Eine kleine Diskussion des Chase-Young-Picks der Washington Redskins

Die Washington Redskins haben mit ihrem #2 Pick das Erwartete gemacht und EDGE Chase Young gezogen. Eine Diskussion über das Für und Wider.

Young galt für die meisten Experten als das gemessen an der Positionserwartung kompletteste Prospect des Drafts 2020: Ein furchtloser Pass-Rusher ohne klare Schwächen, extrem explosiv und produktiv am College. Prinzipiell war Young eines der wenigen Draft-Prospects, an denen es nix auszusetzen gab – so wenig, dass Young im Pre-Draft Prozess fast schon langweilig war, weil es an ihm nix zu diskutieren gab.

Die Redskins zogen ihn auf #2. Es war die erwartete Wahl – ob es das ideale Szenario für Washington war, ist dagegen sehr zweifelhaft.


#1 Pass-Rush ist in der heutigen NFL nicht mehr die wichtigste Position. Das Thema ist mittlerweile abgelutscht: Defensive Coordinators sind besser beraten, die Coverage zu stärken, wenn sie eine herausragende Defense bauen wollen.

Das bedeutet nicht, dass Pass-Rush unwichtig ist: Der beste QB spielt unter Druck wie der 25t- bis 30t-beste QB ohne Druck, und die meisten QBs stehen in immerhin 25% bis 40% ihrer Snaps im Kreuzfeuer der Pass-Rusher und kassieren in 3% bis 7% der Snaps einen Sack – und Edge-Rusher können relativ gut projected werden.

Doch ich habe schon oft darüber geschrieben, dass es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass…

  1. …QB-Pressure mehr vom gegnerischen QB getriggert wird und wie lange er den Ball hält
  2. …schneller Druck immer besser gekontert wird von noch schnellerem Kurzpassspiel mit Yards-after-Catch Möglichkeiten
  3. …es effizienter ist, dem QB den ersten Read zu nehmen um dem eigenen Pass-Rush überhaupt die Zeit zu geben zum QB vorzudringen.

Das Werte-Verhältnis zwischen Pass-Rusher und Cornerback z.B. haben Steve Palozzolo und Sam Monsen in einem der PFF-Podcasts so beschrieben: Selbst wenn Young sofort All-Pro Level zeigt, muss ein Cornerback „nur“ ein sehr guter Starter sein um denselben Einfluss auf das Spiel in der NFL zu nehmen. Das ist ein kleinerer Gap als auf den unreflektiertesten Twitterseiten proklamiert wird, aber es ist dennoch signifikant.


#2 Die Redskins hatten keinen 2nd Rounder und haben im ganzen Draft 2020 damit kaum Impact-Picks bekommen. Man kann natürlich dagegen argumentieren, dass es für einen Trade immer zwei Parteien braucht, doch ich bringe hier mal einen Gegen-Punkt: Peter King war im virtuellen Draft-Raum der Tampa Bay Buccaneers mit dabei und seine Kolumne Football Morning in America gibt deutliche Hinweise darauf, dass im Hintergrund viel mehr Trade-Optionen auf dem Tisch sind als öffentlich bekannt.

Die Trades kommen aus verschiedenen Gründen nicht zustande – doch zu glauben, dass es in einem Draft ohne Trades in den Top-10 keine Angebote gab, ist unrealistisch at best. Vielleicht kühlte das Dolphins-Verwirrspiel um Tua die Tradeambitionen der Chargers ab, vielleicht hatten die Fins einen Notfallplan mit den Redskins in der Schublade – wir wissen es nicht.

Grundsätzlich aber wären viele Arten von Down-Trade für Washington erstrebenswert gewesen um das limitierte Draft-Kapital aufzubolstern – schließlich war man ja ohne 2nd Rounder, weil man erst letztes Jahr einen Trade-Up für einen anderen Passrusher (Montez Sweat) eingefädelt hatte…


#3 Den Draft gewinnen. Ich liebe die Offseason-Varianten des PFF-Forecast Podcasts mit Eric Eager und George Chahrouri, weil sie nicht in etablierten Kategorien denken, sondern zahlreiche out of box Gedankenansätze mit ins Spiel bringen. Eines der schlagenden Argumente von Eager mit Blick auf die Redskins war folgender (sinngemäß):

  1. Cowboys, Eagles und auch Giants sind alle besser besetzte Teams in der NFC East als die Redskins.
  2. Die Redskins hatten trotz der hohen Draftposition weniger Draftkapitals als die Giants, nur in etwa gleich viel wie die Eagles und nur knapp mehr als die Cowboys.
  3. Was ist also deine beste Chance, den Gap zwischen dir und der Konkurrenz am schnellsten zu verkleinern?
  4. Bestimmt nicht mit einem Edge-Rusher. Entweder ist es die Chance auf einen massiven Trade oder die Chance auf maximale QB-Power.
  5. Einberufung von Tua hätte vielleicht Unruhe gebracht, aber gleichzeitig die Chance auf einen Franchise-QB deutlich erhöht.

