Tua und Komparsen: Der Dolphins-Draft 2020

Auf die Packers mit ihrem neuen shiny QB folgen heute die Miami Dolphins, denen die Mission Tank for Tua am Ende brillant aufgegangen ist.

Hauptpreis ohne Aufpreis

Ob es mehr Glück als Verstand war, dass Miami Tua ohne Trade an #5 draften kann? Mit letzter Sicherheit wird sich das nicht mehr klären lassen, doch wenn wir alle bekannten Fakten und die Kombination der aus Miami aufgestiegenen Smoke-Screens zusammenzählen, dann können wir ihnen den benefit of doubt geben: Alles richtig gemacht!

Die Smoke-Screens aus Miami waren so verwirrend und so perfekt auch an gewöhnlicherweise glaubhafte Experten gestreut, dass wir wohl den Hut ziehen können: Den Hauptpreis Tua bekommen ohne zusätzliche Picks geopfert zu haben. Nur wenige in der mir bekannten Medienwelt hatten sich dem Hype um Herbert/Miami standhaft entzogen (Sam Monsen und George Chahrouri sind zwei Beispiele).

Machen wir uns nichts vor: Der Dolphins-Draft 2020 steht und fällt am Ende mit der Personalie QB Tua Tagovailoa. Er war seit einem Jahr das Ziel einer auffälligen Tanking-Mission, die kurzzeitig schief zu laufen schien, als die Dolphins mit QB Ryan Fitzpatrick 5 Spiele – und damit das eine oder andere zuviel für den #1 Overall Pick gewannen.

Auch wenn es sich in den letzten Wochen und Monaten mit Tua-Hüftverletzung und wildesten Gerüchten um mögliche QB-Alternativen wie eine Achterbahnfahrt anfühlte: Tua zu draften war #1 Priorität für Miami in diesem Draft. Und sie kreuzen diese Checkbox an. Als Roger Goodell am letzten Donnerstag den „richtigen“ Namen vom Tablet herunterlas, fühlte es sich fast wie eine „Erleichterung“ an. Ich glaube wieder an die NFL.

Tua ist der „Steal des Drafts“: Er ist ein exzellentes QB-Prospects, das gewöhnlicherweise nicht auf den #5 Pick fällt. Tua hat Fragezeichen mit seiner Hüfte und permanenten Verletzungszipperlein, aber sportlich bringt er starke Anlagen mit – und zwei Jahre Performance auf höchstem Niveau. Ob und wie viel er schon in seiner Rookiesaison spielen wird, steht noch in den Sternen.

Schlägt Tua am Ende ein, war dieser Draft für Miami automatisch ein Erfolg. Dennoch habe ich nur die Gesamtnote B für den Draft gegeben:

Miami wird in Kürze noch genauer kommen: Sie haben Tua ohne Trade-Up gedraftet, und ich lege ihnen die Smoke-Screens diesbezüglich alle generös und damit positiv aus. Tua definiert den Draft, und danach hat man vieles in der O-Line gemacht um Ta zu helfen – und fleißig Tiefe in der Defense gedraftet. Ich weiß nicht ob es überall die „richtigen“ Prospects waren, denn gerade OT Jackson und CB Igbinoghene in Runde 1 waren erstaunlich. Aber der Gesamteindruck ist nach dem Tua-Move kaum mehr entscheidend zu trüben.

Das liegt insgesamt an dem, was Miami nach dem ersten Pick gemacht hat: Es war nicht „schlecht“ und ein paar Ideen gefallen mir sogar sehr gut, aber die Umsetzung des gesamten Pakets fühlt sich nicht so ganz ideal an:

  • #18 OT Austin Jackson (USC)
  • #30 CB Noah Igbinoghene (Auburn)
  • #39 OG Robert Hunt (Louisiana)
  • #56 DT Raekwon Davis (Alabama)
  • #70 S Brandon Jones (Texas)
  • #111 OG Solomon Kindley (Georgia)
  • #154 DT Jason Strowbridge (UNC)
  • #164 EDGE Curtis Weaver (Boise State)
  • #185 LS Blake Ferguson (LSU)
  • #246 WR Malcom Perry (Navy)

Es fällt natürlich schnell auf: Der einzige Wide Receiver in dieser Gruppe kam erst in Runde 7! In einem exzellent besetzten Wide-Receiver Draft nicht zuzuschlagen ist ein Versäumnis. Alle waren sich einig, dass der 2020 Draft auch in der fünften Runde noch Talente habe, die in anderen Jahren in der dritten Runde gehen.

