, die kaum einzuschätzen ist.

  4. Myron Rolle!

    Das war der Safety, den die Buccs im Pre-Draft Vorstellungsgespräch gefragt haben wie er sich gefühlt habe seine Teamkollegen im Stich zu lassen, als wegen der Entgegennahme des Rhodes-Stipendiums für Hochbegabte ein Footballspiel (FSU-Kantersieg über Maryland) verpasste.

  5. Wieder ein sehr schöner Artikel!

    Zum Vergleich mit Simmons fällt mir ein Spieler sofort ein – Ryan Shazier.
    Hier mal Shaziers Werte im Vergleich zu Simmons:

    Simmons: 6’4, 230
    4.43 sek über 40 Yards (99. Perzentil)
    1.51 sek im 10-yds Antritt (99. Perzentil)
    39‘‘ Hochsprung (94. Perzentil)
    132“ Weitsprung (99. Perzentil)

    Shazier: 6’2, 237
    4.38 sek über 40 Yards (99. Perzentil)
    1.56 sek im 10-yds Antritt (83. Perzentil)
    42‘‘ Hochsprung (98. Perzentil)
    130“ Weitsprung (97. Perzentil)

    Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Shazier am College eher klassischer LB war. Bei den Steelers wurde er aber mit der Zeit auch mehr und mehr zur Schachfigur und spielte bis zu seiner fatalen Verletzung in 2017 eine All-Pro würdige Saison.

  6. Korsakoff, Mich würden mal deine Gedanken zum neuen Mccaffrey Vertrag interessieren; war ja ein Aufregerthema. Mal abgesehen davon, dass es für die Position zu viel ist und von der Diskussion ob McCaffrey die eine Außnahme ist (das ist ja auch ein Antianalyticsargument; auf die statistische Ausnahme zu hoffen) – ich finde es schon ganz spannend, dass der Vertrag bereits jetzt abgemacht wurde. Mag der jetzt hoch bezahlt sein, zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dürfte das schon wieder relativiert worden sein. Und wenn ich bedenke, was das neue CBA bringen könnte, dann ist es vermutlich bald eher ein mittlerer Vertrag oder liege ich da falsch?

    Den Gedanken von Adrian Franke von wegen Vermarktungswert finde ich auch nicht zu vernachlässigen- wenn das natürlich auch nicht Förderlich für die sportliche Entwicklung ist.

  7. Der Vertrag ist nicht ganz simpel, so lass ihn kurz mal anschauen:

    1) 4 Jahre, 64 Mio ist nur die Extension. Insgesamt sprechen wir jetzt bei ihm von 6 Jahre, 78 Mio: 13 Mio/Saison
    Cap-Zahlen:
    2020 7.8M
    2021 12.5M
    2022 12.9M
    2023 16.3M
    2024 16.3M
    2025 12.2M

    2) 30 Mio sind Stand jetzt garantiert, aber wenn er am 5. Tag der Saison 2021 im Kader steht, wird auch das Gehalt 2022 garantiert. Weil er mit 24 Mio. Dead-Money im Jahr 2021 quasi nicht zu cutten ist, kommen die Panthers auch 2022 (dann 20 Mio. Dead Cap!) nicht raus.

    Diese vorgezogenen Guarantee-Verlängerungen hatten schon Gurley und ich glaube auch Zeke im Vertrag.

    3) Also kommen die Panthers vor 2023 sicher nicht aus dem Vertrag raus, und dann wäre das Dead Money noch immer 8.6M.

    4) Selbst wenn das Salary-Cap steigen wird, bleibt es ein teurer Vertrag, und wenn McCaffrey vor 2023 unter der Workload einbricht, sitzen die Panthers auf einem fetten Berg an Kacke.

    5) Sportlich macht der Vertrag für mich keinen Sinn. Du kennst meine Meinung zum Thema Rushing. McCaffrey hat eine zweite Dimension als Catcher, aber ist diese 13 Mio/Jahr bzw. dann säter 16 Mio/Jahr wert? Das ist aktuell das Gehalt vom ca. 16t-besten Receiver.

    Salary-Cap wird nach oben gehen – aber McCaffrey mit dann 16 Mio/Jahr auch.

    Ich sehe nicht den Wert. McCaffreys Targets kommen im Schnitt *hinter* der LOS, das ist ganz einfach nicht so effizient wie ein WR2 oder auch WR3 und die Carries haben negative Effizienz.

    Und: Solche fetten Verträge verleiten die Teams noch mehr dazu, ihre Runningbacks noch stärker einzusetzen.

    6) Wirtschaftlicher Faktor / Fans: Den Punkt kann ich zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Runningbacks sind populäre Figuren unter den Fans, und McCaffrey ist auch ein super Typ. Er kann eine Identifikationsfigur sein und die Panthers wollen offensichtlich auch keinen harten Rebuild, sondern ihre Leute bei der Stange halten.

    Ich glaube halt nur nicht, dass das am Ende das Ziel sein sollte.

    7) Ich habe noch immer kein Gefühl dafür, was die Panthers treiben, in welche Richtung sie gehen. Ich bin sehr gespannt, was da noch kommt.

    8) Ist das der Runningback-Vertrag, der es finally wert ist? Ich würde fast wetten: Nein. Selbst wenn McCaffrey einer der wenigen Spieler sein sollte, der seine Workload durchhält, besteht dann immer noch die Gefahr, dass man die Offense effizienter anders gebaut hätte.

  8. Der richtige Weg wäre natürlich ihn anders einzusetzen und plays als Slot zu kreieren.

    Ich tue mich Sau schwer damit: ist das jetzt ein Tool, das man unbedingt für die offense haben wollte, mit dem man kreativ arbeiten möchte – dann wäre es auch keine analytische Entscheidung aber eine mit einer gewissen Idee.
    Oder ist es eine reine bullshit Entscheidung und alles Gerede von Analytics bei den Panthers war Verarsche.

  9. Punkt 6 finde ich den spannendsten. Wie viele Besitzer wollen ernsthaft die Chancen maximieren, den Superbowl zu gewinnen? Für Kraft ist es Hobby, andere haben die nfl als Kerngeschäft und wollen in Kartell Situation gewinn maximieren. Da könnte es plausibel sein, über identifikationsfiguren und spannende stories die fan Basis zu unterhalten. 100% Orientierung an max sportlichem Erfolg könnte Gewinn schaden 😉

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