Ein Zeichen des Fortschritts?

Die meisten NFL-Fans dürften es schon mitbekommen haben.

Gestern hat QB Drew Brees bei Yahoo Sports die alte Leier wiederholt: „Ich kann nie jemandem zustimmen, der die US-Fahne nicht respektiert“, und zwei Minuten lang über den Kampf seiner Großväter im Zweiten Weltkrieg referiert ohne auf den friedlichen Protest gegen Rassendiskriminierung einzugehen:

Nun ist Brees‘ Weltsicht keine neue und das Statement für ihn auch nicht untypisch. Was dann aber doch verblüfft: Wie ein Quarterback, ein eigentlich per Definition intelligentes Wesen, nach so vielen Jahren noch immer nicht den Unterschied zwischen Kaepernicks Intention und Trumps Agenda versteht:

Noch dazu ein Quarterback in einer schwarzen Stadt wie New Orleans, in einer Umkleidekabine mit so vielen schwarzen Teamkollegen. Hat Brees jahrelang die Augen zugemacht? Wollte er es nicht verstehen?

Was im Nachgang an den Brees-Kommentar jedoch in bislang ungekannter Form auffiel und ein Hoffnungsschimmer für den Schritt in eine etwas progressivere Zukunft sein könnte: Die Reaktionen aus der NFL- und Sport-Welt waren fast unisono negativ. Egal ob Journalisten, Sportlern oder Teamkollegen (!) – Brees wurde verdammt.

Doug Baldwin:

Richard Sherman:

Dieser Tweet von Arik Armstead wurde von Nate Boyer re-tweeted, jenem ehemaligen Militär/Green Beret, der Kaepernick einst riet, zur Hymne zu knien anstatt zu sitzen:

Melissa Jacobs:

Julius Peppers:

LeBron James:

McCourty-Twins:

Und dann die Teamkollegen in New Orleans – Emmanuel Sanders…

…und vor allem „can’t guard Mike“ Michael Thomas…

…und Michael Jenkins:

Was noch fehlt: Weiße Coaches (ausgerechnet Brees-Coach Sean Payton solidarisierte sich zumindest mit den Rassenprotesten) und wirklich prominente weiße Quarterbacks. In einem Amerika, in dem der Präsident den Staatsstreich vorbereitet, wäre ein solches Zeichen von immenser Strahlkraft. Doch so weit reicht der Schritt nach vorne wohl noch nicht.

27 Kommentare zu “Ein Zeichen des Fortschritts?

  1. Immer wieder aufs neue Faszinierend, das es Menschen gibt, die eine Flagge höher einschätzen als Dinge die unter dieser Flagge passieren.Traurig.

  2. Ich sehe auch hier noch viele schwarze, aber nur wenige weiße Sportler. Payton ist eine Ausnahme.

    Die OL der Saints ist doch fast schwarz. Wäre es nicht einfach geil, wenn sie im ersten Snaps der Saison einfach alle stehen bleiben und die Rusher free auf Brees lassen?

  3. Aaron Rodgers hat inzwischen bei Instagram ein Statement raus gehauen bzgl. des auf die Knie gehen, bzw. Arm in Arm wie es die Packers gemacht haben. Da ich das nicht verlinken kann, hier die Aussage:
    It has NEVER been about an anthem or a flag. Not then. Not now. Listen with an open heart, let’s educate ourselves, and the turn word and thought into action.

    Die Reaktion sind überwiegend positiv. Wäre schön wenn andere Qbs ihm folgen. Ich meine der Locker Room ist schließlich zum grossen Teil schwarz, da müssen die doch was mitbekommen?

  4. „Nun ist Brees‘ Weltsicht keine neue…“ eine Frage: das ist irgendwie an mir vorbei gegangen die letzten Jahre, könnt ihr mir was zu seiner Weltsicht erzählen? Ich mein, ich kann mir vorstellen in welche Richtung es geht, aber das war mir bis jetzt wirklich unbekannt…

  5. Brees ist bekannter Republikaner und unterstützt Gruppen wie Focus on the Family, insofern war das Statement nicht überraschend.

