Die letzten Stunden vor dem NFL-Draft 2020

Ab heute gilt für drei Tage NFL-Ausnahmezustand: Es ist Draft-Zeit!

Für einen beträchtlichen Teil der NFL-Welt scheint die Draft-Zeit den Herbst längst als beste Footballzeit des Jahres abgelöst zu haben – die Faszination des Drafts mit Scoutingberichten, Mocks und aufgeregten Debatten war schon vor zehn Jahren nicht klein – aber sie ist bis heute noch einmal deutlich gewachsen!

Für mich persönlich ist nach dem Draft meistens interessanter als vorher: Dann ist klar, wohin die Prospects gehen, womit man in etwa rechnen kann. Gerüchte-Irrsin ist dann passé und es lässt sich wieder nüchtern aufs Geschehen blicken.

Doch ich kann nicht verhehlen, dass auch mein Interesse an der Pre-Draft Zeit mit dem zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung immer stärker werdenden Einfluss von Daten-basiertem Scouting wieder gestiegen ist (wie das in der NFL angenommen wird, ist zumindest umstritten). Erst vor wenigen Jahren bestand Scouting aus den immergleichen, sich nur in kleinen Variationen unterscheidenden Reports. Gruppendenke war unausweichlich.

Die Daten, die wir heute haben, sind ein Anfang, die Sache von einer anderen Ebene zu sehen. Wir sind wesentlich schlauer geworden, was den Draft angeht. Wir wissen heute viel besser zu quantifizieren als noch vor ein paar Jahren, welche Positionen „es wert“ sind und welche nicht, hoch zu gedraftet zu werden, und welche Skills und Eigenschaften von Relevanz sind und auf welche man nur im Anhang referenzieren muss.

Das Buch der Daten ist noch lange nicht „die Bibel“. Aber die Grundsteine sind gelegt, und wir werden noch einige sehr aufschlussreiche Dinge in den nächsten Jahren lernen. Ich denke heute anders über die NFL als vor sieben Jahren, und entsprechend denke ich auch anders über den Draft. Dass Chase Young der beste Prospect mit den wenigsten Flauseln ist, ist wunderprächtig, doch Quarterbacks, Receiver und Cornerbacks sind entscheidendere Positionen.

Wie viel besser muss Young sein, damit er eine Einberufung über Okudah rechtfertigt? Das sind die spannenden Fragen, die mein Interesse am Draft in den letzten Jahren wieder befeuert haben.

Dass wir dank Corona heuer den freakigsten Draft seit langem erleben, ist für mich nur Nebensache – vor allem deswegen von Interesse, weil ich nie wieder so viel Zeit haben werde in den Wochen und Monaten vor dem Draft. Ich habe in den letzten Wochen viele neue Dinge auf Rücksprache mit Scouts gelernt und auch im Detail mein Wissen über Football erweitert. Ich habe Teile davon auch schon in meine Artikel gepackt. Ein paar andere Themen muss ich noch vertiefen.

Der Draft ist da nur eine Durchgangsstation.

Wo kann ich den NFL Draft 2020 sehen?

Zunächst: Der Draft bleibt auf drei Tage aufgeteilt wie in den letzten zehn Jahren gewohnt:

Do/Fr  23./24.04. 02h 1. Runde
Fr/Sa  24./25.04. 01h 2.-3. Runde
Sa ab  25.04.     18h 4.-7. Runde

Die Originalübertragung mit Rich Eisen, Daniel Jeremiah und dem Team vom NFL-Network gibt es im NFL-Gamepass zu setzen.

ProSieben/ran sind auch wieder in der 1ten Runde am Donnerstag/Freitag dabei.

Livekommentierend sind die Kollegen von Der-Draft.de mit Christian Schimmel und Roman John in den nächsten Tagen wieder im Youtube-Stream dabei. Zum Hangout kommt man hier unter diesem Link.

Das Programm hat mir Christian schon zugeschickt – hier nachzulesen. Hosts wie Gäste wissen wovon sie reden. Heute Nacht sind z.B. Jan Weckwerth und James Wiebe (vom Podcast Snap) zu Gast. Das klingt wie zwei Welten in einem virtuellen Raum. Ich erwarte schäumende Diskussion bei jedem Trade und jedem Defensive Tackle in den Top 10.

Wie wird der Draft 2020 ablaufen?

