Mitchell Trubisky und der Zyklus des Quarterback-Flops

Die Chicago Bears haben gestern wie erwartet die 5th-Year Option Tag für QB Mitchell Trubisky abgelehnt. Ein Move, den jeder erwartet hat. Einer, der sich wiederholt hat und sich wiederholen wird.


Das Bild von Trubisky hat sich in den letzten 12-18 Monaten extrem gewandelt. Noch vor einem Jahr saßen wir hier und haben mit Trubisky-Truthern ob seiner NFL-Tauglichkeit verbal zusammengeschlagen.

Trubisky war der #2 Pick im Draft 2017. Das allein schon war kurios, denn die Chicago Bears verkauften einen Haufen Draftpicks um von #3 auf #2 hochzuspringen und sich die Rechte an Trubisky zu sichern – obwohl es offensichtlich keinen Mitbieter gab!

Trubisky versauerte in Jahr 1 im zu konservativen System von John Fox, doch Jahr 2 sollte sein großer Durchbruch werden: Neues Offensiv-System vom neuen Headcoach Matt Nagy, neue Waffen wie WR Allen Robinson oder WR Taylor Gabriel, neuer Mut.

Trubisky antwortete 2018 mit 25 TD und 12 INT. Die Bears gingen 12-4 und cruisten in die Playoffs, wo sie in der Wildcard-Runde knapp zuhause an den Eagles scheiterten. Für die Truther unter den Bears-Fans war Trubisky auf dem Sprung zu Superstar-tum.

Doch alle Evidenz zeigte in eine andere Richtung: Trubisky extrem unpräziser QB mit schlechten Entscheidungen, rausgerissen von einem fantastischen Scheme und der Möglichkeit, dank Zillionen Defensiv-Turnover fast immer mit Führung im Rücken einen risikolosen Stiefel runterzuspielen.

Touchdowns und Interceptions sind eine quicke Einordnung, aber sie sind maximal Symptom und quasi wertlos für eine sinnvolle Einschätzung. Die Zahlen unter der Oberfläche waren erbarmungslos:

#32 PFF Grade in sauberer Pocket
#35 bei negativen Dropbacks
#30 in Adjusted Completion-Rate

Trubiskys Einbruch war abzusehen. Die Reaktionen waren dennoch heftig, als die Bears in den Previews auf diesem Blog vornehmlich dank des desaströsen Quarterbackings aus den Playoffs geschrieben wurden (Beispiel für eine Reaktion hier).

Die Kollegen rieben sich in unendlichen Diskussionen auf. Eine exemplarische simple Twitter-Suche mit allein an Adrian Franke gerichtete Twitter-Reaktionen ob dessen kritischer Haltung gegenüber Trubisky zwischen März und September letzten Jahres ist pures Gold

…und dennoch nur Peanuts gegen das, was in US-Foren und auf den Twitter-Accouts der größeren Journalisten abging:

Der Fall Trubisky war letztlich ein weiterer jener gestern beschriebenen, in denen Fans ganz einfach auf alle Evidenz scheißend „ihren Guy“ aufs Letzte verteidigen.

Es kam natürlich wie es kommen musste: Trubisky stank ab und ist heute so gut wie abgesägt. GM Ryan Pace, der Mann der Trubisky einst holte, dann stärkte und gegen alle Kritik verteidigte, hatte in den laufenden Offseason nicht die Eier, seinen QB mit dem Einkauf eines Jameis Winston schon jetzt abzusägen – es wäre ein bitteres Eingeständnis gewesen – und so gehen die Bears nun mit einem QB-Duo Trubisky/Foles recht hoffnungslos in die Saison 2020.

Die größte Hoffnung ist nun der Verzicht auf die 5th-Year Tag! Rodger Sherman vom Ringer hat den Zyklus des QB-Flops perfekt zusammengefasst:

Der Kampf um Mitch ist damit vorbei. Wie auch der Kampf um Blake Bortles in einer allerdings „leiseren“ Fan-Base in Jacksonville vorüberging. Prädestiniert als nächster QB in der Reihe: Buffalos Josh Allen.

Was haben wir noch gelernt?

Draften ist schwierig und was danach kommt voller Unwägbarkeiten. Von den Top-5 Picks im Draft 2017 kommen vier nächstes Jahr auf den freien Markt:

Trubisky natürlich als Headliner. Doch auch der #3 Pick Solomon Thomas ist als Zwitter zwischen Edge-Rusher und Defensive Tackle nie über die Rolle eines Ergänzungsspielers hinausgekommen. Der Fournette-Pick war vom ersten Tag Schrott, weil Runningback – und Corey Davis war in der ultrakonservativen Titans-Offense mit Playcallern wie Mularkey oder LaFleur und einem ängstlichen QB wie Mariota immer verschenkt.

