Die Mayock/Gruden-Raiders: Pfeif auf Marktwert, priorisiere Einsatz

Die Draftklasse der Las Vegas Raiders von Jon Gruden und Mike Mayock fühlt sich auch zweieinhalb Wochen nach dem NFL Draft 2020 noch hohl an.

Mayock war letzte Woche in der Rich Eisen Show zu Gast und hat einige der Picks erklärt, doch da war viel vom alten Business-Bullshit mit dabei: WR Henry Ruggs habe die work ethic eines Walk-on an den Tag gelegt, er sei nicht nur Receiver, sondern auch Returner und Special-Teams Gunner in einer Person. CB Damon Arnette sei ein tough, competitive guy, der Football nicht fürs Geld, sondern aus Leidenschaft spiele. WR Bryan Edwards sei verlässlich und ein habe über 40 Starts lang gut performt.

Ich habe dem Raiders-Draft die Note = C gegeben. Es war wie schon letztes Jahr so eine Draftklasse, die trotz sehr vieler hoher Picks (zwei 1st Rounder, drei 3rd Rounder) am Ende einen recht gespaltenen Eindruck hinterließ.

Wie schon letztes Jahr zogen Gruden/Mayock Spieler, die nach öffentlicher Meinung als reaches(also zu früh gedraftete Spieler) durchgingen:

  • WR Ruggs vor Jeudy und Lamb
  • CB Arnette, der bei den meisten als 3rd Rounder gelistet war, an #19
  • WRs Bowden und Edwards auf zahlreichen Boards in 4th Round statt in 3rd Round
  • FS Tanner Muse, in vielen Pre-Draft Analysen eher 5th Rounder als 3rd Rounder

Aber immerhin zogen sie heuer mit Receiver und Defensive Backs vor allem wichtige Positionen – mit einem Sternchen: In oben verlinktem Interview kündigt Mayock an, dass man den 3rd-Round WR Lynn Bowden aus Kentucky in erster Linie als Runningback anschaue – was schnell den Verdacht nährt, dass Las Vegas eine Verteilung Early-Down Back Jacobs vs. 3rd-Down Back Bowden anvisiert.

Receiver, Cornerbacks und Value

Grundsätzlich ist an den gezogenen Positionen nicht viel auszusetzen: In einer tiefen Receiver-Klasse mehrfach nach selbigen zu greifen, ist eine gute Team-Building Strategie, und Defensive Backs kannste in der heurigen NFL nie genug haben. Aber die Spieler selbst… ick weiß nicht, ick weiß nicht.

Die Einberufung von Ruggs ist vor allem anderen eine Einberufung von Speed – und ich habe schon Anfang April gemutmaßt, dass der 4.27 Sekunden-Sprinter Ruggs an den wesentlich kompletteren Jeudy und Lamb vorbei als erster Receiver vom Board gehen könnte.

Es ist bloß so: Ruggs war in Alabama vielleicht WR3 oder WR4 in einer Offense, die Jeudy als WR1 behandelte. Jeudy war dabei produktiver, besser. Er bietet ganz einfach etwas mehr an – und so wichtig Speed und „Scheme Fit“ sein mag, die Taktik, den Mann für die Nebenrolle vor jenem für die Hauptrolle zu ziehen, ist riskant.

Der College-Receiver/Quarterback Bowden wäre ein cooler „versatile guy“ mit Optionen für Jet-Sweeps, Slot und Matchup-Plays, doch die Ankündigung, ihn primär als Runningback einsetzen zu wollen, klingt nach freiwilliger „Value-Zerstörung“.

Edwards war einer der umstrittensten Receiver im Draft – von Top-5 bis „nicht Top 25“ war alles mit dabei. Mayock sah ihn als 2nd-Round Prospect – und zog ihn, als er Mitte der 3ten Runde noch am Tablett war.

So wie Mayock immer am common sense vorbei Spieler zieht, wenn sie da sind. Bei keinem war das krasser als bei Arnette. Arnette ist ein bald 24-jähriger, langjähriger Starting-Cornerback von Ohio State, der bei den meisten Scouts als ausgelernt galt. Es gab fast niemanden in der Medienwelt, der Arnette auch nur als 2nd Rounder geratet hatte.

