Der J.K. Dobbins-Pick

Die Baltimore Ravens waren wohl das Team der Saison 2019. Umso erstaunlicher war ihre Einberufung von RB J.K. Dobbins mit dem #55 Pick im NFL-Draft 2020. Warum ich auch fast zwei Monate später noch darauf herumreite? Antwort in diesem Artikel.

Ich komme damit auch ein paar Wochen nach dem Draft nicht ganz klar. Die Ravens sind nach allen verfügbaren Informationen das Analytics-getriebenste Team in der gesamten NFL. Ihre Offense 2019 war revolutionär in so vielen Facetten, sie waren aggressiv in 4th Downs, haben Pass-Konzepte wie das Five-Verts ausgeschlachtet und ganz neu definiert und gelten seit 20 Jahren als vorbildhaft im Roster-Building.

Und dann zieht GM Eric DeCosta einen Runningback in der 2ten Runde.

Und das für die Mannschaft, deren Rushing-Thread wie keine andere um ihren einzigartigen QB Lamar Jackson gebaut ist. Es gibt so viele Hinweise darauf, dass Teams mit mobilen Quarterbacks automatisch auch ein effizienteres „reguläres“ Laufspiel haben – und „mobil“ ist beim mutmaßlich besten Athleten in der NFL Jackson noch eine Untertreibung.

Selbst wenn die Ravens so viel laufen wie keine andere NFL-Mannschaft, wirkt die Einberufung von Dobbins mit einem dermaßen hohen Picks wie ultimativer Luxus. Lass uns mal die Erklärungsversuche im Einzelnen kurz durchgehen.

Scheme-Fit

Auf Twitter haben mich amerikanische Scouts bereits vom „perfekten Fit“ Dobbins‘ in der Ravens-Offense zu überzeugen versucht:

Scheme-Fit ist bestimmt wertvoll – niemand würde das bestreiten! – aber wir haben so viele eindeutige Hinweise darauf, dass der Einfluss von Scheme-Fit verschwindend gering ist im Vergleich zu den Opportunitätskosten wie dem Verzicht auf Cornerback oder Wide Receiver an der Stelle – die Ravens hätten Leute wie CB Kristian Fulton oder WR Denzel Mims noch auf dem Tablett gehabt.

Und natürlich: Die Austauschbarkeit von Runningbacks. Es gibt praktisch keine Korrelation zwischen Draftposition und Erfolgsquote bei Runningbacks. Diese Base-Rate ist so eindeutig – und wird dennoch so gerne übersehen. „Bei diesem Runningback ist alles anders“ galore.


Ich bin auf der Suche nach dem Sinn hinter dem Dobbins-Pick so weit gegangen, dass ich dem Kollegen Jan Weckwerth in seiner monströsen Draft-Nachberichterstattung die folgende Frage gestellt habe:

korsakoff: J.K. Dobbins in Baltimore: Wie passt er in deren Power-Rushing Offense, wie groß ist die Umstellung von Ohio States Inside/Outside Zone Running für so einen Prospect und für wie wichtig erachtest du seine Erfahrung als Shotgun/Pistol-Runner für sein neues NFL-Team?

Seine Antwort nebst ausführlicher Analyse gibt es hier. Ein paar wesentliche Punkte:

  • Ravens spielen nicht nur Power-Rushing, sondern haben auch vermehrt Zone-Elemente in ihrem Laufspiel.
  • Dobbins ist prädestiniert dafür, „System-übergreifend“ effizient zu laufen: Er ist sehr stark im Lesen von Blocks und läuft niemals zögerlich. Das macht sich in Zone-Konzepten gut.
  • Er ist sehr erfahren in Shotgun- und Pistol-Running.

Das ist dann wohl der fast perfekte Scheme-Fit, den auch ein Thor Nystrom von Rotoworld mir versuchte zu verkaufen: Seine Fähigkeit, den verfügbaren Platz zu nutzen. Und Platz wird Dobbins in Baltimore dank Jacksons Präsenz genug bekommen.

Geld sparen

Die überzeugendste Erklärung liefert mir aber Robert Mays beim Ringer:

Baltimore’s offensive approach has generated a bit more criticism this spring, but it’s not hard to trace DeCosta’s thinking there either. The Ravens used the additional second-round pick they acquired in the Hayden Hurst deal on Ohio State running back J.K. Dobbins. DeCosta’s decision to take a running back that high was likely met with some dissent in the analytically forward Ravens front office, especially considering Baltimore had other needs to fill (at receiver, edge rusher, and along the interior of the offensive line) and was already set to return the entirety of a backfield that finished first in rushing DVOA last season. Adding Dobbins with the 55th overall pick felt like a move with limited upside. But let’s flesh that out a bit.

Mark Ingram will turn 31 next season, and his calf injury hampered the Ravens’ running game in their playoff loss to Tennessee. Gus Edwards is set to become an unrestricted free agent after the season; if Baltimore tenders him next spring, he’ll likely make more than twice what Dobbins will in 2021. A team’s rushing success is typically tied more to scheme and its talent up front than the skills of an individual running back, but with potential regression looming for the Ravens offense and questions about the interior of the offensive line following stalwart guard Marshal Yanda’s retirement, it’s possible that DeCosta believed Dobbins gives Baltimore’s running game a better chance of sustaining last year’s success than whatever guard was available late in the second round.