Für die Grabenkämpfe

Miami fokussierte sich dafür v.a. auf die beiden Lines: Je ein Guard in der 2ten und 4ten Runde und ein Offensive Tackle in der ersten, dazu je ein Defensive Tackle in der 2ten und 5ten Runde.

Vor allem der Pick von OT Austin Jackson an #18 Overall hinterlässt ein paar Fragezeichen: Jackson war auf etlichen „traditionellen“ Boards mit seinem Entwicklungspotenzial ein 1st Rounder, doch z.B. PFF sah ihn als 3rd Rounder. Begründung: Zu unfertig, zu schlechte College-Vorstellung, zu viel Projection.

Nun ist College-Performance im Scouting nicht das Allheilmittel, doch gerade in der Offense-Line Bewertung hat man in den letzten Jahren große Lernsprünge gemacht und weiß heute, dass sie einer der wichtigsten Indikatoren für NFL-Erfolg ist. Jackson ist zu unfertig um ihn hysterisch zu feiern.

Doch was waren die Alternativen für Miami? Offense Line war 2019 horrend:

#32 PFF Passblocking Grade
#32 PFF Run-Blocking Grade
#32 ESPN Passrush-Win Rate
#32 Football Outsiders Adjusted Line Yards

Und das jeweils abgeschlagene rote Laterne! Investition in die Offense Line war unvermeidlich. Und nachdem die Big-Five der Offense Tackles schon nach dem #14 Pick (Tampa Bay) vom Board waren, blieben keine Premium-Alternativen mehr übrig. Man hätte die Line auf einen späteren Moment verschieben können, doch dann wurde den Dolphins CeeDee Lamb an #17 vor der Nase weggeschnappt und es gab wohl schlicht keinen „no brainer“ Prospect mehr die haben. Insofern ist leichter gesagt als getan, Miami für den gezogenen Spieler zu verdammen.

Die Guards und Defensive Tackles fühlen sich wie suboptimaler Value in den mittleren Runden an, doch es war wohl ein wenig der Preis des Verlierers: Wer desaströs besetzt ist, muss an einigen Stellen einfach schnell auf NFL-Niveau kommen um ernsthaft mitzuspielen, auch wenn es kostet. Miamis primärer Mid-Round Fokus war es, möglichst viele Picks in die Lines zu stecken um Tiefe aufzubolstern.

O-Line und D-Line sind heute nicht mehr die Positionen, auf denen man sensationell besetzt sein muss um zu überleben – doch man sollte konkurrenzfähig sein. Eine Pass-Block Win-Rate von 41% darf sich schlicht nicht mehr wiederholen (NFL-Schnitt ist über 60%).

Secondary Moves

Eine sehr coole Idee dagegen waren die beiden Picks in die Secondary, insbesondere CB Ibinoghene an #30. Miami staubte dabei per Trade sogar noch etwas Extra-Munition von den Green Bay Packers ab.

Der Igbinoghene-Pick bekam von vielen Seiten Gegenwind, weil die Dolphins in CB Xavien Howard und dem heuer eingekauften CB Byron Jones bereits zwei hochbezahlte Cornerbacks besitzen, doch ich liebe diesen Pick: Three-Deep auf Cornerback klingt wie eine sensationell gute Idee in einer Liga, in der Pass-Coverage immer wichtiger wird!