Mayock zog ihn an #19.

Und begründete es vor allem mit Arnettes professioneller Einstellung, mit seinem Leadership und seinen Soft-Skills. Der Arnette-Pick steht ein bisschen symptomatisch für die beiden unterwältigenden Mayock/Gruden-Drafts in den letzten beiden Jahren:

  1. Scheiß auf Marktwert
  2. Fokussiere Einsatzbereitschaft

Nix gegen Arnette, der bestimmt trotz einiger Charakter-Fragen ein ordentlicher, gut geschulter Spieler ist. Aber die Raiders legen eine sehr eigenwillige Art, Spielerwert einzuschätzen an den Tag.

Locker möglich, dass man Arnette auch noch in der 3ten Runde bekommen hätte – und wenn nicht, dann wäre der Drop-Off zum nächsten Corner am Tablett recht klein gewesen. Hölle: Es gab zahlreiche Scouts, die den 4th Round-Cornerback, den die Raiders in Amik Robertson nachlegten, als annähernd gleichwertigen Prospect sahen wie Arnette! Robertson ging 120 Picks nach Arnette vom Tablett.

Wie blass die Raiders-Klasse von 2020 aussieht, kann man u.a. daran ablesen, was man in Runde 1 hätte haben können: Lamb und Reagor oder Jeudy und Jefferson. So ein 1st-Round „double up“ auf Receiver wäre mal eine geile Idee gewesen – zwei Top-Receiving Prospects mit viel Geschwindigkeit in einer Offense.

Stattdessen bekam man einen Sprinter mit fragwürdiger Production, einen Cornerback, den die meisten als „Depth-Player“ sahen, einen College-QB/WR, den man als Runningback aufstellen will und einen umstrittenen WR-Hünen.

Die Raiders haben aus den letzten zwei Jahren aus insgesamt fünf 1st Round Picks folgendes gemacht:

DE Clellin Ferrell
RB Josh Jacobs
S Jonathan Abram
WR Henry Ruggs
CB Damon Arnette

Das muss sich wie eine Enttäuschung anfühlen. Bei aller Liebe. Ferrell ist kein Super-Passrusher und Jacobs als Runningback ist… Runningback, also wirkungslos. Der 2020 Draft war besser, aber die Prospects, Baby.

Call me not convinced. Mir gefällt das alles nicht so wirklich. Die Raiders haben sich natürlich langfristig mit so vielen hohen Picks verstärkt – es wäre schlicht krasses Pech, wenn nicht.

Doch „verstärken“ allein reicht mit solchem Kapital nicht – es hätten nach dem Verkauf von Superstar-Passrusher Khalil Mack die beiden Drafts sein müssen, in denen die Raiders den Grundstein für Dominanz legen. Das ist nicht passiert. Man fühlt sich von den Chiefs so weit überholt wie lange nicht – und mehr noch: Sogar die Denver Broncos sind mit ihrer mutigen Draft-Klasse erstmal konzeptionell an den Raiders vorbeigezogen.

10 Kommentare zu “Die Mayock/Gruden-Raiders: Pfeif auf Marktwert, priorisiere Einsatz

  1. Mayock und Gruden wirken für mich ein wenig so, als ob sie allen beweisen wollen, dass der „old-school approach“ (was auch immer der jetzt genau sein soll) immer noch zieht, wenn er nur konsequent von zwei alten Männern durchgezogen wird. Wie man mit diesen ganzen Picks mit irgendwem in der eigenen Division konkurrieren möchte – auch auf eine Perspektive von zwei oder drei Jahren – ist mir schleierhaft. Wie gut Gruden und Mayock in der NFL allerdings noch vernetzt sind sieht man daran, dass es eigentlich immer noch sehr wenig grundsätzliche Kritik an dem Kadermanagement der letzten beiden Jahre gibt. Irgendwann wird der Kredit aber auch auslaufen und der Spaß von Las Vegas vorbei sein – und ich habe das Gefühl, dass diese Teams dann richtig derb auf die Fresse fällt, wenn man so weiter macht.

