Detroit Lions NFL Draft 2020 Analyse: War gut war. Was schlecht war. Und was hätte sein können

Zerlegen wir heute mal die NFL-Draftklasse 2020 der Detroit Lions. Sie hat von mir die Note = C bekommen, aber so grau sich die Note las: Da war viel Wirbel drin. Einiges war sehr gut, einiges war sehr schlecht. Und eines geht mir einfach nicht aus dem Kopf.

Dabei gefallen mir drei der ersten vier Picks eigentlich außerordentlich gut.

CB Jeffrey Okudah an #3. Es fühlte sich wie eine Erleichterung an, als GM Bob Quinn mit dem dritten Pick keinen Bolzen wie z.B. eine Einberufung eines Defensive Tackles vornahm, sondern den Pick machte, den seit Monaten alle für die Lions prophezeiten. Cornerback ist die wichtigste Position in der Defense, und Okudah war der consensus #1 Corner im Draft, der kompletteste Cornerback-Prospect seit längerer Zeit.

Gerade in der Matt-Patricia Defense, die sich durch hohe Manndeckungs-Quoten und relativ viel Druck auf die Defensive Backs charakterisiert, ist eine tiefe Cornerback-Besetzung vonnöten, und Detroit hatte nach dem notgedrungenen Verkauf von CB Darius Slay eine klare Lücke zu bedienen.


Auch die beiden Drittrundenpicks machen Sinn: An #67 war EDGE Julian Okwara ein hervorragender „Value-Pick“. Okwara ist kein traditioneller Edge-Defender. Am College hatte er sich durch exzellente Pass-Rush-Performance, aber sehr lauwarme Run-Defense ausgezeichnet. Gerade für die Patricia-Defense ist der Pick recht interessant, priorisierte der ganze Belichick-Trainerbaum in der Front-Seven doch in erster Linie „komplette“ Spieler, keine eindimensionalen Passrusher.

Doch a) hatte Detroit in den letzten beiden Jahren extrem schwachen Pass-Rush und b) bietet Okwara gerade in klaren Pass-Downs ausreichend Potenzial um als reinrassiger Passrusher in die NFL eingeführt zu werden. Ein 3rd Rounder ist für so ein Prospect kein zu hoher Pick – gerade auch, weil ein Portal wie PFF Okwara als klaren 1st Rounder geratet hatte.

Der andere 3rd Rounder war auf #75 OG Jonah Jackson. Jackson projected als sehr guter Pass-Blocker mit einigen Fragezeichen im Run-Blocking. Wir wissen: Im Zweifelsfall ist erstere Qualität die wichtigere. Interior-Offense Line ist keine der „wichtigen“ Positionen in einer NFL-Mannschaft, doch Mitte dritte Runde ist kein verheerender Spot um Tiefe auf solchen Positionen mitzunehmen.

Doch nun zu den Problemen dieser Draftklasse

So gut diese drei Picks gefallen, die Draftklasse offenbarte dann doch auch wieder alte Probleme in der zu konservativen Denkweise der Lions-Verantwortlichen – und sie beginnen schon mit dem Jonah-Jackson Pick, für den Quinn um zehn Spots hochging. Quinn zahlte Pick #85, #149 und #182 an die Saints um die #75 und #197 zu bekommen.

Nach Jimmy Johnsons Draft-Value Modell ist das ein fast ausgeglichener Pick, doch nach dem deutlich sophistischeren OTC-Value Chart haben die Saints Detroit hier über den Tisch gezogen und 139% Gegenwert abgestaubt!


Doch dieser üble Trade verblasst neben dem wirklich verheerenden Move in dieser Klasse, und das war die Einberufung von Runningback D’Andre Swift mit dem #35 Overall Pick.