Das Argument etwas anders formuliert gab es schon vor ein paar Monaten von PFF_Moo. Es wäre im Prinzip der Tausch von ein paar Monaten Unruhe in der Franchise wegen der offenen QB-Competition gegen eine höhere Chance auf einen Franchise-QB – mit der aktuellen Unsicherheit um Dwayne Haskins keine Idee, die man so schnell verwerfen sollte.

So wie Washington gedraftet hat, ist die Lücke zur Konkurrenz in der NFC East erstmal nur größer anstatt kleiner geworden. Man wettet im Prinzip, dass Haskins den Durchbruch schafft und deutlich besser wird als Wentz, Prescott und Daniel Jones um damit auch gleich den qualitativen Nachteil im restlichen Kader wettzumachen. Es ist eine Wette, deren Quoten wesentlich schlechter für Washington stehen als dafür, dass Haskins oder Tua besser werden als Wentz/Dak/Jones.

14 Kommentare zu “Eine kleine Diskussion des Chase-Young-Picks der Washington Redskins

  1. Na ja, wenn schon unkonventionell denken um die Draftpicks zu vervielfältigen und Mehrwert zu generieren, hätten sie Tua draften und ihn unmittelbar im Anschluss zwischen Miami und den Chargers versteigern können. Einer von den beiden hätte dann sicher zwei Erstrunder rausgehauen.
    Aber … es ist ja nicht jeder Kevin Costner …

  2. Das habe ich mit in der Tat v.a. für die Detroit Lions an #3 gedacht: Sie hätten Tua eiskalt an #3 ziehen sollen, die Dolphins wären panisch geworden und hätten ihnen neben Okudah noch einen Haufen Picks nachgeworfen.

  3. Ich glaube nicht dass irgendjemand in der NFL daran Interesse hat, einen gerade gedrafteten Spieler ohne vorherige Absprache zu traden.
    Bei Eli Manning war ja offenbar vorher klar wer die Tradepartner waren, der Spieler war aktiv beteiligt und man konnte die Situation deshalb gut moderieren.

    Aber man stelle sich die Situation ohne Absprache mit einem frisch gedrafteten Spieler direkt in der ersten Runde vor:
    Interview bei ESPN mit dem Spieler, der dann sagt dass er drauf brennt mit Team X durchzustarten nur damit 5 Minuten später jemand verkündet dass er jetzt an der anderen Küste spielt? Ständiges Rätselraten bei jedem Pick, ob im Nachhinein nicht doch noch getradet wird?
    Ich glaube nicht, dass sich das mit der NFL Vision vom Draft, bei dem jeder Fan mitfiebert verträgt…

    Alleine aus Marketinggründen könnte ich mir gut vorstellen dass Du für diesen Gedanken auf dem nächsten Owner Meeting geteert und gefedert wirst.

  4. In der NBA sind solche Moves nicht selten, die einzelnen Spieler sind dort für die Mannschaft wesentlich wichtiger und die Owner halten das dort locker aus.

  5. Wichtig wäre hierfür, aber zu wissen was die anderen Teams denken. Nach außen kann man es ja schlecht beurteilen. Denke aber die Teams wissen am Draft-Tag deutlich mehr über die anderen Einschätzungen als die Öffentlichkeit. Oder sie denken zumindest sie wüssten es…

    Ich hätte den Tua-Pick sehr gut gefunden. Wenn man schnell jemand findet für einen Trade findet, dann kann man immer noch einen gute Prospect (Young / Okudah…) und etliches Value dazubekommen. Sonst behält man Tua und hat seine Chance auf einen Franchise QB deutlich erhöht. Eigentlich deutlich weniger Risiko, als es zunächst auf den ersten Blick ausschaut…

  6. Ich glaube die Geschichte mit Tua speziell hätte so wie hier teils skizziert nicht funktioniert, weil Miami sich aus Prinzip nachher nicht mehr über den Tisch ziehen hätte lassen. Dann hätten sie eher Herbert genommen und Tua als zu „injury prone“ deklariert – den ganzen Narrativ dafür haben sie ja im Vorhinein schon geschrieben. Nicht weil sie das wirklich glauben, aber weil das von den Lions (oder Redskins) ein so einzigartiger Move gewesen wäre, dass sie nicht als erstes Team das so abgezockt wurde in den Geschichtsbüchern stehen möchten. Ich verweise da gerne nochmal drauf, dass die Owner ja großteils auch eitle Hunde sind.

