Wide Receiver Rundschau vor dem NFL Draft 2020

Wide Receiver gilt als die bestbesetzte Position im NFL-Draft 2020. Darin sind sich fast alle einig. Doch über die einzelnen Prospects gehen die Meinungen brutal auseinander.

Vorausgeschickt: Letztes Jahr galt die Draftklasse als „nur gut“, nicht herausragend. Die Jungs um A.J. Brown, Terry McLaurin, DK Metcalf, Hunter Renfrow und Co. hatten dann aber einen exzellenten Einstand in der NFL – ich würde nichtmal den kleinen Fingernagel ins Feuer legen, dass die heurige Klasse es in der Rookiesaison ihren Vorgängern nachmachen kann. Langfristig ist dann eine andere Frage.

Update Scouting

Zum Scouting hier ein Update zu meinem Artikel vom Freitag, als ich über die Gretchenfrage im Receiver-Scouting nachgedacht habe: „Kann der Receiver Press schlagen?“

Ich habe mich in den letzten Tagen noch einmal intensiver mit Scouts unterhalten wie man das Thema angehen sollte, wenn die überprüfbare Menge an Press-Snaps am College ja bekanntlich eher gering ist. Ich komme nun zu folgenden Schlüssen:

  1. Press am College ist selten und hat qualitativ nur wenig mit dem in der NFL zu tun. Es gibt anekdotische Belege dafür, dass man die Fähigkeit Press zu schlagen auf die NFL projecten kann, aber (noch?) nicht systematisch.
  2. So oder so braucht es dann in der NFL noch einige Erfahrung bis Receiver verschiedene Versionen von Press verlässlich schlagen können.
  3. In einem Grading-System für die Position lässt sich diese Fähigkeit also schwerlich mit hoher Gewichtung integrieren, weil dann Spieler, denen man es nicht zutraut automatisch nur noch als zweite-Reihe-Spieler rauslaufen. Das wäre unfair, weil sie auch als WR2 und WR3 im entsprechenden System großen Wert haben können – vor allem aber unfair, weil man die Fähigkeit so unzuverlässig projecten kann.
  4. Der Unterschied von einem letztlich mittelmäßigen NFL-Receiver und einem Star ist am Ende tatsächlich oft marginal in der Qualität der Spieler, aber das spiegelt sich extrem / überproportional in der Performance nieder.

Damit genug des Nerdens, lass uns zum Thema kommen.

Rankings bei Receivern

Wide Receiver in einem Ranking anzuführen ist immer eine Kombination aus gefährlich, schwierig und sinnlos. Die Gründe dafür habe ich in mehreren Blogeinträgen versucht zu ermitteln:

Verschiedene Mannschaften spielen im Detail recht verschiedene Systeme und brauchen mal mehr, mal weniger Receiver am Feld – im Schnitt waren es 2019 pro Offensivspielzug 2.6 Receiver in der Aufstellung. In 65% der Spielzüge standen drei oder mehr Receiver am Feld – demnach waren aber in 35% der Spielzüge auch weniger als drei Receiver am Feld, in immerhin 7% der Formationen gar weniger als zwei.

Ein Ranking dagegen versucht alle Spieler in eine flache Liste zu pressen ohne auf diese Feinheiten zu achten. Das ist mit ein Grund, warum ich die Zeit nach dem Draft für interessanter erachte als jene vor dem Draft – schlicht weil man dann eine Ahnung hat, wohin die Reise für ein Prospect geht.

Trotzdem: Jeder liebt Rankings, und jeder liebt die Zeit vor dem Draft.

Receiver-Klasse 2020

In der Betrachtung der Receiver-Klasse von 2020 scheint es nur zwei Gemeinsamkeiten zu geben:

  1. Jerry Jeudy und Ceedee Lamb bilden das Top-Tier, mit der Wildcard Henry Ruggs als möglichem Partycrasher dank Speed (Eintrag siehe hier)
  2. Die Klasse insgesamt ist eine der besten der letzten Jahre auch ohne einen „kompletten“ Superstar wie Calvin Johnson, A.J. Green oder Julio Jones vornedran.

