Lohnend, aber nix für schwache Nerven: ESPNs Alex-Smith-Doku

Update: Mina Kimes interviewt Alex Smith und Stephania Bell in ihrem ESPN Daily-Segment zu dem Unglück. Eine gute Ergänzung zum Thema.


Einigen Lesern dürfte es schon bekannt sein: ESPN hat vor wenigen Tagen eine von Stephanie Bell produzierte Dokumentation über QB Alex Smith und seinen Kampf zurück von einer Horrorverletzung im November 2018 veröffentlicht.

Ich hatte das ganze Ausmaß der Verletzung gar nie richtig wahrgenommen. Dann sah ich das Bein.

Alex Smith war einer der NFL-Spieler mit dem mitunter außergewöhnlichsten Karriereverlauf ever: 2005 wurde er an Stelle von Aaron Rodgers als #1 QB der San Francisco 49ers gedraftet, doch nach einer ganz üblen Rookiesaison und zahlreichen Verletzungsproblemen glich es eher einem Wunder, dass Smith 2011, sechs Jahre nach seinem Einstand, bei der Amtsübernahme von Jim Harbaugh noch immer im Kader stand.

Unter Harbaugh erlebte Smith die Wende, wurde zu einem formidablen Starting-QB und führte die 49ers gleich in der ersten Saison ins NFC Championship Game – u.a. mit einer epischen Performance in einem der sensationellsten Playoffspiele unserer Zeit, 2012 gegen die Saints.

Doch 2012 wurde Smith trotz guter Leistungen nach einer Gehirnerschütterung von Colin Kaepernick aus der Starter-Rolle verdrängt, und es war der atemberaubende Kaepernick, nicht Smith, der San Francisco schließlich in die Super Bowl führte.

Smith war damit just in seiner bis dato besten Karrierephase entbehrlich geworden und wurde in der Offseason nach Kansas City getradet, wo er unter der Ägide von Headcoach Andy Reid seine sportliche Blütezeit erlebte, eine darniederliegende Mannschaft umkrempelte und Jahr für Jahr in die Playoffs führte.

Es war die Zeit in Kansas City, die Smith das Image des „sicheren Game-Managers“ einbrachte, der kaum Turnovers begeht, aber dafür viele Sacks kassiert und zu wenige Big-Plays generiert um wirklich zu einem hochklassigen Top-QB zu werden.

Weil das „Ceiling“ mit Smith dann trotz aller Erfolge zu limitiert war, drafteten die Chiefs 2017 Pat Mahomes, und so wiederholte sich für Smith Geschichte: Wieder wurde er von einem jungen Nachfolger verdrängt.

Smith führte Mahomes ein Jahr in die Basics der NFL ein und vertschüsste sich hernach erneut via Trade Richtung Washington. Wie wichtig Smith für Mahomes war, lässt sich u.a. an der schieren Häufigkeit der Dankesworte von Mahomes in Richtung Smith in den Stunden nach der Superbowl ablesen.

Smith war in Washington nicht lange Starter, denn im 10ten Spiel zerfetzte sein Bein bei einem Sack, und als ob der komplizierte Bruch nicht genug gewesen wäre, gesellte sich in den Tagen nach der ersten Operation eine bakterielle Entzündung hinzu, die zu Nekrose (massenhaftes Absterben von Zellen) und in weiterer Folge zu letztlich lebensbedrohlichen Zustand (Sepsis) führte.

Ich gebe zu, ich habe die Geschichte nur beiläufig mitgekriegt: Du hörst „Komplikationen“ und dann hörst du ein paar Monate später, längst mit den Gedanken bei völlig anderen Themen wie dem Draft, davon dass „zwischenzeitlich Amputation drohte“. So weit, so gut.

Doch dann siehst du in dieser Dokumentation die Bilder dazu – und sie sind nichts für schwache Nerven. Smiths Bein sieht aus wie frisch vom Schlachtfeld, und du musst mehr als zweimal schlucken, wenn selbst die behandelnd Ärztin bei der Erinnerung an den Kampf um Smiths Bein – und zwischendurch sein Leben – von ihren Emotionen überfahren werden.

Ich hatte die Bilder heute Nacht noch im Kopf und musste mich zweimal umdrehen. HOLY HELL. Ich bin trotzdem froh, die Dokumentation gesehen zu haben – denn sie ist sehr stark: Qualitativ und in dem was sie im Zuseher auslöst.

Smith ist nach insgesamt 17 Operationen heute wieder soweit, dass er selbstständig gehen und auch schon wieder trainieren kann. Sein Ziel bleibt offensichtlich eine Rückkehr in die NFL – wie realistisch das ist, ist schwer zu sagen, doch gehen wir mit seiner Frau, hat die Aussicht auf ein Comeback das entscheidende Feuer in Smith ausgelöst sein Bein gegen alle Wetten doch zu behalten.

Sie war in den letzten Tagen auf dem Youtube-Kanal von NFL Fanzone. Wie lange sie dort bleibt, kann ich nicht genau sagen. Also wer sie sehen will, bitte hier entlang. Wie gesagt: Empfehlung, aber wegen der Bilder auch versehen mit einer Warnung.


[Edit: Das volle Video wurde offensichtlich schon wieder runtergenommen, vielleicht lädt es jemand in Kürze wieder hoch]

7 Kommentare zu “Lohnend, aber nix für schwache Nerven: ESPNs Alex-Smith-Doku

  1. Ich bin Rettungsassistent und war mit der Bundeswehr zweimal in Afghanistan. Als ich mir gerade die Bilder angesehen habe dachte ich nur Wow…Holy Shit…
    Das das Bein drann geblieben ist ist schon ein Wunder. Das er wieder relativ gut laufen kann noch mehr. Wenn er jemals wieder richtig spielen sollte dann fällt mir kein Superlativ mehr ein was über Wunder liegt.

  2. @Marakain: Im ESPN-Daily bekräftigt Alex Smith noch einmal, dass eine Rückkehr als Quarterback sein Ziel bleibt.

    LINK

    Ich gebe zu, ich bin auch einen Tag nach den Bildern noch sehr gefesselt davon.

  3. @Korsakoff: wenn möglich, ersetz doch Marakains Email gegen irgendwas anderes. Ich bin kein Technikexperte, aber als ich das letzte Mal meine Email in Textform in einem Forum angegeben habe, war das das spektakuläre Spam-ende jener Emailadresse.

    On Topic: ich fand es sensationell, wie Alex Smith nach der medial brutalen 49ers-Zeit in KC aufgeblüht ist. Das hat mich echt gefreut. Und dass er das Bein behalten hat, finde ich irgendwie karmatechnisch passend. 🙂

  4. Pingback: Der Jalen-Hurts-Pick | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. ist mir glatt untergegangen. Habe das Video auf ESPN jetzt gesehen, oje… ich würde ihm wünschen, dass er nochmal auf dem Platz stehen kann. Für mich war er immer ein extrem sympathischer Spieler..

  6. Pingback: Informationen zum Coronavirus und der NFL | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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