Warum ich dem NFL Draft 2020 Los Angeles Chargers nix abgewinnen kann

Wäre nicht der lachhafte Draft der Green Bay Packers gewesen, die Los Angeles Chargers hätten den Patzerpreis 2020 abgestaubt.

Doch auch als zweitschlechtester Draft haben die Chargers bei mir Note = F für ihren Prozess im Draft bekommen. Es gibt dafür primär drei Gründe: Das Handling ihrer erste drei Picks:

  1. Sich von den Dolphins verarschen lassen um dann an #6 in Justin Herbert einen extrem gefährlichen Quarterback zu draften.
  2. Den Trade-Up, den man sich am Anfang sparte, „nachgeholt“, als man mit 42% Aufpreis nach OTC-Chart in die erste Runde tradete um einen Run-Stuffing Linebacker zu draften.
  3. Ohne 2nd und 3rd Rounder war der 4th Rounder der nächste Pick, und man investierte ihn in einen verdammten Runningback

Beginnen wir mit dem Quarterback. Herbert ist ein gefährlicher QB-Prospect – einer, dessen Profil nicht gut in die NFL projected: Gebaut wie ein QB, aber weder effizient noch mit dem Nachweis von gutem Spielverständnis am College. Herbert hat einen Raketenarm, aber eine Schrotflinten-Präzision. Er ist mobil, aber kein guter Navigator und anfällig gegen Druck.

Er hatte am College keinen sensationellen Receiving-Corps, aber eine famose Offensive Line, und hat trotzdem recht wenig gerissen. Er projected in etwa in der Range von Josh Allen – das wäre ein ziemlich trauriger Value.

Die Chargers verkündeten nach dem Draft, dass sie sowohl mit Tua als auch mit Herbert zufrieden gewesen wären – das klingt angesichts von zwei völlig unterschiedlichen QB-Typen merkwürdig. Tua ist eine andere Kategorie Prospect – qualitativ und in seinem Style. War es wirklich der Plan von GM Telesco/Headcoach Lynn, einfach einen von ihnen zu nehmen?

Und ist das Eingeständnis „Tua oder Herbert“ nicht auch ein versteckter Hinweis, dass man sicher Tua genommen hätte, wäre er am Tablett gewesen. Wenn ja, warum hat man nicht nach oben getradet, wenn man kurz danach keine Skrupel hatte einen furchtbar teuren Trade mit den Pats für einen Linebacker einzufädeln?

Fragen über Fragen. Als völlig Außenstehender ohne die notwendige Detail-Expertise ist es natürlich schwierig, Herbert als Prospect vollumfänglich zu bewerten – aber alles, was wir an Datenanalysen bislang wissen, deutet in die „falsche“ Richtung. Warum einen solch riskanten Prospect mit so geringen „Breakout-Chancen“ draften in einem Kader, der abseits von QB so „win-ready“ ist?

I don’t get it.

Dann Kenneth Murray. Die Chargers verpulverten den #37 und #71 Pick die die Patriots um auf den #23 Pick zu springen und Murray zu ziehen. Das ist das Äquivalent vom #7 Overall Pick nach dem OTC-Chart!

Murray ist kein kompletter Linebacker. Er ist athletisch, aber nicht gut in Deckung und wird Ballträger eher einfangen weil er so schnell ist, nicht weil er das Feld so gut liest.

Auch hier: Spieler allein ist nicht immer das Problem – auch die beste Projection ist noch immer ungenau. Besonders auf Linebacker, wo solche athletischen Spielertypen immer schwierig einzuschätzen sind, da so vieles in ihrem College-Tape von ihrem Einsatzgebiet abhängt.

Doch ich würde gerade das – diese besonders schwierige Projection – als Argument gegen so einen teuren Trade sehen, Stichwort Risikominimierung. 142 Cents auf den Dollar zu zahlen ist fast immer ein Rezept für Desaster, wenn man nicht Quarterback draftet, und es ist besonders übel, wenn man mit vielen höherklassigen Prospects auf wichtigeren Positionen einen Linebacker ohne nachgewiesene Coverage-Skills zieht.

Es passt ganz einfach nicht zu dem, was dich in der NFL 2020 so glücklich macht. Kann Murray zünden? Klaro. Aber viel Greifbares zur Rechtfertigung des Preises ist nicht da.

Und dann kommt Pick 3 – wegen des Trades erst an #112 in der 4ten Runde. Die Chargers drafteten Runningback Joshua Kelly von UCLA. Gerade die Chargers, die die Bedeutung der Position nach Jahren mit Melvin Gordon noch frisch im Gedächtnis haben sollten, draften mit ihrem limitierten Kapital diese Position.

