Die große Defensive Backfield Draft-Rundschau 2020

Gestern hatten wir die Wide Receiver in der Mangel, heute ihre Gegenspieler.

Zum Eingang gleich wieder der Verweis auf detailliertere Studien beim Kollegen Jan Weckwerth, denn ich werde natürlich keine in-depth Scouting-Reports verfassen:

Fertig gelesen? Dann geht es hier weiter.

Bedeutung von Defensive Backs im Jahr 2020

Die Hinweise, dass das Defensive Backfield in der heutigen NFL wichtiger geworden ist als die Front-Seven mit ihren Pass-Rushern, sind ziemlich erdrückend, wenn auch erstmal nicht sehr intuitiv. Man möchte meinen, dass ein Cornerback nur einen von fünf Receivern aus dem Spiel nimmt, während der Pass-Rusher mit einer einzigen Aktion den ganzen Quarterback als Quelle des Passspiels aus dem Spiel nehmen kann.

Die Krux ist nur: Selbst die allerbesten Pass-Rusher kreieren in nur rund 10% der Passspielzüge Druck auf den QB, und nur rund 5% der Passspielzüge enden in Sacks. Quarterbacks haben gelernt, die Bälle schnell rauszubringen um den Pass-Rush zu kontern und bringen rund 50% ihrer Pässe in weniger als 2.5 Sekunden raus.

67% der Pässe gehen laut PFF-Draft Manual auf den ersten Read (bzw. auf die Spielfeldseite, auf der der QB zuerst blickt). Diese Pässe bringen im Schnitt 0.08 EPA/Wurf – und sie haben bereits erstaunliche 10.8 Yards aDOT, d.h. der Passempfänger steht im Schnitt schon 10.9 Yards jenseits der Anspiellinie.

13% der Pässe gegen auf den zweiten Read. Diese Pässe dagegen verlieren bereits 0.05 EPA/Play, sind also um 0.13 EPA/Wurf schlechter. aDOT hier = 10.9 Yards. Nur minimal tiefer als beim ersten Read für den Trade-Off, dass man bereits häufiger mit Pressure leben muss!

Den Rest machen geschemte schnelle Würfe und Scramble-Drills aus – alles tendenziell schlechte Plays für die Offense (außer man hat Lamar Jackson).

Klarer formuliert: Kann der Quarterback gleich den ersten Read bedienen, rollt die Offense. Geht das nicht, drohen Probleme. Wenn er den ersten Read tendenziell eher schnell bedient, ist der Ball dann schon raus, ehe der Pass-Rusher da ist – ohne dass man sich zu sehr in Kurzpassgedaddel verwickeln müsste.

Nun ist das ganze Thema kein Schwarz/weiß, und viele Quarterbacks haben Erfolg, auch wenn sie etwas länger den Ball halten (filed under: Wilson, Russell / Watson, Deshaun). Doch wir sprechen hier von einer ligaweiten Tendenz. Ziel muss also sein, eine Coverage zu haben, die gut genug ist um dem Quarterback die ganz schnellen Pässe auf dem ersten Read wegzunehmen, damit der Pass-Rush überhaupt Zeit zur Entfaltung bekommt. ^

Hat der Pass-Rush erstmal die Zeit, kann er viel Schaden anrichten: Selbst die besten Quarterbacks in der NFL sind unter Druck im Schnitt nur noch so gut wie Andy Dalton, Trubisky oder Josh Allen ohne Druck.

Anders: Auch der allerbeste Pass-Rush läuft ohne akzeptable Coverage sehr schnell ins Leere. Einfluss auf 50-80 Pass-Plays für sehr gute Pass-Rusher. Auf 500-600 für Cornerbacks und Safetys.

Klingt alles total logisch und hast du schon immer gewusst? Dank denk mal darüber nach, wenn die Auguren sich am Donnerstag wieder Mundfeuchte kriegen, wenn es um Passrush und Defensive Tackles und Ends geht.

Scouten von Defensive Backs

Die Secondary ist sehr schwer zu scouten. Cornerbacks und vor allem Safetys sind in der regulären TV-Übertragung recht häufig gar nicht im Bild und erst in der Wiederholung oder im (nur eingeschränkt öffentlich verfügbaren) All-22 zu sehen. Daher lassen sich Aussagen zu Spielverständnis fast gar nicht machen.