Er wird Corona-bedingt auf das Wesentliche reduziert. Der NFL Draft ist in den letzten 30 Jahren, vor allem aber in den letzten 10-15 Jahren zu einem wahren Monstrum geworden, mit immer größeren Hallen und schließlich Open-Air Bühnen mit Hunderttausenden Zuschauern vor Ort – entsprechend auch eine sehr emotionale Sache, wenn die gewählten Spieler unter Tränen, Jubel oder Buhrufen von Roger Goodell auf die Bühne gerufen werden.

Doch Draften ist im Kern ganz einfach ein Auswählen von Talenten. Das passierte schon immer nur in den Hinterzimmern („War Rooms“) fern der Außenwelt. Diesmal wird auch die Verkündigung der Picks ins Wohnzimmer geholt. Und gerade das dürfte für Rekordeinschaltquoten sorgen. Die Gründe dafür sind simpel:

1) Der Draft ist das erste Sportevent seit gefühlten Monaten, das wieder sowas wie „Live-Atmosphäre“ versprüht.

2) Zoom-Shows sind freakig und neu.

3) Und ganz simpel gesagt: Katastrophenpotenzial. Jeder hofft auf Pannen und Chaos.

Die NFL wäre nicht die NFL und wäre nicht von Amerikanern geführt, wenn sie nicht selbst aus diesem Freak-Event ein Spektakel sondergleichen machen würde, und so wurden schon vor Tagen in sämtlichen Zimmern der GMs wie auch in Roger Goodells Appartement Kameras installiert um bei jedem GM hautnah dabei zu sein, wenn er seine Picks bekannt gibt.

Die Kommunikation mit den Kollegen im eigenen Front-Office findet über einen Zoom-Kanal statt, die Teams kommunizieren ihre Picks über einen eigenen Microsoft-Teams Kanal mit allerlei Backup-Optionen wie Telefonlinien in die NFL-Zentrale oder straight up Handynummer vom leitenden NFL-Angestellten, sollten alle Dämme brechen.

Ein nicht unerheblicher Teil der GMs ist in den letzten Jahren durch diverse Tiraden in Richtung „computer folks“ (gemeint ist die neue Welle an Analytics-Nerds, die Football schön langsam infiltriert) auffällig geworden – entsprechend spielt die NFL seit Tagen fleißig mit dem Klischee der alten weißen Männer, die schon mit dem Einschalten dieser neuartigen Rechenmaschinen Probleme haben und bei Zoom zuerst an Digi-cam oder Klaus Lage denken.

Doch schaut man sich das Arbeitszimmer von Ravens-GM Eric DeCosta an, so gilt es doch an einigen Fronten stets up-to-date zu bleiben: Mindestens fünf verschiedene Screens zum Arbeiten, plus einen zum Zuschauen und eine eigene Telefonlinie für Trades:

Am Montag wurde ein Testdraft veranstaltet. Ob dieser als technisches Desaster oder reibungsloser Ablauf klassifiziert wird, darüber streiten sich die Quellen. Jedenfalls gilt es als nicht ausgeschlossen, dass es im laufenden Betrieb ein paar kleinere Störungen gibt. Möglicherweise wird mehr als früher für Last-Minute Trades und bei anderen Störungen die Uhr angehalten.

Die leitenden TV-Stationen in den USA, der NFL Network und ESPN, haben ihre Kräfte gebündelt und werden eine einheitliche Übertragung machen – mit einem kleinen ESPN-Studio in Bristol, aber die meisten relevanten Experten wie Mel Kiper oder Daniel Jeremiah werden dabei sein.

Trey Wingo soll wohl im Studio sitzen. Suzy Kolber wird offenbar die Draftees interviewen. Wie es genau ablaufen könnte, hier kurze Einschätzung im Miami Herald. Die Picks sollen wieder nicht von Adam Schefter und Co. gespoilert werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird die NFL-Network News-Crew um Ian Rapoport kein Teil der Coverage sein.

Auch sonst ist viel los rund um den Draft herum: Sponsoren laden zum fröhlichen aus-Boooo-en von Roger Goodell ein (#BooTheCommish), und schon jetzt darf fleißig geraten werden, welche Ehefrauen oder Haustiere ins Bild hüpfen oder ob Bill O’Brien und Ryan Pace in den ersten zwei Runden vorm Computer wegschlafen.

Welche sind die interessantesten Prospects?

Darüber habe ich schon gestern geschrieben und dort auch auf die genaueren Analysen der letzten Wochen verlinkt. Spektakulär wird es vor allem in der Spitze des Drafts, wo mit der Schlüsselfigur QB Tua Tagovailoa viele Optionen stehen und fallen.