    In der NBA ist viel üblich, was in der NFL nicht geht. Beim Brock Osweiler nach Cleveland Deal haben auch schon viele vermutet, dass das ein Dammbruch war und solche Cap-Dump-Deals, wie sie in der NBA an der Tagesordnung stehen, jetzt auch in der NFL Einzug halten. Bis heute ist es der einzige derartige Deal. Sinnvoll wäre es durchaus, wenigstens den QB mehr nach NBA-Standards zu behandeln – weil es die einzige NFL-Position ist, die in Relation zum gesamten Team auch den Wert eines NBA-Spielers hat. Aber ich sehe nicht, dass das so passiert in der NFL.

  7. Da bin ich mir nicht so sicher. Wäre doch die beste Möglichkeit um wirklich zu tanken in der NFL: Du holst dir eine Handvoll teure Verträge rein, kriegst damit schlechte Spieler, Draftpicks und verwendest aber auch deinen Cap-Space – alles drei sind Dinge, die du zum Tanken machen willst.

  8. Cap Space hat nix mit Tanken zu tun. Im Gegenteil, man möchte so viel Cap Rollover wie im Rahmen des CBA mit Spending-Floor usw. möglich ist, mitnehmen.

  9. „(…) doch zu glauben, dass es in einem Draft ohne Trades in den Top-10 keine Angebote gab, ist unrealistisch at best.“
    Glaube ich auch. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Jimmy-Johnson-Chart schuld war. Wenn die Redskins ihren #2-Pick nach JJ bewertet haben, dann kann ja fast niemand das Angebot matchen.

  10. @korsakoff: Natürlich hat Cap-Space was mit Tanken zu tun. Sie müssen ja einen relativ hohen Mindestwert (89 % wenn ich das recht im Kopf habe) tatsächlich überschreiten. Wenn ich wirklich tanke ist mir doch wurscht, ob ich damit sinnvolle oder nutzlose Spieler bekomme bzw. ist letzteres eventuell sogar sinnvoller. Mit Osweiler (um das Beispiel zu nehmen) tankt es sich besser als mit den meisten anderen QBs. Natürlich muss der Vertrag so gestaltet sein, dass ich ihn nach diesem, maximal dem nächsten Jahr los bin, das ist die Bedingung.

  11. Das ist das, was ich mit „im Rahmen“ meine. BTW Sie müssen über einen Vierjahreszeitraum 89% des Caps an Cash auszahlen, das kann man locker in den Jahren ums Tanking herum.

    Einem Spieler einfach viel Kohle nachzuwerfen um nicht genug Geld für einen guten „Rest-Kader“ zu haben, scheint mir ein sehr suspekter / suboptimaler Weg zu sein.

  12. Vierjahreszeitraum war das? Hm, und für einzelne Jahre gibt es gar keinen Floor? Bzw. ist der Floor dann einfach so hoch, dass es sich in dem Vierjahreszeitraum trotzdem noch ausgehen können muss?

    Du wirfst dem Spieler ja nicht nur Kohle nach, du bekommst ja auch einen Draft Pick dafür – und die sind sehr wertvoll. Und wenn du eh – wie z.B. Miami letztes Jahr – davon ausgehst, dass du nix gewinnst, dann ist es ja kein Problem wenn du für dieses eine Jahr Geld gebunden hast. Aber gut, wahrscheinlich ist es einfach simpler die vorhandenen Spieler für Draftpicks zu verkaufen – wie z.B. Miami letztes Jahr – dann spart man sich das aufhalsen der teuren Verträge für sinnlose Spieler und bekommt auch Draftpicks.

    Langsam ist wirklich Offseason, wenn wir solche Dinge so ausführlich diskutieren 🙂

  13. Apropos Offseason:
    Ich finde ja z.B. auch Ausführungen zur Nummernlogik für verschiedene Positionsgruppen fantastisch… Nämlich dann auch noch mit besonderer Konzentration auf die 40er… 🙂

    copyright @giannivanzetti / @SnapDieShow

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