Eine mit der Salary-Cap begründete Entscheidung also. Ingram als 31-jähriger Back ist bald verbraucht, und der „Gus Bus“ Edwards könnte nächste Offseason den teuren Vertrag wollen. So schlecht eine hohe Runningback-Einberufung im Draft ist: Eine teure Runningback-Vertragsverlängerung ist noch übler.

Die Theorie geht also so:

  1. Die Ravens laufen viel, mehr als alle anderen Teams in der NFL, also braucht es viele Runningbacks.
  2. Die jetzt im Kader stehenden Runningbacks sind entweder alt oder bald zu teuer
  3. Also ist ein 2nd-Round Rookie immerhin eine weise Einsparungsmaßnahme.

Also alles gut?

Nein. Selbst die plausibelste Erklärung kostet Baltimore die Chance, auf Guard (Rücktritt Yanda) nachzulegen, oder wie schon oben angesprochen in weiser Voraussicht Cornerback oder Receiver zu draften.

Baltimore war unter anderem deshalb der lauflastigste Team in der NFL, weil es die meiste Zeit mit Führung im Rücken spielte. Die Ravens hatten keine 80 Plays mit Rückstand in der ersten Halbzeit in der ganzen NFL-Saison – das ist unfassbar. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das nächste Saison noch einmal so sein wird. Und wenn es nicht mehr der Fall ist – wie z.B. im verhunzten Playoffspiel gegen Tennessee – dann wird Passspiel umso wichtiger.

Auch waren die Ravens mit 0.13 EPA/Run die perfekteste Rushing-Offense seit langem. Es hat sich wieder und wieder gezeigt, dass solch exorbitantes Laufspiel stärker als Passspiel zu Regression zur Mitte tendiert. Baltimore wird also Effizienz-Einbußen im Laufspiel hinnehmen – Dobbins hin oder her.

Baltimore war mit fast 0.30 EPA/Dropback auch die beste Passing-Offense in der NFL. Hier droht noch stärkere Regression. Die Ravens hatten schon an sich eine der unkonventionellsten Passing-Offenses – u.a. wegen eines extrem unerfahrenen Receiving-Corps. Keine Mannschaft baute ihre Offense stärker über die Tight Ends auf, weil es wenige Optionen auf WR gab.

Nun geht Hollywood Brown (1st Rounder 2019) in sein zweites Jahr – und auch der letztjährige 3rd Rounder Miles Boykin, dessen Rookiesaison als glatte Enttäuschung galt. Die Ravens drafteten in Runde 3 mit Devin Duvernay immerhin einen Slot-Receiver als Komplettierung des jungen WR-Corps. Doch überwältigend liest sich diese Gruppe noch immer nicht – jeder weitere Spieler hätte die Chance auf einen möglichst guten WR-Corps vergrößert.

Denn mach dir nix vor: Wenn eines in der NFL konstant ist, dann dass Defenses Antworten auf jede noch so komplizierte schematische Herausforderung finden. Diese Antworten werden Baltimores Offense wohl nicht so schnell zum Erliegen bringen, aber zumindest einbremsen. Wenn die Ravens 2020 annähernd die Effizienz von 2019 wiederholen wollen, muss eine Weiterentwicklung vor allem im Passspiel her.

Bleibt die Verteidigung von Passspiel – Cornerback. Baltimore hat einen der tiefsten Cornerback-Gruppen in der NFL: Marlon Humphrey, Marcus Peters, Tavon Young, Jimmy Smith. Doch Smith ist über 30 und Humphrey spielt 2021 schon unter der 5th-Year Tag. Ihn zu halten wird noch teurer als jeden Runningback zu halten.

Die „Kostenspar-Theorie“ auf Runningback krankt an der einen Stelle: Cornerbacks zu verlängern ist noch teurer. Die Ravens hatten mit Fulton auf dem Board die einmalige Chance, einen langfristig tiefen Defensive-Backfield Depth-Chart zu bauen, der eventuell einen Abgang Humphreys verkraftet hätte, und haben darauf verzichtet.

Die Wetten stehen gut, dass Dobbins in der sehr freundlichen Ravens-Offense hervorragende Zahlen abliefert. Das wird für viele „siehste, Hater!“ Kommentare sorgen. Doch wir sollten uns nicht der verpassten Chance verschließen. Daher habe ich den Ravens trotz eines ansonsten soliden Draft-Prozesses mit u.a. dem guten Scheme-Fit LB Patrick Queen Ende der 1ten Runde, nur die Note = C gegeben.