Tua galt lange als das nach common sense zweitbeste QB-Prospect im Draft, konnte aber die Zweifel an seiner Langzeitfitness Corona-bedingt nach einer schweren Hüftverletzung im November nicht mehr ausräumen und soll daher von einigen Teams vom Draftboard genommen worden sein.

Insbesondere die Miami Dolphins (picken an #5 und #18) sollen ihm gegenüber skeptisch sein. Eine zeitlang wurde spekuliert ob Miami vielleicht die spielerisch völlig konträre Alternative Justin Herbert draften wird, doch selbst das scheint momentan fraglich!

So ist bei Tua von #2 (Washington Redskins oder Trade-Up eines anderen Teams) bis zu einem Rausfallen aus den Top-10 nebst aggressivem Trade eines Teams wie New England (steht momentan auf #23 der Rangliste) denkbar.

Persönlich bin ich „Team Tua“ und würde auch beim Top-Pick überlegen ihn vorbei an QB Joe Burrow zu draften. Aber die NFL tickt da wohl anders.

Welche Verläufe sind denkbar?

Alles geht davon aus, dass die Cincinnati Bengals an #1 mit Joe Burrow eröffnen werden.


Auf #2 geht das Ratespiel dann aber los: Washington hat in EDGE Chase Young das vermeintlich beste Passrush-Prospect auf dem Präsentierteller. Doch Washington hat auf Quarterback im noch jungen Dwayne Haskins, der zahlreiche Zweifler hat, keine ganz sichere Langzeitlösung. Washington hat ebenso keinen 2nd Round Pick mehr und könnte einem Trade-Down durchaus aufgeschlossen gegenüber stehen:

Ich weiß, es ist Bubble, in der wir leben, aber meine Optionen für Washington wären klar:

  1. Tua
  2. Trade-Down, wenn es minimum zwei 1st und einen 2nd gibt
  3. Chase Young

Ein „Trostpreis“ Young wäre okay. Aber aus Teambuilding-Sicht fühlt es sich mit den Optionen 1) und 2) eher meh an.


An #3 stehen die Detroit Lions. Wenn sich Washington an #2 nicht bewegt, könnten sie der Profiteur eines Quarterback-Trades sein und viele zusätzliche Picks abstauben… oder einfach in CB Jeffrey Okudah den besten Deckungsspieler ziehen. Oder selbst Tua draften.

Es gibt aber auch – und das macht mir als Lions-Anhänger einige Sorgen – Hinweise darauf, dass die NFL in Coronazeiten die angeblich „am einfachsten“ zu prognostizierenden Positionen in Offensive und Defensive Lines draftet. Datt wär‘ dann DT Derrick Brown – es wäre ein Move, der zu meiner bisherigen Woche passt. Spoiler: Not good.

Kurz gesagt, aus Lions-Sicht wäre meine Prio so:

  1. Tua
  2. Trade-Down (minimum ein 2nd obendrauf)
  3. Okudah
  4. Chase Young

Alles andere = Grade F.


Die Giants an #4 sind der nächste mit Spannung erwartete Pick. Alles scheint nach wie vor davon auszugehen, dass sie einen Offensive Tackle draften – doch vor allem werden alle Augen auf GM Dave Gettleman, die Personifikation des grumpy old men, gerichtet sein. Der Giants-Pick ist nur dank Gettleman der vielleicht mit am meisten Spannung erwartete. Wird uns Gettleman nach Saquon Barkley und Daniel Jones ein weiteres All-Time Goodie liefern?


Miami an #5 ist die größte Wildcard. Eigentlich braucht Miami Quarterback. Doch nachdem der Tua-Hype schon vor locker 10 Tagen merklich abgeflaut ist, sollen die Dolphins mit ihrem ersten Pick nun auch nicht mehr wirklich auf Justin Herbert als Alternative setzen, sondern vielleicht sogar Offensive Tackle in Betracht ziehen!

Mehr noch: Es gibt Gerüchte, dass Miami einen Trade vor die Giants für einen Offensive Tackle einfädeln will!

Man würde ja meinen, ohne einen QB können die Fins aus diesem Draft gar nicht rauskommen, aber es könnte tatsächlich passieren.