Der Prospect selbst wirft zwar einige Fragezeichen auf – die meisten Teams hatten Igbinoghene trotz großartigem athletischen Talent eher Mitte zweite Runde geratet und weil der Sohn nigerianischer Einwanderer Igbinoghene erst seit relativ kurzer Zeit richtig Football spielt, ist er noch ein eher unfertiges Talent. Doch als dritter Mann hinter einem etablierten Starter-Duo gibt es ungewohnte Möglichkeiten dieses Talent langsam heranzuführen, und mit seiner Beweglichkeit taugt er auch für den Slot. Es ist ganz einfach ein Upside-Pick.

Es hätte an der Stelle auch Safety werden können, nachdem McKinney, Delpit oder Winfield auf dem Tisch lagen. Doch die Dolphins verzichteten auch ein paar Picks später auf Safetys und griffen erst in Runde 3 mit Brandon Jones zu. Es scheint ganz einfach andere Prioritäten gegeben zu haben.

Jones galt eher als Late-Rounder, doch nachdem ich schon pre-draft einen Vergleich mit Patrick Chung gelesen hatte, fühlt sich dieser Pick gleich wie „Fit“ in der Miami-Defense an: Guter Manndecker im Slot, das passt zu dem was Brian Flores macht.

Late Rounder

Viel gibt es nicht zu sagen: EDGE Curtis Weaver war ein 1st-Round Talent auf dem PFF-Board, doch als athletisch etwas limitierter, wenn auch produktiver Passrusher konnte man nie erwarten, dass Weaver so hoch geht.

Ein Long-Snapper fühlt sich in Runde 6 wie ziemlicher Luxus an. Spezialisten zu draften ist immer so eher meh – aber jetzt auch kein unbedingter Deal-Breaker.

In Summe

Kein Aufpreis für Tua dank Verwirrspiel, ein bisschen Value on top durch Down-Trade, Quarterback bekommen, Lines aufgebolstert, three deep auf Cornerback und Late-Round Value durch Weaver als Plus. Ein paar fragwürdige Talente und Opportunitätkosten durch verpasste Receiver-Klasse sind das Minus.

11 Picks sind eine voluminöse Klasse. Tua allein macht sie schon zum Erfolg. Dass man sich in der tiefen Wide Receiver Klasse nur so halbherzig bedient hat, könnten die Dolphins aber in einigen Jahren noch bereuen – so verständlich die Idee mit Aufbolstern der Line of Scrimmage auch war.

Für eine Gesamtnote A hätte es anstatt eines Run-Stuffers wie DT Davis in Runde 3 noch ein bisschen Mut und Receiver sein müssen – man draftet schließlich nicht für das Heute, sondern vor allem für das Morgen.

11 Kommentare zu “Tua und Komparsen: Der Dolphins-Draft 2020

  1. Großartiger Artikel! 🙂

    Aber ich fand auch den Packers Artikel gut, obwohl ich auch Packers Fan bin… Haha…

  2. Die Herbert-Smokescreens waren wirklich exzellent getimed und ausgeführt. Ich habe schon das Gefühl, dass die Chargers sonst hochgetraded hätten – wenn sie schon für einen LB in die erste Runde zurück traden. Insofern: alles richtig gemacht, dort wo es wichtig war. Ich habe durchaus das Gefühl, dass „Coach Flo“ der Erste der direkten BB-Abkömmlinge sein könnte, der wirklich nachhaltigen Erfolg hat – und das ausgehend von einer schwierigen Situation in Miami. Das Timing mit dem Umbruch in NE passt halt auch gut, aber Flores wirkt auf mich sehr überlegt und strategisch denkend was das Teambuilding betrifft. Das passt dann perfekt mit seiner eher impulsiven, mitreißenden Art am Spielfeld zusammen.

    Außerdem extremer Zusatznutzen: die letzten PFF-Podcasts wurden dadurch um einiges lustiger, weil Steve sich ständig von Sam anhören muss, dass er sich von den Dolphins verarschen ließ 😀

  3. Aber selbst wenn die Smoke-Screens perfekt waren, wundere ich mich immer noch über die L.A. Chargers.

    Ich möchte einfach wissen, was bei denen abgegangen ist als Tua gezogen wurde.

