Dave Gettlemans Giants-Draft 2020 unter der Lupe

Dave Gettleman hat einen starken NFL Draft 2020 hingelegt.

Ich habe ihm schon vor zweieinhalb Wochen die Note = B gegeben, eine der höheren Bewertungen, die ich heuer ausgeschüttet habe.

Gettleman, in den letzten Jahren eine der Draft-Lachnummern, legte zwar nicht alle seine Eigenheiten ab – doch seine Draft-Strategie 2020 kann man weit einfacher goutieren als das, was er in den Jahre zuvor veranstaltet hatte.

Gettlemans Klasse von 2020 lebt von den ersten vier Picks:

#4 OT Andrew Thomas
#36 FS Xavier McKinney
#99 OT Matt Peart
#110 CB Darnay Holmes

Viermal wichtige Position, und viermal Prospects, die gut projecten. Am überraschendsten: Gettleman hat diesmal keine „Traits-Jagd“ veranstaltet, sondern die „Analytics-Picks“ gezogen: Spieler mit guten Skills, die bereits hochklassige College-Production gezeigt haben, am Beginn. Und dann hat den empfehlenswerten „double up“ auf Offensive Tackle gemacht – zwei Tackles in einer starken Tackle-Klasse gezogen.

Gleich der erste Pick war für alle eine Überraschung: Nicht, dass Gettleman Offensive Tackle zog! Wirklich jeder hatte Tackle nach New York gemockt.

Aber der Prospect ließ aufhorchen: Andrew Thomas galt als der „fertigste“ aller Tackles im Draft, aber gleichzeitig auch als ein Prospect mit weniger „Upside“ als die Kollegen Becton, Wirfs oder Jedrick Wills. An der Stelle kann man ruhig mal eine kurze Klammer aufmachen und diskutieren, was „Upside“ auf einer primär defensiven Position wie Offensive Tackle bedeutet:

  1. Potenzial zu absoluter Dominanz
  2. Oder vielmehr schlichte Verlässlichkeit?

Jahr für Jahr tendiere ich mehr zu „schlichter Verlässlichkeit“ als die wahre Upside auf der Tackle-Position. Ob Becton in ein paar Jahre vielleicht besser ist als Thomas? Möglich – doch Thomas ist der weit schneller einsetzbare Prospect mit der deutlich besseren College-Karriere. Er ist weniger Risiko, und er war ein Muster an Konstanz.

Wo das athletische Wunder Becton so gut wie keine brauchbaren Nachweise im Pass-Blocking hat, war Thomas in Pass- wie Run-Blocking einer der besten Blocker im Lande.

Upside auf Tackle ist nicht, wenn uns Hobbykoch Becton 45 Pfannkuchen pro Jahr auftischt. Upside ist möglichst große Sicherheit und damit auch geringe Fehlerquote. Thomas projected diesbezüglich als bestmögliche Wahl für die Giants, die schnell einen verlässlichen Offensive Tackle als Schutz für den jungen QB Daniel Jones brauchen.

Jener Jones war als Rookie ziemlich ungestüm – häufig unter Druck, und wenn, dann extrem unzuverlässig. Offense Tackles haben meistens einen steilen Berg vor sich, wenn es vom College in die NFL geht – sie brauchen für gewöhnlich länger als andere Positionen um sich in der NFL zurechtzufinden. Insofern ein guter Move Gettlemans, jenen Tackle zu ziehen, der am besten für möglichst schnelle Eingewöhnung prädestiniert ist – selbst wenn der beim Stadtrivalen gelandete Becton in fünf Jahren der bessere Spieler sein mag. Jones muss man jetzt bewerten, nicht in fünf Jahren.

Gettleman legte sogar Ende der dritten Runde noch einmal nach: OT Peart kommt als Hüne mit Gardemaßen daher, ein gutes Prospect für mittelfristige Entwicklung. Peart hatte eine hervorragende Senior Bowl – und er hat nun den Vorteil, nicht sofort starten zu müssen.

In solchen tiefen Draftklassen wie der Tackle-Klasse von 2020 kann man sich ruhig mehrfach der Position bedienen – double up ist eine gute Strategie im Team-Building, wenn es das Angebot zulässt, wie wir schon bei anderen Mannschaften wie Denver oder Las Vegas diskutiert haben.

Cool ist auch der 2nd Rounder McKinney: Ein Safety mit hervorragenden Coverage-Skills. Nicht viele hatten Safety zu den Giants gehen sehen, aber irgendwann kommt immer der Sweet-Spot, an dem „Need“ von Talent geschlagen wird – und McKinney war als Prospect verlockend genug um ihn in eine plötzlich sehr vielversprechende, junge Secondary zu werfen, die nun potenziell viel mehr schematische Flexibilität hat.

