Der Widereceiverback

Heute mal wieder ein Blick auf eine mögliche Entwicklung der NFL-Spielweise mit Fokus auf das Laufspiel. Runningbacks sind nicht mehr so wichtig – aber sind es die Hybrids?

Sam Monson schreibt diesbezüglich auf PFF einen sehr interessanten Artikel – „Why hybrid receivers who can pose a rushing threat could be the NFL’s next big matchup weapons”.

Im Kern geht es um einen alten Freund, den ich schon letztes Jahr auf diesem Blog vorgestellt habe: Den Widereceiver-Back. Vor einem Jahr schrieb ich darüber: „Eine Immersion der Position Runningback durch Positionsgruppe Receiver:

  1. Receiving-Fähigkeit ist wichtiger als Rushing-Fähigkeit, auch aus dem Backfield heraus.
  2. Routenlaufen ist wohl deutlich schwieriger zu erlernen als reines Balltragen, was nicht zuletzt einer der „Receiving-Backs“ der NFL, Jedrick McKinnon, mehrmals bestätigte.
  3. Es gilt herauszufinden, inwiefern das reine Balltragenvon „non-Runningbacks“ erlernbar ist bzw. ohne drastischen Qualitätsverlust erlernbar ist.
  4. Ein künftiger Weg könnte demnach sein, zunehmend gelernte Wide Receiver ins Backfield zu stellen.Drei Vorteile: Der Mann im Backfield wäre automatisch ein besserer Receiver, man könnte problemlos und ohne Qualitätsverlust per Motion auf Empty-Backfield stellen und man könnte auf die Bezahlung einer ganzen Positionsgruppe (Runningback) verzichten.

So geht Monsons Theorie

Runningbacks sind als Matchup-Waffen nicht mehr so wichtig wie alle denken. Selbst Receiving-Backs haben keinen allzu großen Mehrwert mehr: Der Überraschungs-Effekt hält sich in Grenzen, Defenses haben sich darauf eingestellt.

Receptions aus dem Backfield heraus sind sowieso größtenteils ineffizient, aber auch wenn die Backs nach draußen an die Anspiellinie gezogen werden, sind sie sehr viel unproduktiver als Receiver und Tight Ends – selbst die besten von ihnen wie Bell, McCaffrey oder David Johnson.

Das liegt v.a. daran, dass die Defense in erster Linie das Personal der Offense matcht: Bei 12-Personnel kommt Base-Defense raus, bei 11-Personnel die Nickel-Defense. Beides Formationen, in denen mehrere gelernte Linebacker am Feld stehen.

Doch wenn nun vier Wide Receiver auf Feld kommen, bringt die Defense meistens Dime oder Dollar-Packages (6 bzw. 7 Defensive Backs). Das ist klares Pass-Defense Personal. Zieht die Offense einen der Receiver zurück ins Backfield, entstehen automatisch Vorteile.

Der erste: Günstiger Box-Count. Die Anzahl der Run-Defender in der Box ist der wichtigste Trigger für Erfolg von Laufspiel. Sie korreliert fast perfekt mit EPA/Run. Muss die Defense nun gegen eine 4-WR Aufstellung mit einem Receiver im Backfield die Box zustellen, wird sie das in der Regel mit sehr „leichtem“ Personal machen. Also kaum gute Run-Defender in der Box.

Der andere: Solche Aufstellung kreiert Verwirrung. Monson hat etliche Clips, in denen für mehrere Sekunden Verwirrung in der Defense entsteht und Verteidiger verzweifelt „ihren“ Gegenspieler suchen ehe sie ihn im Backfield erspähen und sich darauf einstellen müssen. Das ist Zeit, die die Offense ausschlachten kann.

Solche Runs über Wide Receiver sind nicht häufig, aber sie sind effizienter als die traditionellen Runs über Runningbacks. Das liegt wider Erwarten nicht daran, dass traditionelle Gimmick-Plays wie End-Arounds oder Sweeps super-erfolgreich sind! Nein: Auch „traditionelle“ Run-Konzepte wie Power oder Outside-Zone sind mit Receivern erfolgreicher als mit Runningbacks! 5.0 YPC für die Receiver, 4.2 für die Backs bei traditionellen Runs.

Dieser Vorteil kann natürlich an der kleinen Sample-Size liegen, aber es zeigt zumindest: Man hat keinen automatischen Nachteil dadurch, dass man einen Receiver ins Backfield stellt.

Nun kann man es als Gesetz der kleinen Nummer („Überraschungseffekt wird nachlassen, wenn sie es öfter machen“) abtun und behaupten, dass mit zusätzlichem Einsatz solcher Plays automatisch die Effizienz runtergeht, doch der Punkt ist: Zu welchem Grad das passiert, wissen wir erst, wenn Teams die Anzahl solcher Plays hochschrauben! Solange die Effizienz nicht runtergeht, kann man diese Marktlücke ausschlachten – im Idealfall müssen Defenses „überkompensieren“ und es tun sich dann wiederum neue Chancen auf!