Athletik und technische Feinheiten sind trotzdem einigermaßen abschätzbar, aber College-Cornerbacks spielen nur selten Press-Coverage, und noch seltener raffinierte Press-Coverage – eine der wichtigen Qualitäten in der NFL. An dieser mit entscheidenden Stelle ist häufig viel Projection notwendig.

Ich habe dazu gestern nochmal auf Receiver präzisiert, was das heißt. Für Cornerbacks gilt ähnliches.

Auch wenn das Defensive Backfield im modernen Football der Gegenwart den Gameplan stärker diktiert als der Pass-Rush, bleibt es eine sehr reaktive Position, das heißt: Defensive Backs werden dafür bezahlt zu verhindern, dass etwas passiert was wir mit unseren Augen sehen können. Wir scouten also gewissermaßen das Unsichtbare – und das ist immer schwierig.

Trotzdem gibt es erste Erfolge im Daten-Scouting. Timo Riske z.B. hat gezeigt, dass keine Defense-Position in der 1ten Runde im Draft so erfolgreich gedraftet wird wie Cornerback – eine überraschende Erkenntnis.

Timo Riske hat auch gezeigt: Safetys werden gemessen am Wert ihrer Position für den Gameplan von der NFL deutlich unterschätzt – für keine Position gibt die NFL weniger Draft-Kapital aus als für Safetys.

PFF chartet seit ein paar Jahren jeden Snap aller Spieler auch am College – und nach ersten Erkenntnissen sind die wichtigsten, weil am besten auch auf die NFL übertragbarsten Faktoren die Noten für Snaps in Deckung, wenn der Quarterback keinen Druck bekommt, wenn er den Ball in weniger als 3 Sekunden wirft und wenn der Cornerback in Single-Coverage gegen den Receiver isoliert ist. Eine weitere wichtige Metrik: Wie viele Incompletions hat der Cornerback erzwungen?

Für Safetys wäre noch zu ergänzen: Wie gut ist sein Run-Support an Run-Stop%.

Cornerbacks

Jeff Okudah

Jeff Okudah ist die #1 im Jahrgang. Das sehen eigentlich alle in der Scouting-Community so. Okudah war in der Combine mit 4.48 Sekunden langsamer als gedacht, doch an Antritt und Beweglichkeit ist er fantastisch, und er kann schon recht advanced Press spielen.

Wie hoch er am Donnerstag geht, hängt mehr davon ab wie die NFL die Bedeutung der Cornerback-Position bewertet als von der allgemeinen Einschätzung ob seiner Qualität: Die höchsten Mock-Drafts sehen ihn an #3 nach Detroit gehen, aber es gibt auch Gerüchte, dass er aus den Top-10 fallen könnte, weil es einen Run auf Quarterbacks sowie Offensive und Defensive Tackles gibt.

C.J. Henderson

C.J. Henderson ist bei vielen die #2. Mit einer Sprintzeit von 4.39 Sekunden ist er pfeilschnell, er kann Press und er kennt hohe Prozentsätze an Man-Coverage, was sich für seine NFL-Projection gut macht – aber Greg Cosell schreibt es hier, es gibt zwei Punkte, die Henderson von Okudah trennen:

  1. Im Ball-Tracking und entsprechend die Möglichkeit am Catch-Punkt den Ball zu bespielen sind, ist Okudah deutlich besser
  2. Henderson ist miserabel im Tackling

Er ist darin so schlecht, dass er sich Vorwürfe von Homophobie gefallen lassen muss: 22.5% seiner versuchten Tackles griffen ins Leere! Das ist mehr als jeder fünfte Tackleversuch gescheitert!

Nun ist Tackeln für Cornerbacks nicht die oberste Priorität. Doch erst vor einem Jahr gab es schon einmal einen solchen geschwindigen Corner, der viel Man-Coverage kannte und richtig schlecht im Tackling war: Greedy Williams. Der fiel am Ende trotz viel 1st-Round Hype runter bis in die Mitte der 2ten Runde des Drafts. Dass nur ein Jahr später in Henderson ein ähnlicher Spielertyp sogar hohen 1st Round Hype bekommt, ist erstaunlich.