Dann wiederum streut der für gewöhnlich noch mit am besten informierte Ben Allbright das Gerücht, das Miami vielleicht gar nicht von #5 auf #3 hochspringen will, sondern vom zweiten bzw. dritten 1st Rounder:

Dem wiederum widersprechen lokale Miami-Pundits. Warum sollte Detroit runtergehen, wenn es dann aus den Top-10 fällt? Also vieles möglich.


Chargers auf #6 sind das andere BIG IF. Man würde meinen, die Bolts gehen auf QB, doch was passiert, wenn sie einfach Isaiah Simmons für eine 3-1-7 Standard-Defense draften und dann einfach in jedem Snap Matchup-defense spielen und mit Tyrod Taylor oder Cam in die Saison gehen? Wer würde das noch ernsthaft ausschließen?

Carolina auf #7: Keiner hat einen blassen Schimmer, was die Panthers mit dem neuen Regime veranstalten werden. Es heißt sie priorisieren Defensive Tackle, aber auch die besten Beat-Writer trauen sich keine Prognose zu.

Arizona auf #8: Tackle, Receiver, Defensive Line – alles möglich. Auch ein Trade-Down. Es gerüchtelt, dass Tampa hochkommen will um einen OT zu draften.

Jacksonville? Keiner weiß was. Man möchte meinen, die Jags draften QB, wenn noch einer aufm Board ist, aber auch Receiver oder Defensive Tackle gilt als Option.

Browns an #10 ist für alle Offensive Tackle. Aber was, wenn es einen frühen Run auf die Tackles gibt und das neue Regime ganz einfach Ceedee Lamb zieht? Wer wäre ernsthaft überrascht?

Bei den Jets an #11 ist die erste Frage, wie lange sie das Schauspiel mit ihrem Safety Jamal Adams noch mitmachen: Einer der besten Verteidigungsspieler in der NFL, aber auch einer der einigen Stunk macht und dem ein Disziplin-Nazi wie Adam Gase bestimmt so schnell keinen neuen Vertrag geben will. Sportlich muss es eigentlich Tackle oder Receiver werden.

Raiders auf #12: Receiver und Cornerback sind die favorisierten Optionen, doch was wenn Tua noch aufm Board ist?

Niners auf #13: Receiver, Defense Line, Cornerback, Trade-Down mit den Patriots – alles denkbar.

Buccs auf #14 sollen gerüchteweise hochgehen wollen, wie auch die Dolphins auf #16. Die Broncos an #15 im Sandwich sehen gefühlt in jedem zweiten Mock-Draft Henry Ruggs nach Denver gehen – doch an Ruggs sollen jetzt auch die Hochgeschwindigkeits-Chiefs, die nur Tyreek Hill und Mecole Hardman über ein Jahr hinaus gebunden haben, dran sein.

Wer wäre noch ernsthaft überrascht, wenn die Patriots oder Saints am Ende mit Tua aus dem Draft gehen?

Und so weiter.

Besonderheiten des NFL Drafts 2020

Wenn wir ehrlich sind, hat diesmal mehr als sonst noch keiner eine Ahnung, was passieren wird. Schon vor einigen Tagen theoretisierten Experten, dass es zu diesem Draft noch weit unkonventionellere Entscheidungen als in den letzten Jahren geben wird – schon allein, weil es ohne Pro-Days kaum mehr zwischenmenschliche Treffen zwischen Scouts gegeben hat. Ohne Beziehungen kein Gruppendenken, und ohne Gruppendenken kein common sense – und damit auch mehr Potenzial für Ausprägung extremer Sichtweisen in den eigenen vier Wänden.

Einen anderen Vorgeschmack hat der Rob-Gronkowski Trade vorgestern geliefert: Innerhalb von wenigen Minuten schoss das Thema von null durch die Decke – und nur eine Viertelstunde nach dem ersten Aufpoppen eines „möglichen-Trade“ Gerüchts war ex-Rentner Gronkowski bereits durch den Medical-Check und für einen 4th Rounder nach Tampa getradet.

Anders: In Zeiten von Social-Distancing tappen selbst die allerbesten Quellenjäger der NFL wie Schefter, Ben Allbright oder Mort Anderson komplett im Dunklen ohne ihre unerreichte Qualität, die Newshäppchen zwischen Tür und Angel aufzuschnappen.

Das geht mir alles ähnlich. Auch ich bin weiterhin in regelmäßigem Kontakt mit vielen meiner Mitarbeiter und hänge in zahlreichen Calls, doch der oft spannende Gossip spielt sich dann am Kaffeeautomaten oder beim kurzen Talk auf dem Gang ab. Das fehlt gerade. So kriegst du letztlich weniger mit – oder vielleicht geht auch nur weniger ab?