Und jetzt?

Mit Trubiskys nahendem Ende wäre nun eigentlich das Feld bereitet für den Umbruch in Chicago. Pace kann sich eigentlich nur über die Saison 2020 hinaus retten, wenn er die Owner-Familie von der alles dominierenden Rolle des Tight Ends in der zeitgenössischen NFL überzeugt, und Matt Nagy wird früher oder später auf den einzigen QB im Kader wechseln, mit dem er zumindest eine Idee seiner Offense spielen kann.

Damit haben die Bears „immerhin“ schon nach vier Jahren verstanden was Sache ist. Sie hätten es nach drei haben können, aber der Mensch klammert sich dann eben doch zu lange an die Dinge, die ihm ans Herz gewachsen sind.

10 Kommentare zu “Mitchell Trubisky und der Zyklus des Quarterback-Flops

  1. …mit Playcallern wie Mularkey oder LAFLEUR…

    Haha, was ein geiler Diss gegen LaFleur 😀

  2. Dalton wird Backup bei den Cowboys, 1 year $3 million guaranteed und bis 7 möglich.

    Warum sich die Bears mit Foles, den schlechtesten und teuersten QB der keinen Job hatte ausgesucht haben wissen wohl nur sie selbst. Aber das mit Trubisky war schon beim Draft seltsam. Zumal mit Mahomes und Watson zwei deutlich bessere QB später gingen

  3. @Sam und hier:

    Pace kann sich eigentlich nur über die Saison 2020 hinaus retten, wenn er die Owner-Familie von der alles dominierenden Rolle des TIGHT ENDS in der zeitgenössischen NFL überzeugt

    LOLOLOL

  4. @Klappflügel: Ja unglaublich, daß man für Foles noch einen Draftpick ausgeben musste wenn Jameis, Cam oder Dalton fast gratis zu haben gewesen wären.

    Das Bears Management hat nach 2018 komplett die falschen Schlüsse gezogen und den Karren voll an die Wand gefahren, eigentlich schade, weil dem Team habe ich gern zugeschaut damals.

  5. Oder das Bears Front Office redet sich damit raus, dass auch der Common Sense gerne daneben liegt: Anschauungsbeispiel aus dem selben Draft sind die 49ers, die damals sehr dafür gelobt worden sind den Bears Picks abgenommen und trotzdem den logischen Spieler für ihr Team bekommen zu haben.
    Für die Option auf das fünfte Jahr hat es bei Thomas trotzdem nicht gereicht. Das finde ich mit Blick auf den 2017er Draft schon spannend.

    (Allerdings gehe ich davon aus, dass Thomas mindestens für die Tiefe der DL auch in den kommenden Jahren eine sinnvolle Rolle in einem NFL Team spielen kann… Trubisky eher nicht.)

  6. Der 2017 Draft ist wirklich kurios in Nachbetrachtung.

    Bei den ganz hohen Picks wirklich sehr viele Busts und nur sehr wenige Treffer, aber gegen Mitte und Ende der ersten Runde gingen dann viele All Pros vom Board (Mahomes, Watson, Lattimore, Humphrey, White und Watt).

  7. offtopic: wer die Chancen auf NFL-STart in 4 MOnaten (10.9.) beurteilen will, kann als FAllbeispiel aktuell mal den 1. FC Köln etwas begleiten. 2 Bundesligaprofis positiv auf Covid-19 getestet. Wie reagieren Spieler, Medien, der Verein, die Liga? USA natürlich anderes Diskussionsklima, aber als grobes Muster unter Umständen nützlich…

  8. Re Draft 2017: Echt heftig, wenn man sich die erste Runde mit Abstand von 3 Jahren nochmal anschaut. Bei Trubisky war es tatsächlich damals schon hohes Bust-Potential zwecks wenig College Tape und Fournette als RB in den Top-5 zu holen, auch indiskutabel.
    Man schaue sich auch mal die drei Wideouts an, die in Runde 1 gingen: allesamt Top-10 Picks und keiner den ganz großen Impact gehabt bisher. Am ehesten hat Mike Williams hier und da Potential angedeutet… Der Draft ist auch in Runde 1 eine äußerst unwahrscheinliche Kiste 😀

  9. @milaidin Das Lob gebührt den 49ers auch. Durch den Trade haben sie zusätzlich zu Solly nämlich letztlich noch Fred Warner und Dante Pettis bekommen, wenn ich das jetzt richtig nachverfolgt habe. Was einmal mehr zeigt, dass es sich lohnt, viele Lose zu haben…
    Insofern bin ich trotz Thomas‘ bisher enttäuschender Karriere zufrieden. (Außerdem wird 2020 Thomas‘ Jahr – falls sie spielen.)

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