  2. Gehe ich konform, aber deswegen verstehe ich rein aus Bewertungssicht eine Sache immer noch nicht ganz:

    Wie kannst du den Raiders ein „C“ geben, wo sie wirklich eine ganze Latte an Reaches (in unseren Augen) und dubiosen Picks hatten, und dann den Ravens auch ein „C“ wegen eines einzigen Late-Second-Round Picks, wo der Rest wirklich ausnahmslos toll scheint und mehrere richtige Steals dabei waren.

    Ich mein sogar PFF hat ja den Ravens Draft gut gefunden, obwohl sie die Vorreiter der „RBs don’t matter“ community sind.

    Es ist ja eigentlich auch völlig egal und auch schön, einmal eine andere Bewertung als die üblichen zu lesen, aber der Punkt beschäftigt mich irgendwie noch 😀

  3. Ich glaube auch bei PFF haben nicht alle den Draft gut gefunden 🙂

    Das Problem in Baltimore:

    a) Die krasse Rushing-Offense schreit nach Regression, die Passing-Offense noch mehr. Defense Coordinators haben eine ganze Offseason Zeit sich darauf einzustellen.

    b) Ohne Diversifizierung & Weiterentwicklung der Offense im Passspiel wird selbst das sensationelle Rushing-Talent von Lamar Jackson ein bisschen von seiner Effizienz verlieren.

    c) Baltimores Offense hatte 2019 nahezu ideale Bedingungen, hat fast immer mit Führung gespielt und musste selten aufholen. Da kann man alle Stärken der Offense ausspielen und sieht fast nie deren Schwächen.

    d) OG Yanda ist zurückgetreten, eine größere Schwächung als auf Back.

    e) Die Rushing-Offense ist als letztes von den Runningbacks getriggert, *ganz besonders* in Baltimore, wo im Prinzip alles von Jackson selbst abhängt. Dessen Scrambling hing stark von Yards-before-Contact ab. Die Runningbacks sind gerade dort besonders austauschbar und der Dobbins-Pick ist ziemliche Verschwendung, *während man gleichzeitig die Chance verpasst hat, auf Wide Receiver stark nachzulegen*.

    f) Oder auf Cornerback, wo Smith/Carr alt sind und Humphrey bald den großen Vertrag will.

    g) Ja, Ravens haben 2x Receiver gedraftet. Aber der WR-Corps ist noch immer brutal jung und dünn, und einer der Receiver war ein 6th Rounder.

    Abseits davon: Ja, einige smarte Dinge dabei, aber der Dobbins-Pick ist so verblüffend und ich bin nicht gewillt den Ravens einen Freifahrtschein dafür zu geben, nur weil sie sonst viele gute Dinge machen.

  4. Ok, danke, sind auf alle Fälle gute Argumente!

    Nur das CB-Argument unterschreibe ich nicht so. Sie haben ja mit Marcus Peters und Tavon Young zwei wirklich gute und junge CBs bereits langfristig gebunden. Humphrey wird als All-Pro CB sicherlich auch von den Ravens bezahlt werden.

    Auf lange Sicht stehen also ihre Starter auf CB fest.

    Dazu haben sie noch immer junge Leute wie I.Marshall (2019er Viertrunden Pick) und billige Veteranen (J.Smith) als Backups.

    Der Second Rounder wäre also nur eine weitere Absicherung gewesen, der im Idealfall das Starting Lineup mehrere Jahre hin nicht knackt.

    Noch kurz aus Neugierde zur Passing Offense: Wieso wird hier eine klare Regression erwartet? Gefühlt war die Passing Offense der Ravens doch letztes Jahr nicht so stark, dass man hier wie bei ihrer Rushing Offense Regression erwarten muss.
    Zumal sich Jackson ja bereits von Jahr eins auf Jahr zwei als Passer gesteigert hat und man annehmen kann, dass er sich auch weiter entwickeln wird.