In den letzten beiden Offseasons hat Gettleman diese Secondary personell erstaunlich aufgebolstert:

CB Deandre Baker (1st Rounder 2019)
CB Julian Love (4th Rounder 2019)
CB James Bradberry (via Free Agency 2020)
CB Darnay Holmes (4th Rounder 2020)
SS Jabrill Peppers (1st Rounder 2017 / via Trade 2019)
FS Xavier McKinney (1st Rounder 2020)

Love hatte eine starke Rookiesaison im Slot, besser als Baker auf außen, Bradberry war in Carolina lange Jahre solider Starter, und Peppers ist ein talentierter, aber sehr verwirrender Spieler: In Cleveland galt er als großartiger Run-Defender, bei den Giants glänzte er dagegen als Blitzer, und hatte dafür erstaunliche Probleme gegen den Run.

Dazu kommt in CB Holmes von UCLA noch ein Rookie mit vielen athletischen Tools, ein Spieler, der 2019 mehrfach verbrannt wurde, aber 2018 noch als angehender Star gegolten hatte. Solche geschwindigen Prospects mit ein paar Flauseln holt man in den späteren Runden – insofern ist 4th Round ein guter Job.

McKinney dürfte in Coverage recht schnell eine andere Nummer als Peppers sein, und das macht die Giants-Defense nun interessanterweise eine, die potenziell „von hinten nach vorne“ gebaut wird – spannend bei Gettleman, der seit zehn Jahren nix anders macht als Physis, Wert der Lines und Power-Football zu predigen. Hat da jemand umgedacht („Coverage > Pass Rush“), oder hat er einfach den zufällig am Tablett und nicht zu übersehenden Value mitgenommen?

So viel Lob. Was gibt es auszusetzen?

Zwei Dinge fallen am Giants-Draft auf – ich will nicht sagen, dass sie explizit „negativ“ auffallen, aber sie zeigen die generelle Denke von Gettleman, die dann eben doch nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand ist:

#1 Gettleman hat erneut keinen einzigen Down-Trade eingefädelt. Gettleman hat in nunmehr neun Drafts noch nicht ein einziges Mal die Markt-Ineffizienz Trade nach unten genutzt – und das nicht nur bei 1st Roundern, sondern bei allen Picks. Bei jedem verdammten einzelnen.

Man kriegt nicht immer die Chance auf Down-Trade. Doch wenn man es in so vielen Drafts nicht ein einziges Mal macht, ist das ein Trend. Und es zeigt, dass Gettleman keiner der modernen GMs ist, die sich ihrer Unwissenheit bewusst sind und versuchen, den Draft über möglichst effizientes Trade-Management zu gewinnen und bei so vielen Wahlrechten wie möglich so viele Treffer wie möglich landen zu können.

Gettleman ist vielmehr das Gegenteil – er ist die Kategorie „ich weiß was ich mache und ich erkenne ein Talent, wenn es vor mir ist – notfalls nach sechs Pässen – und ist ziehe es egal wann und wo, Hauptsache ich bekomme es“.

Ich würde Gettleman, der schon die Carolina Panthers zu einem Superbowl-Team gebaut hat, auch zugestehen, dass er wirklich gut darin ist, einzelne Talente zu scouten. Meine Kritik ist mehr: Es könnte noch besser sein – z.B. wenn er, der gute Evaluator, noch ein ein paar zusätzliche Picks via Trades aggregieren könnte. Oder es zumindest versucht.


#2 Wide Receiver > Offensive Tackle. I get it. Offense Line war nicht gut und die Tackle-Klasse war Spitze und Breite gut besetzt, und Daniel Jones braucht ein bisschen Stabilität. Doch 2020 war das Jahr der Wide Receiver – und so brauchbar der Giants-Corps mit Golden Tate, Darius Slayton und Sterling Shepard ist: Ein Lamb oder Jeudy wären schon eine sehr feine Ergänzung gewesen.

Four deep ist besser als three deep – gerade in der heutigen NFL. Und auch wenn es schon letztes Jahr geradezu extremes Pech war, dass die Big-3 aus Verletzungsgründen kaum zusammen auf dem Feld standen, so hätte Gettleman durchaus das Herz in die Hand nehmen können und an #4, oder zumindest später nochmal, sich in der tiefen Klasse bedienen können.

Doch Gettleman ist dann letztlich doch ein Mann der alten Schule„you win in the trenches“, Secondary zum Trotz, und es steht noch einiges auf dem Spiel: RB Saquon Barkley geht ins dritte Jahr, und dieser von allen verrissene #2 Pick 2018 muss zwingend ein Erfolg werden. Auch dafür braucht es O-Line.

2018 den Franchise-Runningback geholt
2019 den Franchise-Runningback geholt

Jetzt den „Franchise-Tackle“, der die beiden beschützt bzw. ihnen den Weg freimacht. Das ist die gute alte Denke – bloß: Receiver ist die wichtigere Position.

Das Schöne: Gettleman kann Verpasstes noch immer nachholen – und die Receiver-Klasse von 2021 verspricht schon jetzt erneut sehr lecker zu werden, mit zahlreichen schon jetzt bekannten hochkarätigen Prospects.

Für 2020 gilt jetzt erstmal: Implementiere die Jason-Garrett-Offense. Wir wissen was das heißt – und damit wissen wir auch, warum Tackle und nicht Receiver die Wahl war. Mahlzeit.

