Wenn Drogenbosse wie Schulbuben ausschauen

Das ist ein Footballblog. Aber beim Thema Football ist das Thema Schmerzmittel nie weit weg.

Es ist ein Thema, das ich mangels Expertise auf diesem Blog kaum behandle – und das dennoch immer mal wieder hochschwappt. Unvermeidlich in einer physischen Sportart wie Football. Ich kann die Anfragen zu meiner Meinung nach der Schmerzmittel/Marihuana-Thematik nicht vernünftig beantworten.

Ich habe dazu keine Meinung. Aber ich habe mal wieder einen Verweis zum Thema.

ARTE hat vor zwei Wochen dankenswerterweise eine wichtige Dokumentation zur Opioid-Krise in den USA online gestellt, und sie kann als Erweiterung der hier schon im März vorgestellten Dokuserie zum internationalen Drogenhandel verstanden werden – Süchtig nach Schmerzmitteln am Beispiel von Oxycontin:

Da wirst du depressiv. Ein von Lobbys erschaffenes, von der Politik aktiv gefördertes Kartell (durch Einbindung von Ärzten, aber auch durch Abwerben bzw. Blockierung der Ermittler) an quasi legalisierten Drogen, die Millionen Menschen in die Abhängigkeit treiben – man möchte meinen „Amerika at his best“, wenn die Welle nicht langsam auch auf unsere Breitengrade überschwappen würde.

Das schiere Ausmaß der Schmerzmittel-Krise in den USA auf dem Höhepunkt vor einigen Jahren ist erstaunlich – und die Spätfolgen der Krise werden uns in die nächste Generation begleiten.

Es zeigt auch: Die Drogen werden nicht nur von Latino-Dealern in Florida auf die Straße gebracht. Viel schlimmer sind die alten weißen Männer, die von ganz oben herab ohne Skrupel über offizielle Wege ganze Bevölkerungsschichten in den Abgrund treiben.

Wenn man diesen Case-Study von Oxycontin ansieht, dann lassen sich die auch im NFL-Umfeld immer häufigeren Rufe nach einem Kurswechsel weg von exzessivem Schmerzmittelgebrauch hin zu Marihuana neu einordnen.


Als Nachklapp zu der Doku: Purdue Pharma (der Konzern hat übrigens nix mit der Purdue University zu tun) hat letztes Jahr Insolvenz angemeldet ohne in Liquiditätsproblemen zu stecken. Als Grund wird vermutet, dass der Konzern damit den exorbitanten Regressforderungen aus dem Weg gehen will – die Rede ist von mehr als 11 Milliarden Dollar in der ersten Klagewelle.

Die Owner-Familie Sackler tangiert das alles wenig. Sie hat in den letzten zwei Jahrzehnten zirka 13 Milliarden Dollar zur Seite geschaufelt und gilt quasi als untergetaucht und von der Justiz nicht greifbar. Im Vergleich zu dieser Dynastie sind die südamerikanischen Drogenbosse reine Lehrbuben.

5 Kommentare zu “Wenn Drogenbosse wie Schulbuben ausschauen

  1. Zu diesem traurigen Thema gibt es auch eine sehr gute Netflix Dokuserie in 4 Teilen. Ein einzelner Apotheker, versucht nach dem sein Sohn beim Oxy kauf erschossen wird darum, dass der Verkauf von Opiaten verboten wird. Aufgrund seiner Beharrlichkeit begannen dann einige Staaten gegen die Pharma Firma Purdue vorzugehen.

  2. (Die beiden Begriffe werden schon häufiger verwechselt. Ich glaube in obiger Doku hätte es auch „Opioid“ anstatt „Opiat“ heißen müssen, da das Haupt-Thema Oxycontin war, und das ist mehr synthetisch als aus Opium.)