Detroits Historie an hohen Runningback-Picks in den letzten Jahren ist ganz einfach zu brutal um sie zu ignorieren oder als „einmaligen Ausrutscher“ wie z.B. den Helaire-Pick der Chiefs abzutun:

2010 1st Rounder für RB Jahvid Best
2011 2nd Rounder für RB Mikel LeShoure
2015 2nd Rounder für RB Ameer Abdullah
2018 2nd Rounder für RB Kerryon Johnson
2020 2nd Rounder für RB D’Andre Swift

Lassen wir den Punkt, dass fast alle dieser ganzen Picks aus verschiedenen Gründen Busts waren, außen vor. Viel schlimmer ist diese komplett überholte Denke, dass man wesentliche Ressourcen ins Laufspiel investieren muss um eine Offense ins Rollen zu bringen (z.B. Play-Action, was Detroit 2019 so stark fokussierte) – und selbst wenn man das denkt, dann gibt es drei Wege, das Laufspiel zu stärken, und Runningback ist die unwichtigste:

  1. Scheme/Aufstellung
  2. Offensive Line
  3. Runningback

Swift war für die meisten Beobachter der beste, weil kompletteste Runningback der Klasse. In der old school Offense von Georgia wurde er zuletzt eher selten im Passspiel eingesetzt, doch trotz nur 29 Targets gilt er als exzellenter Routenläufer und Pass-Catcher für einen Back. Das bringt zumindest etwas Mehrwert, doch die Gefahr bleibt, dass Patricia und OffCoord Darrell Bevell wieder in den Trott verfallen, in Early-Downs zu sehr den Lauf „etablieren“ zu müssen um QB Matthew Stafford und seine Passing-Offense in Schwung zu bringen.


Tag 3 war dann ganz okay. Natürlich gönnten sie sich in Jason Huntley einen weiteren Runningback, doch WR Cephus als Tiefe für den Receiving-Corps und ein paar Late-Round Defensive Tackles für eine zuletzt ausgeblutete Position sind keine grundsätzlich schlechten Ideen.

Der #3 Pick in einem alternativen Universum

Drei exzellente Picks in den ersten drei Runden, aber auch ein teurer Trade und ein viel zu hoch gezogener Runningback als effektives Ergebnis. Aber war Okudah auf #3 überhaupt der „richtige“ Pick?

Ich habe schon im Februar auf Twitter geschrieben, dass ich ein Übergehen von Tua bzw. die Möglichkeit richtig abzucashen für fahrlässig halte:

Die Lions hatten dann auch tatsächlich nach dem Chase-Young Pick die Möglichkeit, den #3 Pick richtig auszuschlachten. Sie machten einen der besten möglichen Moves, doch mir geht die schiere Möglichkeit nicht aus dem Kopf, dass sie hätten Tua ziehen oder runtertraden können.

Ob bzw. wie gut die Trade-Angebote auf den #3 Spot waren, lässt sich wohl kaum mehr in Erfahrung bringen – nicht nach dem nahezu perfekten Verwirrspiel der Dolphins. Doch hätten die Lions nicht zumindest die Fins oder Chargers anrufen müssen um ihnen ein paar Mid-Rounder aus den Rippen zu pressen?

Und wenn kein Trade-Angebot auf dem Tisch war: Hätten sie nicht Tua ziehen müssen? Stell dir vor: Die Dolphins wären panisch geworden! Detroit hätte im Nachgang an den Pick noch einige Picks via Trade abstauben können. Es wären ca. 20 Minuten Zeit zum Verhandeln gewesen, ehe Miami Okudah draftet und den einen oder anderen hohen Pick an die Lions verschifft um doch noch Tua zu bekommen.

Es wurde auf diesem Blog schon vor einigen Tagen diskutiert – „Kein Owner will als Depp dastehen und im Zweifelsfall wären die Dolphins einfach stur geblieben und Detroit auf Tua sitzen geblieben“. Drei Gedanken dazu:

  1. In der NBA sind solche Vorgänge nicht ungewöhnlich und kein Schwein regt sich darüber auf.
  2. Der ganze Draft der Dolphins, ja die ganze Offseason!, wäre nahezu obsolet Dass sie Tua letztlich gezogen haben, zeigt auch rückwirkend ganz klar wo die Prioritäten in Miami lagen: QB oder Bust. Sie hätten sich fast sicher bewegt.
  3. Selbst wenn Miami stur geblieben wäre: Einen Tua in der Hinterhand zu halten wäre ein akzeptabler Konsolidierungspreis gewesen. Man hätte ein mögliches künftiges Franchise-QB Prospect im Kader gehabt – Absicherung für Stafford bzw. Möglichkeit auf einen künftigen QB-Trade. Und Detroit hätte in Runde 2 Cornerback gedraftet anstatt Runningback.