  4. Ich kapier das vor allem nicht ganz angesichts dessen, dass Detroit ja lt. aller Berichte unbedingt runtertraden wollte. Das wär wohl gar nicht mal so extrem teuer gewesen die drei Spots rauf zu gehen. Entweder sie waren sich wirklich sicher, dass die Dolphins dumm sind, oder sie waren von Tua nicht überzeugt. Ersteres erscheint mir wahrscheinlicher, weil die Chargers an sich eine smarte Organisation sind welche sich wohl kaum einreden, dass Herbert auch nur in irgendeiner Form der bessere Prospect ist.

  5. Miami hatte in den Stunden vor dem Draft sogar die Gerüchte gestreut, noch *nichtmal* QB zu draften, es gab Mock Drafts von ernstzunehmenden Leuten, in denen Miami einen Offensive Tackle nimmt!

    Möglich, dass die Bolts das alles wirklich geglaubt haben, aber wenn sie später für einen Run-Stuffer so teuer hochgehen, dann warum THE HELL nicht um „Sicherheit“ auf QB zu haben? Ich verstehe es nicht.

    Gleichwohl glaube ich auch, dass Miami riskiert hat. Bei allen Smoke-Screens bin ich mir nicht ganz sicher, wie viel Credit ich ihnen für diese doch haarige Aktion geben soll.

    Basiert natürlich alles auf der Annahme, dass niemand bei Tua ein komplett rotes Tuch bei der Hüfte sah.

  6. Bin ehrlich gesagt überrascht daß es noch Note B gibt für den Draft.

    Fasse mal zusammen:

    Fragwürdiger OT Pick auf 18
    Fragwürdiger CB Pick auf 30 (Value und Slot Compatibility und S waren auf dem Board)
    2 OG + 2 DT in der 2. und 4. Round, aber kein Receiver
    Safety in der 3. Round den alle in der 5. hatten
    Specialist in 6. Runde

    Für mich sind da zu viele fragwürdige Picks dabei, ich sehe ein daß Miami Pech bei Lamb hatte, aber der WR Corp beeindruckt niemanden und OG/DT wird doch immer kritisiert als non Value Position.

  7. Ich würd nicht sagen, dass die Dolphins bei Lamb „Pech“ hatten. Wenn so ein Prospect slidet, muss man halt auch mal investieren und rauf gehen, wenn man ihn haben will – gerade mit der Menge an Draftkapital das die Dolphins haben. Genau dafür ist dieses ganze Kapital da, wenn man seinen QB mal gefunden hat. Das kann man dann nachher nicht auf „Pech“ schieben. Aber grundsätzlich: richtiger QB -> da kann es erstmal aus meiner Sicht nicht weniger als „B“ bei der Benotung geben.

  8. In der pff nfl show gab es einen ganz einleuchtenden Kommentar: Wenn man hochgetraded wäre, hätte es den/die picks nicht gegeben. Die picks sind risikoreich und vlt auch nicht besonders inspiriert; letztlich sind es aber bonuspicks, die man sich erarbeitet hat.

  9. @alexanderbrink: Ja, das war am Montag auch mein Gedanke, deswegen sehe ich OT Jackson als „Netto Plus“, auch wenn es Fragezeichen beim Prospect selbst gibt.

    Ich bin mir auch nicht sicher wieviel Credit man Miami für Tua auf #5 wirklich geben kann. Das hätte auch in die Hose gehen können, oder hatten sie durch die Pats-Connection mit Detroit eine „Versicherung“? („Ruft uns an wenn die Bolts bei euch anfragen, wir legen dann noch was drauf…“)

    @Philipp S: Ich bin mir ziemlich sicher, dass Miami Lamb genommen hätte, wäre er zufällig an Dallas vorbeigefallen, und dann ist es plötzlich der geilste Draft ever.

    Deswegen sind Draft Grades auch nicht immer ganz fair 🙂

  10. Pingback: Detroit Lions NFL Draft 2020 Analyse: War gut war. Was schlecht war. Und was hätte sein können | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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