  3. Kein Stress 🙂 ! Bin CHemiker und musste erst nachsehen, was denn nun der Unterschied ist zwischen Opioiden und Opiaten. Jeder weiss, was gemeint ist 🙂 . Wahrscheinlich ist es sogar sinnvoller von „Schmerzmitteln“ zu reden, da es auch rel harmlose Opioide gibt wie Imodium. (Imodium: auf WHO LIste der wichtigsten Arzneimittel. Rel harmlos: nicht mit Tonic Water kombinieren ! 😉 )
    Ich weiss nicht, ob die Studie unten hier schon verlinkt / diskutiert wurde. Meine Meinung: Ursache der geringeren LEbenserwartung von Leistungssportlern kann durchaus zu einem erklecklichen Teil an Medikationen liegen.
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/leistungssport-olympia-teilnehmer-sterben-frueher

  4. Das Thema ist grob, ich hab das erste Mal vor ein paar Jahren – ich glaube im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Chris Borland – im Detail darüber nachgelesen. Es gibt aus meiner Sicht einige Faktoren, welche Football als Sportart so anfällig für das ganze Thema „painkillers“ machen:

    1.) Man muss, egal auf welcher Position, im Football Hits austeilen und/oder einstecken können. So intensiv auf Kontakt ausgelegt ist sonst kaum eine Mannschaftssportart (z.B. ist bei Rugby so weit ich weiß die Wucht in der Regel niedriger; bei Fußball sind harte Hits grundsätzlich illegal; von der direkten Intensität Körper vs. Körper kommt da finde ich Handball noch am nähesten hin, wobei es da vornehmlich auf die Gelenke geht; Eishockey ist natürlich noch zu nennen – wobei da einschränkend dazukommt, dass die weniger abrupten und absehbareren Hits in der Regel besser wegzustecken sind und die Schutzausrüstung besser ist).

    2.) Football ist immer noch von einer ausgeprägten „tough guy“-Mentalität gekennzeichnet. Harte Hits kommen ins Highlight Reel. Coaches und Fans fordern diese Hits. Spieler feiern sie. (Gerade bei Spielern entbehrt das nicht eines gewissen Zynismus. Oft genug wird ein Hit erstmal gefeiert, bei dem der gehittete Spieler dann im Cart abtransportiert wird.)

    3.) In der NFL gibt es nur 16 (maximal 20) Spiele pro Jahr. Jedes Spiel ist wichtiger – für das Team, aber auch für den Paycheck des jeweiligen Spielers – als in allen anderen großen Ligen.

    4.) Die Spieler werden immer athletischer. Das Muskelwachstum hilft allerdings nichts gegen viele Schwachstellen des Körpers.

    5.) In den USA sind diese Mittel kulturell derart akzeptiert, dass man wohl kaum Argumente findet die Dinger nicht zu nehmen, wenn der Mediziner des Teams es vorschlägt.

    6.) Über den Kanal der Teamärzte haben die Pharmafirmen relativ leichten Zugang zu einer sehr großen Menge an Spielern, weil die NFL-Teams – je nach Jahreszeit – zwischen 60 und 90 Spielern groß sind.

    7.) Ironischerweise dürften auch die immer erweiterten Sicherheitsregeln, wie z.B. weniger Kontakttrainings und generell weniger Trainingseinheiten, dazu beitragen, dass man sich eher was einwirft, weil man die Schmerzen der Regular Season nicht mehr so gewohnt ist.

    Allgemein halte ich die ganze Sache für einen der schlimmsten systemischen Missstände unserer Zeit. Die Pharmakonzerne machen unglaubliche Kohle und es gibt keine wirksamen Regeln. Das ganze System ist derart kaputt und krank, dass es ohne radikale Schnitte zu keinen Änderungen kommen wird. Wie sich Ärzte hier instrumentalisieren lassen um Abhängige zu züchten, da bleibt einem wirklich die Spucke weg und man kann nur hoffen, dass die entsprechenden Regeln in Europa nicht aufgeweicht werden und – allgemein – die Profitgetriebenheit der Ärzte nicht in Regionen steigt, wo ähnliches hierzulande dann ganz schnell denkbar wird.

    Zur Illustration wie stark das ganze Thema in der Gesellschaft verankert ist: Im Guardian gibt es eine eigene Unterkategorie „Opioids“ (https://www.theguardian.com/society/opioids).

    Sehr empfehlen kann ich auch die John Oliver (Last Week Tonight) Folgen zu „opioids“. Nicht weniger deprimierend, aber wenigstens auch lustig.

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