  6. Ich möchte mich hier auch mal einfach dafür bedanken, dass auf diesem Blog hier auch zu politisch und gesellschaftlichen Themen immer mal wieder Stellung bezogen wird und eine klare Haltung vertreten wird! Diese Trennung von Politik und Sport, wie sie nicht nur in, aber gerade auch in Deutschland gerne angemahnt wird, ist nichts anderes, als Heuchelei und Entmündigung von Athleten. Vor allem dann, wenn man sieht, wie Sport (auf Funktionärs- und Verbandsebene) und Politik (gerne auch mit menschenverachtenden Diktaturen; siehe Olympia oder die ganzen Weltmeisterschaften in Katar) Hand in Hand gehen.
    Umso angenehmer für mich natürlich, dass sich meine Sichtweisen auf die Dinge hier doch sehr sehr stark mit denen des Autors und auch der überwiegenden Zahl an Kommentatoren hier decken. Von daher: weiter so (also auf diesem Blog) und hoffen wir, dass sich am Ende dann doch etwas ändert und mehr Bewusstsein für Rassismus und alles was damit zusammenhängt entsteht und nicht einfach alles so weiter geht.
    PS: Stark auch das Statement des Spurs Coach Gregg Popovich

  7. Nicht jeder Republikaner und Unterstützter von FoF hat in dieser Frage die Haltung von Brees. Bei allen guten und richtigen Aspekten in dieser Diskussion hier auf dem Blog, sollte auch dieses Moment bitte differenziert und fair betrachtet werden.

  8. Das behaupte ich auch nicht, nur ist der Sprung vom einen zum anderen kein großer. Ich war von Brees‘ Einstellung daher weniger überrascht als vom massiven Gegenwind.

  9. Schön dass du das Thema nicht einfach unter den Tisch kehrst korsakoff, finde ich gut und positiv. Da gehört drüber diskutiert und angesichts der gesamten (US-)amerikanischen Geschichte sollte es wirklich niemanden wundern, dass dieses Thema nicht einfach totgeschwiegen werden kann.

  10. Ich glaube ja tatsächlich dass dort wo die Menschen direkten Kontakt miteinander haben, wie eben z.B. in der NFL, das grundsätzliche Bewusstsein für die Problematik wesentlich größer ist, als bei Menschen, die quasi immer noch segregierte Leben führen. In der NFL gibt es sicherlich noch eine Handvoll QBs der „alten Schule“, neben Brees fällt mir da auch Brady (hat jedenfalls 2016 noch Trump unterstützt) ein. Rivers, als devoter Christ und mit seinen 11 Kindern, würde ich vom Gefühl her auch noch in diese Kategorie packen – von ihm kenne ich aber keine öffentlichen Äußerungen, das mag insofern auch nicht stimmen.

    Aber abgesehen davon waren schon bei den ganzen Protesten gegen Trump wegen der Flaggen-Streitereien und diversen anderen Dingen auch immer wieder weiße Spieler ganz vorne dabei. Chris Long fällt mir da z.B. ein. Der hat das Thema seit Jahren schon immer wieder offensiv angesprochen und kritisiert. Gerade ganz aktuell ist Josh McCown (neben den hier bereits angesprochenen) zu nennen.

    Und ausnahmsweise glaube ich den Ownern die sich jetzt zu Wort gemeldet haben auch tatsächlich, dass sie das als Problem erkennen – die hätten ja sonst nicht unbedingt die ganz große Motivation jetzt was zu sagen.

    Aber insgesamt sehe ich nicht wie die USA da aktuell rauskommen. Der Karren ist derart in den Dreck gefahren und das ist ein derartiger Lagerstreit, wo niemand wem anderen mehr irgendetwas glaubt. Das sind tatsächlich 2 (oder eventuell noch mehrere) Amerikas, die miteinander kaum mehr etwas zu tun haben.