Das Problem an diesem Pick wäre geringer, hätten die Bolts vier oder fünf Early-Round Picks gehabt und ihren Kader zur Genüge adressiert. Dann kannste dir eventuell einen solchen Luxus wie Runningback anstatt des Champagners gönnen. Aber nachdem du keinen 2nd und 3rd Rounder hattest mit einem Runningback weiterzumachen?

No go.

Der beste Chargers-Pick war der 7th Rounder, WR K.J. Hill von Ohio State, ein klassischer non-athletischer Slot-Receiver, dessen Separation-Skills durchaus schon am College gefallen haben und der eventuell einen Kaderplatz bekommen könnte und mit seinem Football-IQ sogar Starterchancen hat. Aber wenn der 7th Rounder der beste Pick war, dann weißt du schon viel über die Qualität des restlichen Drafts.

Wie schon geschrieben: Kann sein, dass Herbert und Murray es am Ende doch „bringen“. Doch dafür das Äquivalent des #6 und #7 Overall Picks in die Waagschale zu werfen? Keine gute Strategie. Es tut mir leid, ich konnte mich nicht zu einem „genügend“ durchringen.

10 Kommentare zu “Warum ich dem NFL Draft 2020 Los Angeles Chargers nix abgewinnen kann

  1. Das ist mir deutlich zu negativ. Herbert ist natürlich kein sicheres Ding aber das ist Tua auch nicht. Gerade in dieser Offseason ist es schwer einzuschätzen wie es um Tuas Zustand steht. Dazu kommt noch die Verletzungshistorie und auch Tua hatte sehr gute Umstände am College und hat Probleme gegen Druck. Ein automatisches Tua vor Herbert finde ich in dieser Situation einfach falsch. Und Tua hinter der Line würde mir noch mehr Sorgen machen.

    Der Murray-Pick mit Uptrade ist böse, da gibt es keine zweite Meinung.

    Auch ich bin kein großer Fan RB hoch zu picken, aber Anfang der 4. Runde sehe ich jetzt nicht das große Problem. Klar könnte man da andere Positionen nehmen, aber da hast du auch keinen sicheren Kandidaten mehr. Man brauchte auch ein Komplementär für Ekeler, den kannst du nicht zum absoluten Workhorse machen.

    Wenn ich die Noten für mich verteilen würde und dabei streng wäre käme ich auch
    Herbert C
    Murray F
    Kelly C
    was insgesammt ein C wäre für die ersten vier Runden, F ist mir da einfach zu hart und wirkt viel zu sehr von gewissen Narrativen getrieben:
    „Herbert <Tua"
    "only coverage matters"
    "running backs don't matter"

  2. @xoom12: Tua hatte gute Umstände und er hat diese dafür genutzt, die Konkurrenz zwei Jahre lang in Schutt und Asche zu spielen.

    Herbert hat mit etwas schwächerem Support-Cast, aber gegen einfachere Defenses, dagegen quasi nix gezeigt. Sein Ruf gründet auf seinem Aussehen und seinem Arm.

    Tua war darin sehr gut, was stabil ist. Ich weiß nicht wie man auf die Idee kommen kann, dass Herbert ein Prospect in der gleichen Kategorie wie Tua sei.

    Kann Herbert trotzdem besser als Tua werden? Klar, aber die Chancen stehen sehr deutlich gegen ihn.

    Über die anderen beiden Narrative weiß ich nicht genau was ich sagen soll.

    „only coverage matters“ seht hier nicht, nur dass Coverage eine sehr wichtige Aufgabe von Linebackern ist und man bei Murray diesbezüglich alles andere als sicher sein kann.

    „running backs don’t matter“ ist ein leicht übertriebenes Schlagwort für die sehr deutliche Austauschbarkeit von Backs. Kannste nehmen, wenn du sonst keine Probleme hast, aber das ist bei den Chargers nicht der Fall.

  3. „Sein Ruf gründet auf seinem Aussehen und seinem Arm.“
    Ist mit „Aussehen“ gemeint: „Weiss, Gardemaß, muskulös“ oder „gutaussehend“?
    Kein Scherz. Könnte ja sein, dass gutaussehende QBs tendenziell früher gedraftet werden, weil sie besser bei Medien und Fans ankommen, mehr Merchandise verkaufen, whatever… diesen GMs ist alles zuzutrauen.

  4. Hätte es jetzt mal auf groß, physisch, Wurfarm und evtl weiß beschränkt, aber ich schließe ehrlich nicht aus, dass Zahnpastalächeln von Vorteil sein kann.