Alles weitere scheint optional. Vergleichen wir mal die Wide-Receiver Rankings von Pro Football Focus (PFF), Matt Waldman, Dane Brugler (The Athletic), Eric Crocker und Benjamin Solak sowie Benjamin Robinsons Mock-Draft Board (geteilt nach Expert-Mocks und Media-Mocks), die alle tonnenweise Arbeit reinstecken und intelligente Artikel und Twitter-Threads zu den Prospects, Einsatzgebieten und der WR-Position geschrieben haben, so sehen wir bei einigen Prospects absurde Abweichungen:

Laviska Shenault

Shenault ist eines der Extrembeispiele in der Evaluierung. Wenn ich mir Shenault ansehe, denke ich: Interessanter Spieler ja, ziemliches Biest sogar“, sieht eher aus wie ein Runningback als ein Receiver. Einsatzgebiet vorsichtig gesagt „interessant“, ein Haufen Arbeit in der Flat, viele Screenpässe, aber kaum richtige Receiver-Routen. Er ist ein Prospect, mit dem ich irgendwie nicht richtig warm werde und den Hype nicht recht verstehe.

Dann sehe ich ihn überall in den Top-5 mit Vergleichen zu einem Deebo Samuel, der letztes Jahr die NFL im Sturm eroberte.

Crocker erlöst mich in meiner Skepsis gegenüber Shenault, indem er die Vergleiche mit Samuel als Unsinn abtut – zu wenig habe Shenault vor dem Catch gezeigt, das ihn als echten Receiver klassifizieren würde. Er sei in erster Linie Athlet und nicht Receiverprinzipiell fühle ich dasselbe: Es gibt viel Spannendes, das man mit Shenault machen kann, aber ist das wirklich besser als das, was ein WR1 in der heutigen NFL anbietet?

Und doch sind so viele Experten, auf die ich was gebe, von Shenaults NFL-Projection überzeugt genug, dass sie Shenault in einer voll beladenen Receiver-Klasse als eine der besten Optionen bezeichnen und er vielleicht trotz seiner Verletzungsprobleme als 1st Rounder vom Tablett geht.

Bryan Edwards

Doch auch dahinter lesen sich Analysen zu manchen Prospects nicht wie Analysen über den gleichen Spieler. Beispiel Bryan Edwards von South Carolina – vor einem Jahr ein heißer Name, jetzt bei Crocker in den Top-5, bei Waldman an #7… und bei PFF an #23.

Waldman schreibt über Edwards‘ Release gegen Press-Coverage an der Anspiellinie: Separation is one of the easier things for Edwards as a receiver. He can anticipate the jam, lean away from the shot and counter with a swat as he works inside or outside to open grass. He’s quick enough to earn a separation solely with a one-step hesitation move and either a chop, swipe, or arm-over.

PFF? Relied on size to run through press coverage instead of being able to avoid.

Crocker schreibt: He has good hands and feet at the line of scrimmage.

Jan Weckwerth drüben im Triple Option Blog schreibt: Großer, physischer WR, meist outside als X aufgestellt, ab und an im Slot. Release besser als gedacht, bekommt regelmäßig Inside Leverage, attackiert CB mit Plan. […] Edwards projectet als X oder Big Slot mit einigen netten Tools und unerwartet variabler Release-Technik (insb. Oberkörper/Arme), die Separation und einige unrunde Momente am Catch point werfen jedoch Fragen auf.

Ja, was denn nun? Die einen bescheinigen ihm ein fettes Arsenal beim Release, die anderen beschreiben ihn als one trick pony. Und das bei einem nicht unwesentlichen Punkt im WR-Scouting: Release gegen Press ist immerhin die Gretchenfrage, an der sich letztlich das Highend-Potenzial entscheidet.

Und so geht es durch die Bank. Ich habe selten bei so vielen Prospects Uneinigkeit wie in der Receiver-Klasse von 2020.

Zwerge

Jalen Reagor? Winzling, miese Production in 2019, schlechtere Combine als erwartet – und dennoch ist Reagor sogar bei den auf Production fokussierten Analysten von PFF als #5 ganz vorn dabei. Reagors Zahlen 2019 kann man natürlich mit horrendem Quarterbacking entschuldigen – doch ein Edwards hatte in South Carolina über Jahre ein ähnlich mieses Offense-Umfeld, und dort gilt die Ausrede nicht.