  11. Kann reiner ZUfall sein, aber die Eskalationsstrategie von Trump etc zeigt auch in D Wirkung. Habe heute beim Einkaufen das erste Mal eine mir bisher unbekannte Steigerung des leidigen ACAB / 1312 gelesen: ACAT –> „Bastarde“ durch „Ziele“ ersetzt. Neue Stufe :-((

  12. Das Brees Statement ist sehr, sehr bitter..

    „I am sick about the way my comments were perceived yesterday, but I take full responsibility and accountability.“

    „I recognize that I am part of the solution and can be a leader for the black community in this movement. “

    Viel mehr BS geht nicht.

  13. Er hat jetzt in seiner Entschuldigung wirklich gesagt, er könne ein Anführer der schwarzen Community sein? Ernsthaft? Oder sind hier meine englischkünste einfach mies und das bedeutet sinngemäß was anderes (Glaube ich nicht).
    Als wären die PoC auf Weiße als Anführer angewießen. Das zeigt doch den ganzen Rassismus, der da latent vorhanden ist. Wir Weiße können da helfen, indem wir anerkennen was White privilege ist, wir können zusammen mit PoC auf die Straße gehen und mit ihnen demonstrieren. Wir können uns alle ernsthaft hinterfragen, wo jeder einzelne von uns (unabsichtlich, unterschwellig) rassistisch handelt oder redet, wo eigene rassistische Vorurteile sind. Da gibt’s ja inzw massig Leitfäden für (Bsp: wenn man eine nicht-weisse Person fragt, woher sie kommt und diese mit München antwortet, nicht nachfragen „ja, aber woher denn ursprünglich bzw deine Eltern?“ Einfach damit klar kommen, dass diese Person eben aus München kommt und sogar da geboren ist, sprich: waschtechter/waschechte MünchnerIn ist).
    Aber nein, wir als Weiße Mehrheitsgesellschaft sollten uns davor hüten, uns als Führungsfiguren für diese Bewegung und diese Community zu verstehen. Das nämlich wiederum, gehört zum Problem.

  14. 1) Brees Aussagen waren absolut dämlich und unangebracht.

    2) Was muss ein weißer QB eigentlich in der Öffentlichkeit sagen, damit er es „richtig“ macht. Mittlerweile wird ja sogar Aaron Rodgers von Leuten wie M.Bennett für ein wirklich gutes Statement angegangen, nur weil er das Wort „they“ benutzt, obwohl Rodgers sogar erklärt, wieso er das macht („I think the best way I can say this is: I don’t understand what it’s like to be in that situation. What it is to be pulled over or profiled etc., but I know this is a real thing my black team-mates have to deal with.“).

    Ganz ehrlich, da braucht sich dann keiner beschweren, wenn auch Leute wie Rodgers keine großen Statements raushauen, sondern das ganze eben intern mit ihren Teamkollegen diskutieren.

  15. @JoffreyG: Wo wird wohl das Problem von Bennett liegen? Wohl daß Rodgers sich jahrelang entsprechend benommen hat und er ihm jetzt ein weiches Statement nicht so einfach durchgehen lassen kann.

    Wenn so ein kritischer Kommentar wie von Bennett ausreicht als Entschuldigung keine Statements zu veröffentlichen, dann fehlt es sowieso am Willen.

    Trotzdem natürlich gut, daß sich Rodgers mit dem Statement an die Öffentlichkeit wagt. Auch die Packers. Wisconsin ist ja in Sachen Polizeigewalt kein Staat von Traurigkeit.

  16. „Jahrelang so benommen“
    Ich habe ehrlich gesagt bisher nicht gehört, dass sich Rodgers jemals ignorant oder sogar rassistisch verhalten hätte.

    Ist jetzt aber auch egal. Der Fokus soll weiter auf der wichtigen Thematik (black lives matter) bleiben, da lenkt diese Diskussion über Rodgers eh nur ab. Auch wenn ich Kritik an seiner Aussage bescheuert finde.

  17. „Tony Dungy says Colin Kaepernick will be seen differently after George Floyd“. Das wäre allerdings ein Zeichen des Fortschritts. Nur glauben kann ich es nicht so recht.

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