Zu viel Spekulation? Vielleicht. Wahrscheinlich war es unrealistisch, wirklich einen solchen Eier-Move zu erwarten. Ich finde es aber erstaunlich, dass dieser potenzielle Move nirgendwo sonst diskutiert wird – er erscheint mir ziemlich offensichtlich.

Aber wahrscheinlich sind wir noch einige Jahre entfernt davon, bis sich erste Front-Offices solche Moves zutrauen. In der Zwischenzeit ist Okudah zumindest ein passabler Trostpreis. Auch wenn es noch hätte besser kommen können.

7 Kommentare zu “Detroit Lions NFL Draft 2020 Analyse: War gut war. Was schlecht war. Und was hätte sein können

  1. Gute Zusammenfassung, bei der ich fast überall mit gehe. Einzig beim letzten Punkt bin ich etwas anderer Meinung.

    1. Nur weil es in der NBA klappt heißt es nicht, dass es in der NFL auch klappt. Und solange niemand einen solchen Trade durchzieht, ist es schwer das Gegenteil zu beweisen. Das Argument mit dem „nicht blöd da stehen als GM“ mal außen vorgelassen.
    2. Woher wissen wird denn wie hoch Tua denn wirklich auf dem Board der Dolphins stand? Vielleicht hatten sie Herbert nur minimal dahinter und wären auch mit ihm zufrieden gewesen? Vielleicht hätten sie zuerst ihren verbliebenen Lieblingstackle gewählt und Mitte der ersten Runde (oder ggf. noch etwas später) versucht Love zu draften. Der hat auch massig Upside und hinter Fitzpatrick hätte man den auch leicht 1-2 Jahre lernen lassen können.
    3.Tua hinter Stafford hat sicher einen Reiz, aber ich wäre davon kein großer Fan.
    Erstmal habe ich einen deutlich skeptischeren Blick auf Tua hinsichtlich der Verletzungen als andere.
    Aber auch wenn man das außen vorlässt. Stafford ist aktuell (siehe erste Hälfte 2019) in einem Bereich seiner größte Leisungsfähigkeit und kann nach modernen Maßstäben noch bestimmt 4-5 Jahre auf mind. gutem Niveau spielen.
    Verletzungsanfälligkeit würde ich ihm auch nicht unterstellen. Wäre seine Verletzung letztes Jahr wirklich schlimmer gewesen hätte man ihn früher auf die IR-Liste gesetzt und nicht erst Mitte Dezember. Wenn es nötig gewesen wäre bzw. vom Record her Sinn gemacht hätte, hätte Stafford gespielt, das konnte man aus vielen Berichten rauslesen.
    Damit Tua einen auch nur annährend vergleichbaren Wert (zum Draftpick) als Tradechip hat, würden ihn die Teams spielen sehen wollen. Die Preseason 2020 (wenn sie überhaupt stattfindet) wäre wohl zu früh. Ohne Verletzung Staffords hieße das dann Preaseason 2021. Bis dahin gibt es aber wieder neue QB-Prospects. Und um Staffords abzusägen und zu traden, muss man schon gewaltiges Vertrauen in Tua haben und trotz allem auch einen entsprechenden Gegenwert bekommen.
    4. Es war auch klar, dass Detroit auf jeden Fall hoch picken wollte und zwar für die defensive Seite. Man wollte einen „blue chip“ player haben, ich denke mal einen von Okudah, young, Brown und Simmons. Simmons war klar ,dass es nicht wird, auf seinen Positionen haben die Lions viele Spieler, teilweise sehr talentiert (S) oder haben erst kürzlich investiert (LB mit Tavai und Collins). Brown bin ich froh, dass es nicht geworden ist, da passt der pos. Value einfach nicht.
    Das spricht natürlich grundsätzlich nicht gegen einen Trade (ob nur den Pick oder gleich Tua), aber man weiß ja nie genau wer wirklich noch da ist nach dem zurücktraden. Auch weiß ich nicht ob man mit der Unorthodoxität des Tua Draft&Trade auf die schnelle einen Deal hätte durchbringen können, bei dem man trotzdem noch an Top5 oder Top6 pickt.
    Ich glaube allgemein, dass außer Burrow die QB-prospects dieses Jahr nicht so hoch umworben waren, so wie es die letzten Jahre war. Liegt vllt an den Fragezeichen die Tua und Herbert (und die QBs dahinter erst recht) mitbringen oder auch am diese Jahr starken QB-FA Markt oder der Aussicht auf eine gute Klasse 2021.