Wenn ich Reagor sehe, gibt es für mich ernsthaft nur minimale Unterschiede zu einem Henry Ruggs. Ich sehe keine zwei Zehntel Unterschied in der 40-yds Sprintzeit (Ruggs 4.27, Reagor 4.47) und Reagor wirkt mir in seiner Kompaktheit wie eine sicherere Tüte um Press zu schlagen als Ruggs.

Aber Ruggs = Alabama und Reagor = TCU. SEC gegen Big 12. Blaublüter gegen freakigen Newcomer.

Die Schwierigkeit um K.J. Hamler und den etwas größeren Justin Jefferson kennen wir schon.

Hünen

Oder die großen Receiver: Über Tee Higgins habe ich schon ausführlich geschrieben, aber es gibt nun einen weiteren dieser Big-Men, der Higgins auf den meisten Boards sogar überholt hat: Michael Pittman von USC, Sohn des gleichnamigen ex-NFL Runningbacks. Jan Weckwerth schreibt mir, er sei der aufregendste der großen Receiver in der heurigen Klasse.

So richtig sehe ich es nicht. Pittman hat athletisch keine ernsthaften Schwächen, aber auch keine herausragenden Stärken. Er machte viele Yards, aber in Yards/Route sind seine Zahlen nur Mittelmaß: 2.32 Yards/Route, mindestens zehn der Top-Receiver haben mehr. Pittman hat wenige Drops, doch Drops sind volatil und kein Premium-Indikator im Scouting.

Pittman ist ein Muskelpaket und ein exzellenter Routenläufer, aber gegen Press ist er eindimensionaler als gedacht. Bei aller Physis ist seine Performance bei Contested-Catches nur Durchschnitt. So richtig greifbar bleibt er für mich als Prospect nicht.


Denzel Mims: 6‘3, 207 Pfund, atemberaubende Athletik und Speed, aber mittelmäßige College-Karriere mit allerdings eingestreuten sensationellen Highlight-Plays:

 

In der Senior-Bowl hat Mims offenbar genug WR1-Material gezeigt um in der Wahrnehmung der Scouts als einer der plausibelsten „X-Receiver“ Kandidaten durchzugehen, ein 1.90m Bolzen mit atemberaubenden Highlights, aber die Production war auch bei ihm eher mau: 2.36 Yards/Route.

In zahlreichen PFF-Podcasts wurde über ihn diskutiert – und es herrschte selbst dort völlige Uneinigkeit ob seiner Einordnung. Die einen wollen ihn schon Mitte Runde 1 draften, die anderen sehen ihn eher als Material für frühe bis mittlere 2te Runde.

Es gibt fertigere Spieler am Tape, aber kaum fertigere, wenn man die Senior-Bowl in die Gleichung mit einrechnet. Wie hoch sollte man die Senior-Bowl werten? Sie ist nur ein Spiel, aber auch eine ganze Woche Training in voller Montur, und immerhin eines der wenigen Events, in denen die Prospects mal Press-Coverage von theoretisch gleichwertigen Cornerbacks sehen. Siehst du dort gut aus, ist das ein gutes Zeichen.

Letztes Jahr kannte keine Sau Terry McLaurin, bevor er die Senior-Bowl dominierte. Als Rookie versetzte er die NFL in helle Aufregung. Aber dann wiederum verspottest du (nicht zu Unrecht!) Leute wie Gettleman, wenn sie auf Basis von einigen wenigen Plays einen Franchise-QB identifiziert haben wollen…


Chase Claypool: Hüne mit Super-Sprintzeiten der NFL Combine (4.42 Sekunden für einen 6‘4 Mann mit 238 Pfund sind unerhört), aber ein relativ roher Prospect, den mancher am liebsten auf Tight End umschulen würde. Zweimal läuft er in obigen Rankings in den Top-15, zweimal außerhalb der Top-20. Auch Claypool scheint somit letztendlich eine Frage des Glaubens zu sein, von #11 bis #24 alles dabei.