Vielleicht geht das Teams intern sogar ähnlich – und der GM als alleiniger Wissensträger eingesperrt in seiner Wohnung ist der Mann, der nach Abklopfen aller Einzelmeinungen diesmal seinen eigenen Film dreht. Ohne die Kollegen um Austausch zu fragen. Und damit haben auch die Scouts weniger Ahnung, und der ganze Draft wird zur One-Man Show des GM. Das könnte dessen persönliche Präferenzen stärker in den Vordergrund stellen.

Man weiß schlicht nicht, welche Auswirkungen die Bedingungen von 2020 haben werden – auch nicht in anderen Aspekten.

Schließlich haben auch die GMs weniger Infos als gewohnt: Keine Pro-Days, Interviews Face-to-Face nur übers Netz, medizinische Tests nur in eingeschränkter Form mit Infos aus dritter Hand. Weniger Information kann manchmal auch weniger verwirrend sein. Ob es besser ist, steht auf einem ganz andere Blatt. Aber Information aus zweiter Hand kann auch übermäßiges Misstrauen heraufbeschwören.

Wie werden sie also reagieren? Dass medizinisch als riskant eingeschätzte Prospects (wie vielleicht auch Tua) fallen werden, gilt mittlerweile als gesichert. Doch was ist mit den Bad-Guys. Was ist, wenn GMs plötzlich eine Ausrede dafür haben, nicht jedes Detail vom letzten Vergewaltigungsskandal zu erfahren: Haben sie nun eine Steilvorlage solche Spieler früher als gewohnt zu draften, weil eine Rechtfertigung hinterher beim Owner viel einfacher fällt? Oder ist das alles egal, weil der Owner den GM samt Coach nach 5-11 sowieso rasiert?

NFL, Medien und Twitter leben alle in ihren Bubbles. Analytics propagiert eine Sichtweise, die wie oben beschrieben Tua als #2 draften würde. Ganz klar: Auch ich wäre dafür. Aber ich sitze in Südtirol in den Bergen und habe nicht die geringste Aktie im Spiel. Meine Haut steht mit dem Pick nicht auf dem Spiel. Auch wenn Tua der ideale Pick für Washington wäre (und ich bin mir dessen relativ sicher): Ron Rivera und Konsorten werden gegrillt, wenn so ein Ding schief geht. Und daher den Teufel tun einen solchen Pick zu machen.

Fast fertig. Es gibt noch zwei Dinge zum Beachten.

Einmal: Teams haben unterschiedlich gute Scouting-Staffs, und legen unterschiedlich viel Wert darauf, Informationen zu sammeln. Ich habe in den letzten Tagen mehrfach davon gehört, dass die gut organisierten Front-Offices dieses Jahr vor allem in den mittleren Runden einfaches Spiel haben werden – sie wissen schlicht wesentlich mehr über die 50/50 Prospects und die small school Prospects. Der Stoff über solche Prospects wurde früher „auf dem Gang“ mit Scouts rivalisierender Mannschaften geteilt. Heute bleibt er in ihrem Büro.

Und zweimal: Es ist noch gar nicht klar, ob eine College-Saison 2020 stattfinden kann bzw. in welcher Form sie ablaufen wird. Das sorgt schon jetzt für zusätzliche Unsicherheit im Draft 2021.

Ein Beispiel? Hätte es 2019 nicht gegeben, wäre Joe Burrow heute ein 5th Rounder. Hätte Burrow ohne Saison 2019 eine ähnliche Entwicklung genommen? Vielleicht nicht – doch andererseits hat Burrow 2019 keine „Entwicklung“ genommen. Vielmehr war er von Tag 1 an völlig dominant. Es war eine Kombination aus neuem System und einem Entwicklungssprungs des Einzelspielers Burrow.

Entwicklung von Leistung ist nicht linear und viele andere Prospects hatten als Backups schlicht nicht die Chance vor ihrer letzten Saison etwas zu zeigen. Burrow wäre ein Mega-Steal gewesen. Wie wird das mit den Trubiskys, Dwayne Haskins oder Kyler Murrays sein, die alle hoch in der 1ten Runde gezogen wurden ohne dass sie vor ihrer allerletzten Saison überhaupt in Erscheinung getreten wären?