Der Hype ist legt: Hendersons Draft-Stock ist im Steigen begriffen! Siehe hier das Tracking der Mock-Drafts von Benjamin Robinson (@benj_robinson), der Mastermind hinter dem Public-Board von Grinding-the-Mocks. Ich darf mit freundlicher Genehmigung publizieren:

C.J. Henderson

A.J. Terrell

Ähnlich viel Hype als als „Riser“ auf den Boards kriegt in den letzten Tagen um A.J. Terrell von Clemson, ein großer physischer Corner (6‘1‘‘ Größe), der mit 4.42 Sekunden auch entsprechend geschwindig ist. Terrells Profil ist simpel erklärt, aber schwer zu interpretieren:

  • Er deckte Wide Receiver in der sportlich enttäuschenden ACC, und wurde dort fast nie angespielt, machte aber dennoch 5 Interceptions
  • Als er dann einmal gegen einen Top-Receiver ranmusste, im National Championship Game gegen LSU, wurde er nach einem guten Eröffnungs-Quarter vom künftigen NFL-Pick j’Marr Chase mit mehreren langen Touchdowns böse verbrannt.

Was gewichtest du jetzt höher – gute Performances gegen schwache Spieler oder eine Handvoll aufgegebene böse Big-Plays gegen den Besten von allen?

Die NFL sieht wohl ersteres als wichtiger an. Terrell soll irgendwo kurz nach Mitte 1te Runde vom Tablett sein. Seine Trendlinie geht noch deutlich steiler nach oben von jene von Henderson:

AJ Terrell

Kristian Fulton

Kristian Fulton von LSU ist ein Corner mit langjähriger Starter-Erfahrung. Er fühlt sich mittlerweile wie der „vergessene Mann“ an – lange Zeit hatte er als Top-Prospect gegolten. Jetzt ist er zwar recht sicherer 1st Rounder, aber diskutiert wird vor allem über die anderen.

Er gilt als exzellenter Manndecker und hat eine der besten Quoten an forcierten Incompletions: 29%! Fulton hat sogar eine atemberaubende Quote gegen perfekt dem Receiver auf die Brust gelegten Bällen: Er hat satte 17%, also jeden sechsten, von ihnen trotz optimaler Ausführungsqualität der Offense noch zur Incompletion herausgeschlagen. Der zweitbeste Cornerback in dieser Aufstellung hatte keine 10%.

Perfect pass beats perfect coverage, außer es geht gegen Kristian Fulton!

Jaylon Johnson

Jaylon Johnson von Utah kriegt außerhalb der PFF-Welt kaum Hype, gilt aber dort als absoluter Geheimtipp und einer der besten Zone-Cornerbacks. Er könnte ein Außenseitertipp auf einen 1st Rounder sein.

Trevon Diggs

Trevon Diggs von Alabama, Stefons kleiner Bruder, ist ein Streitfall. Diggs ist mit 6‘2 und 200 Pfund ein Hüne für einen Cornerback und er kennt Press-Coverage dank der Saban-Schule aus dem Effeff. Doch alles außer Press ist für Diggs ein Problem: Er ist dann zu steif, zu langsam, technisch zu unsauber um mit den wendigeren Receivern mitzugehen.

Diggs ist damit wohl fast so ein Fall wie letztes Jahr Joejuan Johnson, der in Runde 2 zu den Pats ging: Solche große Corner sind schwer einzuschätzen, weil sie sich ungeschickt bewegen, aber bei der zunehmenden Menge an hoch aufgeschossenen Receivern in der NFL braucht man hie und da auch etwas Physis auf Cornerback.

Bryce Hall

Bryce Hall von Virginia ist ein kleiner tragischer Fall: Letztes Jahr wäre er sicherer sicherer 1st Rounder gewesen. Dann kehrte er überraschend ans College zurück, spielte eine mäßige Saison und ist jetzt nur mehr 2nd oder 3rd Rounder, weil er mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte und eine schwache Saison spielte.

Jeff Gladney

Jeff Gladney von TCU hinterließ mit seiner Combine-Sprintzeit von 4.48 Sekunden ein paar Fragezeichen: Vor einem Jahr hieß es noch, er sei niedrig 4.3 gestoppt worden. Am Tape sieht er wie der Wind aus, furchtlos und aggressiv zugleich, und fast immer in der Lage, mit dem Receiver auch in kritisch ausschauenden Momenten noch mitzugehen.

Cameron Dantzler

Cam Dantzler von Mississippi State hat das Problem verschärft: Er wurde in der Combine mit 4.64 Sekunden gestoppt! Das ist so fußlahm für einen Corner, dass du ihm am liebsten Krückstock anbieten würdest!