    Am Schluss gebe ich dir nochmal recht, Okudah war auf jeden Fall der richtige Spieler, so viel ist Stand jetzt klar. Schade ist, dass man nicht auch ein paar Picks mehr dafür hätte rausholen können.

  2. Der Hausherr hat sich hier an mehreren Stellen über einen Trade zu JJ Preisen beschwert. Kann es nicht sein, dass die Klubs WISSEN, dass z.B. der OTC-Chart realistischer ist, aber dass zu JJ Preisen gehandelt wird als „Prämie“? A la „Du willst hochtraden? Dann bezahl den JJ-Preis.“
    So wie beim Devisenhandel am Urlaubsort: Der Kurs beim Kauf der lokalen Währung ist ein anderer als beim Verkauf der lokalen WÄhrung. NFL ist bestimmt ein unvollkommener Markt aus BWLer Sicht. Ein vollkommener Markt ist allein schon dadurch ausgeschlossen, dass allen bekannt sein dürfte, welche GM / Trainer DIESES Jahr Erfolg brauchen –> also gibt es keine fairen Marktpreise mehr.

  3. @HH: In deinem Beispiel haben die Lions „140%“ bezahlt. Das ist rational, wenn der Pick nach ihrer Analyse 150% Wert bringt im Vergleich zu ihrem normalen Pick ohne Trade. Die Analyse unterscheidet sich ja von Team zu Team. Dann haben beide Vereine nach ihrer Analyse gewonnen. Guter Handel halt.
    Im Urlaub bezahle ich auch „zuviel“ bei der Wechselstube für die lokale Währung, damit ich die letzten 2 Tage auch noch Kaltgetränke kaufen kann. Ist es mir Wert 🙂

  4. Urlaub ist nicht gleich Business und nachdem die Base Rate in Form diverser aktueller Value Charts bekannt ist, war es ein Value technisch mieser Deal. 😃

  5. Ich bleib dabei 🙂 . Wer kauft, muss eine „Prämie“ bezahlen. Und in unvollkommenen Märkten wie der NFL mit vllt 2-3 möglichen Handelspartnern in einer Situation, kann die Prämie auch schon mal 40% sein. Wenn niemand bereit ist, eine Prämie zu zahlen, dann behalten alle Teams stur ihre Picks und eine Möglichkeit, von besserem Scouting als die anderen zu profitieren, entfällt. Aber ist ein Philosophie-Unterschied 🙂

  6. Ein sehr teurer Philosophie-Unterschied.

    „von besserem Scouting“ profitieren ist eine sehr ambitionierte Eigensicht, nachdem sehr klar bewiesen ist, dass niemand im Einzelnen derart entscheidend besser ist als andere Teams – es sei denn, er generiert ganz einfach mehr bzw. bessere Wahlrechte.

    Ich sehe nicht, wie es ein guter Deal sein kann, wenn man freiwillig einen 40% Aufschlag zahlt nur weil man *glaubt*, besser zu sein als die anderen.

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