Wie Teams diese Unsicherheit angehen werden, ist noch nicht ganz klar. Werden sie im laufenden Draft aggressiver sein und mehr teure Up-Trades wagen? Oder werden sie zukünftige Picks ganz einfach stärker „entwerten“ und daher mehr gegenwärtige Ressourcen in den Trade-Pool werfen?

Anyhow

Was auch immer abgehen wird: Es wird ein spezieller Draft. Wie so viele hoffe ich natürlich, dass die besonderen Challenges der diesjährigen Ausgabe das Geschehen aufwirbeln. Ich bin gespannt wie die Broadcaster es ohne Zuschauer schaffen wollen, „Stimmung“ aufkommen zu lassen – denn es ist ähnlich wie im Fußball: Geisterspiele sind nicht das gleiche.

Ich bin gespannt, ob es wirklich so viele „way off“ Picks gibt wie prognostiziert – vereinzelte komplette Headscratcher hatten wir ja in jedem Draft.

Ich glaube ich möchte es einfach sehen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass das was uns heute und morgen und übermorgen nachts erwartet, attraktiver sein wird als die gigantischen Szenerien in den letzten Jahren in Philly oder Tennessee.

Ob ich wach bleiben werde, hängt ein wenig vom Verlauf des heutigen Tags ab. Es wird eher kein Liveblogging werden. Vielleicht Tendenz Twitter. Wir werden sehen.

9 Kommentare zu “Die letzten Stunden vor dem NFL-Draft 2020

  1. In Anbetracht der wenigen Picks die Washington außer No 2 in den ersten Runden hat macht ein Festhalten an Chase Young eigentlich keinen Sinn…

  2. Erzähl das mal dem Public! Dann wirst du geröstet.

    Der Offer muss schon gewaltig sein, damit Rivera sich trauen kann da rauszutraden. Tua geht nicht weil Haskins war Snyders Boy und wenn Young bei einem anderen Team perennial All Pro wird dann riskiert Rivera schnell mal seinen Job.

    Trade Down ist natürlich trotzdem am besten, aber bei dem Owner ist die Leine ausgesprochen kurz und dann ist Rivera schneller wieder weg als die ganzen neuen Picks einschlagen.

  3. Danke für die ganze Coverage Korsakoff! Ich bleibe wach und werde mir das Ganze Spektakel live geben. Bin schon voller Vorfreude auf die diesjährige Ausgabe, ja sogar etwas aufgeregt 😀
    Wenn es ein Sideline-Reporter live blogging geben würde, wäre das natürlich absolut die Kirsche auf der Torte ; )

  4. @Karl:
    Snyder konnte man aber auch verkaufen, dass man teuer hoch tradet um RG3 zu kriegen und zusätzlich noch Kirk Cousins als Backup draftet… Also hat er vllt ein offenes Ohr für zwei QBs und einen Wettkampf um den Starterjob. Für den Verlierer der beiden kriegst Du vermutlich trotzdem noch nen 4th Rounder.

    Aber ja, unwahrscheinlich.

  5. Das Boo-Meter gibt es natürlich auch in digitaler Form. Live Analyse von Reddit comments von r/nfl und alle team subreddits. Mehr Infos natürlich auf Caios Twitter.

  6. Auch von mir ein fettes Danke für die ganze Draft Berichterstattung. Eine Live Begleitung des Draft von dir wäre natürlich fein.
    Ich hab mir Urlaub genommen (systemrelevant muss eigentlich arbeiten), und mir fest vorgenommen zumindest bis Pick 16 zu schauen.
    Wenn man hört, dass die Dolphins auf eins versuchen zu traden könnte es eine spannende Draft werden. Hoffe Burrow landet bei einem Team das ihn zu verwenden weiß, ebenso hoffe ich dies aber für Simmons. Simmons zu den Giants wäre sicher Horror.

  7. Seit fast 10 Jahren stiller Leser dieses Blogs und so ziemlich keinen Beitrag überlesen!
    Herzlichen Dank für deine Akribie, Hingabe und das Auge fürs Detail, Korsakoff!!! Großes Kino!
    Jedes Jahr, wenn wir auf dem Weg zum Gardasee -aus dem flachen Norddeutschland- den Brenner runter kommen, sage ich meiner Frau auf höhe Brixen, hier wohnt DER Blogger meines Vertrauens!
    Vor diesem Blog kannte ich die Regeln, heute verstehe ich den Sport!!!
    Mach weiter so…

  8. Pingback: Tua Tagovailoa wird der neue Starting-Quarterback der Miami Dolphins | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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