  5. Ich find das „C“ ok. Die Ravens hatten 10 (teilweise recht frühe) Picks in einen vermeintlich sehr tiefen Draft. Sie haben schon auch gut was liegen gelassen. EDGE haben sie gar nicht adressiert, dafür zweimal auf DT, wo sie schon in der Free Agency mehr als ordentlich investiert hatten. An 55 waren beispielsweise noch Mims & Fulton auf dem Board.
    Sie haben jetzt 4 RBs + FB auf dem Roster. Ich hab schon mehrere Projected Roster gesehen, auf dem Geno Stone rausgefallen ist. EDGE ist vermeintlich sehr dünn besetzt und auf CB muss man erstmal Brandon Carr ersetzen. Zudem sind Smith & Young verletzungsanfällig. Sicherlich passt nicht jeder in Martindales Defense und leider war der Simmons (natürlich) schon weg 😉. Der hätte denke ich wie die Faust außer Auge gepasst.
    Und noch eins: So gut sie im entwickeln von Spielern auch sind: Auf WR bekommen sie‘s irgendwie seid Jahren nicht gebacken 😉
    Aber vielleicht belehren sie mich ja auch eines besseren!

  6. Ich sehe das ähnlich zu Korsakoff: Was mir bei Lamars Tape aufgefallen ist, dass viele seine Würfe segeln, d.h. lange brauchen, um anzukommen. Das macht es den entsprechenden WR schwerer, weil dadurch die Verteidiger mehr Zeit haben, die Lücken zu schließen. Diese Lücken sind da, weil halt jeder Defender immer ein halbes Auge im Backfield auf Lamar gerichtet hat. Sollte die Rushing Offense nächste Saison weniger effizient sein, wovon man ausgehen kann, dann dürfte das einen Einfluss auf die Passing Offense haben.

  7. Zum Raiders-draft: Ich finde es spannend, wenn Draft-verantwortliche auf den Common Sense und Media Hype nichts geben sondern ihr komplett eigenes Big Board erstellen.
    Aber: Wenn sie clever gewesen wären, hätten sie gesehen, wo alle anderen Teams den jeweiligen Spieler haben und nach Trade-down weniger früh vor dem MHD gedraftet.

    Ansonsten bin ich immer dankbar für Querköpfe. (Gettleman, looking at you!)

  8. @Joffrey G / Ravens Passing-Offense

    Bei allem Respekt für den Fortschritt von Lamar Jackson als Passer: Das war keine komplette Pass-Vorstellung.

    Jackson war mit Abstand die #1 der QBs unter Druck, eine instabile Statistik.

    Er war „nur“ die #10 nach negativen Würfen, eine für gewöhnlich eher stabile Statistik.

    In diversen Accurary-Chartings war er nur im Mittelfeld bis unteren Mittelfeld der NFL klassiert.

    Die Offense war durchaus strange: Viele außen designte Routen, aber Jackson warf kaum Pässe dorthin, bliebt mit seinen Anspielstationen am liebsten in der Spielfeldmitte.

    0.28 EPA/Pass war die zweitbeste Passing-Offense der Saison (inkl. Playoffs) und ist ein immenser Wert, den selbst Elite-QBs wie Brees nicht konstant halten konnten.

    Das Playoffspiel gegen die Titans hat einige gefährliche Ansätze im Passing von Jackson offenbar: Keinerlei Antizipation im Werfen, übersah in der Hast komplett offene Receiver. Da muss bestimmt mehr kommen.

    Das alles gesagt: Jackson bleibt dennoch ein Super Individualtalent, und ich zweifle nicht dran, dass die Ravens die Offense auf 2020 weiterentwickeln. Aber um noch einmal eine solch perfekte Saison zu spielen, muss schon sehr, sehr viel zusammenkommen.

  9. @Dizzy: Den Marktwert von Spielern einschätzen zu können, ist ein nicht unwesentlicher Teil am Draften. Wer einfach stur sein Board runterdraftet ungeachtet des Markts, verbrennt Wert z.B. in Form von Down-Trades.

    Kann passieren, dass ein anvisierter Spieler weiter unten nicht mehr zu haben ist? Natürlich. Aber die Unsicherheit im Draft ist groß genug, dass man mit dem Risiko umgehen sollte.

  10. Pingback: Dave Gettlemans Giants-Draft 2020 unter der Lupe | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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