Dantzler veranstaltete im April trotz Corona dann noch einmal einen Workout via Video, bei dem er mit fast drei Zehntel weniger gestoppt wurde. Das Video wurde tausendfach in kleinste Frames zerlegt und die Zeit verifiziert – aber es bleiben dennoch Zweifel: Wie ist ein solcher Sprung innerhalb weniger Wochen möglich?

Je nachdem ob und wie die NFL Dantzler seine „neue“ Zeit abkauft, wird sich am Donnerstag sein Draft-Stock verhalten: Schenkt sie ihm null Glauben, geht er in der 3ten Runde. Ansonsten kann es hoch gehen bis Ende 1te Runde.

Noah Igbinoghene

Auch Auburns Noah Igbinoghene gilt als einer der möglichen Kandidaten für einen späten Pick in der 1ten Runde. Ein zu entwickelndes Prospect mit nur zwei Jahren Spielerfahrung, aber athletisch ein extrem auffälliger Prospect:

Amik Robertson

Amik Robertson ist einer der Sleeper in diesem Draft.

Robertson hat brutale Kennzahlen aufgelegt und ist in fast allen „Critical Factors“ von PFF unter den Jahrgangsbesten: Single-Coverage, Pässe mit und ohne Pressure, Pässe unter 3 Sekunden, tiefe Pässe, Pässe in enge Deckung, Contested Catches usw. Einfach absurd. Sam Monson hat ihm einen eigenen Scouting-Eintrag spendiert.

Aber Robertson hat nur bei Louisiana Tech in einer der schwächsten Conferences des Landes gespielt und er ist mit 5’11 relativ klein und hat keine bekannte Sprintzeit. Physis ist bei ihm ebenso ein Fragezeichen wie sein Verhalten, wenn bessere Gegner kommen. Also wird es vermutlich nur ein Mid-Round Pick, vielleicht Ende 2te Runde bis Anfang 4te Runde.

Top-Safetys

Lass uns noch einen schnellen Blick auf die am höchsten gehandelten Safetys werfen. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass Alabamas Xavier McKinney und Grant Delpit von LSU die Top-Safetys im Jahrgang sind. Jan Weckwerth schreibt über McKinney:

Xavier McKinney ist ein moderner Safety-Typ, der in der Defense fast beliebig umhergeschoben werden kann. Ist in etwa gleichermaßen stark als tiefer Safety, Box Safety und im Slot, wobei ich ihn aufgrund seiner exzellenten Instinkte und seines gleichermaßen besonnenen wie aggressiven Spielstils lieber näher an der Line haben würde. Für einen single-high Centerfielder bringt er vielleicht nicht ganz die gewünschte Top-Range mit. Nicht der Überathlet, aber der Spieler, der deine Defense instantan aufwertet. Mid 1st.

McKinney ist sowas wie deine Universalwaffe um in der Spielfeldmitte Matchups zu diktieren. Kein überaus auffälliger Athlet, aber ohne wesentliche Schwächen.

Nur eine Schwäche hat Delpit – aber die ist eher kritisch: Depit ist Fliegenfänger, wenn es ums Tackling geht. Ein eigentlich sensationeller Athlet und mit 6‘3, 203 Pfund auch extrem physisch, aber unerhörte 25% Missed-Tackles! Diese Missed-Tackles entwickeln sich langsam zum Problem für Delpit, dessen Draft-Stock sich in den letzten Monaten stetig nach unten entwickelte:

Grant Delpit


Dieses Duo an Star-Safetys würde ich persönlich zu einem Trio machen, denn den bereits am Sonntag diskutierten Isaiah Simmons kann man in der Diskussion eigentlich nicht außen vor lassen. Simmons wird fast immer als Linebacker gelistet, doch seien wir ehrlich: Sein Haupteinsatzgebiet am College war Defensive Back. Und sein ganzes Profil geht in die Richtung:

1st/2nd Down: Safety / Slot
3rd Down/klare Passsituation in Nickel/Dime: Athletik auf der Linebackerposition

Matt Bowen hat Simmons entsprechend jetzt auch schon auf Safety projected und sieht in ihm dort auch die #1 – largegly wegen seiner Vielseitigkeit:

4 Kommentare zu “Die große Defensive Backfield Draft-Rundschau 2020

  1. Hier noch etwas Kontext zu Trevon Diggs:

  2. Gronk zu Tampa? Ist das ein Aprilscherz??? Ich mein, find ich bombastisch, aber irgendwie verdammt surreal…

  3. Pingback: All-32: Chicago Bears 2021 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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