15 Kommentare zu “Dave Gettlemans Giants-Draft 2020 unter der Lupe

  1. Hallo, würde es nicht mal Interessant sein die Drafts der letzten Jahre zu analysieren? Jetzt wo man die Leute 2-3 Jahre hat spielen gesehen. Gruss

  2. @Down_Set_Talk hat im aktuellem Podcast gerade die 2019er Drafklasse besprochen… Tops und Flops…

  3. Für mich auch interessant ob in der Secondary der Pick aus dem Supplemental Draft 2018 -Sam Beal- noch einen Impact bringen kann, bisher war er ja wohl fast immer verletzt.
    @korsakoff: du meinst doch 2019 den Franchise-Quarterback; selbst den Giants reicht wohl ein Franchise-Runningback 😉

  4. Ein Punkt auch noch zum Thema „Upside“, wurde auch kürzlich erst im PFF Podcast diskutiert: Man darf bei dem Konzept nicht vergessen, dass jemand, der eine höhere Baseline hat, quasi automatisch weniger Upside hat. Ich gehe davon aus, dass „Baseline“ das Leistungsminimum beschreibt, das ich auf jeden Fall von einem Spieler bekomme (so sicher wie halt irgendwas im Draft sein kann) und „Upside“ die maximal mögliche Leistungsgrenze, welche die meisten Spieler aber nicht erreichen.

    Dieser Konzeption folgend können z.B. das durch „Upside“ begrenzte Leistungsmaximum von Thomas und Becton gleich absolut gesehen gleich hoch sein – trotzdem hätte Becton mehr „Upside“, weil seine „Baseline“ viel geringer ist. Es ist recht logisch, dass in diesem Beispiel (nur ein Beispiel, ich sage nicht, dass das bei Thomas und Becton konkret so ist!) die größere „Upside“ von Becton keineswegs rein positiv ist, sondern primär ein größeres Risiko im Sinne des Potentials beschreibt.

    Ich meine schon, dass ein solches etwas fehlerhaftes Verständnis von Upside oft mitschwingt. Und gerade auf einer Position wie Tackle, wo man nicht primär nach einem Zerstörer sucht, sondern jemandem der keine negativen Plays erzeugt, sollte eine möglichst hohe „Baseline“ umso wichtiger sein.

  5. Ja, aber auch wenn man „Upside“ mit maximalem Potenzial unabhängig vom Prospect selbst definiert, halte ich es gerade im Fall der Giants für besser, den „sicheren“ Pick zu nehmen als den kompletten Risikopick.

    Gerade jetzt, wo wir schon einiges darüber wissen, was in der Offense Line gut von College auf die NFL projected.

    Etwas anderes wäre es gewesen, wenn sagen wir die Rams mit zwei erstmal etablierten Tackles das Team gewesen wären: In jenem Fall hätte ich den Gap zwischen den beiden Team/Prospect Fits für weniger krass erachtet, weil der „rohere“ Pick die notwendige Zeit bekommt.

    Wahrscheinlich immer noch Thomas zuerst gezogen, aber ich glaube, der Punkt ist klar.

  6. Um es noch ein wenig anders zu formulieren:

    Der „Aufschlag“, den man bekommen kann, wenn Becton komplett zündet, ist auf einer Position wie Offense Tackle mutmaßlich weniger attraktiv als die „Sicherheit“, die Thomas als zumindest gutklassige Projection bietet.

    Lieber ziemlich sicher 90% Pass-Block Win-Rate als *vielleicht* 95%.

  7. Tja, so viel zu dem Thema DeAndre Baker:

  8. Die jungs verdienen mio und haben die Aussichten auf div weitere mio. Völlig unfassbar, so auszuklinken. Da würde ein zugekiffter / geschniefter Kopf das ganze noch etwas rational machen ….

  9. Ich glaube bei so etwas ist die Bewertung aus der Außenperspekrive immer schwierig.

    Fand die Aaron Hernandez Doku ganz gut, weil sie eben recht ambivalent gehalten ist…

  10. Liest sich vlt zu positiv – was ich meine ist, dass es unheimlich schwer ist in die gewachsenen Strukturen reinzuschauen – Motivationen, soziale Strukturen/ sozialer Druck, persönliche Motivation/Probleme (Misshandlungen als Kind sind ein unglaublich stabiles Element in den Vitas von Schwerverbrechern) bis hin zu Hirnschädigungen etc.

  11. Ja, die vorprägungen sind oft extrem bitter. Und zusätzlich belohnt die Sportart Aggressivität 😦 . Bei solchen Ereignissen und Diskussionen werden meine Sympathien für extreme Varianten der „entspannten“ Pädagogik & Sozialpolitik regelmäßig sehr gross. Natürlich nicht nur football. Die Amateur Fußballer, die sich in der Landesliga Amphetamine einwerfen, damit sie erfolgreich aggressiv in die Zweikämpfe gehen, dürften auch überdurchschnittlich beteiligt sein an häuslicher Gewalt :-(( .

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