Mittelklasse

Und dann gibt es noch ein paar andere Receiver, bei denen die Schere auseinandergeht. Tyler Johnson aus Minnesota zum Beispiel, zwischen #9 und #26 gerankt. Er kann nix besonders gut, ist nirgendwo absurd schlecht, ist damit eine ganz harte Nuss im Scouting (man sieht nicht, wie er seine Routen gewinnt), hat aber hohe College-Production.

Ich weiß nicht mehr welcher Analyst es war, aber einer hat es ganz gut beschrieben: Beim Scouten von Johnson fühle ich: Nichts. Ich habe im wieder und wieder gescoutet, aber es gibt nix Greifbares. Es gibt nix zum Haten und zum Kritisieren, aber ich finde auch nix Herausragendes auf Basis von dem ich euch sagen könnte warum er immer und immer wieder seine Duelle mit den Cornerbacks gewinnt. Das ist wahrscheinlich etwas Gutes. Er ist Tyler Boyd 2.0 und kann ein sehr guter WR2 werden, aber man muss halt auch entsprechend so einsetzen.

Das ist auch so eine der zentralen Fragen im Scouting: Muss ich sehen, warum einer immer gewinnt, wenn er immer gewinnt? Muss ich verstehen, was ihn stark macht, wenn er stark ist?


Isaiah Hodgins von Oregon State wäre noch ein weniger spektakulärer. Hodgins ist mit 6‘4 hoch aufgeschossen und bringt 210 Pfund auf die Waage. Er hat eine niedrige Drop-Rate, ist ein feiner Route-Runner, ist durchaus produktiv (2.7 Yards/Route), aber nicht physisch und mit 4.61 Sekunden halt etwas langsam. Im Prinzip ein „guter Spieler in einem mäßigen Körper“.

Bei Hodgins sind sich alle Experten in diesem Profil einig, aber was das für seine NFL-Aussicht bedeutet, wird völlig unterschiedlich interpretiert: Crocker hat ihn auf #8, PFF auf #26!


Hier noch ein paar Links für vertiefte Receiver-Analysen:

12 Kommentare zu “Wide Receiver Rundschau vor dem NFL Draft 2020

  1. Hab ich bei Pittman von „aufregend“ geschrieben? Wenn ja, meinte ich es anders, eher im Sinne von ziemlich sound und nuanciert in den kleinen Dingen. Sowas transferiert oft gut in die NFL.
    Zu der Zeit, als ich ihn scoutete und den Beitrag veröffentlichte, krebste er auf vielen Seiten ja eher in der dritten Runde rum. Das habe ich einfach nicht verstehen können.

    Schöner Artikel btw!

  2. Das Interessante ist ja, dass Pittmans Stock gar nicht so stark gestiegen ist wie man meint, wenn man die Mock-Drafts bis Mitte Monat heranzieht:

  3. Es kann sein, dass sich seine Aktien in der letzten Woche verbessert haben, das ist abzuwarten. Ben muss die Daten für die letzten Tage noch aktualisieren.

    Aber ich hatte in der Tat auch schon vor dem 10. April das Gefühl, dass Pittman „bekannter“ wurde, daher bin ich ob der wenigen Mock-Drafts mit 1st Round Status auch etwas überrascht.

  4. Shenault von 2 bis 19 ist schon krass, doch nachdem außer Crocker ihn alle in den Top 10 haben, muss man ja eigentlich mit der Masse gehen.

  5. Dave Gettlemans Draft Office ist ja schon reines Slapstick. Ich habe meiner Freundin notgedrungen mit teilen aus meinem Bestand ein besseres Home Office gebaut, als der GM einer Multi Milliarden Franchise hat.
    Es passt irgendwie so sehr ins Bild dieses altbackenen GMs.

  6. Pingback: Die große Defensive Backfield Draft-Rundschau 2020 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. Danke, Sönke und Sofasportler! Klasse Link!
    Passt voll ins Klischee: Andere haben mehrere Bildschirme um verschiedene Stats direkt verfügbar zu haben und Videokonferenzen führen zu können. Der gute Dave hat Papierberge, die ihn die Tastatur kaum bedienen lassen.
    Wobei ich mal ganz still sein muss, bei mir sieht es auch eher aus wie bei Gettleman… 😀

  8. Pingback: NFL Draft 2020 für Gelegenheitszuschauer | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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