7 Kommentare zu “Der J.K. Dobbins-Pick

  1. Finde die Erklärung es gab keinen guard, der das Lustspiel effizienter gemacht hätte, als einen runningback (also die abwägung), die wichtigere Erklärung.
    Dennoch: o-line ist weak-link philosophie und gerade auf guard ist double up (draft + FA der nicht gegen comp picks zählt) praktisch, weil die so sehr von OT und C gestützt werden und sich linearer (also konstanter) entwickeln als andere Positionen. Also lieber ein Jahr vorher double up und den stabilsten nehmen (siehe 9ers guards), als auf need FAs überbezahlen oder draften, um dann 1 – 2 Jahre Entwicklung abwarten zu müssen, bzw. höher guard draften zu müssen, damit der nötige impact rechtzeitig da ist.
    Gerade RB kannste ja neben späten draftpicks auch gut per double up über billige FAs hinbekommen.

  2. Ich denke ich kann deinen Gedankengang jetzt auf alle Fälle noch besser nachvollziehen als damals, wo wir schon über den Dobbins-Pick diskutiert hatten.

    Ist finde ich auch alles stimmig, aber die Gesamtnote C verstehe ich immer noch nicht wirklich.

    Die restlichen Picks waren mMn einfach zu gut auf dem Papier. Wenn du bei einer Klausur eine Aufgabe etwas fragwürdig beantwortest, aber bei allen anderen 9 Fragen gut drauf bist, ist das auch nicht automatisch eine 3.

  3. War die Draftklasse ansonsten so überragend?

    Ihr ganzer WR-Corps hat Probleme sich freizulaufen, und Baltimore hat nicht nur einmal, sondern zweimal auf Receiver verzichtet, ehe sie einen Gadget-Player in Runde 3 zogen.

    Weder Duvernay noch 6th Rounder Proche haben irgendeinen Nachweis, dass sie besondere Separation-Skills auf tieferen Routen hätten.

    Queen ist ein cooler Pick, aber zu welchem Preis? Die 3rd Rounder stehen für Tiefe in der Defense und etwas Hoffnung auf Kontinuität in der Offense Line, aber Baltimore hatte 2019 eine große Schwäche, und hat diese (WR) mit suboptimalen Prospects adressiert.

    Ich bin etwas skeptisch, was mit dieser Offense passieren wird, wenn sie aus der Comfort-Zone gedrängt wird und nicht mehr 90% der Snaps mit Führung spielen kann, weil ihnen alles aufgeht. Entweder Hollywood & Boykin machen einen großen Sprung & Duvernay schlägt schnell als Slot-Waffe ein, oder es wird erneut sehr schnell dünn.

    Insgesamt solide Klasse, die ein B bekommen hätte, wenn es den Dobbins-Pick nicht gegeben hätte.

  4. Vielleicht habe ich auch zu viel Respekt vor den Ravens, aber sie haben viele Spieler bekommen, die auf den meisten Boards höher gerankt waren, als sie dann gegangen sind.

    Queen galt als bester Cover-LB im Draft (neben Simmons) und viele hatten ihn höher.

    Madubuike galt allgemein als Top-50 Pick. Guter Pass Rusher auf DT.

    Harrison hatten viele ebenfalls Anfang bis Mitte 3. Runde. Ergänzt mit seinem Spielstil Queen hervorragend.

    Stone hatte PFF in der 2.Runde und sie haben ihn in der 7.Runde bekommen.

    Bredeson war auf vielen Boards ebenfalls deutlich höher als ein Late 4th Rounder.

    Proche war ein guter Value-Pick in der 6.Runde.

    Duvernay, Phillips und Washington waren alle in etwa in der Range, in der sie auch gegangen sind.

  5. Ja, der Draft war durchaus solide, aber ich bin nicht gewillt, den Ravens den Dobbins-Pick durchgehen zu lassen, nur weil es sich um eine ansonsten smarte Organisation handelt.

    Vielleicht bin ich damit nicht 100%ig konsequent, aber Baltimore ist *jetzt* im Fenster, und hätte *jetzt* alle Chancen gehabt um auf Receiver nachzulegen oder Cornerback langfristig für Tiefe zu schaffen um nicht in Cap-Probleme zu geraten – im Gegenteil zu einem Team wie den Patriots ist das ein schwereres Versagen, denn New England z.B. kann durchaus mit Top-oder-Flop Gedanken in die Saison gehen und sich anderweitig aufstellen.

    Kein Widerspruch, wenn du den Draft besser siehst. Aber Runningback so hoch zu picken ist eine der wenigen Dinge, bei denen wir *sicher* (Base-Rate ist sehr, sehr eindeutig) sagen können, dass es keinen Mehrwert bringt und damit ein Fehler ist, daher hänge ich mich an solchen Picks auch stärker auf.

    Wenn mein Student mir vollen Ernstes Division durch null rechnet, werde ich auch stutzig ihm eine 2 zu geben.

  6. Nicht falsch verstehen, ich hab absolut kein „Problem“ damit, dass du dem Draft ein C gibst.

    Ich hätte halt persönlich anders gewertet, wie oben geschrieben, kann aber deinen Ansatz schon verstehen. Vor allem wenn du sagst, dass du Dobbins halt stärker gewichtest.

  7. ravens haben schon ein geiles Team, wenn lamar noch an seiner pass stärke arbeitet müssten sie den superbowl eigentlich in den nächsten Jahren gewinnen.
    für mich mit Kansas das Team das die Liga dominieren wird.

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