NFL-Klassiker im Rückblick: New Orleans Saints – St. Louis Rams 2000/01

Heute mal ein Schmankerl aus der Youtube-Rubrik „NFL Classics“: Der vergessene Wildcard-Kracher 2000/01 New Orleans Saints vs. St. Louis Rams.

Die Rams waren als Titelverteidiger in die Saison gegangen, hatten aber trotz 540 Offense-Punkten (!) mit absurder Defense nur einen 10-6 Record zustande gebracht – punktgleich, aber hinter dem damaligen Divisionsrivalen New Orleans, den man eine Woche zuvor in deren Superdome noch geschlagen hatte.

Zum Playoff-Auftakt ging es für die „Greatest Show on Turf“ mit QB Kurt Warner, NFL-MVP RB Marshall Faulk, WR Isaac Bruce, WR Torry Holt und WR Az-Zahir Hakim erneut zu den Saints, und das Ergebnis war ein vogelwildes Spiel, das alsbald auf alle Konventionen schiss und alles brachte, was Football so großartig macht:

  • Eine Latte an tiefen Bomben und Big-Plays, kein Passversuch mit nicht mindestens 7-step Dropback mit einem geschätzten aDOT von 15 Air-Yards
  • Zwei Quarterbacks „lights out“ in Warner und Aaron Brooks, die keinen schwierigen Pass in enge Coverage scheuen
  • Eine klare Führung für den Außenseiter, nebst fettem Comeback innerhalb weniger Minuten im Schlussviertel
  • Ein Kracher-Finish mit einem gefumbelten Punt-Fair-Catch

Hier sind die Highlights:

Zu den Storys des Spiels gehört, dass Rams-QB Warner in der Saison immer wieder mit Gehirnerschütterungen zu kämpfen hatte – ein Standard-Thema zu jener Zeit, nachdem der beinharte Warner mit langen Dropbacks hinter 5-Man Protection in der rücksichtslosen Rams-Offense seinen Mann stand.

Warner litt als Folge der vielen Concussions unter Migräne und galt als anfällig gegen das gleißende Licht im Superdome. Um den Effekt zu verstärken, spielten die Saints in ihren weißen Auswärts-Trikots.

Warner warf dann auch gleich 3 Interceptions und fabrizierte einen Fumble, und Hakims Fumble am Ende war sogar Turnover #5. Es ist also ein Testament für die Potenz der damaligen Rams-Offense, dass sie dennoch bis wenige Augenblicke vor Spielende die Chance auf den Sieg hatten. Trotz satter vier Turnovers hatte Warner +0.09 EPA/Pass, eine überdurchschnittliche Performance für die damalige Zeit!

Gegenüber Brooks hatte sogar grandiose 0.44 EPA/Dropback. Brooks ist heute ein längst vergessener Quarterback. Er war immer ein bissl Freak-Erscheinung als einer der damals wenigen schwarzen Quarterbacks in der NFL. Brooks, Michael Vicks Cousin im Übrigen, war immer ein sehr mobiler QB mit einem mächtigen Wurfarm, aber er galt nie als präzisester Werfer unter der Sonne – und er war recht fehleranfällig. Er feuert in diesem eine Bombe nach der anderen aus seinem Armgelenk.

Trotzdem gibt es nix Vergleichbares zu Warner-Pässen. Warner-Football ist mit der ästhetischste Football, den es gibt: Fantastische, scharfe Geschosse mit flacher Flugbahn aus der Pocket heraus, egal wie viel Druck auf den QB kommt, egal wie eng der Receiver zugedeckt ist. Ich habe damals „live“ nur noch die letzten Ausläufer der Rams-Hochblüte erlebt, und es hat später lange wenig Vergleichbares gegeben. Selbst Peyton Manning, ab spätestens 2003 herum der Goldstandard für Quarterbacks, hat Warner an optischem Genuss nie ganz das Wasser reichen können.

Auch die anderen Protagonisten der Rams-Offense sind nur geil. Marshall Faulk wäre heute mit großem Abstand der beste Runningback in der NFL – und er war ehrlicherweise mehr, einer der ganz wenigen Backs, die man bedenkenlos auch als Receiver aufstellen konnte. Seine späteren Jahre waren nur noch matter Abglanz seiner selbst. Isaac Bruce: Unglaublich geschmeidiger Route-Runner. Torry Holt: Kontaktscheu, aber brutal explosiv.

Die Rams haben jenes Wildcard-Spiel also letztlich 28-31 verloren, aber neben dem 1999/2000 Viertelfinale gegen die Vikings war das vielleicht noch vor der Superbowl gegen Tennessee das prägendste Spiel dieser Offense: High-Risk, full fun. Es gab Fehler und nicht zu wenige Turnovers, aber die guten Momente waren atemberaubend.

Nach Advanced-Stats kommt diese so berühmte Offense gar nicht mal so gut weg wie man in der Retrospektive meinen würde (DVOA #4 1999, nur knapp #1 2000, nur #2 2001) – wohl auch wegen der vielen Ballverluste.

Und dennoch: „Mad Genius“ Mike Martz war ein oft verspöttelter Sonderling, aber seine Offense war ihrer Zeit voraus. Ich glaube nicht, dass viele der heutigen Offenses an Unterhaltungswert an die damalige Rams-Offense heranreichen.

3 Kommentare zu “NFL-Klassiker im Rückblick: New Orleans Saints – St. Louis Rams 2000/01

  1. Mann, was habe ich diese Seasons von 1999 bis 2001 genossen, nach 10 Jahren voller Tiefpunkte. Das war einfach nur spektakulär, vielleicht die beste Offener, die es je gab.

  2. Es war die erste winning Season der Saints seit 1992 und ich hätte die Möglichkeit auf Playoff Tickets gehabt. Aufgrund der Angst vor dem Millennium Bug gab es dann allerdings bei meinem damaligen Arbeitgeber eine Urlaubssperre und es wurde nichts daraus die Saints mal live in den Playoffs zu sehen. Damals musste ich noch davon ausgehen, dass eine Playoff Teilnahme der Saints zu Lebzeiten eher ein seltenes Gut ist.

    Ob ich das Spiel dann am (ich glaube) Yahoo Live Ticker verfolgt habe oder nicht kann ich gar nicht mehr sagen. Mike McCarthy war damals übrigens OC der Saints und Jake Delhomme der Backup von Brooks. Der Saints Kader in diesem Jahr hatte (inklusive HC Hasslet) wenig Sympathieträger, ich war fast ein bisschen neidisch auf die Rams die mit Faulk und Warner zwei echt coole Aushängeschilder hatten.

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