Noch eins: Nicht jeder Receiver ist gleich gut für solche Plays geeignet. Sie müssen zumindest die Eier haben, durch Kontakt zu rennen. Spieler wie Ty Montgomery, Patterson, Tyreek Hill oder auch Rookies wie Gibson oder Shenault haben sie und sind damit perfekt prädestiniert um die Vorteile solcher Aufstellungen & Plays zu nutzen.

My two Cents

Die ganze Theorie ist natürlich nicht ganz neu – aber sie ist zum ersten Mal wirklich detailliert mit Zahlen untermauert, und sie bringt alle Theorien in den letzten Jahren mal wieder zusammen:

  1. Runningbacks sind unwichtiger für den Erfolg von Laufspiel als andere Faktoren wie Personal/Aufstellung und der daraus folgende Box-Count bzw. die Art der Box-Verteidiger.
  2. Offenses können mit gleichem 4-WR Personal noch einfacher darauf reagieren wie sich die Defense aufstellt: Entblößt sie die Box: Lauf straight über die Mitte. Stellt sie die Mitte zu, designte Pass-Routen nach außen und nutze die 1-vs-1 Situationen via Luftweg aus.
  3. Laufe nur dann, wenn seichte Box kommt! Du musst es weniger trainieren – viele Spieler sind gut bzw. intuitiv mit dem Ball in der Hand unterwegs. Das schafft dir viel zusätzliche Trainingszeit um den wahren King – die Qualität des Passspiels – zu optimieren.

Wide-Receiver Runs sind damit im Kern „gratis Plays“. Sie bringen gute / vergleichsweise bessere Effizienz für wenig Aufwand. Die wahre Qualität eines Offensivspielers im Jahr 2020 liegt in der Fähigkeit, Routen zu laufen.

Balltragen ist ein By-Product. Box Count. Leichtes Personal.

Sehr gute Effizienz trotz eines Ballträgers, der noch nichtmal als Runningback deklariert ist: Das ist maximale Runningback don’t matter Theorie.

Doch sie ist plausibel unterlegt und damit ein weiterer Sargnagel für den Wert von Runningbacks – und es ist so nebenbei ein erfolgversprechender Weg für eine Renaissance des Laufspiels!

3 Kommentare zu “Der Widereceiverback

  1. Erster Name der mir spontan einfällt ist Deebo Samuel. Den haben die 49ers letzte Saison auch immer mal wieder für Runs genutzt. Hat ihrem System glaube meist ziemlich gut funktioniert.

  2. Wenn es so offensichtlich und belegt ist, dass RBs durch WRs ersetzbar sind und unnötig Cap kosten, warum hat dann jedes Team soviele RBs? Es sind 32 Teams, warum ist nicht zumindest eins dabei, das ohne spielt? (Green Bay hat es ja mal vorgemacht. War ein Erfolg wenn ich mich recht entsinne.)

    Völlig off-topic:
    Auf b/r wird behauptet Earl Thomas hätte bei den Ravens teilweise mies gespielt (Playbook nicht draufgehabt, busted coverages / assignments) Weiss jemand was oder hat vielleicht einen Link für mich?
    Und wenn sie ihn cutten, würden sie 25mio Cap sparen, obwohl er nur 15mio kassiert?

  3. Durch den Artikel verstehe ich endlich die Verpflichtung von Ty Montgomery durch die Saints. Die O-Line schneller gemacht und einen Spieler geholt der wie die bessere Version von Pierre Thomas wirkt. Die Hoffnung dahinter ist wohl, dass letztes Jahr desaströse Screengame wieder gefährlich zu machen.
    Außerdem sind die Saints sehr schmallippig wenn es um die Verlängerung von Alvin Kamara geht. Kann man nur hoffen, dass Sie ihn nicht bereits jetzt mit einem Mega Vertrag binden, sondern abwarten wie er sich nach seiner durchwachsenen Saison entwickelt. Mit Latavius Murray haben Sie einen sehr guten zweiten RB (auch als Passcatcher) der noch 3 Jahre einen extrem günstigen Vertrag hat.
    Wie man überhaupt feststellen muss, dass die Saints immer mehr Spieler holen, die Hybriden sind. In der O-Line machen Sie dies ja schon länger mittlerweile aber eben auch im Defensive Backfield sowie bei LB/DL.
    Um so trauriger sehe ich deinen Artikel zu den Arizona Cardinals, die Isaiah Simmons jetzt angeblich seiner Vielseitigkeit berauben wollen. Dabei kann man an Spielern wie C. J. Gardner-Johnson schön sehen wie ein vielseitiger Spieler aufblühen kann wenn man ihn situativ im gesamten Backfield einsetzt.

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