  5. Tua ist ein großes Fragezeichen was seine Verletzungen angeht, das fällt in deiner Bewertung völlig außen vor. Ohne seine Verletzungen wäre er auch bei mir noch weiter vor Herbert, aber ich kann gut nachvollziehen, dass man Herbert nicht so weiter dahinter sehen kann.
    Klar hat Tua mehr gezeigt in seiner Collegekarriere, aber sein Gesundheitszustand in Zusammenhang mit dem vorhergehenden Verletzungen sind für mich ein echt großes Fragezeichen. Ähnlich groß wie bei Herbert die Genauigkeit, sein Pocketverhalten etc…
    Und du schreibst gerade so als wäre Herbert eine absolute Vollpfeife gewesen. Klar die Mehrheit aller Experten hatte ihn als dritten QB gesehen und genau da ging er jetzt auch. War die Draftposition an sich zu hoch für ihn, ja klar, aber das ist bei QB in der ersten Runde sehr oft so.

    Dass man Tua über Herbert sieht kein Problem, habe ich auch getan, und gibt es Gründe dafür. Aber der Unterschied der beiden wenn man alles betrachtet ist für mich nicht groß genug, um einen Note wie F (oder sei es D im einzelnen) zu rechtfertigen.

    Die Frage warum kein Uptrade ist verständlich, aber außerhalb des Drafts wohl nur schwer zu beantworten. Es kann auch gut sein, dass niemand zu einem vernünftigen Preis runter wollte. WAs war locke on Yound, Gettleman hat noch nie down getradet und auch meine Lions traue ich zu, dass man unbedingt Okudah wollte. Wie gesagt, die Kritik verstehe ich, aber das ist schwer von außen zu beurteilen.

    Bei Murray sag ich ja auch, dass der Uptrade katastrophal war. Der Spieler an sich ist da auch zu hoch, aber jetzt nicht total daneben. LB war mehr oder weniger der einzige Need in der Defense und da ist Murray ein hervorragender 2-down-backer. Das kann er richtig gut und wird die Run-defense der Chargers sofort verbessern. Klar ist er in Coverage mäßig, aber jetzt auch nicht katastrophal. Deswegen und wegen des Trades v.a. klare abzüge, aber der ging bei vielen Experten auch Ende 1. Anfang 2. runde, deswegen jetzt kein Ultra reach.

    Und zum RB-pick. Ich bin kein großer Fan von frühen RB-picks, hab zum Beispiel den Swift-Pick der Lions überhaupt nicht gemocht. Aber in der 4. Runde? Was hat der aktuelle Kader der Chargers für Lücken die sich anderweitig mit einem 4. Rundenpick hätten sofort beheben können?
    Die O-Line ist immer noch eine Baustelle, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man dort jemanden holt der einen sofort hilft in der Line ist doch sehr gering.

    Wie gesagt für mich alles in allem ein viel zu harsches Urteil. Ohne Probleme würde ich dem Draft ein C- vielleicht sogar ein D geben, aber ein F.

  6. Wir gehen bei der Einschätzung von Herbert als Prospect und Tuas Verletzungsstatus auseinander.
    Den Gegenwert von #7 zur Verbesserung von Run Defense oben drein gerechnet ist die Differenz von D und F schnell erklärt.
    Chargers hatten eine goldene Chance. Sie haben sie mit denkbar ungünstigen Moves weggeschmissen.

  7. Noch ein quasi-wissenschaftlicher Anhaltspunkt 😉 , wobei hier „facial symmetry“ untersucht wird. Ob es universitäre Standards erfüllt, darf bezweifelt werden, aber es ist auf alle Fälle unterhaltsam.

  8. Ich gehe im Fussball heute davon aus, dass Aussehen Dir zwar keinen Position auf dem Platz sichert, aber BEZAHLT wird 😉 . David Beckham wurde bei Real MAdrid nach Leistung überbezahlt, aber hat es via Trikotverkäufe kompensiert.
    Meinem Eindruck nach werden auch nicht-sportliche Aspekte BEZAHLT. Mein Tipp für die Faktoren bei den Gehaltsverhandlungen eines Fussball-Managers (whrschl NFL analog).
    – Position (MIttelstürmer >rechter VErteidiger; QB>RB)
    – sportliche Qualität
    – Alter (Perspektive, Wiederverkaufswert)
    – Rolle in der Mannschaft (Häuptling? Indianer? Effenberg > Özil 😉 )
    – Mentalität (siehe Rodham in aktueller Bulls-Doku)
    – Fan-Bindung (Lahm/Schweinsteiger bei den Bayern)
    – Trikotverkäufe (Aussehen, Charisma, … 😉
    – ????

  9. Pingback: All-32: Los Angeles Chargers 2020 Preview | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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