Indianapolis Colts: Rückkehr zur alten Schule?

Die Indianapolis Colts haben eine der verblüffendsten Offseasons hingelegt.

Es ist nur ein Jahr her, da klang das Urteil für den NFL-Draft 2019 noch wie eine einzige Lobeshymne: GM Chris Ballard habe das Team sensationell gut für die Zeit ab dieser Saison 2020 aufgestellt.

Natürlich hat es in der Zwischenzeit mit Andrew Lucks Rücktritt ein nicht unwesentliches Ereignis gegeben.

Doch in der jetzt laufenden Offseason zeigen die Colts plötzlich ein ganz anderes Gesicht, das man früher nur vermuten konnte (Offensive Line after Offensive Line after Offensive Line after…), das jetzt aber doch recht krass in den Vordergrund tritt: Die alte Schule.

Den 1st Rounder (#13 overall) für DT DeForest Buckner von den 49ers verkauft um Buckner einen 21 Mio/Jahr Vertrag zu geben. Defensive Tackle ist schon per se eine recht stark überbewertete Position, aber einen #1 Pick nebst einem solch teuren Vertrag selbst bei einer mäßig besetzten Defensive Line zu verpulvern, ist eine schlechte Idee im Team-Building.

Der Move wurde u.a. damit erklärt, dass die Colts Geld ausgeben mussten um den „Minimum Spending-Floor“ zu erreichen. Überzeugend ist das Argument nicht – es gibt andere Wege um wichtigere Spieler ohne Verkauf von 1st Round Draftpicks mit Moneten zu überschütten.

Im Draft 2020 dann…

Die Colts haben einen hervorragenden Pick gemacht: WR Michael Pittman jr an #34. Pittman ist ein Big-Man, der viele der Skills auf sich vereint, auf die der im März geholte neue QB Philip Rivers steht: Physisch stark, sichere Hände, keine Scheu vor traffic und Catches in enger Deckung. Rivers ist einer jener QBs, die keine Angst vor Würfen in enge Fenster haben – und Pittman als die physische Präsenz in derselben Aufstellung wie T.Y. Hilton klingt famos.

Doch danach kam nicht mehr viel um dem Colts-Passspiel zu helfen. Im Gegenteil: Indianapolis fädelte einen kleinen Trade-Up von #44 auf #41 ein um RB Jonathan Taylor zu draften.

Die Gedanken hinter diesem Pick sind in diesem aufschlussreichen Video des Colts-Front Offices zum Draft 2020 zu finden und reichen für zwei volle Phrasenschweine:

 

„We need to get more explosive”

“We need to difference makers in the 2nd round, a back and a receiver”

“Every great football team needs a great 1-2 punch in the running game”

“too good to be true”

“this guy has the oh boy factor”

“this guy behind our line in our scheme: 2000 yards!”

Und so weiter. Nun kann man sich immer einreden, dass der nächste Runningback der erste ist, der aus der unendlichen Schleife der verschenkten Picks heraussticht – und vielleicht ist der zähe und doch explosive Taylor aus Wisconsin wirklich besonders gut geeignet um das Laufspiel der Colts einen Schritt nach vorne zu bringen.

Aber es bleibt noch immer Laufspiel – die ineffiziente Version von Football-Offense. Wir wissen, dass Laufspiel-Erfolg in der Reihenfolge von drei Dingen getriggert wird:

  1. Scheme / Aufstellung
  2. Qualität der Offensive Line
  3. Runningback

Indianapolis hat einen Trade-Up in der frühen zweiten Runde initiiert um den unwichtigsten Teil des bedeutungsärmeren Teils der Offense aufzubolstern….

…und dadurch u.a. die Chance verpasst, sich noch ein weiteres Mal im tiefen Receiver-Corps zu bedienen um die Passing-Offense zu stützen. Es zeigt, dass auch angeblich smarte Teams sich nicht der Laufspiel-Falle entziehen können.

Die Colts hatten schon letztes Jahr mit 0.06 EPA/Run eine Top-3 Rushing Offense – ohne Taylor. Sie hatten aber mit 0.04 EPA/Pass nur die #20 Passing-Offense und waren damit eines der seltenen Teams, deren Passspiel weniger zustande brachte als das Laufspiel.

Vieles daran lag an der Qualität des Quarterbacks. Jetzt hat man Rivers. Man hat natürlich ein paar junge Receiver wie den erst 2019 gedrafteten Campbell im Kader, aber die Klasse von 2020 wäre die Chance gewesen, nachzulegen und einen auf Jahre tiefen WR-Corps anzusammeln, der eventuell dann auch für den Rivers-Nachfolger von schnellem Vorteil gewesen wäre.

Der könnte übrigens QB Jacob Eason (4te Runde) sein. Den Pick kann man verteidigen – Entwicklungs-QBs in den späteren Runden sind selten eine schlechte Idee.

In der Defense bleibt Indy bei seinem alten Ballard-Credo: Physis über Tape. Wie schon letztes Jahr draftete man physische Athleten wie Safety Justin Blackmon oder später CB Isaiah Rogers – aber selbst in den letzten Runden kam kein Receiver mehr!

Draft 2020: Verpasste Chance. Ich habe nicht umsonst nur Note C vergeben. Mehr noch: Mit dem übertriebenen Fokus auf pound the football muss man Angst haben, dass Indianapolis nicht nur in der Spielerbewertung, sondern auch im Play-Calling einen falsch gewichteten Fokus setzen wird.

Dominante Offensive Line und so weiter… I get it. Aber wenn jetzt auch noch die Colts zu glauben beginnen, dass man den Ball besser am Boden bewegt als über die Luft, dann könnte die AFC South plötzlich offener sein als gedacht.

4 Kommentare zu “Indianapolis Colts: Rückkehr zur alten Schule?

  1. Sehr schwach von den Colts, einer der größten Benefits einer starken OL ist es jeden RB dahinter stellen zu können und gute Ergebnisse zu bekommen. Marlon Mack hat gereicht um auf 7 in DVOA zu kommen!

    Verschenkter Pick, und Taylor hat keinen Value als guter Receiver, da versteht man wirklich nicht mehr was man sagen soll.

  2. Ich 49ers-Fan hatte den Buckner-Trade mit einem lachenden und weinenden Auge gesehen, aber letztlich für beide Teams (und für DeFo sowieso) als sinnvoll einordnen können.
    Du bringst aber (mir neue) gute Argumente, dass das aus Colts-Sicht eher nicht der Fall ist.

    An das Thema Team-Building hatte ich noch gar nicht gedacht. Bei einer Teameinheit, die buchstäblich als eine Line zusammenhalten muss, und die körperlich brutal ist, ist es wirklich nicht zu unterschätzen, was das mit dem Rest der Line macht, wenn einer das Doppelte bis Zehnfache verdient…
    Dazu der RB-Draft. Die 49ers hätten doch garantiert ohne viel Verhandeln einen RB mit nach Indianapolis geschickt, und die Colts hätten ihren 2nd Rounder sinnvoll einsetzen können.
    Dann noch das Argument mit dem Floor, wow! Das hatte ich auch noch nicht gehört, aber wie du sagst: irre.

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